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Making of: Im Tal der Puppen

Posted in journalistische abenteuer, Reis und Reisen, Video by fritz on 15. November 2014

Im November 2013 brach ich auf, ins Tal der Puppen. Im April 2014 veröffentlichte ich die Geschichte. Und im November 2014 erhielt ich in Frankfurt einen großen Preis dafür. Zeit für die Geschichte hinter der Geschichte

Achtung: Wer das Video bis jetzt immer noch nicht gesehen hat, sollte das jetzt tun – “Im Tal der Puppen” auf Vimeo

Die häufigste Frage, die mir zu der Geschichte gestellt wurde: Wie hast du das gefunden?
Die Antwort ist tatsächlich relativ unspektakulär. Seit meiner Zeit in Tokyo 2009-2010 verfolge ich Webseiten, Blogs, und Twitter zu Japan. Taucht da was interessantes auf, kommt es in eine Liste von “Geschichten, die man mal machen kann”. So fand ich 2010 einen Blogeintrag zu dem Dorf der Puppen. Der Eintrag auf Englisch wurde veröffentlicht im Blog der Tokyo Times, das Original gibt es nicht mehr, aber hier ist eine Kopie.
Lange Zeit war das die einzige englischsprachige Quelle für die Geschichte, und es wurden immer die gleichen Bilder daraus kopiert. Ich merkte damals schon, welchen großen Anklang die Geschichte fand, auch wenn ich den Artikel für nicht sonderlich gelungen hielt.

Als ich dann im Oktober 2013 nach Hiroshima gezogen bin, warf ich wieder einen Blick auf meine Liste der Geschichten. Shikoku, wo das Tal sein sollte, lag relativ nah, also ging ich die Geschichte an.

Die lange Fahrt bis zum Tal

Ich kann die Geschichte nicht erzählen ohne Yuki und Miki.
Beide verbrachten 2012/13 ein Jahr an meiner Uni in Hannover, als Teil des gleichen Austauschprogramms, welches mich nach Hiroshima brachte. In der Zeit traf ich allerdings nur Yuki, und auch nur einmal. Sie wollte eine Ausstellung in Hiroshima machen und suchte noch nach deutschen Fotografen. Yuki spricht kein Deutsch und schlecht Englisch. Sie war absolut froh, dass sie mit mir jemanden gefunden hatte, mit dem sie sich endlich einigermaßen normal verständigen konnte. Wir trafen uns auf ein Stück Kuchen.

Yuki ist eine begnadete Designerin mit riesigen Talent. Sie war mit Abstand die beste Grafikerin als sie noch in Hiroshima studierte und sie gewinnt regelmäßige Wettbewerbe mit ihren Entwürfen. Sie ist auch Sängerin ihrer Band und großer Fan der japanischen Idol-Kultur. Man sieht es ihrem Körper an. Aber die verlässlichste ist sie nicht.

Im Sommer 2013, vor meinem Abflug, sprach ich mit Yuki über diese Geschichte. Sie meinte nur “supercool!” und “ich stamme aus Shikoku! Ich werde dir helfen!”

Ich wollte die Geschichte unbedingt im Herbst machen, weil ich visuell diesen Zustand zwischen lebendig und tot transportieren wollte, welcher diese Geschichte ausmacht. Nachdem Yuki mich nun immer wieder hingehalten und den Termin für unsere Abfahrt verschoben hatte, setzte ich ihr ein Ultimatum. Jetzt oder nie. Zur Not mach ich es eben ohne sie.


Letzte Vorbereitung und Kameracheck in der Nacht zuvor

Das war an einem Donnerstag. Ich war morgens aus Tokyo zurückgekehrt und es war eigentlich auch geplant, dass wir an diesem Wochenende fahren. Donnerstag Mittag meinte Yuki noch, dass es wohl doch schwierig sei, aber am Nachmittag war sie dann mit dabei. “Soll ich noch jemanden mitnehmen um dir zu helfen?” fragte sie. Warum nicht. Also rief Yuki Miki an. Treffpunkt war Freitag morgen um 6:45 Uhr.

Auf die Insel

Miki hatte ich vorher ein paar Mal gesehen, aber viel wusste ich noch nicht von ihr. Sie ist DJ, liebt deutschen Techno, hat eine für Japanerinnen ungewöhnlich tiefe Stimme und dazu einen sehr trockenen Humor. Miki war pünktlich.

Der Bus sollte 7.09 Uhr nach Tokushima fahren. Doch selbst um 7 Uhr war Yuki nicht zu sehen. Miki kaufte mir schon mal ein Ticket. Ich hatte nämlich zu dem Zeitpunkt kein Geld dabei und keine Chance welches abzuheben. Meine Kreditkarte muss nämlich regelmäßig aufgeladen werden, was ich zwar zuvor tat, aber das Geld war noch nicht drauf. 7.07 Uhr, kein Geld, keine Yuki, aber ein Busticket, das mir Miki in die Hand drückte. Was nun.

Miki schubste mich Richtung Bus und meinte, ich solle schon mal fahren, die beiden kommen dann nach. Mit der dicken Kameratasche drückte ich mich am Fahrer vorbei, der schon etwas angepisst war, da er schon längst losgefahren sein wollte. Miki meinte noch kurz auf Deutsch, dass der Busfahrer “nicht freundlich” ist, da ging die Tür vor ihr schon zu. Etwas verwirrt setzte ich mich auf den freien Platz hinter den Fahrer. Der nuschelte daraufhin etwas energisch durch seinen Mundschutz. Ich sagte nur “Hai!” und setzte mich. Er nuschelte erneut, nun lauter. Jetzt verstand ich es auch. “Ich hab gesagt: Dort nicht hinsetzen!”. Ich trollte mich zum Ende vom Bus.

Es ging durch Täler, durch Berge, über viele Brücken und nach zwei Stunden war ich dann in Tokushima. Kaum war ich aus dem Bus, sprach mich eine japanische Frau an. “Du bist Fritz, richtig?”. Es war die Mutter von Yuki. Sie hatte ihre Eltern überzeugt uns ins Tal der Puppen zu fahren. Sie warteten nun auf uns in Tokushima, aber es war nur der Deutsche da.
“Yuki hat mich angerufen. Sie hat mit Miki die Fähre genommen, sie kommt in Ehime an. Wir fahren jetzt dorthin.”

Zum Verständnis: Shikoku besteht aus vier Präfekturen. Die Eltern stammen aus Ehime, das Tal der Puppen liegt in Tokushima. Die Eltern sind also aus Ehime nach Tokushima gefahren, um dann wieder zurück nach Ehime zu fahren um die Tochter abzuholen, nur um dann wieder zurück nach Tokushima zu fahren.
Yuki ist übrigens Einzelkind.

Die Eltern waren nicht sehr gesprächig. Der Vater ist in der Abfallsentsorgung tätig, die Mutter arbeitet auf dem Markt und hat sich extra für heute freigenommen. Beide haben nicht studiert, die Tochter schon – für knapp 6.000 Euro im Jahr. Aber so richtig Druck, was sie danach machen soll, machen sie ihr nicht.

Immer an der Küste entlang erreichten wir irgendwann den Hafen. Yuki verbeugte sich tief und entschuldigte sich fünf Mal. Miki grinste nur und holte schon mal die Kamera raus. Yuki hatte sich für die Fähre entschieden, weil diese schneller als der Bus war. Was sie nicht beachtete: Die Fähre ist doppelt so teuer und kommt an einer anderen Ecke von Shikoku an.
Am Abend zuvor bat ich Yuki mir die Interview-Fragen auszudrucken, welche sie übersetzen wollte. Ich fragte sie, ob sie das Papier dabei hat, weil mir noch ein paar Fragen eingefallen sind. Doch sie hatte die Fragen in der Fähre liegen lassen. Natürlich.


Bevor es losging, luden die Eltern noch schnell zum Udon ein

Das Idol und der Samurai

Im nächsten Conbini besorgten wir noch Proviant und druckten das Interview erneut aus. Bis zum Tal waren es noch ein paar Stunden, also nutzten wir die Zeit das Interview zu korrigieren.

Mit meinem begrenzten Japanisch schaute ich ab und an aufs Blatt und stellte selbst noch einige Fehler fest. Yuki erzählte in der Zwischenzeit von ihrem letzten Konzert und dem nächsten Auftritt, der im Dezember geplant war. Miki korrigierte mit ernster Miene und fragte ab und an, was ein Wort auf Deutsch heisst.

Nach drei Stunden Fahrt:
“Fritz, wann erwartet uns die Dame?”
-”Sie erwartet uns gar nicht.”
“…du hast sie nicht vorher angerufen…??”
-”Nein, ich weiss nicht einmal ob sie noch lebt.”
“Das heisst wir fahren seit Stunden komplett ins Ungewisse?”
Ich lächelte nur und sagte: “Richtig. Abenteuer!”

Das ist meine Auffassung von Journalismus. Einfach irgendwohin fahren und schauen was sich entwickelt. Alle Kontakte, Antworten und Termine vorher zu haben, das ist langweilig. Aber für Japaner, die alles immer gern dreimal abgesichert haben möchten, war das natürlich nicht einfach nachzuvollziehen. Yuki zeigte sich besorgt, ihren Eltern war es egal und Miki hob nur leicht die Faust und sagte trocken “Abenteuer.”

Die gesamte Autofahrt war tatsächlich sehr unterhaltsam. An der Tür saß Yuki, die sich mit einer Energie in Aufregung und Sorge stürzte, und sich dabei über jeden Fluss, Brücke und dörfische Landschaft kindlich freute. Und neben mir saß ein ernster Samurai, der manchmal nur mit der Augenbraue zucken musste, um eine Pointe zu setzen. Selbst wenn wir die Puppenfrau nicht gefunden hätten, der Roadtrip alleine war die Reise wert. Auch die Eltern freuten sich, mal einen Teil von Shikoku zu entdecken, in dem sie vorher noch nie waren.

Wir fuhren seit über einer Stunde durch das Tal. Die teilweise einspurige Straße am Berg entlang war leer und kurvig. Überall nur Berge, Wälder, Bäume, aber keine Puppen. Nach einer Kurve zu viel bat ich um eine Pause. Mir war schlecht und ich brauchte kurz frische Luft. Wir hielten zufälligerweise direkt neben dem Touristen-Informationsbüro vom östlichen Iya-Tal. Vielleicht wissen die ja was von den Puppen. Yuki und Miki gingen voran, ich folgte langsam. Beim Betreten hatten wir dann unsere Antwort.

Die Puppen sahen genau so aus wie die, die ich auf den Fotos gesehen hatte. Wir fragten die Dame im Büro, die ihren Kollegen holte. Ein lustiger Kauz. Es stellt sich heraus, dass er ein Freund der Puppenfrau ist. Er malte uns eine Karte. “Ohne diese Karte hättet ihr das Dorf nie gefunden” sagte er noch, als wir gingen.
Glück muss man haben.

Es dauerte noch mal ungefähr eine Stunde, bevor wir das Dorf erreichten. Yuki las ihren Eltern die Karte vor. Je näher wir Nagoro kamen, desto mehr Puppen tauchten links und rechts der Straße auf. Meine Aufregung wuchs. Ich konnte spüren, dass wir der Geschichte ganz nah waren.

Es gab zwar kein Ortsschild, aber als wir ungefähr den markierten Punkt auf der Karte trafen, tauchte rechts von uns ein Haus auf, vor dem sich unzählige Puppen befanden. “Wir habens!” rief ich von hinten und Yukis Vater fuhr zum Haus hinauf. Yuki und Miki waren nun auch von meiner Begeisterung angesteckt und stürmten hinaus. Wir sahen eine alte Dame, die einem älteren Paar etwas erklärte. Das musste sie sein.

Das lange Interview

“Hallo! Sind Sie Ayano Tsukimi?”
-”…ja?”
“Meine Name ist Fritz Schumann, ich bin Journalist aus Deutschland. Ich würde sie gerne etwas begleiten und einen Film über sie machen!”
-”……..in Ordnung.”

Zugegeben, für japanische Verhältnisse war das sehr direkt. Ich bin mit der Kamera direkt durch die Schiebetür ins Haus gefallen. Und sie war am Anfang auch etwas distanziert. “Ich habe gerade Gäste. Wartet mal zwei Stunden, dann habe ich Zeit für euch.”
Wir berieten uns kurz. Am Abend wollten Miki, Yuki und ihre Eltern eigentlich wieder nach Hause. Und es wurde bereits dunkel. Blieben wir nun alle oder kommen wir später wieder?
Yuki, angesteckt vom Abenteuer und meiner Begeisterung, redete auf ihre Eltern ein, während ich die Kamera aufbaute. Natürlich sagten die Eltern ja. Yuki und Miki wollten auch sofort damit anfangen, den Film zu machen. Ich bat sie aber erstmal mir aus dem Bild zu gehen.

Es dauerte keine 30 Minuten, da kam Ayano Tsukimi wieder zu mir, diesmal sichtlich freundlicher. Wir können das Interview jetzt machen sagte sie. Ich baute Ton und Technik auf.

Yukis Eltern befanden sich während des gesamten Interviews nur einen Meter von Ayano Tsukimi entfernt. Beide schliefen. Die lange Fahrt war dann doch anstrengend.

Das Interview lief schleppend. Es war mein erstes Interview in Japan und Miki stellte meine Fragen. Sie war absolut nervös, aber wahrte als echter Samurai die ernste Miene und blieb diszipliniert dabei. Yuki hielt das Mikro und schlief dabei fast ein.

Die Fragen, die bei Deutschen noch funktionierten, klappten bei ihr nicht. Direkten Fragen wich sie aus, auf andere Fragen antwortete sie nur vage. Teilweise musste ich eine Frage fünf mal stellen, bevor ich eine verwertbare Antwort bekam. Ich war nach dem Interview schon etwas enttäuscht.

Es sollte um das Thema Tod, Einsamkeit und Erinnerung gehen. Doch zitierbare Sätze gab sie mir kaum. Zudem verstand ich zu dem Zeitpunkt nur so ca. 30% der Antworten. Alle 20 Minuten tönte auch ein Alarm und wir mussten pausieren.
In dieser isolierten Region ist jedes Haus mit einem Nachrichtennetzwerk ausgestattet. Falls jemand vermisst ist, vor Unwetter gewarnt wird oder sonstiges. In den Nachrichten tauchten immer alte Damen auf, die verloren gingen oder wieder gefunden wurden. Yuki seufzte bei jeder Nachricht. Ich stöhnte, und Miki raschelte mit dem Papier.

Nach 45 Minuten hatte Ayano Tsukimi keine Lust mehr. Sie gab schon viele Interviews über ihre Puppen, aber keiner stellte je so viele Fragen wie dieser Deutsche jetzt. Ich stellte noch ein paar, aber nach weiteren 45 Minuten war dann auch Schluss. Ich hatte nicht, was ich wollte, und dachte eh nicht mehr, dass ich es bekommen kann.

“Wo schläfst du heute?” fragte sie mich. Keine Ahnung. Ich hatte drauf spekuliert, dass ich bei ihr übernachten konnte. Doch obwohl sie mich inzwischen dann doch recht sympathisch gefunden hatte, war das nicht drin. Ist in Japan eh nicht üblich.
Sie empfahl mir ein Minshuku, ein simples Gasthaus, 15 Minuten mit dem Auto entfernt. Yuki gleich nervös “Ruf da sofort an! Vielleicht haben die keine Zimmer mehr!”. Japaner habens gerne sicher. Tatsächlich gab es an dem Abend neben mir nur noch zwei weitere Gäste. Die restlichen 20 Zimmer waren frei.

Es war bereits stockfinster und unser Auto quälte sich langsam die Kurven entlang. In den Scheinwerfern tauchten manchmal die Puppen auf und oft stoppten wir kurz erschrocken, in der Erwartung es sei ein Mensch.

Die Nacht im Sturm

Das Minshuku wusste Bescheid und nach einer kurzen Erklärung seitens Yuki ließ man mich auch rein. Noch schnell die Verabschiedung und das Auto fuhr wieder Richtung Ehime. Ich war jetzt alleine.
Der Manager, die Köchin und ein Angestellter Ende 20 begrüßten mich. Ich stellte fest, dass ich meinen Ausweis in Hiroshima vergessen hatte. Zähneknirschend meinte man, das sei kein Problem, ich solle nur meine Adresse aufschreiben. Die wusste ich aber auch nicht aus dem Kopf, schließlich wohnte ich erst seit vier Wochen dort. Die Angestellten wechselten besorgte Blicke.

Ich schrieb einfach “Hiroshima City University” rein und meinem Namen dazu. “Ach und eins noch…” sagte ich und zückte meine Kreditkarte. “Akzeptiert ihr das? Ich hab nämlich kein Geld dabei.” Die Antwort auf die Frage wusste ich schon. Nein, sie akzeptierten das nicht.
Da war also nun ein Ausländer im Gasthaus, ohne Auto, ohne Ausweis und ohne Geld. Ob ich noch was essen möchte, fragte man mich trotzdem.

In der Nacht zog ein Sturm übers Tal, er hatte sich schon am Tag angedeutet. Im Fernsehen sah ich noch einen überraschend lustigen japanischen Film über einen Geist, der als Zeuge in einem Mordprozess aussagt. Der Wind pfeift durch das Holz des Hauses und drückte auf das Dach über mir. Es quietschte, haulte, knackte und wackelte alles. Ich schlief ein.
In der Nacht träumte ich auch von einem Geist, der irgendwas von mir wollte, aber ich bekämpfte ihn am Ende.

Drehtag

Am nächsten Morgen ging ich runter in den Essensraum. Die Drei der letzten Nacht schienen bereits auf mich zu warten. “Du musst heute abreisen” sagte man mir.

Etwas irritiert setzte ich mich an den Tisch, wo bereits roher Fisch und gekochter Reis warteten. Der Älteste ergänzte: “Es kommt ein Sturm, wir machen heute dicht. Es haben Leute abgesagt und du bist unser einziger Gast. Es lohnt sich nicht. Bitte verlasse uns heute.” Ich nahm einen Schluck grünen Tee und fragte mich, ob es nicht vielleicht doch etwas damit zu tun hat, dass ich ohne Geld und Ausweis hier gestrandet war.

Zum Dorf der Puppen fuhr kein Bus. Mein Plan war, dass ich entweder trampe oder laufe (ca. eine Stunde). Denn ich musste unbedingt bleiben und die Geschichte machen. Nach etwas hin und her haben wir dann entschieden, dass der jüngste Angestellte mich 30 Minuten zum nächsten Post-Amt fährt, wo ich (hoffentlich) Geld abheben könnte. Der junge Mann war sichtlich nervös und rauchte zwei Zigaretten, bevor ich im Auto war. Sonderlich gesprächig war er auch nicht.

Am Geldautomaten angekommen hoffte ich nur, dass das Geld aus Deutschland irgendwie seinen Weg auf meine Karte gefunden hat, damit ich hier im einsamen Iya-Tal doch noch irgendwie weg komme. Ich war ohne Geld und Auto hier so ziemlich gestrandet. Aber das gehört zum Abenteuer auch dazu, mir machte das nichts.
Der Angestellte drehte Kreise um sein Auto und wartete, bis ich vom Automaten zurückkehrte. Mit 50.000 Yen in der Hand winkte ich ihm zu. Auf einmal wurde er viel freundlicher.

Ich bezahlte die Rechnung und er wollte mich zum Dorf der Puppen fahren. Auf dem Weg machte ich aus dem Fenster viele Fotos. Irgendwann bot er mir auch einfach an zu halten, sodass ich aussteigen konnte.

Nun erzählte er auch von der Puppenfrau. Einerseits war er froh, dass es sie gibt. Die Puppen locken Touristen an und sorgen für Umsatz. Andererseits hat er, wie so viele andere im Tal, auch immer noch Angst vor ihnen. “Besonders nachts, wenn man mit dem Auto unterwegs ist.” Trotzdem scheute er sich, sich eindeutig oder negativ über sie zu äußern.

Er setzte mich vor ihrem Haus ab und fuhr nach einem kurzen Abschied davon.
Die Puppenfrau hatte schon wieder Besuch, eine Familie. Stolz stellte sie mich vor. “Das ist ein Journalist aus Deutschland, der macht einen Film über mich. Und er kann voll gut Japanisch.”

Bereits im Interview am Abend zuvor bot sie mir an, dass wir zur verlassenen Schule gehen. Die Besucher wollten gleich mitkommen. Ich schulterte schnell die Kamera und rannte hinterher. In der Schule blieb ich dann noch zwei Stunden alleine um alles zu fotografieren, bevor sie mit dem Schlüssel kam und mich abholte.

In der Schule war ich komplett alleine. Nun spürte ich auch, was der Angestellte meinte. Zweimal glaubte ich fest, dass mich einer beobachtet. Dabei war es nur eine Puppe. Es war beide Male die gleiche verdammte Puppe. Das Kind rechts auf der Treppe.

Die Blumen stellt sie jede Woche frisch in der Schule auf.

Als Gag wollte ich eigentlich in dem fertigen Film auch als Puppe auftauchen. Ich nahm also neben dem Lehrer Platz. Am Bart erkennt man es aber leider.

Ob ich schon etwas gegessen habe, fragte sie mich, als sie mich von der Schule abholte. Nein sagte ich, und sie ging wortlos. Zurück im Haus stellte sie mir Onigiri und Gemüse aus eigenem Anbau hin. Es waren die leckersten Süßkartoffeln die ich je hatte.
Ich erzählte ihr von meinem Alptraum mit dem Geist und sie lachte nur herzlich.

Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits 4-5 Stunden das gesamte Dorf und fast jede Puppe abfotografiert. Zwischendurch kamen immer wieder Touristen oder andere Besucher. Viele waren über mich, den jungen Ausländer, genauso verwundert, wie über die Puppen.
Als es dunkel wurde, fragte sie mich “Hast du nicht langsam mal genug Bilder?”

Sie genießt wirklich die Aufmerksamkeit, welche sie durch die Puppen oder die Kamera erhält. Aber sie hat auch diese Einsamkeit und Isolation gewählt. Ständige Besucher, die wieder gehen, das ist in Ordnung. Aber jemand der bleibt… das machte sie nervös.
Wir verstanden uns jedoch prächtig. Es kam später noch eine alte Nachbarin vorbei und zusammen schauten sie Eiskunstlaufen im Fernsehen. Als ich die Puppenfrau fragte, warum ihr das gefällt, sagte sie: “Die sind so jung und sehen alle so gut aus. Wie du!” und die beiden Damen feixten wie Schulmädchen.

Ihre Freundin konnte ich übrigens nur schwer verstehen. Sie sprach ein komisches Berg-Japanisch, die Puppenfrau musste manchmal übersetzen. Sie gab sich dabei viel Mühe und sprach immer langsam und deutliches Hochjapanisch mit mir.


Die Töpferwaren bot sie auch zum Verkauf an

Gegen Abend fragte sie wieder wo ich heute schlafe. Trotz all der Zuneigung war ihr Haus dann doch ausgeschlossen. Und das Minshuku von letzter Nacht ja auch. Ihr fiel noch ein teures Hotel ein, 20 Minuten mit dem Auto. Die Nacht kostet aber 11.700 Yen. Happig, sagte ich. “Aber es gib wohl keine andere Möglichkeit….” sagte ich und schaute sie dabei konzentriert an. Sie buchte mir ein Zimmer und fuhr mich auch zum Hotel. Am nächsten Morgen wollte sie mich dort auch abholen und zum Bahnhof bringen.

Zurück aus dem Tal

Das Zimmer war riesig. Für 11.700 Yen bekam man wirklich viel geboten. Das Abendessen dauerte eine Stunde, in der ein Kellner mir ständig neues Essen brachte. Alles lokal, alles köstlich. Aber es wollte einfach nicht aufhören. Die heiße Quelle vom Hotel hatte ich anschließend komplett für mich alleine, da die Gäste noch am Trinken waren.

Ich fragte beim Einchecken nach dem Passwort fürs WLAN. Die Antwort: “Passwort? Wir haben hier kein Passwort. Wir sind soweit draußen, es gibt hier weit und breit keinen, der uns das Internet klauen kann.” So definiert sich wohl Isolation im 21. Jahrhundert.

Das teure Hotel tat zwar mir und meinem Geldbeutel sehr weh, aber dann dachte ich mir auch: was solls. Bezahlt ist es eh, warum nicht genießen.

Meine Kamera bekam ein eigenes Bett, das hatte sie sich verdient.

Am nächsten Morgen sah ich dann, warum die Puppenfrau das Hotel kannte.

Im Auto erzählte sie mir auch etwas dazu, aber ich kann mich nicht mehr erinnern. Ich glaube einer der Puppen war/ist der Besitzer vom Hotel.

Sie begrüßte mich nach dem ebenfalls unendlichen Frühstück mit “Na, gab kein Brot, was?” und lachte. Ich hatte nämlich am Tag zuvor das Frühstück im Minshuku kaum runterbekommen. Kalter Reis und toter Fisch am Morgen ist nicht so meins. Am Abend kein Problem, aber morgens hab ich dann doch lieber irgendwas aus Teig.

Zusammen mit ihrer Nachbarin fuhren wir zum Bahnhof. Wir hielten mal an, weil sie mir eine große Brücke zeigen wollte, auf der wir dann zusammen im Wind schaukelten. Nach einer Stunde zeigte sie mir die erste Ampel seit Nagoro. Nach anderthalb Stunden waren wir am Bahnhof. Sie sagte “Sayonara”, ich sagte “Bis dann” und sie fuhr davon.

Der Zug kommt einmal in der Stunde, es blieb also noch Zeit mal kurz aufs Klo zu gehen. Das WC befand sich außerhalb vom Bahnhof, ich musste einmal ums Gebäude. Und dort sollte ich dann die letzte von Ayanos Puppen sehen. Anderthalb Stunden von ihrem Haus entfernt, am Eingang vom Tal.

Ich nahm den Zug nach Tokushima, und von dort den Bus nach Hiroshima. Rückblickend war das etwas umständlich, ich hätte direkt den Zug nach Hiroshima nehmen können. Auch wenn es zeitlich ungefähr auf das gleiche hinaus gelaufen wäre.

Am Sonntag Abend war ich dann wieder in dem Zimmer vom Studentenwohnheim. Eine lange Fahrt und gerade mal anderthalb Tage Fotografieren und Drehen hatte ich für die Geschichte. Ich war tatsächlich etwas enttäuscht, aber die Puppen sollten mich noch eine lange Zeit begleiten.

Demnächst geht es dann weiter mit Einträgen zum Schnitt und zum nachhaltigen Erfolg des Films.

Ich war mal eben in Peking

Posted in Reis und Reisen by fritz on 13. September 2014

Das Jahr in Japan ist vorbei und ich bin inzwischen wieder in Berlin. Auf dem Rückweg war ich noch 46 Stunden in Peking, um ein Interview zu filmen. Von Peking dann weiter nach Moskau und dann am Sonntag Ankunft in Berlin. Lange Reise.

Es gibt als Tourist keinen Grund, nach Peking zu gehen. Tiananmen und Verbotene Stadt – dann hat man eigentlich alles schon gesehen. Es ist aber interessant China zu besuchen, ein Land was in den Medien nur zweiseitig dargestellt wird.

Zunächst hat man mich übrigens nicht ins Land gelassen. Am Flughafen in Tokyo wurde mein Visum nicht akzeptiert, also musste ich einen neuen Flug buchen. 72 Stunden sollten es werden, 46 waren es am Ende. Bei der Sicherheitskontrolle in Peking wurde ich wortlos durchgewunken. Es waren nur die Japaner, die einen Aufstand wegen dem Visum machten. “Warten Sie bitte hier, ich muss mal kurz Peking anrufen.”

Jetzt bin ich wieder in Berlin. Über 5.000 Fotos müssen noch bearbeitet und durchgesehen werden, dazu mehr als 20 Stunden Video-Material. In den letzten Monaten in Japan habe ich noch drei weitere Filme gedreht, die ich jetzt alle schneiden werde. Neben Uni und Job und so. Die letzten Wochen waren anstrengend, alles rechtzeitig in den Kasten zu bekommen. Der Regen sorgte dafür, dass ich länger in Japan bleiben musste, als geplant. Aber jetzt bin ich wieder da. Und die Arbeit geht weiter.

Bizarr

Akiyoshidō ist die längste Höhle in Japan und ganzjährig 17°C warm. Und oben ist ein Karst-Plateau.

Hinter den Bergen

Posted in Gedanken, Reis und Reisen by fritz on 5. Oktober 2013

Das ist: Die Aussicht von dem Studentenwohnheim der Hiroshima City University. Das Wohnheim ist, wie die Uni, mitten in der Bergen. Der nächste Laden ist 30 Minuten entfernt. Der Bus kommt zu Schulzeiten alle 20 Minuten, am Wochenende einmal die Stunde. Wenn überhaupt.

Das Leben ist definitiv ein anderes, als in Tokyo.

Im Wohnheim gibt es nicht: Internet. Saubere Klos. Teure Mieten. Küchenutensilien. Bettzeug. Mülleimer im Zimmer.
Um 22 Uhr wird vorne zu gemacht. Also länger mal in der Stadt unterwegs sein, ist nicht drin. Es sei denn man klettert durch sein Fenster wieder rein – so wie ich vorgestern abend. Nachdem ich 40 Minuten lang den Berg hochlief, weil der Bus nicht mehr fuhr.

Und trotzdem… bin ich tatsächlich sehr zufrieden gerade. Mit allem. Ich fühl mich auf jeden Fall freier. Der Nachteil, nicht alle 50 Meter einen Conbini zu haben, der einen zum Konsum lockt, befreit einen auch so ein bisschen davon, ständig zu konsumieren. Ich bin jetzt in den Bergen und hier gibt es rundherum nichts. Das einzige, was man machen kann, ist studieren.

Deswegen haben sie vermutlich die Universität auf den Berg gesetzt.

Was sich bei dem Visums-Prozedere schon andeutete, setzt sich nun fort. Die Uni ist noch nicht ganz auf die 20 Austauschstudenten eingestellt. Ich habe immer noch kein Studienfach, in der nächsten Woche soll es dazu dann Näheres geben. Fotografie gibt es nicht, aber das wusste ich schon vorher. Ich tendiere zu “Skulptur”. Mal was völlig anderes. Und es ist auch sehr physisch, da muss man nicht so viel Japanisch brabbeln.

Mein Japanisch ist so gut, wie es noch nie war. Ich kann mich mittlerweile ganz gut erklären und Konversationen halten. Es ist zwar nie ganz alles korrekt, und manchmal fehlt mir das richtige Wort oder Satzbau. Aber dafür, dass ich Japanisch eher auf den Straßen von Tokyo gelernt habe, statt in einem formalen Unterricht, schlage ich mich ganz wacker.

Für uns gibt es auch Japanisch-Kurse, einige habe ich bisher schon besucht. Es gibt nur Japanisch I, II und IV. In I und II üben wir, konnichiwa zu sagen, und bis zehn zu zählen. In Japanisch IV legte uns die Lehrerin einen Text mit knapp 300 verschiedenen Schriftzeichen hin und meinte “Vorlesen!”. Dass ich knapp die Hälfte der Zeichen konnte, half nicht viel.
Die koreanischen und chinesischen Austauschstudenten, im klaren Heimvorteil, konnten die Zeichen einfach vorlesen. Wir Europäer waren sprachlos.

Scheinbar gibt es nur die zwei Art Kurse. Sackschwer oder zu einfach. Es scheint keinen mittleren Kurs zu geben, für Leute wie mich.
Na schauen wir mal. Das meiste lern ich sicher durch Gespräche und den Alltag. Ich versuche jeden Abend all die Vokabeln, die ich tagsüber nicht wusste, aufzuschreiben und zu lernen. Den Tipp hab ich von einer koreanischen Kommilitonin aus Hannover. Das funktioniert auch offline ganz gut, dank Wörterbuch. Und manchmal kann ich auch das ungeschützte WLAN von dem Bewohner über mir klauen, um was nachzuschlagen.

So ganz angekommen bin ich noch nicht. Das Wohnheim erzeugt nämlich nicht wirklich ein Gefühl von Zuhause. Aber: kein Zuhause = keine Verpflichtung. Ich lass mich treiben. Mal hier in dem einen Uni-Gebäude, und schon kommt ein Gesprächspartner vorbei. Mal im anderen Gebäude, und plötzlich erscheint ein Gesicht aus Hannover. Im Haus der Studentclubs spielt manchmal ein Orchester. Überall Leben, Kreativität. Das alles bei über 20° und Blick ins Tal.

Irgendwann wird mich das sicher alles langweilen. Deswegen arbeite ich schon an der nächsten Geschichte. Ein Film soll es werden.

Ich will noch viele weitere Geschichten machen, weitere Filme. Und obwohl ich gerade entspannt bin: die Zeit wird knapp. In nur fünf Monaten bin ich wieder aus Hiroshima raus. Dann noch ein Monat Tokyo hintendran und dann geht es wieder weiter. Entweder Deutschland oder USA.

Bis dahin: Berge.

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