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Ho-Ho-Hokkaido Kapitel 3: Winterwunderland

Posted in abenteuerliches, Reis und Reisen by fritz on 17. März 2010

Nach zwei Tagen im Zug nun aufgewacht in Hakodate – und immernoch weit entfernt von Sapporo. Werd ich da jemals ankommen? Die Strecke führte diesmal quer durch Hokkaido, durch Wälder und an der Küste vorbei. Überall lag frischer, weisser, tiefer Schnee, eine Winterwelt die ich so zuvor noch nie gesehen hatte.

In der Nacht zuvor war ich mit dem koreanischen Fotografen in Hakodate, dem südlichsten Zipfel von Hokkaido, gestrandet. Ich hatte eigentlich keine Lust mehr aufs Weiterfahren, doch Umkehren war auch schwer möglich. Es half also nur die Flucht nach vorn und die erste Dusche seit Tokyo.

Im Preis inbegriffen war auch ein Frühstück, es wurde sowohl westlich als auch japanisch angeboten. Wobei ich kalte Yakisoba zum Frühstück dann doch etwas merkwürdig fand.
Ein Blick umher auf die anderen Tische ließ nur japanische Herren mittleren Alters erkennen, die schon beim Frühstück im Anzug am Tisch saßen und ihren Salarymen-Alltag garnicht verstecken wollten. Danach noch hoch ins Hotelzimmer, Zeuch holen und die frische Sonne über der Stadt ansehen.

Vielleicht sollte der Abschnitt der Strecke doch nicht so schlecht werden…

Hakodate sah an dem Tag auch weniger unsympathisch aus, als noch in der vergangenen Nacht.

Im Hotelzimmer stand übrigens die neueste japanische Server-Technologie:

Der Kasten dahinten ist der Bahnhof, der Weg nach Sapporo. In voller Montur machten wir uns dann auf den Weg.

Letzten Monat hatte ich übrigens eine email vom koreanischen Fotografen bekommen, mit einigen Bildern von der Reise. Er schoss zurück:


(C) Martin Lee

Im Bahnhof dann die erste negative Nachricht des Tages: Obwohl wir extra früh dort waren, würde der erste Local Train erst gegen 11 Uhr abfahren. Vorher fährt nur ein Express-Zug (für den wir hätten extra zahlen müssen), allerdings auch nicht bis nach Sapporo sondern nur die halbe Strecke. Bei der Wahl zischen Wartezeit und extra Kosten entschied ich mich, sehr frustriert, für die Wartezeit.

Zu dem Zeitpunkt hätte ich auch keine Probleme gehabt alleine weiterzufahren, da der koreanische Fotografen mir zunehmend auf den Sack ging. Die Wartezeit verbrachte ich dann alleine und machte ein paar Bilder von der Stadt, die in der letzten Nacht wieder frisch mit Schnee berieselt wurde.


Mamacharis im Schnee

Auch wenn eine meine Mitbewohnerinnen aus Hakodate kommt, und beteuert wie schön das doch ist, so hatte ich doch eher den Eindruck, dass das eher eine Durchgangsstadt ist, wo man Halt macht, bevor man weiter durch Hokkaido fährt.

Unser Hotel ist unten rechts im Bild, Smile Hotel. Dort bin ich dann auch wieder zurück, weil die Internet hatten und ich ja noch meinem Kontakt in Sapporo Bescheid sagen wollte, dass ich heute hoffentlich ankomme. Das einzige Internet-Cafe im Ort hatte noch nicht auf, also musste ich zum Hotel zurück, wo 10min Internet 100yen kosten. Mittendrin wars auch schneller vorbei als mir lieb war, da ich aus Versehen eine koreanische 100yen münze eingesteckt hatte, die ich letzte Nacht vom Fotografen geschenkt bekommen hatte.

Ich konnte dabei auch gleich auf Facebook posten wie sehr ich doch genervt war von den langsamen Zügen. Nach zwei Tagen Dauer-Bummelzug auch kein Wunder.

Durch den Schnee gestapft…

…an einer der wenigen Sehenswürdigkeiten von Hakodate vorbei…

…zurück zum Bahnhof um endlich weiter zu kommen.

Stillstehen kostete auf dieser Reise nur Geld.
Wer sich sonst über das touristische Potenzial von Hakodate informieren möchte, sollte mal ein Blick auf die sehr ausführliche Wikitravel-Seite zu Hakodate werfen…

Als Kommentar zum letzten Reiseeintrag kam “Das klingt ja wirklich so, als ob es echt langweilig war”. Ich hatte denselben Eindruck nachdem ich meinen Beitrag gelesen hatte. Doch, nunja, im Zug sitzen ist nunmal nicht so aufregend, das spannendste sind noch die Bücher die man liest und der Blick aus dem Fenster. Von daher geb ich euch diesmal lieber den Blick aus dem Fenster:

Aus mir unerklärlichen Gründen stoppten wir hier, die 6 Fahrgäste in den zwei Waggons des Zuges schien das allerdings nicht viel zu jucken. Ich konnte so auch ein paar Bilder ohne Bewegungsunschärfe machen.

Das Klima und die Fauna von Hokkaido erinnert mehr an Nord-Europa, mit seinen Tannenwäldern. Es fing dann auch gleich wieder zu schneien an.

Sichtlich unrasiert, aber mit Schal, den ich mir am Tag zuvor in Aomori für unschlagbare 100yen gekauft habe.

Nach den Wäldern kam die Küste.

Und ein erneuter Stopp für eine Stunde in Mori.

Der Hunger machte sich bemerkbar also suchten wir was Essbares. Meine Nerven waren sichtlich angespannt, also versuchte ich etwas Abstand zum Fotografen zu gewinnen. Im Zug klappte das ganz gut, mit FLAVA auf den Ohren. Wir kamen dann an einem fahrenden Händler vorbei, der diese gefüllten Fisch-Teig-Taschen anbot, dessen mir Name mir entfallen ist. Die sind auf jeden Fall stets mit Anko, Bohnenpaste, gefüllt, die ich nicht so lecker finde. Als mich der Fotograf fragte, ob ich was möchte, winkte ich ab. Was ihn aber nicht davon abhielt mir trotzdem eine zu besorgen die ich dann aus Höflichkeit noch runterwürgte.

Wir gingen dann noch in einen Supermarkt wo insbesondere ich Gaijin in voller Reisemontur alle Blicke auf mich zog – und damit übertreibe ich nicht. Kassierer/innen und Kunden drehten sich reihenweise nach mir um, einige ältere Damen machten auch ganz große Augen als würden sie einen Geist sehen.

Wir versorgten uns mit Bento und gingen zurück zum warmen Warteraum im Bahnhof. Ich brauch natürlich nicht zu erwähnen, dass Hokkaido im Dezember schweinekalt war.
Der Fotograf verabschiedete sich dann um ein paar Bilder vom Ort zu machen, was mir ganz recht war, da ich so endlich mal wieder alleine sein konnte.

In der Nähe vom Warteraum (wo neben mir nur noch zwei andere auf den einzigen Zug pro Stunde Richtung Norden warteten) gab es einen Kiosk, dessen Inhaberin sich auch für eine halbe Stunde verdrückte. Ich hätte ihren gesamten Laden ausräumen können, aber ich bin ja artig und hab für meine heisse Schokolade bezahlt.

Der Zug kam dann. Wobei das nicht ganz richtig ist: Wir kamen mit einem Zwei-Waggon Zug hier an. Der hintere wurde abgekoppelt und fuhr zurück, der vordere, einzelne Wagen fuhr weiter Richtung Norden (siehe Bild). Der Zugführer war auch ein lustiger Geselle. Er sah mich und fragt mich (frei übersetzte): “Na wohin solls denn gehen?”. “Sapporo!”, sagte ich. “Na dann hüpf mal rein, bei mir biste richtig”. In Tokyo sind die Zugführer weniger kommunikativ.

Die Bahnhofsleute beobachteten mich schon interessiert auf den Weg zu meinem Zug, ich winkte ihnen dann noch zum Abschied zu und machte ein Foto.

Und sie freuten sich.

Weiter gehts, an der Küste entlang.

Auf Google Earth kann man übrigens sehr schön diese Strecke, an der Küste entlang, sehen.

Erneuter Zwischenstopp in… Ich weiss es nicht mehr.

Die Sonne ging auch schon langsam unter.

Ich las im Bahnhof ein Buch, der Koreaner war unterwegs. Keine Einwände da. Versteht mich nicht falsch, er war ein interessanter und sympathischer Kerl, doch auch ständig mitteilungsbedürftig, und meine Signale, dass mir grad nicht nach Reden ist, hat er nicht verstanden.

Falls jemand mal wissen will, wie eine Konversation zwischen mir und dem Fotografen aussah:


Fotos (C) Martin Lee Animation, wenn jemand weiss, wie ich die hellen Flecken wegbekomme, sag Bescheid

Ich war zu dem Zeitpunkt übrigens echt gernervt.


(C) Martin Lee

Er hatte immer einen Plan dabei mit Zugverbindungen und Wartezeiten, der sehr praktisch war. Nungut, es gab zwar nur eine einzige Linie und Strecke auf der gesamten Distanz, trotzdem war es recht praktisch schon vorher zu wissen, wie langsam genau wir uns heute fortbewegen…

Irgendwann gings dann auch weiter.

Es wurde irgendwie immer trostloser, vorbei an einsamen Fischerdörfchen, verfallenen Häusern und menschenleeren Gegenden. Dazu war der Zug auch selten mit mehr Leuten gefüllt als uns zwei.

Mit der Sonne im Nacken gings weiter.

Immer mehr hatte ich den Eindruck ans Ende der Welt zu fahren. Doch zwei Stunden vor Sapporo wurde es auf einmal voller, die Dunkelheit draußen mit Kunstlicht erhellt und insgesamt wurde es lauter. Gerade wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Schulmädchen her. Nunja, eigentlich mehrere, bis der ganze Zug voll mit Geschnatter und vorallem Leben war.

Zwischendurch schlief ich auch mal ein und wurde vom Schaffner geweckt. Von da an war es nur noch ein Zug bis nach Sapporo. Und das ‘da’ war Chitose, der Ort, wo ich eigentlich schon gestern sein wollte um im Gasthaus von dem Olympioniken zu übernachten. Ich habe einen gesamten Tag gebraucht um dorthin zu kommen, wo ich gestern abend schon sein wollte… Aber da ich jetzt so nah an Sapporo war wollte ich nicht nochmal anhalten.

Im letzten Zug begegnete uns noch ein älterer Japaner – ebenfalls Fotograf. Irgendwie ziehen sich Fotografen magisch an…. Er war ebenfalls mit dem Seishun-18-kippu unterwegs. Der Koreaner unterhielt sich mit ihm, da er wie gesagt immer recht mitteilungsbedürftig war. Das war mir Recht, da er dann weniger auf mich einredete. Allerdings verstand ich eindeutig mehr Japanisch von dem, was der japanische Fotograf sagte.
Als wir dann zusammen in Sapporo ankamen (endlich!) zeigte uns der Fotograf dann noch eine öffentliche Dusche in der Station, die er anscheinend auch öfter auf Reisen nutzt. Warum er uns die zeigte war mir nicht ganz klar, so wie ich ihn verstanden habe wollte er sich irgendwie bedanken, dass er uns kennenlernen durfte. Dazu gab er uns noch Getränkegutscheine einer Bar, die er mal fotografiert hatte.

Ich machte dann das erste Foto in Sapporo.

Wie man dem Foto vielleicht entnehmen kann, war ich einfach nur fertig. Ich war genervt von den Zügen, der langsamen Reise, dem ständigen Japanisch-Englisch-Koreanisch Gebrabbel und den Kosten die noch auf mich zukommen.
Dem Koreaner sagte ich Tschüss, mit dem Hinweis, bei bereits erwähnten Freund in Sapporo zu übernachten. Allerdings hatte dieser mich bis dahin noch nicht kontaktiert, sodass ich mich auf dem Weg ins nächste Manga Kissa machte.

Ich lief dann durch die Straßen von Sapporo und dachte: “Das isses nun? Drei Tage Fahrt dafür? Wie… unspektakulär….”. Doch in dem Moment wollte ich einfach nur die 20kg Reisegepäck von meinem Rücken nehmen und schlafen. Ich bekam eine 1-Quadratmeter Kabine.

Sie reichte mir absolut. Für nur 2000yen für 10 Stunden, inkl. Gratisgetränke. Und viel wichtiger: Sie bewegte sich nicht auf Schienen fort.

Aber ich war endlich in Sapporo! Doch die Reise war noch lange nicht zu ende…

Strecke diesmal: ca. 300km, 9 Stunden

Ho-Ho-Hokkaido:
Kapitel 1: Das weite Land
Kapitel 2: Lange Unterhosen FTW
Kapitel 3: Winterwunderland
Kapitel 4: Eiszapfen und das beste Klo der Welt
Kapitel 5: Der Wind bläst südwärts
Kapitel 6: Eingefrorene Samurai
Kapitel 7:Das Ende der Reise

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