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Revolution im Regal

Posted in du kennst ja leute, journalistische abenteuer by fritz on 28. April 2012

Hajime Matsumoto hat die moderne japanische Demonstration erfunden. Zusammen mit anderen Freidenkern in Tokyo startete er nach dem Reaktorunglück in Fukushima eine Demonstrationsbewegung, die ganz Japan erfasste. Ich traf Hajime Matsumoto letzen Sommer in Koenji.

Mitarbeit: Nikki Kininmoth

(Anmerkung: Der Text ist schon etwas älter und bezieht sich noch nicht auf die Demonstrationen ein Jahr nach dem Reaktorunglück.)

Der Laden von Hajime Matsumoto ist nicht nur sein Leben, er ist seine Mission.
In einem abgenutzten Overall steht der 36-Jährige jeden Tag hinter der Theke seines Trödelgeschäfts im Westen von Tokyo. Er nennt ihn “Recycle-Shop”, man kann bei ihm gebrauchte Waren kaufen. Eine ungewöhnlich Einrichtung in einem Land wie Japan, in welchem der Konsum neuer Produkte zum guten Ton gehört. Doch hier in Koenji, einem alternativen Viertel für Künstler und Freidenker, gibt es einen großen Bedarf für seinen Laden. Denn neben Trödel führt er in seinem Geschäft auch revolutionäre Gedanken. Hier keimte die Idee für die Protestbewegung in Japan, die seit März 2011 in immer größeren Demonstrationen über Tokyo und den Rest des Landes zieht.

In Koenji wohnen die Organisatoren der Protestbewegung. Hajime Matsumoto ist ihr inoffizieller Anführer und sein Laden Treffpunkt. Viele der Ideen aus den Demos stammen von ihm und er ist maßgeblich an der Gestaltung der Massenproteste beteiligt. Man könnte ihn als Erfinder der modernen Demonstration in Japan bezeichnen. Fragt man ihn allerdings nach seiner Rolle in der Protestbewegung, spielt er sie höflich herunter. „Ich bin nur einer von vielen“ sagt Matsumoto und blickt dabei bescheiden auf seine Theke, auf der sich Souvenirs von Protestaktionen befinden.
Sein Geschäft ist dekoriert mit Bannern, Plakaten und Parolen von Demonstrationen aus der ganzen Welt. Der Großteil stammt aus Deutschland. Ein Poster gegen Stuttgart21 hängt neben einem beschrieben Bettlaken, auf dem gegen die Räumung des besetzten Hauses in der Liebigstraße in Berlin protestiert wird.

Vor Fukushima war Demonstrieren sein Hobby. Schon als Student erreichte er eine gewisse Berühmtheit, als er während seines Studiums der Politikwissenschaften in Tokyo für einen kleinen Eklat sorgte: Die Mensa hob ihre Preise um 20 Yen an und daraufhin besetzten er und seine Kommilitonen die Uni. Man müsse die Armut der Studenten „beschützen“, forderten sie – als sei die Armut ein bewusst gewählter Status im reichen Japan. Nach seinem Abschluss 2005 schrieb er Bücher zu dem Thema. Sie füllen heute ein Regal in seinem Geschäft. Mit Titeln wie „Aufstand der Armen“ wurden sie in mehrere Sprachen übersetzt und machten Matsumoto in anarchistischen Szenen in ganz Asien bekannt. Und er demonstrierte weiter.
Nur zu dritt besetzte er mit Freunden öffentliche Plätze. Sie forderten Wohnungen ohne Miete, das Recht auf Party und die Rückgabe konfiszierter Fahrräder. Mit kindlicher Freude erzählt er von diesen Spaß-Protesten, die er und seine Freunde damals nur aus Vergnügen machten.

Wenn er über Japan nach Fukushima redet wird er aber ernst. „Früher waren wir diejenigen, die Probleme verursachten. Heute kommt das Problem von außen und wir müssen etwas tun“ sagt er. Er spricht sehr freundlich und umgangssprachlich. Seine Augen glänzen, wenn er von den bisherigen Resultaten der Protestbewegung spricht.

Die erste Demo in Tokyo fand im April 2011 statt, einem Monat nach dem großen Beben im März. Nur wenige Tausend Menschen gingen damals auf die Straße. Ganz vorne mit dabei: Hajime Matsumoto mit seiner Gruppe „Shiroto no Ran“, welche wörtlich übersetzt „Aufstand der Amateure“ heißt. Der Name ist dem Titel eines seiner Bücher entnommen. Sie fordern vieles: mehr Bürgerrechte, Freiheit im öffentlichen Leben und den Ausstieg aus der Atomenergie. Viele Ziele aus ihrer Anfangszeit haben sie in die aktuelle Protestbewegung übernommen. Ihre Forderungen sind allerdings gesamt so bunt wie die Protest-Souvenirs im Geschäft von Hajime Matsumoto. Von allem is etwas dabei.

Zur gleichen Zeit, wie der ersten Demo in Japan, gingen in Deutschland eine Viertelmillion Menschen auf die Straße, um gegen Atomkraft zu demonstrieren. Doch diese wenigen tausend Personen in Tokyo waren ein absolutes Novum in einem Land, das seit den 60er Jahren keine großen Proteste mehr erlebte. In Japan spricht man nicht über Politik. Es gilt als unhöflich. Man möchte mit seiner eigenen Meinung den anderen nicht in Verlegenheit bringen. So mahnt bis heute Hajime Matsumoto bei jeder Planung der nächsten Demonstration: bloß nicht unbequem sein. Denn wer unbequem ist, wird nicht ernst genommen.

Die moderne Demonstrationsbewegung in Japan basiert auf Tradition. Ohne wirkliches historisches Vorbild im eigenen Land für Massenproteste, orientiert sich Matsumoto an etwas anderem: an den Matsuri, den traditionell japanischen Festivals, die im Sommer stattfinden. Meist werden sie begleitet von Bon-Odori, einem Straßentanz in bunten Kostümen. Durch die Ähnlichkeit zur Tradition war der Einstieg für viele unerfahrene Protestler einfach. Man bewegte sich auf der Demo wie bei einem Straßenfest. Nur wird statt eines Shinto-Schreins ein Nachbau vom Atomkraftwerk in Fukushima durch die Straßen getragen.

Die Proteste in Japan seit März wirken für viele in Tokyo wie ein Karneval, der mehr auf Klamauk als auf politische Veränderungen zielt. Man spottet über die Clowns aus Koenji, die in bunten Kostümen protestieren. Für sie gibt es keinen Unterschied zwischen den Spaß-Demos von früher und den Forderungen nach der Abschaffung von Atomkraft jetzt. Trotzdem finden die Demos mehr und mehr Zulauf. Bei der größten Protestaktion bisher, am 11. September, ein halbes Jahr nach dem großen Beben, kamen 70.000 Menschen zusammen.
Der kleinste Teil von ihnen kam aus Koenji.

Schutzmann für die Natur

Posted in du kennst ja leute, journalistische abenteuer, Unikram, Video by fritz on 10. Februar 2012

Das 1. Semester ist vorbei. Zeit für für einen Rückblick auf die Themen, die ich für die Uni produziert habe.
Folge 6

Die letzte Reportage in diesem Semester hatte das Thema ‘Ehrenamt’. Der NABU Laatzen, bei mir um die Ecke in Grasdorf, gab mir dafür die Möglichkeit, ihren ehrenamtlichen Fotografen zu begleiten. Peter Saemann ist 73, war vor der Pensionierung Polizist und er fotografiert seit über 30 Jahren die Natur rund um den Fluß Leine. Die Bilder, die er für Diavorträge und Ausstellungen zur Verfügung stellt, sind fast schon sein Lebenswerk, auch wenn die Fotografie nur sein Hobby ist. Aber dazu erzählt er eigentlich schon selbst genug.
Für die Uni brauchte ich nur die Fotos, die Audio-Slideshow mit Interview habe ich einfach nur so geschnitten, weil ich Lust drauf hatte.

Das Naturschutzgebiet im Video habe ich hier direkt vor der Tür. Zu dem Zeitpunkt, als die Fotos entstanden, hatte es zuvor tagelang geregnet. Viele der Wasserflächen sind daher überflutete Felder und Wiesen. Mittlerweile sind diese kleinen Seen zugefroren und dienen als Schlittschuhstrecke in Grasdorf – mit dem Vorteil, dass man nicht einbrechen kann, da knapp 7cm unter der Oberfläche schon der Boden beginnt.

Da ich noch bis in die Semesterferien mit der Serie zu tun hatte, fehlte mir hier natürlich der kritische Kommentar vom Professor. Ich konnte nur mit meinen Kommilitonen eine Auswahl der Bilder machen. Durch ihre Kommentare habe ich dann schnell gemerkt, dass ich mich wieder zu sehr auf die visuellen Reize verlassen habe.
Ich habe nur Bilder von drei verschiedenen Szenen und so wirkt die Serie etwas dünn. Zwischenbilder oder andere Momente gibt es kaum. Ich hätte mir wahrscheinlich wie zu Beginn des Semesters eine Motivliste schreiben sollen, mit allen wichtigen Bildern, die ich brauche, um die Geschichte zu erzählen. Doch nach einem Semester und insgesamt fünf Reportagen wird man eben leichtsinnig.

So ende ich das Semester mit der Erkenntnis, dass ich wohl noch viel zu lernen habe.

Ein Jahrhundert fürs Schreiben

Posted in du kennst ja leute, Unikram by fritz on 4. Februar 2012

Das 1. Semester ist vorbei. Zeit für für einen Rückblick auf die Themen, die ich für die Uni produziert habe.
Folge 5

Elfriede Brüning ist mit 101 Jahren die älteste aktive Autorin Deutschlands. Wahrscheinlich sogar die Älteste der Welt. Ihr erster Roman erschien 1934, da war sie so alt wie ich jetzt. Sie ist nicht mehr so gut zu Fuß, aber noch rege im Geiste. Schon zu Zeiten der Nazis war sie Kommunistin und ist es bis heute geblieben. Seit einigen Jahren lebt sie in einer Neubausiedlung im Berliner Friedrichshain, unweit der Karl-Marx-Allee.

Eine passende Geschichte für das Thema ‘Alter’, welches die Uni vorgegeben hatte.

Zunächst war es nicht einfach, zu dem Thema überhaupt eine Geschichte zu finden. Alter ist etwas, mit dem man sich in jungen Jahren nicht unbedingt auseinandersetzt. Es war auch das erste Mal, dass ich nicht die Deadline von zwei Wochen, die von der Uni für die Präsentation der Themen angesetzt wird, einhalten konnte.

Angefangen habe ich ganz methodisch: Ich stellte mir die Frage, was denn alles alt sein kann. Grob kam ich da auf drei Ideen: Personen, Dinge und Konzepte.
Eine Geschichte im Altenheim oder über die eigene Großmutter, wie sie andere Kommilitonen anfertigten, wollte ich nicht machen. ‘Alte Konzepte’ wie Traditionen oder Geschichte sind meist zu abstrakt, als dass man sie grafisch darstellen konnte. Ich versteifte mich dann auf ‘Dinge’ – entweder auf Wein oder Käse, der reifen kann, oder alte Burgen oder Schlösser. Es gibt zwar über 4.000 intakte Burgen und Schlösser in Deutschland, aber davon stehen wenig im Raum Hannover. Und aus einem toten Gebäude kann man nicht so ohne Weiteres eine lebendige Geschichte basteln.

Die alte Dame im Neubau
Mein Vater empfahl mir dann Elfriede Brüning. Er kannte sie persönlich und nahm mich bei einem Besuch mal mit.
Eine 101-jährige abzulichten ist aber nicht einfach. Was sie als Person spannend macht, ihr gelebtes Leben, ist passiert und für die Kamera nicht leicht zu reproduzieren. An Dingen, die in ihrer Wohnung lagen und ihre Vergangenheit zeigen, wollte ich mich nicht aufhalten. Ich wollte mit ihr als Person arbeiten. Doch eine alte Dame kann man nicht von Motiv zu Motiv hetzen.

Ich fragte vorher Kollegen und Dozenten, wie ich das Thema angehen sollte. Man warnte mich schon vor. Ich sollte nicht erwarten, viele Bilder zu finden. Absurd, dachte ich, die Dame ist über ein Jahrhundert alt, hat viel erlebt und sicher viel zu erzählen. Warum sollte ich das nicht in Bildern zeigen können?
Die Antwort fand ich dann beim Fotografieren. Es liegt an der Grenze des Mediums: Ich kann nur zeigen, was passiert. Wenn sich ihre Aktivitäten auf ihr Zuhause beschränken, weil sie nicht mehr fit genug ist, um vor die Tür zu gehen, beschränken sich die Bilder eben auch nur auf diesen Raum. Und tote Gegenstände bringen einem nicht die Person näher.


Die Werke von Elfriede Brüning, rechts die 101-jährige Hand, welche die Bücher schrieb

Eines Tages meldete sich jedoch mein Vater. Ich hätte Glück, sagt er, Frau Brüning will mit einer Freundin ins Konzert. Das erste Mal in Wochen, dass sie das Haus verließ. Und so sehr, wie es sie anstrengte, wahrscheinlich auch das letzte Mal für eine Weile.
Im Konzerthaus am Gendarmenmarkt sah sie sich das Weihnachtskonzert der Don Kosaken an. Nah an der Bühne, denn mit 101 hört man nicht mehr so gut.
Das erste Mal hatte sie den Kosaken-Chor 1945 nach Ende des Krieges auf den Treppenstufen eines zerstörten Konzerthauses in Berlin gehört. Wie oft sie den Chor seitdem gesehen hatte, wusste sie nicht mehr.

Kamera-Kosake
Der Ausflug war schwierig. Sie brauchte mich stets als Gehhilfe, und so hatte ich die alte Dame immer an der Hand und keinen Arm frei für die Kamera. Desweiteren drohte mir das Konzerthaus damit, mir pro angefangener Stunde, die ich dort fotografiert hätte, 150€ in Rechnung zu stellen.
Eine Freundin von Frau Brüning war im Konzert mit dabei. Sie stellte die alte Dame an der Kasse als Hundertjährige vor, doch Frau Brüning korrigierte sie schnell. “Sogar 101!” sagte sie und lächelte dabei stolz. Sie erinnerte mich dabei an ein Kind, das betont schon 6 1/2 zu sein, damit es ja nicht jünger gemacht wird als es ist.
Ich gelangte trotz fehlender Eintrittskarte ins Konzerthaus, weil man wohl dachte, ich sei der betreuende Zivi oder der Enkel. Doch ehrlicherweise blieb ich beim Konzert draußen und konnte die Musik nur durch die Türen hören, die fast so alt waren wie Frau Brüning. Das gab mir auch die Gelegenheit, mich mit dem hübschen weiblichen Personal anzufreunden, die ganz gerührt waren davon, wie ich mich um die alte Dame kümmerte.

Bei der Besprechung der Bilder im Seminar war der Professor zunächst zurückhaltend. Er hatte einige Kleinigkeiten in den Fotos zu kritisieren und beschwerte sich darüber, dass ich ihr Alter oft als Entschuldigung vorschieben würde. Trotzdem meinte er, dass ich die wenigen Motive, die es gab, raffiniert fotografiert habe. Ein Bild, was ich ursprünglich aus der Serie rausgenommen hatte, packte er wieder rein und erklärte fünf Minuten lang den Kursteilnehmern, was das Foto gut macht. Ich hatte es danach immer noch nicht verstanden, aber das Bild mal drin gelassen. Er gab mir auch den Rat, die Serie weiter zu verfolgen. Das nächste Mal werde ich auch mein Aufnahmegerät mitnehmen.

Ich habe Frau Brüning an insgesamt zwei Tagen begleitet. Jedesmal war es auch sichtlich anstrengend für sie. Ich würde sie gern weiterhin begleiten und die Serie vielleicht noch ausbauen. Denn so oft hat man keine Hundertjährige vor der Linse.
Pardon, Hundertundeins.

Die russischen Kunstfälscher von Berlin-Neukölln

Posted in du kennst ja leute, journalistische abenteuer, Kunst!! by fritz on 28. Mai 2011

Die drei Brüder Eugen, Michael und Semjon Posin sind seit über 40 Jahren Kunstfälscher – auch wenn sie sich selbst lieber als Kunst-Kopisten bezeichnen. „Man kann Kunst nur verstehen, wenn man sie nachmalt und sich in die Perspektive des Künstlers versetzt“, sagen sie. Im Showroom haben sie die Mona Lisa, im Keller Genosse Stalin. Für die Brüder sind ihre Werke keine reinen Kopien – es sind Reinkarnationen des Originals.

Die FH Hannover verlangte für die Bewerbung im Studiengang Fotojournalismus eine Hausarbeit zum Thema “Plagiat”. Ich wollte gerne etwas mit Kunstfälschern machen, da das auch schön grafisch ist und man einen Herstellungsprozess erzählerisch begleiten kann. Eine schnelle Google-Suche fand gleich ein paar Kunstfälscher in Berlin, die in einem Wohnhaus in Neukölln seit 20 Jahren legal Kunst fälschen.

Nun weiss ich genau drei Sachen über Russland:
1. Da kommt der Wodka her
2. Dort wird er sehr gern getrunken
3. Mein Bruder machte dort 18 Monate lang seinen Zivildienst

Die Russen (ohne Wodka) lernte ich oft als schroff, unfreundlich und kühl kennen. Die drei Kunstfälscher bildeten keine Ausnahme.

Der Email-Kontakt vorher war zwar professionell, aber immer sehr knapp. Einem Fototermin sagte man nach mehrmaliger Anfrage zu und ich kam zu einem ersten Gespräch vorbei. Mit der Zigarette in der Hand und hinter drei leeren Weinflaschen erklärte mir einer der Brüder in gebrochenen Deutsch, was sie hier machten. Ein Lächeln konnte ich ihm nicht entlocken und viele Fragen zu ihrer Arbeit winkte er ab. Bei diesem ersten Gespräch hatte ich bewusst die Kamera nicht mitgenommen. Ich wollte mir vorher ein eigenes Bild des Ortes und der Personen machen, und zuhause dann mögliche Motive einplanen.
Spannend wurde es, als der Russe die Tür zugeschlossen hatte und mit starken Akzent meinte “komm mal in den Keller, ich zeig dir was.” Aber bis auf einen Kuh-Schädel und einer nachgebaute Gefängniszelle gab es dort nichts gefährliches.

Er schloss die Tür wieder auf und versprach mir seine Brüder für die nächste Woche zu versammeln. Er wird dann auch mal an einem Bild malen, wenn ich am nächsten Dienstag vorbeikomme.

Ein Woche später war zunächst nur einer der Brüder da. Die anderen sind gleich da, sagte er, der eine muss nur noch “Besorgungen” machen und der andere kommt auch gleich. Gut, sag ich, kann ich ja schon mal mit dem Licht schauen.

Die Lampen waren alle auf die Van Goghs, Kirchners oder die Mona Lisa gerichtet, die Rahmen an Rahmen, dicht gedrängt und ohne Konzept an der Wand hingen.

Geduldig, aber auch etwas genervt posierten sie für mein Foto. Es war nun nicht das erste Mal, dass die Posins für die Presse posierten, über 200 Artikel, Fernsehbeiträge und Interviews wurden schon mit ihnen gemacht. Mit der Erwähnung meines (manchmal) Arbeitgebers “Berliner Zeitung” bekam ich bei ihnen auch den Fuß in die Tür.

Nachdem das Foto durch war, wollten sie es unbedingt sehen. Gutes Bild, sagten sie. An dem Tag sagten sie es noch häufiger, da fast nach jeden Klick auf eine Qualitätskontrolle bestanden wurde.

Ihre Kunst-Kopien sind legal weil a) die Originale älter als 70 Jahre sind und b) weil hinten auf der Leinwand ihr Name steht. Die originale Unterschrift vom Künstler vorne fälschen bzw. kopieren sie natürlich mit.

An der Wand hingen schlecht beleuchtet viele der Pressebeiträge über sie. Auch ein Foto von damals, als sie den Papst getroffen hatten.

Sie hatten nämlich ein altes Kirchenkunstwerk, welches im Krieg verbrannte, “rekonstruiert”. Der Papst fand das Werk aus dem Mittelalter so herlich, dass er es segnete und den Russen die Hand schüttelte. Sonderlich gläubig sind sie aber nicht.

So nah kommt man der Mona Lisa selten. Und wenn man nicht gerade das Original daneben hat, fallen die Unterschiede kaum auf. Die Mona Lisa der Russen ist nur im Gesicht etwas kantiger.

“So, was jetzt?” fragten sie mich nach dem Gruppenfoto. Sie erwarteten fortlaufend Anweisungen von mir, wie ich sie zu positionieren habe. Das wäre in dem Fall eine Inszenierung und nicht sonderlich authentisch. Aber anders ging es nicht zu lösen. Das war zwar nicht das, was ich wollte, doch die Russen verlangten Kommandos. Ich bat sie ins Atelier um am Bild zu zeichnen.

Extra für mich hatten sie an dem Tag die Leinwand rausgeholt. “Das ist ein modernes Bild, das muss man schnell malen”, sagten sie. Wenn sie malen, haben sie zwar immer die Vorlage dabei, doch es ihnen wichtiger, sich in die Perspektive des Künstlers hinein zu versetzen. Einer der Brüder verglich es mit Shakespeare: “Wenn ein Schauspieler Hamlet spielen soll, dann sieht er sich nicht ein Stück oder einen Film mit Hamlet an. Er liest Bücher über die Epoche und das Leben des Autors. Dann spielt er das Stück. So machen wir es mit unserer Kunst”.

Für genau drei Striche kam auch mal der andere Bruder vorbei.

Er legte den Pinsel beiseite und meinte “gut, reicht jetzt, oder?”. “Ähm, ich bräuchte noch ein paar Bilder”, sagte ich, und er verzog sich grummelnd in die Galerie zurück. Der erste Bruder nahm sich wieder den Pinsel und legte los.

“So, reicht jetzt” sagte er, “ihre Leser müssen ja nicht das fertige Bild sehen”. Damit meinte er weniger, dass ich kein fertiges Kunstwerk ablichten soll, sondern dass es meine Aufgabe als Fotograf sei, nur den Prozess und nicht das Resultat zu sehen.

“Was jetzt?”

Ich bat sie in den Keller. Dort hingen auch reichlich Bilder von vergangenen Ausstellungen oder Produktionen.

Das Bild war Teil einer Ausstellung zu “Kunst und Diktatur” für die sie Propaganda nachmalten. Das Loch gehörte auch zum Original. Der Russe stocherte mit dem Finger in Adolfs Backe rum, leider zu schnell für meine Kamera und die Dunkelheit des Kellers. Neben dem Propaganda-Bild von Adolf auf seinem Roß stand auch eins von Stalin in eiserner Rüstung. Er wurde von den Posins immer nur als “Genosse” Stalin tituliert, was mich zunächst irritierte. Sie meinten aber, dass “Genosse” keine wertende Bezeichnung sei. So wurde er halt genannt.

In der hinteren Ecke war eine Gefängniszelle nachgebaut, die als Ausstellungsraum diente. “Kunst von Kriegsgefangenen” hieß es und vor dem Gitter sitzt der General – wenn auch nur ein gemalter.

In der Sowjetunion saßen sie auch im Knast, mehrere Male wurden sie inhaftiert. Ich fragte warum, doch sie winkten nur ab.

Das Bild war passend über der Heizung platziert, denn es zeigt ein Dorf in Sibirien. Seit 40 Jahren war der grauhaarige Bruder nicht mehr da, der andere seit 22 Jahren. Aus dem Gedächtnis hatte er das Dorf gezeichnet. In der Hoffnung, ein paar mehr Sätze über ihre Vergangenheit und ihre Migration nach Deutschland zu erfahren, fragte ich nach Sibirien. Hierbei konnte ich zum ersten Mal ein Lächeln bekommen. Auf meine Frage, ob er denkt, dass die Leute, die dort ihre Heimat haben, dort auch gerne leben, lachte er nur und meinte, die Frage ist so dumm, die würdigt er mit keiner Antwort.

“Wars das jetzt?” fragten sie mich und ohne das ich antworten konnte knipsten sie hinter mir das Licht im Keller aus. Dunkelheit legte sich wieder über Adolf, Sibirien und den Kuh-Schädel.

“Noch was?” hörte ich, als ich wieder nach oben in die Galerie kam. Ich konsultierte mein Notizbuch, wo ich fortlaufend Motive gestrichen hatte. Die Liste war erledigt, von daher war es das. Nach knapp einer Stunde war mein Besuch mit der Kamera vorbei. Die drei Brüder gaben mir die Hand und schlossen die Tür zu, als ich ging.

[Update: Interview mit den drei Brüder im Magazin "der Freitag" mit meinem Bildmaterial -> Weblink]

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