Trommel-Tage
Letze Woche war in Berlin die ITB – die internationale Tourismusbörse. Ich war für Tokyo mit dabei. Hier nun die Szenen einer Messe, die jeden Tag viele Gespräche, Abendprogramm und kostenloses Sushi bot.

Taiko-Trommler aus Japan
Bereits vor einem Jahr auf dem Japan-Festival habe ich für die Tourismusabteilung der Stadt Tokyo bei einer Veranstaltung als Assistent gearbeitet. Die ITB ist im Vergleich allerdings eine Nummer größer und richtet sich auch an Fachbesucher.
Etwas aufgeregt war ich schon. Der erste Gang über die Messe machte mir schnell klar, wie wichtig die Veranstaltung für die Branche ist. Überall blitzte ein hochprofessionelles Lächeln von Verkäufer zu Käufer, von Fremdenverkehrsamt zu Reiseveranstalter. Die Deutschen reisen eben gerne, das Land ist ein riesiger Markt. Über 10.000 Stände aus über 180 Ländern wollen da natürlich ein Stück vom Kuchen. Jede Vertretung schickte oder engagierte die hübschesten Mitarbeiter. Warum ich nun da war, erschloss sich mir daher nicht ganz, und ich hoffte, Tokyo würde für den Rückgang in Besuchern nicht mein Gesicht verantwortlich machen.
Das Messegelände liegt im Westen von Berlin. Von meiner Haustür zum Stand der Stadt Tokyo brauchte ich jeden morgen ca. 35 Minuten. Die Bahn in Berlin fuhr mit Sonderzügen Richtung Westen, die jeden Morgen ordentlich gefüllt waren. Am Bahnhof Messe Süd entlud sich dann stets ein Batallion an Fachbesuchern und Standbetreuern. Lief man hinter ihnen her, trat man in eine wilde Wolke aus Parfüm und Deodorant. Künstlicher Geruch, Kleidung und Make-Up – alles für ein besseres Auftreten und für den Verkauf.
Über 100.000 Personen drängten sich in den ersten drei Tagen durch die Messe, die in der Zeit nur den Fachbesuchern geöffnet war. Erst am Wochenende sollte das Berliner Publikum aufkreuzen.
Japan präsentierte sich zurückhaltend. Nebenan war der Stand von Korea, die ein ordentliches Show-Program boten. Denn nicht nur war der Stand von ihnen größer, sie hatten auch eine live Kung Fu Show, tanzende Roboter und eine Trommler Gruppe. Japan hatte das alles nicht. Doch dafür hat Japan etwas, was die Koreaner nicht haben: mehr Besucher.
Korea kämpfte ehrgeizig um Aufmerksamkeit, während die Japaner zurückhaltend blieben. Man wollte sich anderen nicht so aufdrängen, hieß es. Selbst als bei der Kung Fu Show ein Apfel aus Korea bis zu mir nach Tokyo flog, wurde das Obst einfach ohne Kommentar entfernt.
Die Zurückhaltung sah man auch in der Größe des Standes. Während der Stand von New York und Hong Kong jeweils den Platz eines Einfamilienhauses einnahm, war der Tisch von Tokyo so groß wie der von Hannover (Einwohner und Coolness-Unterschied: 30+ Millionen).
Erst am Besucherwochenende holte Japan die dicken Trommeln raus. Eine Gruppe aus Okinawa hatte unisono in perfekter Abstimmung einige Auftritte und zum Schluss schmetterte ein Taiko-Spieler kraftvoll die Holzschläger auf seine riesigen Trommeln. Ich stand nur ein paar Meter von den großen Apparaten entfernt. Intensiv.

Am Stand von Japan waren die Städte Tokyo, Osaka und Kyoto vertreten, sowie einige Reiseveranstalter, die japanische Bahn und eine Airline. Am ersten Tag gab es zusammen ein Treffen mit der Botschaft in einer Kneipe. Am zweiten Tag lud der Europa-Chef der Airline ANA zu einem Auftritt in die Berliner Philharmonie ein, wo deutsche, chinesische und japanische Musiker im Kammermusiksaal anlässlich des Jahrestag des Erdbeben und der Tsunami spielten. Die Musik war großartig, aber auch sehr dramatisch. Die angeschlossene Fotoausstellung ebenso.
Neben der Botschaft war auch der Deutschland-Korrespondent der Zeitung Mainichi Shimbun beim Konzert, die den Abend auch mitfinanzierten. Ich kannte ihn. Mehrere Male traf ich ihn in Tokyo auf ein Bier, bevor er nach Berlin zog und Deutschland-Korrespondent wurde. Seit meiner Rückkehr blieben meine Mails an ihn allerdings stets unbeantwortet. Er gab sich an dem Abend nun sehr viel Mühe, mich nicht zu erkennen. Ich tat es ihm gleich.
Für die Mitarbeiter am Stand gab es eine Dame im Kimono, die uns Getränke servierte. Jeden Nachmittag gab es auch wunderbares Sushi, welches für Seminare und Gespräche organisiert wurde. Ich glaube, so viel Sushi wie in diesen Tagen habe ich noch nie gegessen. Ich frage mich auch, ob so viel Sushi überhaupt gesund sein kann…

Gespräche
Meine Aufgabe war es, über die Stadt Tokyo zu informieren, Fragen von Reisenden zu beantworten oder Tipps für Interessierte zu geben. Das klappte ganz gut und machte auch Spaß. Oftmals gingen die Fragen auch über eine reine Tourismusinformation hinaus: Wie finde ich Arbeit in Tokyo? Wo bekomme ich ein Visum? Wie sind meine Chancen mit meinen Qualifikationen? Soweit es mir möglich war hab ich geantwortet. Lebensberatung am Stand von Tokyo.
In jedem der Frager sah ich auch ein bisschen von mir selbst. Genau wie sie stand ich mit 21 vor der großen Reise nach Tokyo und hatte noch von nichts eine Ahnung.
Das intensivste Gespräch in der Hinsicht war sicherlich mit einem 23 jährigen Fotografen, der auf einmal vor mir stand und etwas wirr von seiner Idee erzählte. Aufgeregt drückte er mir sein iPad in die Hand und bat mich, die Bilder durchzusehen. Ich musste ein paar mal nachfragen bis ich endlich verstand, was er von mir wollte: er hatte eine Idee zu einem Fotoprojekt, welches er Tokyo anbieten wollte.
Vor drei Jahren, ich war 21 und gerade ein paar Wochen in Tokyo, war ich in der selben Position wie er. Ich hatte ein Idee für ein Fotoprojekt und bot sie Tokyo an. Ich wurde sogar ins Rathaus geladen und hatte ein Gespräch im 32. Stock. Aus dem Projekt ist leider nichts geworden, doch ich bekam die Chance als Fotograf für Tokyo ein paar Aufträge zu machen.
Jetzt, drei Jahre später, war ich nun in der Position zu entscheiden, ob das Projekt Chancen hat und weitergeleitet werden sollte, oder nicht.
Ich musste ihm absagen, da ich Tokyos Politik zu solchen Ideen nun bereits mehr als kannte.
Mit 21 war ich noch naiv und schrieb einfach die größte Stadt der Welt mit meiner Idee an. Heute würde ich das nicht mehr machen. Die Erfahrung stoppt einen dabei und flüstert “Nein, mach das nicht du Idiot!”. Doch frei nach Steve Jobs: Stay hungry, stay foolish. Ein bisschen Naivität sollte man sich wohl erhalten, denn schließlich, auch wenn das Projekt nicht klappte, hat mir der Ansatz nicht geschadet. Im Gegenteil.
Ich würde gerne mal wieder etwas naives wagen.
Es gab aber noch weitere interessante Gespräche. Zum Beispiel mit einem Schweizer Journalisten, den ich bisher nur aus Emails kannte und der mir nun zufällig über den Weg lief, kurz bevor er wieder nach Zürich flog. Oder der Lufthansa-Mitarbeiter, der am Stand anhielt und meinte “Du bist Fritz, oder? Wir haben uns doch vor drei Jahren beim Feuerwerk in Yokohama getroffen!”

Notizen über die Welt (der Messe)
- Der Stand von Israel und der von Palästina werben exakt mit dem selben Slogan: Komm ins heilige Land. Der Werbespruch entspricht dem Staatsmotto – und erklärt, warum eine Halle Abstand zwischen den beiden war, obwohl sie in der selben Region liegen.
- China wirbt mit einer “Visit Tibet” Kampagne. Das ist ungefähr so, als würde Deutschland nach der Besetzung von Frankreich mit einer “Besucht Paris” Kampagne werben. Haben sie damals vermutlich sogar gemacht.
- Der Stand der USA war direkt neben dem von Russland. Die USA warb mit Cowboys, Russland mit hübschen Mädels. Russland hat eindeutig gewonnen in meinen Augen.
Die Besucher
Die Tage für das allgemeine Publikum waren dominiert von der Frage: “Kostet das was/ kann ich das mitnehmen?”
Bei kostenlosen Sachen wird zugegriffen, egal ob man es braucht oder nicht. Stadtpläne, Kugelschreiber oder CDs gingen schnell weg. Darunter auch ein Bildband mit Impressionen aus Tokyo. Die erste Seite darin zeigt eine Stadtkarte von 1848, auf der noch alle Häuser der Samurai eingezeichnet sind, inkl. Wappen der Familien-Clans.
Vor zwei Jahren erst hatte ich das Original dieser Karte von 1848 bei der Recherche in der Staatsbibliothek in Tokyo in der Hand.
Kollege Carsten hatte mich auch mal auf der ITB besucht, ein paar mehr Bilder von der ganzen Messe gibt es in seinem Blog.
Das F-Wort
Im letzten Jahr fand die ITB ebenfalls um den 11. März herum statt. Als nun im letzten Jahr die Erde in Ostjapan wackelte und die Welle ins Land schwappte, strömten ein paar mehr oder weniger kompetente Journalisten auf die ITB zum Stand von Japan. Weil die anschließende Berichterstattung nicht ganz korrekt ablief und die Japaner zu der Zeit auch andere Sorgen hatten, als so zu tun, als gibts in Japan nur Kirschblüten und Samurai, entschloss man sich im letzten Jahr dazu, das Lager vorzeitig abzubrechen.
Nun, ein Jahr später, zum Jahrestag der Katastrophe, wo alle Medien voll sind mit Bildern aus Fukushima, war es natürlich nicht unbedingt leichter, Japan zu bewerben.
Ich zählte jeden Tag mit, wie oft ich nach Fukushima gefragt wurde. Insgesamt waren es nur 21 Personen, die sich bei mir erkundigten. Die meisten, die zu uns kamen, hatten entweder schon ihre Reise gebucht oder waren sich sicher in ihrer Absicht zu fahren. Unter denen, die fragten, waren auch einige völlig absurde Anfragen, bei denen Fakten, Fiktion, Zeitung und Stammtisch zu ganz fantastischen Geschichten aus dem Land des Atoms gebastelt wurden.

Spielten auch beim Abschlusskonzert – Trommler aus Okinawa (Kollege Tokyobling hat neulich auch welche abgelichtet)
Aufgeregt hatte mich allerdings nur eins: Am letzten Tag der Messe gab es ein Abschlusskonzert. Der letzte Auftritt gehörte dabei den Trommlern aus Japan. Die Broschüre der Messe, die auf den Auftritt aufmerksam machte, schrieb dazu: “In Andenken an Fukushima…”
Am Arsch.
Die Japaner spielten in Andenken an die fast 20.000 Menschen, die durch Erdbeben und Tsunami ihr Leben verloren. Niemand muss Fukushima gedenken, zudem nicht klar war, was denn nun aus Fukushima gedacht werden muss: der Stadt, der Präfektur oder doch dem Reaktor? Und so häufig, wie das AKW in den deutschen Medien auftaucht – braucht es da wirklich noch Trommeln zur Erinnerung?
Ich regte mich sehr über diese Formulierung auf. Die Japaner am Stand blieben jedoch ruhig. Sie sagten, es ist egal was die da schreiben, solange wir ihnen gedenken.
Recht haben sie.

Die Messe trommelte ordentlich auf mich ein. Nach diesen anstrengenden Tagen, mit runtergekühlter Luft in der Halle, die ständig neu verteilt, statt ausgetauscht wird, langen Gesprächen und vielen Menschen war ich einfach nur noch müde. Einen Tag nach dem Ende der Messe schon sollte es zurück zur nächsten Vorlesung gehen, nach der ich einfach nur noch ins Bett gefallen bin, hinein in einen Schlaf-Wach Zustand mit schlechten Filmen und gutem Essen.
Die ITB war intensiv – und genau das was ich brauchte. Ich war frustiert mit dem Dasein in Hannover, wo alles halbwegs aufregende nur mit der Uni zu tun hatte. In den fünf Tagen der Messe gab es so viele Kontakte, spannende Gespräche und aufregende Informationen wie in einem ganzen Semester nicht. Einmal mehr zeigte es mir, wie wichtig das eine Jahr in Tokyo für mich war – und ein bisschen Naivität.
Der Tag, an dem ich eine Nummer wurde
Am Freitag war die Aufnahmeprüfung für den Studiengang Fotojournalismus an der FH Hannover. Ich habe als einer von den zehn besten Bewerbern bestanden.
Das ganze Bewerbungsverfahren gliedert sich wie folgt: Bewerbungsmappe -> Hausarbeit -> zwei Prüfungsaufgaben -> ein persönliches Gespräch.
Alles Gründe, warum ich in letzter Zeit wenig bloggte. Ein Praktikum, was in der Zwischenzeit begann, hatte allerdings auch etwas damit zu tun.
Nummer 63, vortreten
Damit alles organisiert ablaufen konnte, bekam nach der allgemeinen Begrüßung im Auditorium der Fachhochschule jeder eine Nummer zugeteilt. Ich wurde für den Rest des Tages zur Nr. 63, deren Kennung ich mir sichtbar an den rechten Arm klebte.
Vor der Prüfung schickte die Uni einen Brief an alle Bewerber. Darin wurden wir aufgefordert, einen Tuschkasten, Stifte, Pinsel, Kleber, Schere, Papier und ausgerissene Seite einer Zeitung mitzubringen. Das Schreiben ist standartisiert für alle Studienrichtungen, geht also auch an Bewerber für Szenografie oder Visuelle Kommunikation. Nur die Prüfungsaufgaben sind in jedem Studiengang unterschiedlich. Ich hörte schon vorher, dass Fotografen, die nicht zeichnen können, auch genommen werden. Das betraf auch mich, deswegen schenkte ich meinen mitgebrachten Tuschkasten kaum Beachtung.
Unsere Aufgaben waren wie folgt:
1. Mach ein Foto zum Thema “Einblick”
2. Stelle uns eine Person in drei Portraits so gut wie möglich vor.
3. Erstelle eine Collage aus den mitgebrachten Zeitungsausschnitten zum Thema “Gerechtigkeit”.
Zwischen Prüfungsbeginn und Ende lagen knapp sechs Stunden, in denen wir uns frei in der Stadt bewegen konnten. Nur zu unserem Prüfungsgespräch mussten wir anwesend sein. Es gab dafür keine festen Termine, wir mussten grob einschätzen, wann wir mit unserer Nummer dran sind.
Zwischen Anspannung und Strandurlaub
Meine Mitbewerber, um die 50 an der Zahl, reisten aus dem In- und Ausland an diesem Tag nach Hannover. Einer sah mit seinen kurzen Hosen und T-Shirt aus, als hätte er sich für den Sommerurlaub statt auf eine Prüfung vorbereitet. Andere hielten vor Nervosität ihre Mappen zitternd und schützend vor sich.
Ich war entspannt.
Ich wusste, selbst wenn ich nicht angenommen werde, werde ich mit der Fotografie weiterhin arbeiten. Zudem hatte ich Vertrauen in die Fähigkeiten, die ich in den letzten Jahren aufbaute.
Jede journalistische Arbeit beginnt mit der Recherche. Als ich die Aufgaben für die Prüfung bekam, suchte ich zuerst im Internet nach Themen in und um Hannover. Diesen Teil der Prüfung fand ich am spannendsten. Eine konkrete Aufgabe zu bekommen und sie in einer komplett fremden Stadt umzusetzen, war eine schöne Herausforderung. Wohlwissend, dass ich nicht alles umsetzen werden könne, schrieb ich mir verschiedene Möglichkeiten auf. Schon bevor ich im Zug in die Stadt saß, fielen zwei davon durch.
Einblick in die Prüfung
“Einblick” sollte in einem Bild umgesetzt werden. Die ersten Recherchen ergaben, dass ein Bär im Zoo von Hannover derzeit nur ein Auge hat. Das erschien mir aber etwas schwierig abzugreifen. Ich wollte dann einen Detektiv bei der Arbeit begleiten, doch der hatte keine Lust auf einen Fotografen aus Berlin. Auch einen Patienten im Krankenhaus, der ein Auge verbunden hatte, wollt sich nicht finden lassen. Dann wollte ich ins Stadtarchiv von Hannover. Nach langer Suche fand ich es auch, versteckt in einer Seitengasse – nur um dann zu lesen, dass es an diesem Tag (und nur an diesem Tag!) außerplanmäßig geschlossen hatte. Enttäuscht aber auch etwas belustigt über diesen Umstand schrie ich laut “Fuck…” und ein bärtiger Mann mit Aktenkoffer kam aus dem Archiv. “Tut mir Leid, es ist halt so”, sagte er und ließ mich allein. Inzwischen waren schon zwei Stunden vergangen, ich hatte noch keine Aufgabe geschafft und die Abgabe war in vier Stunden.
Ich ging erstmal zu einem Bäcker.
Machen wir nich – viel Glück trotzdem
Nach einer zu kalten aber leckeren Laugenstange (belegt mit Ananas und Hühnchen) sammelte ich meine Gedanken. Als nächstes wollte ich einen Optiker aufsuchen, mit Brillen und Gläsern liesse sich bestimmt ein gutes Bild machen. Die Verkäuferin meinte, der nächste wär die Straße runter und nach 15min fand ich auch einen Fielmann. Die junge Blonde hinterm Thresen hörte mir zwar gerne zu, aber die Chefin kam lächelnd aus dem Hinterzimmer und meinte, da müsse man erst mit der Zentrale in Hamburg telefonieren, ob ich hier mal eben ein Foto machen darf. Dieses Telefonat wollte ich den Damen ersparen.
Blind ging ich weiter die Straße runter und kaute das Wort Einblick solange durch, bis es jegliche Bedeutung verlor. Irgendwann sah ich dann das Ärztehaus Hannover. Dort musste ich drei verschiedenen Empfangsdamen stets die selbe Geschichte von der Aufnahmeprüfung erzählen, bis eine dann genervt zum Arzt ging. Dieser hatte zwar grad einen Patienten im Nebenzimmer, aber helfen wollte er mir trotzdem. Entstanden ist das Bild “Ein Blick in den Blick”, oben, am Anfang diesen Beitrags. Als Modell diente die Empfangsdame, die dann am Ende doch noch ihren Spaß hatte. Meine Empfehlung geht an Dr. Witschel, cooler Typ.
Eine Aufgabe gelöst, blieb noch die zweite. Die war aber ungleich schwieriger. Ich musste jemanden in dieser fremden Stadt finden, ihn kennen lernen, Vertrauen aufbauen und dann drei verschiedene Portraits machen. Ich wusste schon vorher, dass das nicht meine Stärke sein wird.
Ich hatte wenig Zeit. Einfacher würde es daher sein, jemand in meinen Alter zu nehmen, einen Studenten. Von der Uni, wo gerade mein Aufnahmeverfahren läuft, wollte ich keinen nehmen, denn das werden dort wahrscheinlich viele Bewerber machen. Ein gepflegter Mann im Anzug vor einem schicken BMW half mir dann weiter.
Die staatliche Musikhochschule ist nur 2000m von hier, meinte er, und zeigte Richtung Osten. Er war Chauffeur. Für wen, wollte er nicht sagen. Keine zehn Meter später bereute ich es schon, nicht ihn um die Portraits gebeten zu haben.
Fleißige Studenten
Ich verlor viel Zeit durch die Entscheidung, die Bahn zu nehmen statt die paar Meter zur Uni zu laufen. Mit zerknitterten Klamotten, ungekämmten Haaren und Umhängetasche fiel nicht auf, dass ich kein Student an der Uni war und keiner fragte mich, was ich hier denn wollte. Aus den Räumen klang überall Musik und viele Studenten waren fleißig am Üben. Da lag allerdings auch das Problem.
Ich brauchte jemanden mit ca. 30min Zeit, damit ich ihn kennenlerne und mit möglichst verschiedenen Aspekten seiner Persönlichkeit portraitieren kann. Da musste die Chemie gleich stimmen. Doch neben vielen Asiaten, ein paar Japanern und Leuten, die schief Trompete spielten, fand ich keinen mit Zeit. Alle waren am Üben, Lernen, Noten Schreiben. Und die Japaner wollte ich jetzt auch nicht bemühen, nur weil ich mal in Japan lebte (“Hey, bist du Japaner? Kann ich Bilder von dir machen?”). Nach einer Weile auf dem Klo der Schule, deren Fliesen wie Klaviertasten angemalt waren, fand ich dann im Treppenhaus eine dicke Tuba und seinen Spieler.
Ob denn die Akustik im Treppenhaus besser sei, fragte ich ihn. Es hallt, aber sei in Ordnung, meint er. Er hatte keinen Übungsraum abbekommen und zuhause Tuba spielen machte ihn bei den Nachbarn unbeliebt. Wir hatten ein gutes Gespräch und ich erzählte ihm, was ich seit mittlerweile einer Stunde in dieser Schule suchte und wofür. Tja, sagte er, er wisse zwar nur, dass 80% der Studenten Asiaten sind, aber sonst könne er nix sagen. Und er muss jetzt sowieso Tuba spielen. Er wünschte mir viel Glück und fing an Carmina Burana zu spielen, als ich durch die Tür ging und ihn in seinem Treppenhaus zurück ließ.
Pünktlichkeit
Es war nun halb zwei. Ich zögerte noch lange, zog es dann aber vor, wieder zur Uni zurück zu fahren. Als Nummer 63 wäre ich wahrscheinlich gegen 14 Uhr mit meinem Gespräch dran.
Da die Uni weit vor der Stadt liegt, war ich mit der Bahn erst 14.40 Uhr im Gebäude. Die Nr. 63 wurde schon gesucht, denn passend um 14.45 Uhr begann das Gespräch.
Fünf Professoren und zwei Studenten saßen als Jury vor uns. Sie stellten mir und vier Mitbewerbern Fragen. Das Gespräch lief gut – zumindest für mich. Meine Kollegen waren zu nervös, verhedderten sich in langen Sätzen und ließen eher allgemeine Phrasen statt persönlichen Antworten von sich hören. Sie sagten, was sie wohl dachten sagen zu müssen; was von ihnen vermeintlich erwartet wurde. Ich sagte das, was mir einfiel und was ich für richtig hielt. Aber das ich als einziger von uns fünf einen journalistischen Hintergrund hatte, half sicher auch.
Wir zeigten auch unsere Hausarbeiten vor, das Thema war “Plagiat”. Ich hatte dabei etwas zu Kunstfälschern in Berlin gemacht. Ein beliebtes Thema, wie es schien, andere Bewerber waren auch bei den drei Russen zu Besuch. Die Professoren blätterten nur schnell durch die Mappe, ohne den Text dazu zu lesen.
Die russischen Kunstfälscher von Berlin-Neukölln
Die drei Brüder Eugen, Michael und Semjon Posin sind seit über 40 Jahren Kunstfälscher – auch wenn sie sich selbst lieber als Kunst-Kopisten bezeichnen. „Man kann Kunst nur verstehen, wenn man sie nachmalt und sich in die Perspektive des Künstlers versetzt“, sagen sie. In der Sowjetunion haben sie es so Strich für Strich gelernt und es mittlerweile fast zur Perfektion gebracht. Seit über 20 Jahren haben sie jetzt den Kunstsalon Posin in einem Wohnhaus in Berlin-Neukölln, wo sie ihre Werke schaffen und ausstellen. Ihre van Goghs, Kirchners oder Mona Lisa sind sehr begehrt und sogar legal – solange hinten auf dem Bild ihr Namen und ihre Adresse steht. Museen und Galerien kommen regelmäßig auf sie zu um verlorene oder gestohlene Gemälde rekonstruieren zu lassen. Für die Brüder sind ihre Werke keine reinen Kopien – sie sind Reinkarnationen des Originals.
Das Gespräch war 15.30 Uhr vorbei und eine Aufgabe fehlte mir noch. Und das Foto von vorhin musste ich auch noch bearbeiten und drucken. Ich hatte für beides nur noch eine halbe Stunde.
“Da hinten ist ‘ne Schauspielschule, frag mal da”, sagte ein Student und Freund, der mir für die letzte Nacht sein Zimmer zur Verfügung stellte. Er beriet mich auch seit Februar zu meiner Mappe. Alles klar, dacht ich, Schauspieler sind Selbstdarsteller, die sich für die Kamera gerne bereit stellen. Es würde einfach werden.
Ich ging in die Schule und wunderte mich über all die Farbeimer und Kabel, die von der Decke hingen. Die Schule war wegen Umbauarbeiten geschlossen. Die Schauspieler blieben zuhause.
Abgabe 16 Uhr
“Ich will nicht studieren” sagte draußen ein kleines Mädchen, das auf dem Expo-Gelände mit ihrer Mutter unterwegs war und gerade erklärt bekommen hatte, dass sich hier viele Hochschulen sammeln. Ich musste lachen und erklärte der Mutter, dass ich in ner halben Stunde das Ende meiner Aufnahmeprüfung erreicht haben werde. “Na dann viel Glück!” sagte sie, während sich ihre Tochter immer noch fragte, was denn eine Aufnahmeprüfung ist.
Die restliche Zeit wollte ich nun lieber in das eine Bild stecken, das ich hatte. Ich hatte mich mit der Zeit verspekuliert und das akzeptierte ich. Ich würde also die Häfte der Aufnahmeprüfung nicht schaffen.
Zehn Minuten Photoshop später hing das Bild dann an der Wand. Es war da recht einsam, mit den vielen Bildern der anderen Bewerbern, die alle Aufgaben erfüllt hatten. Wie erwartet hatten tatsächlich viele für ihre Portrait-Aufgabe Studenten der FH oder sogar Mitbewerber in der Aufnahmeprüfung genommen. Klassiker wie “Obdachloser” oder “Jugendgruppen” waren auch dabei, mal besser, mal schlechter gelöst. Ich hätte auch die Wahl gehabt, einen Studenten zu nehmen, hab mich aber anders entschieden. Die Konsequenzen der Entscheidung, nun die zweite Aufgabe nicht erfüllen zu können, akzeptierte ich voll. Entspannt setzte ich mich also vor die Uni und wartet auf die Punktevergabe.
Personen-Punkte
Es gab insgesamt 15 Punkte zu erreichen, mit einem gilt die Prüfung schon als bestanden. Automatisch genommen ist man dann allerdings nicht, das hängt von den Punkten der anderen Bewerbern ab. Es gab bei uns keinen mit null Punkten – aber sehr, sehr viele mit nur einem Punkt. Ich hatte zehn, und gehörte damit zu den zehn Besten an diesem Tag – und das obwohl ich 50% der Prüfung nicht einmal geschafft habe.
Nun hatten wir unseren Wert – zumindest einen numerischen. Es ging nun also los: “Wie viel Punkte hast du?” gefolgt von “oh……” oder “ja!!”. Unsere Fähigkeiten bekamen eine Ziffer und unsere Person einen Wert. Mit meinen zehn Punkten konnte mir das relativ egal sein, da ich ja oben schwamm, doch den anderen sah man ihren vermeintlichen Wert schon in den Blick geschrieben.
Ich sprach noch mit Bewerbern und Studenten, Mappen wurden ausgetauscht und gegenseitig die Arbeit kritisiert. Fotografie ist subjektiv. Wenn die Prüfungskommission nun einen Bewerber mag oder nicht, sagt das nicht alles über seine tatsächliche Fähigkeiten aus. Die Mappen, die ich sah, davon fand ich auch einige nicht so gut, andere wiederum herausragend.
Es folgten Verabschiedungen und dann noch eine schnelle Fahrt zu der Bude, wo ich in der Nacht zuvor angekommen bin. Zahnbürste und Handtuch abgeholt und dann zum Zug nach Berlin gerannt. Ich saß keine zwei Minuten drin, da fuhr er schon Richtung Osten.
Da saß ich dann, müde und verschwitzt. Ich roch nach der Arbeit vom Tag und blickte aus meinem Fenster, entgegen der Fahrtrichtung und zurück auf Hannover und den Tag. Die Sonne ging bereits unter.
Die Erkenntnis, nicht alle Aufgaben gemacht und trotzdem eine hohe Punktzahl erreicht zu haben, machte mich schon stolz. Die Aussicht nun vier Jahre nach Hannover zu ziehen, lässt mich noch nicht im Viereck hüpfen. Doch in Berlin sehe ich derzeit keine Perspektive. Ich saß im Zug zwischen Hannover und Berlin und blickte aus dem Fenster.
Es wurde dunkel.
Kleine Notizen zum kleinen Japanfestival
Am Wochenende war das Japanfestival in Berlin. Ich war dabei.
(an dem Mangel an fotolastigen Beiträgen in letzter Zeit merkt ihr meine aktuelle Auftragslage…)
Am Wochenende war das Japanfestival in Berlin. Veranstalter ist der Japanshop Berlin, der das ganze so gut wie alleine alle 2 Jahre stemmt. Verglichen mit anderen Städten fehlt in Berlin erstaunlicherweise eine große Japan-Veranstaltung, obwohl hier diverse deutsch-japanische Vereine ihren Hauptsitz haben und Berlin und Tokyo ja bekanntlich Partnerstädte sind – zumindest alles auf dem Papier. Ich wollte ursprünglich hin, aber nicht den überteuerten Eintritt bezahlen. Ich bemühte mich zunächst um Pressekarten, kurzfristig gab es aber noch die Möglichkeit für mich auf dem Festival zu arbeiten, und zwar für die Stadt Tokyo. Als Assistent der Tourismusbehörde von Tokyo bzw. deren Vertreterin in Deutschland, saß ich am Stand von Tokyo und informierte über die Metropole und Reisemöglichkeiten.
Arbeit am Tokyo-Stand
Das war eigentlich ganz spannend, viele planten eine Reise noch in diesem Jahr und wollten sich informieren. Die Geschichten zu hören war recht interessant und erinnerte mich an mein Jahr in Tokyo. Da waren viele junge Leute dabei, die lange sparten für ein, zwei Wochen Tokyo nach der Schule. Oder die Mutter, die mit der japanbegeisterten Tochter reisen wollte. Oder die hübsche Blondine mit dem süßen Lächeln, mit der ich noch lange über ihre Japanreise sprach. Oder zum Schluss noch die 87 jährige Dame, die zwei Jahre zuvor erst in Tokyo war, dort jede Tour mitgemacht hat und restlos begeistert war.
Natürlich ziehen solche Japanveranstaltungen auch immer wieder Deppen an, doch es hielt sich zum Glück in Grenzen. Nervig waren die “Grabscher”, die den ganzen Tag durch die Messe gehen und nur versuchen den Gratis-Kram mitzunehmen, ohne mal überhaupt Augenkontakt herzustellen. Oder die elendigen Japanologen, die sich bei einem Japan-Festival als Experten fühlten und sich auch genau so benahmen, schlechtes Japanisch und unverhältnismäßig hübsche, asiatische Freundin inklusive. Einer meinte deswegen gleich meine Berufswahl kritisieren zu müssen. Kann ja nicht jeder brotloser Geisteswissenschaftler sein, wa?
Trotzdem hatte es mir wirklich gefallen, auch wenn mir im schlecht belüfteten Raum regelmäßig schwindelig wurde.
Das Japan-Festival
Hätte ich Eintritt bezahlt, ich hätte es bereut. Natürlich war ich vorbelastet, lebte ich doch schließlich ein Jahr in Japan und war schon verhältnismäßig gesättigt an Japankram. Für viele andere war das natürlich eine Gelegenheit Japan mal ein Stückchen näher zu kommen, ohne teures Flugticket. Viele reisten dafür auch extra nach Berlin.
Der Zugang zu Japan, die dann bei vielen eine Faszination auslöst, ist wirklich unterschiedlich. Ob jetzt Kultur, Essen, Sport, Popkultur wie Musik, Manga oder Filme – jeder findet da individuell etwas. Und so wurde auch versucht jeden Aspekt irgendwie zu bedienen. Ich sage mal bewusst versucht, weil einiges in der Ausführung nicht funktionierte.
Nehmen wir mal Sport als Beispiel. Es gab einen großen Stand zu Ju-Jutsu, mit einem ziemlichen coolen Schwarzgurt als Meister. Doch das war es dann auch schon mit den japanischen Sportarten auf dem gesamten Festival. Sicherlich hatte der Veranstalter mehr geladen, doch wenn nur einer erscheint, trübt das doch irgendwie den Gesamteindruck.
An Manga und Anime gab es ein Überangebot, überall liefen Cosplayer herum. Auch wenn ich persönlich das jetzt nicht störend fand, so entstand doch ein gewisser einseitiger Eindruck, der vorallem ältere Besucher schon noch abschreckte.
Da ich die ganz Zeit am Stand war, konnte ich keine Fotos machen, aber der Blog Berlin Sidewalk hat eine exzellente Auswahl (auch wenns oft nur Details statt weiten Aufnahmen sind).
Gesamt war es ein Mix von Ständen, die nur informieren wollten, aber auch Ständen, die nur verkaufen wollten. Einige Berliner, so zumindest mein Eindruck, waren ganz verunsichert von dieser Aufteilung, war denn schließlich der Eintritt schon teuer genug und man hatte mehr Unterhaltung und Programm für das Geld erwartet.
Das Showprogramm habe ich zwar versäumt, da ich am Stand gearbeitet habe, aber mir wurde oft berichtet, dass es zahlreiche Verzögerungen und Verspätungen gab. Es gab Musik und Vorträge, aber an japanischen Filmen gab es kein Angebot.
Fazit
Gesamt hatte ich halt den Eindruck, dass vieles nicht zu Ende gedacht wurde. Es gab vielfältige Aspekte und gute Ideen, in der Ausführung haperte es allerdings etwas. Das Ganze als große Werbeveranstaltung für den Japanshop Berlin zu sehen ist vielleicht nicht ganz richtig, aber komplett verkehrt ist es bestimmt auch nicht.
Das ist Schade, blickt man auf die vielen offiziellen Verbindungen beider Länder, die speziell in Berlin existieren, könnte man etwas mehr erwarten.
Ich und die Vertreterin von Tokyo waren allerdings zufrieden. Oftmals gab es nicht nur Reiseberatung von uns, sondern auch Lebensberatung für eine Zukunft in Japan. Meine “Chefin” sah das alles zum Glück nicht so eng, also konnte man ruhig mal über mehr als nur Tokyo plaudern.
…und dann war da noch:
Auf dem Weg zum Klo kam ich auf einmal an einer blonden Frau vorbei. Wir lächelten uns an, sagten aber nichts und ich überlegte, woher ich sie kannte. Umgeben von weissen Fliesen fiel es mir dann wieder ein: es war meine Kunstlehrerin in der 12. Klasse. Nachdem die Hände gewaschen waren, suchte ich sie und fand sie ausgerechnet am Tokyo-Stand. Wortlos ging ich an ihr vorbei und setzte mich lächelnd an den Stand. Sie guckte etwas überrascht und fragte natürlich was ich hier mache. Ich fasste mein Leben nach dem Abitur in wenigen Sätzen zusammen und sie meinte nur lächelnd, wie aufregend das doch alles ist.
Meine Beziehung mit ihr war, nun ja, angespannt. In der 12. Klasse im Kunst-Unterricht mit ihr hatte ich mich zum ersten Mal mit Fotografie auseinandergesetzt, bzw. das erste mal wieder seit der Grundschule. Diese erste Auseinandersetzung führte dann zum Hobby und schlussendlich zu meinem Beruf. Das daraus ein Hobby wurde hatte, daran hatte meine Kunstlehrerin aber wahrlich keinen Verdienst. Denn bei ihr stand ich in Fotografie regelmäßig auf einer 4.
Es gab dann mal einen schulfreien Tag, wo die Kunstkurse trotzdem zur Schule kommen sollten. Wir bekamen die Aufgabe “Berlin in 24 Stunden” und sollte an diesem Tag rausgehen, uns ein Thema suchen und fotografieren. Ich fand das sehr spannend und entschied mich dafür Menschen in der gesamten Stadt zu portraitieren, bei dem, was sie zu bestimmten Uhrzeiten machen. So kam ich zu einem Punkerpärchen am Alex, über einen widerlichen FDP Politiker in einer Bar, bis zu zwei Anglern an der Spree im Regierungsviertel.
Eines dieser Fotos sollten wir auswählen und “erweitern”. Das heisst, die Essenz des Bildes treffen und ergänzen. Ich nahm die Angler und gab dem ganzen das Thema “Leben”. Das Foto mit den Anglern war zweigeteilt, links der Fluss und das Wasser, rechts die Angler auf ner Wiese.
Ich nahm nun also ein Stück Wiese, ausgeschnitten vom Gelände der Humboldt-Uni in Berlin. Es hielt mich zwar einer an, aber mit einer spontan improvisierten Lüge (es handle sich um ein Projekt für die Schülerzeitung um die Qualität von Berlins Böden zu testen), deren Glaubwürdigkeit mich selbst überraschte, konnte ich mit dem Stück Wiese einfach weggehen.
Für das Wasser nahm ich eine kleine Plastikwanne und drei lebende Fische. In die Mitte der Konstruktion kam dann das Foto, die Angelruten über die Grenzen des Fotos verlängert zu den Fischen.
Ich übergab die ganze Installation meiner Lehrerin, und nachdem sie die Fische gesehen hatte, nahm ich sie wieder mit in ein lebensfreundlicherers Aquarium. Der Rest, mit Wiese und allem, blieb dann vier Wochen zur Benotung bei ihr. Als es dann zurück kam, sah und roch man den Verfall der Wiese deutlich. Daneben hing ein Zettel mit meiner Note, die mehr als schlecht ausfiel. Etwas angepisst, aber auch mit dem Geruch in der Nase, entsorgte ich meine Konstruktion in dem Papierkorb neben der Lehrerin – während sie grad vor der Klasse unterrichtete. Sie versuchte es sich nicht anmerken zu lassen, aber diese Aktion und gewisse Bloßstellung bedrückte sie noch längere Zeit.
Bei der nächsten großen Kunstarbeit bekam ich eine bessere Note und die Lehrerin fügte hinzu “Aber nicht wieder wegschmeissen, ja?”. Von Schülern, die nach mir bei ihr Unterricht hatten, hörte ich auch, dass sie nun regelmäßig Schüler darauf hinweist, ihre Werke doch nicht einfach so wegzuschmeissen. Kurz vorm Abitur sprachen wir auch noch mal drüber und sie erwähnte, wie unglücklich sie doch mit meiner Aktion war, die sie wohl als Statement an ihr und ihren Unterricht verstanden hatte. Tja, und ich war unglücklich mit ihren Noten.
Nun ja, wie gesagt, es war seitdem immer angespannt. Dass ich nun (manchmal) meinen Lebensunterhalt mit Fotografie verdiene, nahm sie wahrscheinlich nicht ganz ernst, da sie meinen Fotos nie wirklich viel Qualität beigemessen hatte. Sie verdrückte sich dann auch ganz schnell wieder vom Stand und ich merkte, sie wollte eigentlich gar nicht mit mir reden.
Tja, hab ich wohl als Schüler einen bleibenden Eindruck hinterlassen











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