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Endlich Finnland V: Schlaflos in Kopenhagen

Posted in abenteuerliches, Reis und Reisen by fritz on 19. März 2013

Heimwärts.
Die letzte Fahrt.
Vorher noch zehn Stunden lang Kopenhagen fotografieren. Ohne Schlaf.

Eine Stunde nachdem ich mich nördlich von Helsinki hinlegte, wachte ich schon wieder auf. Der Bus zum Flughafen fuhr in einer Stunde. Vorher noch packen, Zähne putzen, anziehen.
Das halbe Haus wachte wegen mir auf. Der Vater, weil er mich zur Busstation fuhr. Tiina, weil sie mich zum Flughafen begleiten wollte. Und der Hund, weil er mein Frühstück roch.

Im Auto konnte ich die Augen kaum offenhalten. Es zogen eh nur dunkle Bäume vorbei, kein gesunder Finne fährt um die Zeit durch die Wälder. Irgendwo in der Dunkelheit hielten wir dann. Hinter der Böschung liegt die Busstation, sagte der Vater, der zwei Tage zuvor noch mit mir in der Sauna Wodka trank. Aber es ist kalt draußen, wir warten mal lieber drinnen. Die Fenster waren beschlagen und bildeten kleine Bäche.

Teurer Transport durch die Nacht
Schwer rollte der Bus Richtung Helsinki um die Ecke. Er war überraschend voll. Tiina versuchte wieder den Trick, uns beide als finnische Studenten zu verkaufen. Doch jetzt, um vier Uhr nachts, wollte der Fahrer es genau wissen und prüfte meinen Ausweis. Hannover war keine Universität, die er kannte. Also bitte 40 Euro für die Fahrkarte.
So viel hatte ich nicht dabei. Tags zuvor probierte ich vergeblich noch in Mäntyharju alle Geldautomaten durch – in Finnland werden sie “Otto” genannt. Doch keiner funktionierte, da alle bereits geleert wurden. Otto hatte kein Geld mehr.

Tiina bezahlte für mich und wir nahmen hinten im Bus Platz. Eine Stunde könnten wir wohl noch schlafen, bis wir am Flughafen sind. Aber ich traue Bussen eh nicht, und schlafen kann ich in ihnen sowieso nicht. Tiina gelang das ohne Probleme. Ich musste sie wecken, als wir bereits 45 Minuten später am Flughafen standen.

Zum Abschied lachte sie nur. Wie die ganze Woche schon. Ich verzog die Miene, unsicher wann wir uns wieder sehen würden. Doch sie lachte. Weniger wegen des Abschieds, mehr wegen der gemeinsamen Zeit, die wir hatten. Wir haben fast jeden wachen Moment verbracht. Und auch wenn ich mir in diesem Moment mehr Schlaf gewünscht hätte, ich bereute keinen einzigen davon.

Diesmal war ich weniger nervös, als noch im Flughafen in Kopenhagen. Ein Ticket nach Dänemark hätte ich gern, sie brauchen doch sicher nur meinen Ausweis, wa? Kein Ding, schon tausendmal gemacht. Hier bitte, er glänzt auch extra für sie.
Aber ganz so einfach war es dann doch nicht.
Wer im Internet ein Ticket kaufte, kann es in Helsinki scheinbar nicht am Schalter ausgedruckt bekommen, sondern muss zu einer Maschine. Die funktionierte allerdings nur mit Pässen, oder den ganz neuen EU-Personalausweisen mit Chip. Beides hatte ich nicht. Also musste ich doch das Stück Papier mit meiner Ticketnummer rauskramen und mit der Hand eintippen.
Wie archaisch.

Fünf Uhr. Mein Flieger ging um sieben. Zwei Stunden übermüdet rumkriegen, ohne Lektüre oder Smartphone ist nicht einfach. Einschlafen, unter dem Risiko meinen Flieger zu verpassen, war mir zu heikel. Also mal links durch den Flughafen. Rechts durch den Flughafen. Sonnenaufgang. Reisegruppe von verwirrten chinesischen Senioren schnattert laut. Und dann endlich Boarding. Die 28 Chinesen nahmen meinen Flieger. Die Zahl weiß ich so genau, weil ich sie alle zählte. Was man eben so macht, wenn man sich langweilt. Chinesen zählen. Sie machten wohl grad eine Europa-Rundreise. Souvenirs aus Helsinki hatten sie schon dabei.

Beim Betreten des Flugzeugs musste ich kräftig gähnen. Der Pilot, der uns begrüßte, nahm das sehr amüsiert zur Kenntnis. Als ich in Kopenhagen von Bord ging, fragte er mich noch, ob ich inzwischen aufgewacht bin.
Nein.

Die Senioren hatten Eile, ihr Gepäck zu holen. Ich nicht. Schließlich musste ich noch zehn Stunden rumkriegen.
Mit den restlichen Kronen, die ich noch hatte, zog ich ein Ticket für die S-Bahn. Ab in die Stadt. Der Himmel deutete schon keine guten Bilder an.

Erst einmal Frühstück. Und Kaffee. Viel Kaffee. Dabei trinke ich sonst keinen Kaffee. Doch jetzt brauchte ich ihn. Unbedingt.
In einem kleinen Café ließ ich mich in einen weichen Ledersessel fallen. Mein Gepäck rechts von mir, die Tasse und das Croissant auf der linken Lehne. Im Café spielte “Paperback Writer” von den Beatles. But I need a break.

Ich ging meine Tickets durch. Von dem Fächer, den ich zu Beginn der Reise erhalten habe, war nur noch eine Fahrkarte übrig. Heimwärts. Die letzte Fahrt.

Ich kam ins Grübeln.
Wird das ab jetzt immer so sein? Reisen, Fotografieren, in fremden Städten Kaffee trinken?
Müde, wie ich war, konnte und mochte ich diesen Gedanken nicht bewerten. Aber es wurde mir klar: Warum ich jetzt hier sitze ist allein meine Schuld. Ich habe den Job aufgrund meiner Arbeit bekommen. Ich habe entschieden, wohin es gehen soll. Keiner hat es mir vermittelt, keiner für mich entschieden. Und das bedeutet folgendes: Es ist komplett reproduzierbar.
Es liegt in meiner Macht zu sagen, wohin ich möchte und was ich dort mache. Klar bin ich davon abhängig, am Ende jemanden mit Geld davon zu überzeugen, mir welches zu geben. Aber je länger ich diesen Quatsch nun schon mache, desto leichter fällt es mir. Und desto weiter geht die Reise.

Ich war überrascht, wie spät ich diesen Gedanken hatte. Denn um ehrlich zu sein, für Japan war mir dies schon immer klar. Wenn ich nach Japan gehe, weiß ich, ich kann mein Zeug loswerden. Wenn ich in Japan für Geschichten reise, dann nie, ohne die Ahnung, am Ende mindestens meine Kosten wieder reinzubekommen.
Für Deutschland probierte ich es gerade aus. Und jetzt auch noch Europa. Das war mir so nur noch nicht klar.

Mir war allerdings klar, wie müde ich war. Knapp neun Stunden hatte ich noch. Also erledigte ich erst mal meine Pflichten. Solange ich noch wach sein konnte. Zum Job gehörte nämlich auch Stadtbilder von Kopenhagen zu machen. Ich nahm mein Gepäck und zog durch die Straßen.

Kopenhagen ist nicht groß. Vieles, was ich eine Woche zuvor schon mit meiner Begleitung abgelaufen bin, sah ich jetzt wieder. Nur, dass ich alleine war. Und der Himmel grau.

Wo letzte Woche noch ein Jazzfestival mit Bier stattfand, war nur graues Pflaster. An der Straßenecke, wo letzte Woche noch eine Blaskapelle spielte, sammelten sich nur die Regentropfen.

In einer Kirche belauschte ich ein deutsches Pärchen, die in ihrem Reiseführer wühlten. Es sollte wohl gleich was großes passieren. Da, die Straße runter. Ich folgte ihnen mal.
Gemeint war die Wachablösung der königlichen Garde. Jeden Tag um 12 Uhr.

Riesenaufwand und Gedränge. Ich fand die vielen Touristen eigentlich spannender, als die Militärheinis.

Und alles stets bewacht. Bloß nicht aus der Reihe tanzen.

Wie die Beefeater in London, dürfen wohl auch diese Puschelmützen keine Miene verziehen. Touristen lichteten sich mit ihnen fröhlich ab.

Auch wenn die Männer selbst das wohl nicht so fröhlich macht.

Je näher ich den königlichen Gebäuden kam, desto strenger die Blicke der Soldaten. Aber ich hatte eh was ich wollte.
Wachablösung war jeden Tag um 12 Uhr. Noch acht Stunden Kopenhagen.


Urban Knitting?

Bereits im Zug nach Kopenhagen erzählten uns zwei betrunkene Dänen von Christiania, einem bunten “Hippie-Viertel” für Künstler.

Obwohl es mir als “so super frei für Künstler und so” angepriesen wurde – ich fand die Amtosphäre dort irgendwie angestrengt. Vielleicht schreiben alle Reiseführer über das bunte Christiania, und nun muss man dem Ruf gerecht werden. Oder ich war einfach nur verdammt müde vom Rumlaufen. Wahrscheinlicher ist Letzteres.

Ich lief vorbei an einer Kirche, die inzwischen eine Kunsthalle geworden war, und holte mir einen echten, dänischen Hotdog für 35 Kronen. Jetzt hatte ich nur noch fünf Kronen übrig, die ich auch behalten wollte, da mir die Gestaltung der Münze so gefiel.

Es war jetzt gerade einmal 14 Uhr. Der Tag wollte einfach nicht vergehen. Ich hatte alles wichtige fotografiert und keinen Speicherplatz mehr. Oder Lust. Oder Geld. Oder windfeste Kleidung.
In einer Kirche suchte ich mit meinem Gepäck Zuflucht. Hier war es wenigstens kostenfrei warm.
Zeit, die Fotos durchzugehen.

Als der Pastor begann sich wiederholt energisch in meine Richtung zu räuspern, zog ich von dannen. Ich war müde, mir war kalt, ich hatte kein Geld und kein Obdach in dieser Stadt. Also ging ich zum Bahnhof.

Die letzten drei Stunden verbrachte ich auf ner Bank zwischen Gleis 9 und 10. Schließlich sollte ich im Zug noch Bilder machen. Wenn das irgendwie noch klappen sollte, musste ich mich kurz mal ausruhen. Ich beobachtete Kopenhagen.

Die Kerle trugen keine Jacken, sondern entweder dünne Hemden mit kurzen Hosen. Oder dicke Pullis aus Wolle. Bestimmt mehrere Zentimeter dick, aus ganzen, zusammengepressten Schafen. Oder so. Ich hätte jetzt auch gern so nen Pulli, dachte ich fröstelnd. Die Mädels trugen auffallend oft schwarze Hosen unter einem Rock. Ich zählte 17 in einer Stunde.
Chinesen zählen klappte hier in Kopenhagen nicht.

Dann kam der Zug. Ich suchte meine Kontaktperson, die über mein Kommen informiert sein sollte. Bis heute war ich fünf Mal in der Bahn fotografieren. Nie wusste einer Bescheid. So auch nicht in Kopenhagen. Aber problemfrei akzeptierte man meine Unterlagen und gab mir ein Zimmer. Nur der Zugbegleiter in meinem Abteil nahm es ganz genau. Er überprüfte auch Personalausweis und meine Kamera. Er folgte mir auch durch jedes Abteil, als ich Bilder machte, und verlangte, die Fotos anschließend zu sehen. Er war erst zwei Jahre dabei, also noch jung und pflichtbewusst. Alle anderen Zugbegleiter, mit denen ich zu tun hatte, waren immer länger als sieben Jahre auf der Schiene. Da hieß es stets nur: Ja, passt schon.

Während es mir tagsüber in Kopenhagen noch sehr müßig fiel, mir Bildlösungen für eine Situation oder einen Ort einfallen zu lassen, ging es hier einfacher von der Hand. Ich machte alle Bilder einfach grafisch, brach sie runter auf Linien und Flächen. Ordnet man diese dann ordentlich an, bekommt man ein nettes Bild. Kein spannendes, aber ein sauberes. Für Spannung war ich zu müde.

Direkt nach der Abfahrt ging ein Alarm durch den Zug. Taschendiebe. Erwischt hat man keinen mehr. Wahrscheinlich ist der in Kopenhagen eingestiegen, einmal durch die Waggons, und dann wieder raus. Das gibt es auf der Strecke wohl häufiger. Ich schloss meine Kamera ein und ging zum Zugführer.

Auf meiner Liste hatte ich noch ein paar Fotos stehen. Allerdings, so war die Vorgabe, kann ich nur Bilder machen, wenn die Abteile leer sind. Und es waren alle voll, sagte mir der Zugführer. Ich war fertig.
Das erste Mal seit sieben Tagen war ich fertig.

Skeptisch nahm ich das zur Kenntnis. Die ganze Woche hatte ich noch Sachen im Hinterkopf, die erledigt werden wollen und nicht vergessen werden dürfen. Der Hinterkopf war leer. Ich kramte nach. Wirklich nichts vergessen? Alles gemacht? Alles fotografiert?
Ich war von der neugewonnen Freizeit etwas überfordert und legte mich hin. Mein iPod spielte Beatles. Come together, right now. Over me

Kurz vor Schleswig-Holstein schlief ich ein.

Ein Stopp in Hannover gibt es auf der Strecke eigentlich nicht. Aber da dort eh gehalten wird, um die Brötchen fürs Frühstück mitzunehmen, konnte ich die Zugbegleiter überzeugen, mich 2 Uhr nachts dort rauszulassen.
Ich nahm die letzte U-Bahn der Nacht zu meiner Wohnung. Im Kopf noch Helsinki, die Woche Finnland, das Roggenbrot im Zug. Am Abend wollte noch eine Kommilitonin vorbei kommen, nächste Woche war Abgabe für eine Hausarbeit. Und in vier Wochen würde ich schon wieder in Tokyo aufwachen und dort Kaffee trinken.

Epilog
Die Bahn war zufrieden mit meinen Bildern. Nachdem ich meine erste Auswahl abschickte, wollten sie noch mehr Fotos haben. Und selbst die, die ich aussortiert hatte, fanden sie dann gut.
Vorletzte Woche erreichte mich die Broschüre, in der sie einige der Fotos abdruckten. Zum Nachtzug gibt es gerade ne große Werbekampagne, in Bahnhöfen, auf Postern oder in Broschüren im ICE o.ä. Einige Bilder sind von mir, aber die gesamte Kampagne haben natürliche andere Fotografen gemacht. Ich bin da nur reingerutscht, meine Bilder kamen grad zeitlich passend.

Das ganze Ding war auf jeden Fall ein großer und wichtiger Schritt für mich als junger Fotograf. Sowohl als Referenz, als auch um meine Grenzen und Belastbarkeit auszutesten. Ich habe viel mitgenommen aus Finnland. Allen voran Tiinas Erkältung, die mich nach der ersten Nacht in Hannover erwischte.

Endlich Finnland
Teil 1 – Train Job
Teil 2 – Helsinki ist nicht hell
Teil 3 – Im Haus am See
Teil 4 – Im Innern des Waldes
Teil 5 – Schlaflos in Kopenhagen

Endlich Finnland IV: Im Innern des Waldes

Posted in Reis und Reisen by fritz on 6. Februar 2013

Es gibt da einen Ort tief im Wald, sagte sie, da gehen wir heute hin. Sie ging voran und ich hinterher.
Stunden entfernt von der nächsten Straße entdeckten wir viel Wasser, einen vergessenen Schützengraben und einen Grillplatz am endlosen Ufer.

Der letzte Tag im Finnland begann im Haus am See. Der Weihnachtsmann war schon zur Arbeit, seine Frau saß noch im Wohnzimmer und schaute fern. Gähnend gesellte sich Tiina dazu. Es lief eine amerikanische Show mit finnischen Untertiteln. Grundsätzlich sind Filme und US-Serien nie synchronisiert, entweder gibt es Untertitel, oder in seltenen Fällen spricht eine Stimme monoton in Finnisch drüber. Die guten Englischkenntnisse der Finnen sollen eine Konsequenz von dieser Fernsehgestaltung sein – auch wenn alle Finnen, die ich sprach, das amerikanische Fernsehen für recht stupide halten.
Kurz vorm Ende der Show verabschiedete sich die Mutter in den Arbeitsalltag. Tiina trottete in die Küche und packte für den Tag.


Aussicht aus dem Küchenfenster

Wir brauchen Fleisch und Zeug, sagte sie. So genau ins Detail gehen wollte sie nicht. Der Ort, sowie das, was wir dort machen und essen, sollte ein Geheimnis bleiben. Tiina meinte nur, sie kennt da nen Ort im Wald, an dem man ein Feuer machen kann.
Wir marschierten los, sie mit Rucksack und ich mit Kameratasche. Ob ich ihr nicht was abnehmen kann, fragte ich. Sie lächelte nur und meinte, meine Kamera sei eh schon schwer genug. Recht hatte sie.

Durch den Garten gingen wir zum See. Diesmal schlugen wir allerdings den Weg links ein, statt rechts, wo der Steg lag. In Ufernähe standen vereinzelt kleine Wohnhäuser. Je länger wir liefen, desto weniger wurden es. Bis schlussendlich keins mehr zu sehen war, und nur noch Bäume den Weg säumten. Mittendrin blieb Tiina stehen. Sie hatte etwas furchtbar wichtiges vergessen. Ich solle nur mal eben hier im Wald warten.
Gerne.

Als ich diese Bilder hier mal in meinem Freundeskreis zeigte, hieß es: “Du bist ein echtes Stadtkind, ne?”. Es stimmt. Auch wenn Berlin im Vergleich mit Tokyo noch sehr grün ist, so bin ich doch zwischen Beton und Platten aufgewachsen. Der Ausflug in die Natur tat mir sehr gut, und ich konnte gar nicht aufhören, Bilder zu machen. Auch wenn es auf meinen Karten eng wurde.

Je weiter wir in den Wald gingen, desto schmaler wurde der Weg. Irgendwann war er ganz weg. Doch Tiina wusste schon, wo es lang geht. Seit sie ein Kind ist, kennt sie diese Wälder. Zwischen den Wurzeln und Trampelpfaden tanzte sie sicher umher, auch wenn ich mehr als einmal stolperte. Wie konnte sie es nur fast zwei Jahre im grauen Tokyo aushalten? Sie lächelte wieder und meinte, dass Finnland zwar sehr schön ist, aber auch tierisch langweilig. Seit sie ein Kind ist, kennt sie eben diese Wälder.

Ich blieb regelmäßig stehen, um Bilder zu machen. Tiinas Vorsprung vergrößerte sich mit jedem Foto. Aber solange rechts das Wasser und links der Forst war, ging es noch.

Irgendwann hatte sie der Wald verschluckt. Ich rief mehrmals und irgendwann entdeckte ich sie dann. Frech grinsend und zufrieden mit all der Natur.

Der Schützengraben

Wir waren bereits einige Stunden unterwegs. Plötzlich stießen wir auf einen Graben, der mit groben Steinen aufgeschüttet war. Eindeutig von Menschenhand gemacht. Von der Zeit vergessen und überwuchert mit Moos.

Tiina erklärte mir, dass dies ein alter Schützengraben ist. Ausgehoben im 2. Weltkrieg, versteckt im Wald und mit Blick nach Osten. Falls die Russen vom See her angreifen sollten. Bis heute ist die versuchte Invasion der Sowjetunion im 2. Weltkrieg nicht vergessen, der direkte Nachbar bleibt suspekt.
Bis zum Ende des Krieges galt Mäntyharju als geheime Militärbasis, auch wenn hier kein einziger Schuss abgefeuert wurde. So erklärte es auch eine verwitterte Tafel neben dem Graben. Fasziniert von diesem Stück Geschichte wanderte ich auf den groben Steinhaufen entlang. Tiina nahm eine andere Route.

Gebaut für den Krieg, erobert sich die Natur den Graben trotzdem zurück. Er hätte vielleicht die Russen gestoppt, aber niemals Moos und Pilze.

Ich hatte Tiina wieder aus den Augen verloren. Erst beim Blick Richtung Sonne entdeckte ich sie. Sie simste ihren Freund.

Oben auf dem Hügel war ein Rastplatz für Wanderer, mit Aussicht und Gästebuch.

Doch wir waren noch längst nicht da, wo wir sein wollten.


Das Bild ist übrigens bis heute mein Desktop-Hintergrund

Kurzzeitig hatten wir uns verirrt. Wir hatten zwar einen Weg gefunden, aber es war anscheinend der falsche. Tiina navigierte nach Gefühl, nicht nach Karte.
Wir gingen wieder zurück, bis sie irgendwann meinte, dass es hier runter geht. Es gab keinen Weg, nur eine Markierung am Baum. Und viel Holz um uns. Tiina marschierte voran, ich hinterher. Nebenbei blieb ich ab und an mal stehen und fotografierte. Als ich mich dann wieder umdrehte, war Tiina weg. Überall nur Bäume. Und kein Weg.

Ich rief. Keine Antwort. Nur Echo. Ich lief weiter in die Richtung, die am wenigsten Hindernisse bot. Vielleicht war es ja der richtige Weg. Ich rief in den Wald. Nix.

Irgendwann hörte ich dann jemand nach mir rufen. Ich kämpfte mich durchs Unterholz zur Quelle der Stimme und da stand Tiina und winkte vergnügt. Gleich sind wir da, sagte sie.

Ich vertraute auf ihren Instinkt und packte die Kamera erstmal weg. Die erste Speicherkarte war eh voll und ich hatte nur noch eine weitere dabei.

Den Hügel hinab, Richtung Ufer, dann fanden wir den Ort, den Tiina versprach. Es war wunderschön.

Es war ein Grillplatz mitten im Wald, mit Hütte und Aussicht. Wir waren mindestens zwei Stunden von der nächsten Straße entfernt und eine halbe Stunde vom letzten Waldweg.


Links ein Klo, rechts Holzscheite zur freien Verfügung.

Der See erstreckte sich vor uns und wurde nur von vereinzelten Waldufern unterbrochen.

Tiina holte die Verpflegung raus und begann den Grill anzuwerfen. Sie hatte an alles gedacht. Grillanzünder, Feuerzeug, Fleisch, Besteck, frischen Tee und sogar Tassen aus Holz. Echt finnisch. Als sie den gesamten Inhalt ihres Rucksacks in der Hütte vor dem Grill ausbreitete, fühlte ich mich direkt etwas schlecht. Das Gewicht meiner Kamera war nix dagegen.

Ganz beseelt nahm ich Platz. Wir waren alleine hier, mittem im Wald. Weit weg von Hannover, von Kopenhagen, von Helsinki. Die Sonne ging langsam unter, als wir am Ufer des Sees saßen. Das Feuer knisterte. Ich packte die Kamera weg. Den Moment wollte ich selbst abspeichern, er sollte nur mir gehören.

Am anderen Ufer zog der Regen der letzten Tage weiter.

Tiina konnte das nix anhaben. Wir räumten auf und gingen durch den Wald zurück.

Die Sonne war nun weg und meine Speicherkarten voll. Kein Grund mehr für Fotos. Aber eins musste ich noch machen, weil Tiina mich drum bat. Am Waldrand stand ein kleiner Fliegenpilz, den wollte sie unbedingt mitnehmen – als Bild.

Müde aber zufrieden kamen wir im Haus ihrer Eltern an. Am nächsten Morgen sollte bereits mein Flieger von Helsinki abheben. Ich setzte die Kamera ab und seufzte.

Als Dankeschön für die Gastfreundschaft der Eltern wollte ich ihnen ein Geschenk machen. Seit 30 Jahren haben sie kein Portrait von sich als Paar fotografieren lassen. Das Letzte war ihr Hochzeitsfoto. Mit den wenigen Speicherplatz in der Karte, den ich noch hatte, wollte ich ihnen eine Freude machen. Also durch den Garten, ab zum See. Die Sonne ging unter, wir hatten noch ein paar Minuten wunderschönes Licht. Ein bisschen friemeln, gucken, testen, verrenken und klack. Da war das Bild gemacht. Ich war zufrieden und zeigte es den beiden.

Nun sind Finnen bekannt als maulfaul und kühl oder distanziert. Seit 30 Jahren das erste Portrait und ihre Reaktion war: “Joa, nett.” Ich zweifelte an mir. Zusammen mit Tiina warf ich noch einen Blick über den See, bis die Sonne hinter den Baumkronen verschwand. Ihre Eltern waren bereits drinnen, der Vater telefonierte und lief dabei durchs gesamte Haus. Ich goss mir ein Glas Moosbeerensaft ein. Tiina grinste die ganze Zeit und übersetzte, was ihr Vater machte. Der war nämlich so happy über das Foto, dass er gleich seine jüngste Tochter in Helsinki anrief um davon zu erzählen. Aber vor mir zeigte er das natürlich nur ungern. Es war mein letzter Tag in Finnland, aber nach dieser Szene verstand ich die Finnen besser als je zuvor.

Sterne überm See

Schon in der ersten Nacht im Haus von Tiinas Eltern fiel mir der Sternenhimmel über dem See auf. Ich war zwar todmüde und in 7 Stunden ging bereits mein Flieger, aber ich wollte nicht ohne ihn gehen. Ich lud Tiina ein, mit mir Sterne zu gucken. Sie hatte noch eine Hausarbeit für die Uni zu erledigen, und wollte dann nachkommen. Treffpunkt war der Steg. Ich ließ mir von der Mutter eine Taschenlampe geben und ging Richtung Sterne.

Ich merkte schnell, Sterne fotografieren ist nicht so ganz einfach. So ohne Stativ und alles. Zudem beobachten mich dabei die glühenden Augen einer Katze oder eines Fuchs.


Eine Chemiefabrik in Mäntyharju

Ich wartete in der Dunkelheit auf Tiina. Irgendwann fiel mir dann auch ein, dass ich ja bestimmt die einzige Taschenlampe des Hauses hatte. Wie sollte sie nun also durch die Dunkelheit kommen? Aber sie ist ja hier aufgewachsen. Kind der Natur. So ein bisschen Nacht kann ihr da bestimmt nix.

Irgendwann sah ich es am Ufer flackern. Sie hatte sich noch eine Fahrradleuchte organisiert und um den Kopf gebunden. Dazu sprach sie am Handy mit ihrem Freund. Sie hatte sich wohl doch in der Dunkelheit gegruselt und brauchte eine Stimme, die sie ablenkt. Auf dem See und unter den Sternen war das aber alles nicht mehr wichtig.


Ich bat sie, sich so für das Bild hinzulegen. Sonst hat sie natürlich mehr auf die Sterne, als ihr Handy geschaut.

Auf dem Weg zurück war sie dann nicht mehr alleine. Kurz vor ihrem Haus legte sie sich draußen hin. Sie wollte noch nicht rein, sondern mehr Sterne gucken. Ich legte mich auch auf den kalten Boden. Augen nach oben.


Die Milchstraße

In dieser Nacht zog ein Metoriten-Schauer an der Erde vorbei. Aber das sollte ich erst später erfahren. Während ich noch mit der Kamera hantierte, um ein Bild zu kriegen, zählte Tiina Sternschnuppen. Sie sah drei Stück. Ich sah keine einzige durch meine Kamera.

Mit dem Gesicht voran fiel ich anschließend auf das Bett von Tiinas Schwester. Der Vater würde mich in ein zwei Stunden zum Bus bringen, der mich zum Flughafen bringt.
Na dann kurze Nacht.

Endlich Finnland
Teil 1 – Train Job
Teil 2 – Helsinki ist nicht hell
Teil 3 – Im Haus am See
Teil 4 – Im Innern des Waldes
Teil 5 – Schlaflos in Kopenhagen

Endlich Finnland III: Im Haus am See

Posted in Reis und Reisen by fritz on 19. Januar 2013

Weiter geht die Reise. Tiina lud mich in ihr Heimatdorf ein, zum Haus ihrer Eltern. Hier in Südostfinnland gab es weniger Wind, viele Bäume und unzählige Seen. Einer davon befand sich in ihrem Garten.

Der letzte Morgen auf der Matratze. Wieder war ich der erste, der wach war. Wieder machte ich die Küche sauber. Das Hühnchengelage der letzten Nacht sah und roch man noch. Tiinas Freund verspeist Hähnchenflügel übrigens so: den ganzen Flügel in den Mund, laut schmatzend im Mund hin und her schieben, komplett abnagen, den Kopf dann über den Teller beugen und die Knochen langsam aus dem Mund fallen lassen. Das ganze sieben mal. Ich bekam nur vier Flügel runter.

Ich wollte mich gerade an den Herd machen, dessen schwarzen Fettflecken schon seit fünf Winter eingebrannt waren, da wachte Tiina auf. “Du hättest das nicht alles sauber machen müssen”. Oh doch.

Wir winkten ihrem Freund zum Abschied und machten uns auf den Weg zur Busstation. Die finnische Landschaft ist zersetzt von Seen, Hügeln und tiefen Wäldern. Man kann eine Stunde fahren, ohne je einen Menschen oder eine Straßenlaterne zu sehen. Züge erreichen daher nicht alle Orte. Nützlicher ist das gut ausgebaute Bus-Netzwerk. Für Studenten kosten die sonst sehr teuren Tickets nur die Hälfte. Wie schon auf der Fahrt nach Helsinki ging Tiina vor, lächelte den Fahrer an und meinte, wir sind beide Studenten. Halbherzig zeigte ich meinen Ausweis aus Hannover vor. Meine Finger verdeckten ganz zufällig die halbe Plastikkarte. Doch der Fahrer winkte uns nur nach hinten durch. Ab nach Mäntyharju.

“Wohin?” fragte ich. “Mäntyharrju!“, ausgesprochen Manntüharrrryu. Das R macht die Hälfte des Wortklangs aus.
Ich weiß nicht mehr genau, wie lange die Fahrt dauerte. Wir redeten die ganze Zeit. Über Japan, die Zukunft, die Wälder und die Berge, die am Fenster vorbei zogen. Irgendwann, als die Dämmerung einsetzte, kamen wir in einem kleinen Ort mit Bahnstation an. Davor ein Glaskasten. Es war ein Café im finnisch-amerikanischen Country-Stil. Schwierig zu beschreiben, auf jeden Fall viel Holz, Fässer und Whiskey. Und Tee für 1,50 Euro.
Wir warteten auf Tiinas Vater, der uns mit dem Auto abholen wollte. “Er sieht aus wie der Weihnachtsmann”, sagte sie. “Aber sag ihm nicht, dass er aussieht wie der Weihnachtsmann. Er hört das nicht so gerne.” Auf dem Tisch vor uns lag eine aufgeschlagene Zeitung. Von Seite eins bis zwölf waren nur finnische Politiker abgedruckt. Tiina, die sonst ein positives Wort über jeden sagen kann, hatte diesmal keine. Finnische Politiker, zumindest die abgedruckten, äußerten sich wohl sehr europa-feindlich. Das mag sie nicht. Sie ist für ein harmonisches Zusammenleben und freies Reisen in Europa. Bevor ich zu Seite 13 kam, parkte ihr Vater schon draußen. Er sah tatsächlich aus wie der Weihnachtsmann.

Ich begrüßte ihn auf Finnisch und stellte mich vor. Ich fragte ihn auf Englisch, wie es ihm denn geht. Sein Blick ging zu Tiina. Die lachte nur und meinte “ach ja, mein Vater spricht kein Englisch.” Diese Aussage sollte sich eine Flasche Wodka später als Trugschluss erweisen. Tiina erzählte mir auch einmal, wie sie mit ihrem Freund auf Englisch telefonierte, als sie daheim war. Nach dem Gespräch kicherte ihr Vater schelmisch. Er versteht mehr, als er zugeben möchte.

Auf der Fahrt zum Haus des Weihnachtsmanns saß ich hinten. Dunkle Wälder zogen links und rechts und vorbei und höchstens alle 10 Minuten ein Auto. Das Gespräch kriege ich nicht mehr zusammen. Ich machte nur die mentale Notiz, das es gut lief und ich Eindruck beim Vater machte. Tiina übersetzte fleißig alles, was ich und der Vater sagten. Dabei hob sie ihre Stimme kräftig an. Der Weihnachtsmann war schwerhörig.

An den Lichtern konnte ich erkennen, dass wir in eine Siedlung einbogen. Die letzte Lampe am Ende der Straße gehörte zum Wohnhaus der Familie. Beim Einparken bellte das Haus schon. Jussu, der sehr alte Hund der Familie, begrüßte mich mit seinem Teddi im Mund und nickte mit dem Kopf auf und ab. Fast wie eine höfliche Verbeugung. Ob der Hund krank sei, fragte ich Tiina. Nein, sagte sie, uns hat nur das Bellen genervt, da haben wir ihm das Nicken beigebracht. Jussu war froh mich und Tiina zu sehen.

Die Mutter begrüßte mich per Handschlag und mit einem vollen Kühlschrank. Es waren sogar zwei Kühlschränke. Der eine für Gemüse, Butter, Milch und Wodka. Der andere war oben für die Ernte und unten für das Fleisch von der Jagd und von der Farm. Tiinas Vater hatte es zwar nicht erlegt oder gemästet, aber er hat viele Freunde, die ihn beschenken. Eine Tüte im unterstes Fach enthält ganze Schweinohren. Die bekommt Jussu jeden Abend.
Die Familie deckte den Tisch und ich bezog mein Zimmer. Ich bekam den Raum von Tiinas Schwester. Das offizielle Gästezimmer aber noch so eingerichtet wie zu ihrer Teenager-Zeit, die nur wenige Jahre zurück liegt. Tiinas Schwester steht auf Frauen, daher befanden sich viele junge Damen auf Postern an der Wand. Damit hatte ich nun wirklich keine Probleme. Ganz im Gegenteil.


Eines der wenige Poster ohne jungen Dame im Zimmer: Eine Karte der Welt der Mumins

Und endlich gabs ein richtiges Bett! Ich hätte direkt einschlafen können, doch der Geruch aus der Küche lockte. Vorher gab mir der Vater noch eine Tour des Hauses. Tiina konnte nicht mehr übersetzen, da sie mit ihrem Freund telefonierte. Ich verstand zwar kein Finnisch, aber was das Wohnzimmer und was das Klo war, konnte ich so einigermaßen ausmachen. Wir beendeten die Tour im Kaminzimmer, wo der Vater frischgeschlagenes Holz anzündete. Es knisterte. Ich war die ganze Woche nicht so entspannt wie in diesem Moment.

Ein Wort der Tour des Hauses verstand ich aber. Sauna. Jedes Haus in Finnland hat eine. Das Feuer im Kamin wärmte sie bereits auf. Nach dem Essen sollte jeder einmal rein. “Du verlässt das Land nicht, ohne in einer Sauna gewesen zu sein!” drohte mir Tiina mit einem Lächeln. “Du bist Sauna ja nicht gewohnt, also starten wir mal bei 70°C.” Ich schwitzte schon beim Gedanken daran.

Beim Essen gab es selbstgemachte Fleischbällchen und Saft aus Moosbeeren. Die Erkältung, die Tiina und ihr Freund die letzten Tage plagte, machte sich nun auch bei mir breit. Schon in Porvoo kündigte Tiina das Hausmittel ihrer Mutter gegen Erkältungen an: in Wodka aufgelöster Knoblauch. Den gab es im Anschluss. Die Mutter stellte das Schnapsglas vor mir auf den Tisch und drei Finnen guckten mich erwartungsvoll an. Der Geruch von Knoblauch war streng. Mit einem großen Schluck leerte ich das Glas. Eine Wärme machte sich in meinem Hals breit. Als ich das Glas wieder auf den Tisch stellte, merkte ich, dass die Blicke immer noch auf mir ruhten. Es ist gut, sagte ich. Erleichterung. Kann ich noch einen haben? Mutter war zufrieden und schenkte nach, der Vater lachte anerkennend und bot mir gleich einen Whiskey an. Und Tiina gluckste vergnügt.


Die Siedlung erinnerte mich an nordamerikanische Suburbs. Alle Häuser sind flach gebaut. Genug Platz hat man ja.

Zurück im Zimmer checkte ich meine Ausrüstung. Nichts vergessen, alles ist da und noch Platz für knapp 1.000 Bilder. Sollte reichen. Es klopfte an die Tür. Die Sauna sei nun fertig, aber zunächst würden die Eltern reingehen. Ein nackter Weihnachtsmann ging im Flur an mir vorbei und lachte.

Die Familie sauniert jeden Abend, es gehört dazu wie das Zähneputzen. Feuchtglänzend und mit einem Handtuch bekleidet erklärte mir der Vater, hauptberuflich Elektro-Ingenieur, wie Sauna funktioniert. Seine Handzeichen brauchten keine Übersetzung: Du sitzt hier. Da sind die Kohlen. Hier ist die Kelle. Dann machst du so. Er schüttete frisches Wasser auf die Kohlen und es zischte. Der Dampf beschlug mir die Brille. Okay, sagte ich. Okay sagte der Weihnachtsmann, lachte und ging mit Frau Weihnachtsmann ins Schlafzimmer. Ich war nun auf mich allein gestellt.

Wie beim Bad in einer heißen Quelle in Japan duscht man sich, bevor man in die Sauna geht. Ich ließ meine Brille im Vorraum und setzte mich aufs Fichtenholz. Es dampfte.

Und nun? Lektüre kann man sich in den Dampf nicht mitnehmen. Mein iPod hätte in der Luftfeuchtigkeit wahrscheinlich einen Kurzschluss. Aber auch mal gut, auf nichts starren zu müssen, und die Gedanken frei im Dampf atmen zu lassen.

Nach einer Weile löste ich mich wieder vom Holz und ging raus. Tiina stand schon im Gang. Und? Wie wars? Ich keuchte. Sie reichte mir ein Glas Eiswasser. Um das verlorene Wasser zurück zu bekommen, sagte sie. Eine echte Saunaexpertin. In der einen Hand das Handtuch um meine Hüfte, in der anderen das Glas, ging ich durch das Kaminzimmer in den Garten. Zum Abkühlen. Es war frisch, aber es wehte kein Wind. Über dem See konnte man die Milchstraße im Himmel erkennen.

Wieder drin warf ich mir Schlafklamotten über und fiel im lesbischen Zimmer aufs Bett. Nichts in der Welt hätte mich jetzt davon wegziehen können.

Der nächste Tag war diesig. Während meiner gesamten Zeit in Finnland wechselte sich das Wetter ab. Sonne, wolkig, Sonne, wolkig. Heute wars grau.
Tiina hatte eigentlich einen besonderen Platz im Wald, den sie mir zeigen wollte. Aber der sollte auf gutes Wetter warten. Heute gingen wir nur um den See.

So ein finnischer Mischwald gewinnt echt gegen deutsche Monokulturen-Wälder.

Überall lagen vereinzelt kleine Boote. Alle waren nur aufs Land geschoben, keins war vertaut. Alle gehörten den Anwohnern. Das Gebiet ist beliebt bei Urlaubern, erklärte Tiina. Viele haben hier ihr Sommerhaus. Im Winter und Herbst sind die meisten der Behausungen leer und es ist ruhig. So wie jetzt.

Wir erreichten einen Steg. Der See lag ruhig und fast unberührt vor uns.

Die Bootshäuser warteten auf den nächsten Frühling. Tiina tanzte derweil den Steg entlang.

Ein Schild begrüßte uns, als wir aus dem Wald heraus kamen. Auch wenn man in Finnland nie wirklich aus dem Wald heraus kommt.

Da ich die ganze Zeit fotografierte, versuchte sich Tiina auch einmal in den Spuren des Regens.

Das Ergebnis:

Tiinas Familie war nicht der einzige Grund, warum ich nach Mäntyharju fuhr. Dort gab es nämlich eine Geschichte für mich zu fotografieren. Zu dieser Geschichte kann ich mich an dieser Stelle noch nicht äußern. Es ging um ein Auto, eine Sauna mit zwei dicke Finnen und mir in der Mitte, und eine große Flasche Wodka.
Ein Andermal.

Viel wichtiger ist, dass ich an diesem Morgen nicht die Küche putzen musste. Das erledigte die Frau des Weihnachtsmanns.


Jussus Teddy. Bissfest.

Im nächsten Teil geht es dann noch tiefer in die finnischen Wälder.

Endlich Finnland
Teil 1 – Train Job
Teil 2 – Helsinki ist nicht hell
Teil 3 – Im Haus am See
Teil 4 – Im Innern des Waldes
Teil 5 – Schlaflos in Kopenhagen

Endlich Finnland II: Helsinki ist nicht hell

Posted in Reis und Reisen by fritz on 28. Dezember 2012

Der erste Tag begann in einer kleinischen finnischen Stadt – die sich dann doch mehr nach Vietnam anfühlte. Nach einem beschaulichen Spaziergang ging es auch schon in die Hauptstadt, wo es ein unerwartetes Wiedersehen gab.

Wenige Stunden nach meiner Ankunft wachte ich am Boden des Wohnzimmers wieder auf. Es war hell, die Blätter der Birken vor dem Fenster leuchteten grün und tanzten im Wind. Ich machte das Fenster zu. Der Wind des finnischen Herbstes legte sich kalt auf meine Matratze am Boden. Acht Uhr früh. Ach herje.

Erst fünf Stunden zuvor legte ich mich hin, nach zwei Tagen auf Reisen ohne Schlaf. Der Rest der WG schlief noch. Das Wasser in der Heizung plätzscherte wie ein kleiner Bach unterm Haus. Ich stand auf und duschte.

Die WG bestand aus meiner Freundin und zwei Vietnamesen. Mit einem davon teilte sie das Bett. Alle waren Studenten der örtlichen Fakultät, die wiederum zur Universität der nächstgrößeren Stadt gehörte.
Selbst in Finnland ist es ungewöhnlich, dass sich Studenten ein ganzes Haus leisten können. Doch das Vier-Zimmer-Anwesen gehörte einer alten Dame, die ihr Haus ohne Erben und ohne Sauna hinterließ.

Schon beim Aufwachen nahm ich den strengen Geruch war. Es roch nach vietnamesischen Essen, zwischen drei und fünf Tagen alt. In der Spüle sammelt sich das Geschirr und die Essensreste. Als meine Freundin dann gegen 13 Uhr zusammen mit dem Rest des Hauses erwachte, entschuldigte sie sich für die Verhältnisse. Wie ich später herausfand, konnte sie am wenigsten dafür.
Wir gingen spazieren.

Zwei Jahre hatten wir uns jetzt nicht gesehen. Ich lernte sie kennen, als ich noch in Tokyo lebte. Alles begann mit ihrem Bett:
Mein Rücken und ich waren den dünnen Futon leid, auf dem ich schlief. Ich wollte unbedingt ein Bett haben. Tiina, meine finnische Freundin, bot eines im Internet an. Sie wohnte zwar in einem anderen Stadtteil in Tokyo, doch der Preis sagte mir zu. Da ich zwischendurch immer mal wieder für Fotos unterwegs war, verschob sich der Abholtermin immer wieder, bis sie es schlussendlich an jemanden anders verkaufte. Doch durch die vielen Emails, die wir uns schickten, waren wir einander inzwischen so sympathisch, dass wir uns treffen wollten. Sie studierte damals Japanisch, wollte aber lieber etwas kreatives machen. Was lag also näher, als zur Design Festa zu gehen, die an dem kommenden Wochenende stattfinden sollte? Obwohl wir uns im Laufe meines Jahres in Tokyo nur noch drei weitere Male trafen, unsere Freundschaft blieb eng und tief.

Was uns verbindet sind nämlich nicht unbedingt die gemeinsamen Erinnerungen, oder dass wir die gleichen Dinge hassen. Es ist eine Art Seelenverwandtschaft. Wir sind beide gleich alt, selbst der Altersunterschied unserer Väter beträgt nur zwei Tage. Wir beide kamen nach Japan, um etwas zu suchen, was wir zuhause nicht fanden – ohne je genau zu wissen, was es war. Wir beide kehrten zurück, waren planlos und trafen doch unabhängig voneinander die gleiche Entscheidung, wie unser Leben weiter verlaufen sollte, jeweils mit einer ähnlichen Motivation.

Auf dem Weg setzte sich ein Käfer auf Tiinas Hand. Sanft setzte sie ihn auf einem riesigen Findling inmitten des Waldes ab. Der Käfer habe genau so ein Recht darauf glücklich zu sein, wie sie, sagte sie mir. Selbst die Wespe, die sich später am Tag ins Wohnzimmer verirrte, sammelte sie ein und entließ sie in die Freiheit.
(Ich persönlich hasse Wespen und verfolge eine Null-Toleranz-Politik wenn ich die Biester sehe)

Tiina mag Reisen. Obwohl sie Finnlands Natur liebt, so ganz wohl fühlt sie sich hier nicht. Ich bin ihr einziger nicht-asiatischer Freund, sagte sie mir über einer heißen Schokolade. Wir saßen im örtlichen Café, das auf einem Schiff gebaut wurde. Der Ort, Porvoo, war im Land als einer der ältesten bekannt. Besonders berühmt sind seine Schiffshäuser.

Ihr Freund war nicht geplant. Nach ihrer Rückkehr aus Japan, die ein Jahr nach meiner passierte, wollte sie sich möglichst wenig binden. Weder an das Land, noch die Leute. Bloß schnell wieder weg. Doch dann passierte es.

Mit ihrem Freund war sie im Sommer zuvor in Vietnam, seiner Heimat. Dort war er der kleine Prinz. Seine Mutter und seine Schwestern räumten ihm alles hinterher, bedienten ihn am Essenstisch und er musste sich um nix kümmern. Diese Tradition brachte er mit nach Finnland und das Geschirr stapelt sich. Der Mitbewohner der beiden, ebenfalls Vietnamese, tut es ihm gleich. Es gibt regelmäßig Streit über das Geschirr. Und während sie sich streiten, stapelt es sich, und keiner fühlt sich verantwortlich.
Wir nahmen den Weg zurück durch den Wald.

Zurück im Haus dröhnte vietnamesischer Schlager. Die halbe WG spielte nebenbei Warcraft. Ich nutzte die Gelegenheit um ein paar Mails nachhause zu schreiben. Die Musik nervte, aber als Gast, der kostenlos logierte, hielt ich mich zurück.
Gefällt dir der Sänger Fritz?
-Was?
DER SÄNGER?
-Ja, ist super, nur n bisschen laut, wa?
Ja genau!

Überall im Haus lagen Laptops, bereit gestellt von der örtlichen Uni. Sie waren so kostenfrei wie das gesamte Studium. Das Haus finanziert das finnische Bafög. Als Student hat man viel Vergünstigungen, die allerdings das gesamte Land trägt. Alles ist teuer in Finnland. Nur die Bildung ist gratis.

Tiina klagte derweil über Schmerzen. Auf meine Nachfrage meinte sie nur “Frauenschmerzen”. Meine Expertise auf diesem Gebiet beschränkt sich auf Aspirin und Wärmflasche. Beides nahm sie bereits, bedankte sich aber für die Anteilnahme. Ihr Freund klagte derweil über Schnupfen und nötigte sie, ihm ne Suppe zu kochen, da er weiterspielen möchte. Ich tippte weiter und schickte meine Kommentare nach Deutschland, statt an meine Gastgeber.


Tiina mag das Bild, das zum Haus mitgeliefert kam. Es erinnert sie ans Reisen und an die Ferne

Am nächsten Tag ging es nach Helsinki. Wieder war ich der erste im Haus, der wach wurde. Da ich mittlerweile den Geruch der Küche, deren offene Tür einen Meter von meiner Matratze entfernt war, nicht mehr ertragen konnte, reinigte ich das Geschirr. Und den Rest der Küche. Als Tiina aufwachte und in die Küche kam, stand sie sprachlos vor mir. Das hatte ich nicht erwartet, sagte sie. Das ist doch selbstverständlich, sagte ich. Inzwischen hatte sie auch den Schnupfen von ihrem Freund übernommen. Bei jedem Nieser wünschte ich ihr Gesundheit. So viel Höflichkeit kannte ich nicht. Sind alle Deutschen so höflich, fragte sie. Ich meinte nur, man muss nicht unbedingt deutsch sein, um höflich zu sein. Man muss sich nur um seine Mitmenschen sorgen. Ich sagte dem Freund Tschüss und wir gingen zum Bus Richtung Helsinki.

Helsinki ist jung ergraut. Wie das Land selbst existiert seine Hauptstadt noch nicht so lange. Man merkt ihr das junge Alter an und den Reichtum dieses nordeuropäischen Landes. Gegen das graue Wetter stach die Stadt allerdings nicht mit Farbprächtigkeit hervor. Deswegen habe ich die Bilder gleich eh alle in Schwarz/Weiß gezogen.

Tiina lebte selbst einmal hier und zeigte mir alles Sehenswerte.

Am Hafen ruhten wir uns kurz aus und aßen eine Bratwurst aus Rentierfleisch. Mild-würzig.
Zwei Tage habe ich nun schon das Treiben in ihrer WG verfolgt. Ich war besorgt und fragte nach, ob sie das alles auch so wahrnimmt wie ich. Sie lächelt nur. Keine Sorge Fritz, der ist sonst ganz anders und viel netter. Wo du jetzt hier bist, lässt er den Macho raushängen und ist eifersüchtig. Tut ihm mal ganz gut, ergänzte sie und lächelte Richtung Wasser. Ich aß mein Rentier etwas beruhigter.

Tiinas Schwester arbeitet in Helsinki. Sie ist Fachfrau für Kosmetik und steht auf Frauen. Das weiß sie aber erst seit ein paar Jahren. In dem Dorf, aus dem beide Schwester kamen, gab es so etwas nicht. Dass also diese Option existiert, auch Frauen zu mögen, das hat sie erst in der Hauptstadt gelernt. So erklärte es mir zumindest Tiina. Die Schwester ist größer als Tiina und auch ein Stückchen reifer, trotzdem ist sie die jüngere der zwei. Tiina besucht sie gerne in Helsinki, denn dann bekommt sie immer gratis Make-Up.
Tiinas Schwester ist sehr gut in dem, was sie macht. Im ersten Monat nach Abschluss ihrer Ausbildung hatte sie bereits den Verkaufsrekord gebrochen – nicht nur den in ihrem Laden, sondern den von gesamt Finnland. Sie war wahrscheinlich auch eine Inspiration für Tiina, die in Japan immer Maskenbildnerin werden wollte. Dann wollte sie zum Film. Wieder in Finnland wollte sie als Tourismusfrau nach Korea. Und jetzt? Sie lächelt nur breit und meint, sie weiss es nicht. Es ist auch nicht so wichtig, um glücklich zu sein.

Als jemand, der schon seit jungen Jahren sehr, sehr zielstrebig bestimmte Dinge verfolgt, nerven mich Gespräche mit so wankelhaften Gemütern eigentlich sehr. Nur bei Tiina nicht. Sie pflichtet mir da auch bei. Sie kann Leute nicht ausstehen, die nicht wissen, was sie wollen. Was sie und mich allerdings von denen unterscheidet, ist die Leidenschaft. Es ist okay, nicht zu wissen was man will, oder lange ein Ziel zu verfolgen. Solange man Leidenschaft im Herzen trägt.

Gegen 19 Uhr standen wir vor dem großen Kaufhaus, in dem Tiinas Schwester inzwischen Feierabend hatte. Es war ein altes, ehrwürdiges Kaufhaus. Die historische Uhr am Eingang gilt als beliebter Treffpunkt. Dort standen wir nun, doch die Uhr war weg.

Wir warteten auf eine Japanerin, unklar ob sie unsere Nachricht verstand und ob sie die Uhr ohne Uhr finden würde.

Sie war Austauschstudentin an meiner Uni in Hannover. Eines Tages hing ein Aushang am Fahrstuhl, unser Ersatz für ein mangelndes Schwarzes Brett. “Fotograf gesucht für etwas mit Japan” stand darauf. Ich fühlte mich angesprochen. Drei Tage später traf ich Yuki in einem Lokal in Hannover. Sie sprach kein Deutsch, schlechtes Englisch und war ganz aus dem Häuschen, dass ich ihr Japanisch verstand. Sie plante eine Foto-Ausstellung in Hiroshima, Thema war “Leben”. Deutsche und japanische Studenten sollten darin Lebenswelten zeigen. Dafür wollte sie Gelder bei der Stadt Hiroshima beantragen. Vorher reist sie aber erstmal quer durch Europa. Wo sie ja schonmal auf dem Kontinent ist. Dabei reist sie natürlich wie eine Japanerin. Pro Land ein Tag.

An einem Tag war sie in Helsinki. Exakt an dem Tag, wo ich in Helsinki war. Sie wusste meine Reisepläne nicht, ich auch nicht ihre. Trotzdem fanden wir uns vor einem finnischen Kaufhaus, unter der verschwundenen Uhr wieder. Yuki, inzwischen mit ihrem japanischen Freund als Reisegefährten unterwegs, konnte es nicht glauben. Im Laufe des Abends erwähnte sie noch dreimal, wie unwahrscheinlich doch unser Zusammentreffen war. Dennoch saßen wir alle zusammen. Japaner + -in, zwei Finninnen und ein Deutscher, der die größte Kamera im Raum bedienen musste.

Tischsprache war Japanisch, und meins war am schlechtesten. Vier Wochen später sollte ich schon wieder in Japan sein. Ich schaute besorgt in meine Teetasse.

Mit dem vorletzten Bus ging es zurück nach Porvoo. In der Dunkelheit gingen wir zurück zum Wohnhaus, aus dem immer noch vietnamesischer Schlager dröhnte.
Na dann gute Nacht.

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