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43 Jahre ohne Regen

Posted in Uncategorized by fritz on 7. August 2014

Seit 1971 findet in Hiroshima am 6. August die große Gedenkfeier zur Erinnerung an die Opfer der Atombombe statt. Dieses Jahr war ich zum Ersten Mal dabei. Und zum Ersten Mal regnete es während der Zeremonie.*



(*Es gab in den Jahren zuvor schon vereinzelte Schauer, aber noch nie so heftig wie in diesem Jahr. Auch gab es natürlich vorher Gedenkfeiern in Hiroshima, aber seit 1971 hat sich an der Veranstaltung in der Form, wie sie heute gemacht wird, nichts mehr geändert)

Ohne in der Nacht zuvor wirklich geschlafen zu haben, stand ich um 4 Uhr früh auf. Die Bombe fiel 8.15 Uhr, also beginnt die Gedenkfeier früh am Morgen. Weil zu der Zeit die Tür im Studentenwohnheim noch verriegelt ist, kletterte ich mitsamt Ausrüstung und Regenschirm aus dem Fenster. Beim Sprung machte es laut Platsch. Auf dem Erdboden vorm Wohnheim stand das Wasser zwei Finger breit. Es konnte gar nicht so schnell versickern wie es von oben nachgeschüttet wurde.

Um halb sieben stand ich dann unter dem Atombomben-Museum, Presseausweise für mich und meine Assistenten abholen. Regenschirme überall, der Andrang an Leuten war bereits jetzt schon enorm. Nichts war nun mehr trocken. Die Socken, das Hemd, die Hose erst recht. Aber die Kamera, tief verstaut in der großen Tasche, blieb zum Glück heil.

Auch wenn es nun wirklich nicht mehr geholfen hat, besorgte ich mir noch einen dieser Regenjacken aus Plastik, wie sie in den Conbini verkauft werden. Tatsächlich waren sie überall schon vergriffen, nur noch einer der fünf Conbini um den Friedenspark Hiroshima hatte noch welche auf Lager. Der gesamte Park war bereits damit ausgestattet. Wie übergroße Kondome.

Während der Zeremonie gibt es neun verschiedene Positionen für die Presse, wobei fünf fürs Fernsehen und die Fotografen vorbehalten sind. Die beste Position, direkt vor der Bühne, sind natürlich dem japanischen Fernsehen, den großen Agenturen oder dem Hausfotograf vom japanischen Kaiser vorbehalten (auch wenn der nicht erschienen ist, soweit ich das durch meinen Regenschirm sehen konnte). Dann ist da noch das Dach vom Atombomben-Museum, wo ich meine beiden Assistentinnen hinschickte. Ich war rechts der Veranstaltung, mit den anderen Medien zweiter Klasse Kollegen.

Aufgrund des Regens wurden viele Sachen abgesagt. Es flogen keine tausend Tauben in den grauen Himmel und selbst der klatschnasse Chor von jungen Schülern sang nur ein statt drei Mal. Den Premierminister hätte ich auch fast übersehen.


Links Shinzo Abe, rechts so wie ich immer gucke, wenn ich an Abe denke

Was wir im Ausland nicht mitkriegen, und ich auch nicht wusste, bevor mein Lehrer es mir hier sagte: Jedes Jahr findet während der Zeremonie eine große Demonstration vor dem Friedenspark statt. Die Medien blenden das gerne aus, auch weil die Stadt Hiroshima das nicht so gern zeigt.
Ich habe nicht ganz verstanden, wer jetzt gegen wen demonstriert. Mein Lehrer sagte mir, es sind oft so alte Rechte, die gegen Amerika hetzen und für ein starkes Japan kämpfen. Einmal konnte ich auch “Stoppt Atomkraftwerke” hören. Trotz Regen waren sie deutlich wahrnehmbar während der Zeremonie. Mein Kontakt bei der Stadt, die seit 10 Jahren die ausländischen Medien betreut, war froh über den Regen. “Dann sind die Proteste nicht so laut.” Ich kann mir kaum vorstellen, wie laut sie wohl ohne Regen sein müssen.
An sich finde ich es durchaus angebracht, gegen Abe zu demonstrieren. Aber als zwei Kinder die Namen der Opfer der Atombombe vorlasen, die im vergangenen Jahr verstorben sind, waren die Protestschreie von außerhalb des Parks etwas unangebracht.


Foto: Azusa Sumioka

Um neun Uhr war alles vorbei, ich wechselt in ein trockenes Shirt, blieb aber nass. Zurück ins Wohnheim, die zweite Dusche vom Tag nehmen und Schlaf nachholen.

Den ganzen Tag lang dauerten die Feierlichkeiten im Park an. Schon kurz nach der Zeremonie, wo der Regen überraschend pausierte, bildete sich eine Schlange vor dem Kenotaph, vor dem Besucher Blumen niederlegten. Die Schlange war um 18 Uhr noch lang. Zu der Zeit wurde auch begonnen, Laternen zum Gedenken an die Opfer in den Fluss zu setzen.

Seit ich 14/15 Jahre alt bin, beschäftige ich mit der Geschichte von Hiroshima. Im Mai 2010 war ich das erste Mal in der Stadt und besuchte das Atombomben-Museum. August 2011, ein halbes Jahr nach Fukushima, kam ich ein zweites Mal nach Hiroshima. Und seit dem 1. Oktober 2013 lebe ich nun schon hier.
Ich arbeite gerade an einem Projekt in Hiroshima, bei dem ich mit intensiv mit der Vergangenheit der Stadt und der Geschichte im Zweiten Weltkrieg auseinandersetze. Ich habe bisher zwei Überlebende der Atombombe interviewt, von denen eine bereits an Krebs verstorben ist. Ich bin also durchaus auch emotional mit dem Schicksal der Stadt verbunden.

Am gestrigen Gedenktag war ich allerdings nicht sonderlich bewegt. Ich war genervt vom Regen, den nassen Klamotten und dem französischen Redakteur, der mir ständig ins Bild gelaufen ist. Zudem war ich eh die ganze Zeit so konzentriert auf meine Arbeit und das nächste Bild, als das ich sonderlich Möglichkeit gehabt hätte, bewegt zu werden.

Ich bin froh, dabei gewesen zu sein. Aber ein zweites Mal brauch ich allzu bald nicht dabei sein. Ich gedenke der Opfer lieber auf meine Art.

Bizarr

Akiyoshidō ist die längste Höhle in Japan und ganzjährig 17°C warm. Und oben ist ein Karst-Plateau.

Blauregen

Der “Tunnel der Wisteria” liegt etwas versteckt in den Bergen von Kitakyushu. Er ist überraschend schlecht touristisch erschlossen und wird außerhalb von Kitakyushu auch kaum beworben (oder ich hab es bisher einfach übersehen).
Im Netz tauchen die Fotos davon aber immer wieder auf, wenn eine Liste von “magischen” oder “romantischen” Orten erstellt wird.

Die Bäume sind teilweise mehr als hundert Jahre alt und der Blauregen hängt tief. Man muss schon etwas aufpassen nicht die Bienen zu stören, die in Scharen über den Köpfen summen.

Der Tunnel blüht kürzer als zwei Wochen im Jahr. Abseits davon ist es nur ein Gerüst mit Gestrüpp in den Bergen.

Einmal pro Stunde fährt ein Bus, aber selbst von der letzten Station muss man noch knapp 15 Minuten laufen. (Ich hab natürlich den falschen genommen und musste dann zwei Stunden lang in der Mittagssonne den Berg hochklettern.)

Im Tal der Puppen

Posted in abenteuerliches, Video by fritz on 23. April 2014

Ayano Tsukimi (64) lebt in Nagoro, einem Dorf im östlichen Iya-Tal. Nur noch wenige Menschen leben hier. Für die Bewohner, die sterben oder wegziehen, fertigt Ayano Tsukimi lebensgrosse Puppen an und stellt sie an den Orten auf, die für diese Menschen wichtig waren. Ihre Puppen findet man verteilt im ganzen Tal.

Sie ist verheiratet, ihr Mann und ihre Tochter leben aber getrennt von ihr in Osaka. Mit ihrem 83 jährigen Vater lebt sie alleine im Haus ihrer Familie.

Mehr: Asienspiegel – Im Tal der Puppen

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