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Nagasaki – Stadt im Regen

Posted in abenteuerliches, Reis und Reisen by fritz on 29. September 2010

Der zweite Tag in Nagasaki beginnt im Nebel und im Regen. Wie das ganze Land im Juni/Juli ist auch Nagasaki eingepackt in Nässe und Feuchtigkeit – und ich war es ebenso. Eine Freundin wollte am Nachmittag diesen Tages in Nagasaki eintreffen, so hatte ich den halben Tag um die Stadt zu entdecken. Es begann mit einem Friedhof im Nebel…

Nagasaki hat für eine Stadt eine etwas ungewöhnliche Form. Langgestreckt an einer Bucht, in einem Tal zwischen mehreren Hügeln und Bergen gelegen. Diese langgestreckte Form hat bei der Explosion der Atombombe zwar nicht wirklich Schlimmeres verhindert, aber es hat etwas anders und hemmender gewirkt, als in Hiroshima.

Stadtzentrum, auch wenn es keins gibt, liegt eher auf dem östlichen Teil der Bucht. Mein Ziel an diesem Morgen war die Westseite der Bucht, die von Touristen vorallem bei diesem Wetter ignoriert wurde. Auf der Westseite gibt es laut Reiseführer nur eine Seilbahn den Berg hinauf, und einen alten Friedhof für Ausländer, der bezeichnenderweise weit weg von der Stadt früher war.
Ich holte mir mein Frühstück in einem Konbini (Ananas-Saft, irgendwas weiches, teigartiges Süßes und ein weicher Teig mit einer cremigen Käse-Schinken Füllung drin), und schaute beim Essen auf das Meer – oder zumindest das, was man davon erkennen konnte.

Ein einsamer Fischer hielt seinen Angel in die Suppe, wohl in der Hoffnung die Fische würden ihn im Nebel nicht entdecken. In den 20 min, die ich dort weilte, vermochte er allerdings nichts zu fangen.

Ich parkte meinen großen Rucksack am Bahnhof und ging weiter an der Bucht entlang.


Die andere Seite, keine 500m entfernt aber trotzdem im Nebel verschluckt. Links im Nebel und nicht im Bild sind die Mitsubishi-Schwerindustriewerke, die da schon 1945 standen und, wenn ich mich nicht komplett irre, das ursprüngliche Ziel für die Atombombe vom 9. August sein sollten

Ich suchte eine Brücke und mir blieb nichts anderes übrig, als weiter ins Graue zu gehen, da ich einfach keine Brücke sehen konnte. Ich sah nur ein paar hundert Meter weit, danach war nur noch nichts. Auf dem Stadtplan meinte ich eine Brücke gesehen zu haben, also schritt ich voran.

Nach einer halben Stunde fand ich eine und ging rüber. Das hier wirklich touristenbefreite Zone war, merkte ich an den Mangel an den sonst reichlich vorhandenen zweisprachigen Straßenschildern und den verwunderten Blicken, die mir begegneten. Ich wusste nur die grobe Richtung vom Friedhof, also ging ich einfach drauf los, in der Hoffnung den irgendwann dann schon zu sehen. Bei diesem Gedankengang muss mir wohl entfallen sein, dass der Nebel alles geschluckt hatte.

An einer kleinen Kreuzung stand ich nun und versuchte die Himmelsrichtung zu raten. Eine ältere Dame, die mich ganz besorgt von ihrem Blumenladen anschaute, der in dem Grau des Nebels die einzigen Farbelemente lieferte, kam dann auf mich zu, und fragte mich, wohin ich möchte. Ich griff nach meinem Wörterbuch um “Friedhof” nachzuschlagen, nur um zu merken, dass dieses noch in Tokyo lag und ich vergessen hatte es einzupacken. Mir sind dann nur die Worte für “Tod” eingefallen, was die Dame etwas beängstigte.

Sie dachte dann, das ich als Ausländer wohl bestimmt zur Seilbahn möchte, doch ich verneinte. Hilflos wie ich, wendete sie sich dann an ihre Tochter, oder Schwiegertochter, so ganz genau konnte ich das nicht erkennen, die mich dann auf Englisch fragte, wohin ich möchte. Sie verstand recht schnell, übersetzte für die alte Dame die mir dann fünfmal und in ganz langsamen Japanisch erklärte, dass ich einfach nur 50m geradeaus gehen musste. Komplett mit Handzeichen und persönlicher Begleitung auf den ersten fünf Metern, damit ich es auch ja nicht verfehle. Sie, die junge Dame und ihr Sohn oder Schwiegersohn, der dann auch aus dem Laden kam, lächelten mich dann noch an und wünschten mir alles Gute. Ich bedankte mich sehr und sah noch, wie sie mir hinterher schauten, als ich im Nebel Richtung Friedhof verschwand.

Am Eingang war ein kleiner Teich, über den eine Brücke zum Friedhof führte. Im Teich blühte der Lotus, in dessen Blätter sich der Regen zu großen Tropfen sammelte.

Zwischen den Pflanzen schwammen ein paar Schildkröten durch den dreckigen Teich.

Wohl in der Erwartung ich hätte Futter dabei, schwammen sie auf mich zu und reckte ihre Hälse aus dem Panzer in meine Richtung.

Auf dem Weg zum Friedhof lief ich an zwei schwatzenden Älteren vorbei, von denen der eine in meine Richtung kam, als ich die Schildkröten betrachtete. Er stand da kurz mit mir im Regen und schaute zu den Tieren und dann zu mir. Ein vertrauensvolles Lächeln bildete sich in seinem Gesicht, und ich glaubte, er wollte mit mir Reden, doch ihn hatte dann wohl doch der Mut verlassen. Er murmelte ein (frei übersetzt) “So ist das, nicht wahr…”, lächelte mich noch einmal an, und ging an mir vorbei.

Hinter dem schmiedeeisernem Tor erwartete mich ein alter und völlig überwucherter Friedhof.
Nagasaki hat eine lange Geschichte vom Handel mit dem Westen, vorallem mit Portugal, England und Holland, und anderen ausländischen Besuchern. Bis dann in der Edo-Zeit die Tore dicht gemacht wurde und nur noch eine kleine Minderheit von Holländer auf einer kleinen eigenen Insel vor den Toren Nagasakis ihr Dasein fristeten und nur einmal im Jahr raus durften.

Über mehrere Jahrhunderte kamen ausländische Besucher nach Nagasaki. Sie blieben und starben unweigerlich hier. Die Japaner oder die eigenen Landsleute erwiesen den größtenteils christlichen Besuchern die letzte Ehre und bestatteten sie mit einem standesgemäßen Begräbnis.

Die Grabsteine sind vom Zahn der Zeit inzwischen komplett abgekaut worden, und nicht einmal der Stein erinnert sich an die Toten, die einst in dieser Stadt gelebt haben.

Das ich mir nun grad einen Friedhof ausgesucht habe, für meinen ersten Ausflug in Nagasaki, ist vielleicht ungewöhnlich, aber durchaus passend. Friedhöfe wirken immer eine gewisse Faszination auf mich aus, sie erzählen die Geschichte der Stadt, ihrer Toten und ihrer lebenden Bewohner, die herkommen und die Toten ehren.
Ich hab mal überlegt, der wievielte Friedhof das jetzt ist, den ich mit einer intensiven Fototour verbunden habe: Seit 2009 war das nun insgesamt siebte, von denen ich allerdings bisher nur einen verbloggt habe. Und sicherlich war der in Nagasaki der Erste im Nebel.

Der Friedhof war, wie so oft in Japan, an einem Hügel gelegen. Am Fuße lag der Teich und die alten Gräber für Ausländer. In zunächst regelmäßigen, dann sehr ungleichmäßigen Terrassen ging es weiter den Hügel hinauf, verbunden zunächst durch eine Steintreppe mit geschmackvollen Laternen.

Relativ geordnet und teilweise durch Tore und Schlösser versperrt, hatte jedes Land und teilweise jede verschiedene Epoche ihr eigenes Areal, von denen nur noch die russische Abteilung eine Plakette hatte.

Der russische Einfluss in Nagasaki ist ein (mir) sehr unbekanntes Kapitel japanischer Geschichte, ich vermute allerdings dass der erst nach der Edo-Zeit eingetreten ist. Bleibt mir nur noch zu sagen, dass die Russen von allen Gräbern, das Neueste und dickste Schloss an ihrem Tor hatten. Nicht das noch einer nen tonnenschweren Grabstein mitnimmt…

Etwas nach den Russen begannen schon die japanischen Gräber, teilweise reichlich verziert und üppig, vermutlich von wohlhabenden Bewohnern Nagasakis, eventuell sogar solche, die durch den Handel mit dem Westen wohlhabend wurden, auch wenn diese Verbindung im Tod wohl etwas weit hergeholt ist.

Friedhof Panorama

Oben war dann erstmal Schluss, denn eine Straße lief durch die Gräber.

Links ging es dann allerdings schon weiter mit dem Friedhof. Ich machte mich auf dem Weg, den Hügel hinauf und an ihm entlang. Wohin der Blick reichte, und das war an diesem Morgen nicht sonderlich weit, gab es nur Gräber. Diesmal alle japanischen Ursprungs, bis auf ein paar chinesische und koreanische Ausnahmen. Das größte und absolut protzigste Grab hatte ein chinesischer Konsul, dass ich so widerlich dekadent fand, dass ich garnicht erst ein Foto davon machte.

Stattdessen lieber von diesen skurilen Gestalten:

Für die Dinger hätte ich gerne eine Erklärung.
So wie ich mir das zusammen reime, waren das religiöse Figuren, deren Köpfe abgetrennt, und durch einen Klumpen Ton ersetzt wurden, in die dann minimale Gesichtszüge geritzt wurden. Diese kleinen Figuren mit ihren abnormen Köpfen fanden sich überall in diesem Bereich des Friedhofs.

Denkt man an Nagasakis Geschichte, kommt mir die christliche Vergangenheit in den Sinn. Für mehr als 200 Jahre war das Christentum in Japan auf Strafe verboten, nur in Nagasaki, welches seit jeher einem Einfluss aus dem Ausland ausgesetzt war, konnte sich eine kleine Minderheit erhalten.
In der Zeit des Verbots wurden christliche Symbole zerbrochen oder komplett zerstört. Darstellungen von Jesus wurden verboten, sodass japanische Christen sich halfen in dem sie buddhistische oder shintoistische Figuren oder Symbole als Statthalter nahmen und für ihre sakralen Zwecke umdeuteten.
Diese kleinen Figuren auf dem Friedhof könnten christliche Heilige sein, deren Köpfe abgetrennt wurden und nun, unkenntlich, wieder ein Gesicht verpasst wurde. Doch diese Figuren könnten unmöglich so alt sein! In der Meiji-zeit, Ende des 19. Jhd. wurde das Christentum wieder “legalisiert”, Jesus und seine Kollegen waren wieder voll okay. Diese Figuren müssten somit älter als 150 Jahre sein.


Friedlich mit dem Buddha zusammen

Vielleicht ist das aber auch nur eine gewisse Tradition, um an diese Zeit zu erinnern, mit neuen Figuren. Doch erstaunlich welche Kapitel der Geschichte sich zwischen den Gräbern verstecken. Um die Geschichte einer Gesellschaft zu begreifen, hilft es auch sich das Vermächtnis ihrer Toten anzuschauen.

Das einzig Lebendige zwischen all dem Stein waren nur die Pflanze, denen der Regen absolut nichts ausmachte.

Neben Pflanzen waren auch zahlreiche Katzen auf dem Friedhof, die mich neugierig und skeptisch zwischen den Gräbern beobachteten.


Seht ihr sie? Sie sah mich definitiv. Spionage-Katzen…

Eine Katze konnte ich locken. Das eingangs erwähnte weiche Käse-Schinken Gemisch, dass ich angewiedert in die Tiefen meiner Umhängetasche verbannte, war der Katze ganz recht.

Für die “Bezahlung” posierte sie auch gerne für meine Kamera.

Als sie merkte, dass ich meine Kamera wegsteckte und nicht noch mehr weiches Teig-Imitat japanischer Art rausholte, war das Shooting für sie vorbei und sie verschwand wieder, irgendwo zwischen Nebel und Grabstein.

Ich streifte weiter durch das Gelände. Zwischen toten Blumen für tote Menschen…

…vorbei an Efeu, der sich an den Stein wie an das Leben klammert…

…entdeckte ich noch einen weiteren Bewohner dieses Friedhofs, der zwischen zwei Gräbern auf Beute hoffte, die sich in diesem Regen nicht ganz einstellen wollte.

Leider wollte sie partout nicht still halten, ihr Netz tanzte mit dem Wind und die Tropfen leuchteten im Morgennebel.

Bei den Lichtverhältnissen war es leider echt schwer, sie scharf zu kriegen. Obwohl ich eine halbe Stunde(!) probierte, und eigentlich schon nach 15min die Lust verloren hatte, wollte ich sie noch mitnehmen.

Für das Shooting wollte ich ihr, wie der Katze, auch etwas geben. Doch mein Käse-Schinken Brei aus meiner Tasche wär nix für sie gewesen (obwohl anscheinend schon vorverdaut), und ein Käfer, den ich fangen wollte, war leider zu schnell für mich. Na vielleicht frisst sie ja die Katze. Oder andersrum.

An diesem Punkt der Geschichte, eigentlich schon drei Stunden vorher, war ich komplett durchnässt. Zum Fotografieren brauchte ich beide Hände und legte den Schirm oft beiseite. Die hohe Luftfeuchtigkeit und die Bergbesteigung bei 28+°C tat ihr übriges. Zudem war ich müde, weil ich in der Nacht keinen guten Schlaf bekommen hatte. Ich wollte nur noch meine Freundin abholen, in ein Gasthaus gehen und pennen.

Der Nebel hatte inzwischen etwas nachgelassen und ich steuerte auf die nächste große Brücke zu, die über die Bucht führte. Ich konnte keinen Zugang zur Brücke ausser der Autostraße erkennen. Also lief ich einfach unter der Brücke entlang, die ca. 50m über mir verlief. Unten am Wasser, und immernoch ohne Fußgängerzugang, standen ein paar Angler, die etwas frustriert ihre Angeln im dunklen Wasser unter der Brücke hielten. Ich ging auf sie zu und fragte, wo denn die Brücke sei. Etwas irritiert zeigten sie nur nach oben.
Jaja, sag ich, ich mein die Fußgängerbrücke. Einer aus der Gruppe entgegnete dann auf meine japanische Frage in Englisch. “Bridge?” sagt er, ich antwortete wieder auf japanisch “Ja die Brücke”.

Auf Englisch erklärte er mir dann, zwar etwas grummelig aber höflich, dass da drüben der Zugang zur großen Brücke über uns war. Ich bedankte mich auf japanisch und er wünschte mir mit ebenfalls grummeligen Ton noch einen schönen Tag auf Englisch. Als ich dann etwas von der Gruppe weg war, drehte ich mich nochmal um und merkte, dass der, der Englisch mit mir sprach, mir hinterherschaute um sicherzugehen, dass ich auch die richtige Richtung (gerade aus) nicht verfehle, und rief mir noch mal auf Englisch hinterher, dass es gleich da vorne ist. Sehr freundlicher Herr, auch wenn er auf den ersten Blick recht stoffelig wirkte. Vielleicht macht das der Mangel an Sonnenlicht im Nebel und unter der Brücke mit einem…

Eine unscheinbare gelbe Wendeltreppe führte dann zur großen Brücke hinauf und über die Bucht, wieder direkt zum Bahnhof. Ich war der einzige Fußgänger auf der Brücke.
Wieder am Bahnhof angekommen, und noch etwas Zeit zur Verfügung ging ich wieder zu dem kostenlosen Internet in der Bibliothek. Schließlich hatte ich ja jetzt einen Ausweis.
Ich schickte meiner Freundin noch schnell eine Nachricht und suchte ein paar Gasthäuser raus. Die Entscheidung wollte ich ihr überlassen und sie plädierte für traditionell japanisch. Ich checkte noch schnell die Nachrichten aus Deutschland, denn schließlich sollte heut abend noch das WM Spiel Deutschland gegen Argentinien stattfinden.

Ich machte mich auf dem Weg zum Gasthaus, dass nur 15min vom Bahnhof lag und checkte ein. Ein übereifriger Betreiber freute sich über den ausländischen Besuch und fragte natürlich gleich woher ich komme. Deutschland, sagte ich. Er grinste und meint “Ah, die spielen doch heute? Viel Erfolg!”. Ich konnt mich nur noch schnell bedanken und ein Zimmer für zwei buchen, da rief schon meine Freundin an. Sie ist endlich in Nagasaki gelandet. Ich erklärte dem Betreiber, dass ich sie noch schnell abhole und gleich wieder da bin.

Wobei das nicht ganz stimmt, denn anstatt auf japanisch zu sagen “Meine Freundin ist am Bahnhof” sagte ich “Meine Freundin ist ein Bahnhof”. Der Faux Pas fiel mir dann auf dem Weg zum Bahnhof bzw zu meiner Freundin noch auf, aber ich glaub, der wusste schon was ich meinte.


Statue am Bahnhof

Mein Gepäck konnte ich dann auch gleich am Bahnhof abholen und wir gingen zum Gasthaus. Unterwegs sprachen wir über Gunkanjima und das WM-Spiel heute abend. Ich meinte “Nachdem Deutschland dann heute gewonnen hat, können wir uns auf die Insel konzentrieren.” Meine japanische Freundin war irritiert. “Du kannst doch garnicht wissen, dass Deutschland heute gewinnt?”. Doch, doch das konnte ich.

Das Gasthaus roch frisch nach Tatami und war angenehm hell. Ich nahm die dringend benötigte Dusche und schlüpfte in frische Klamotten. Trocken und warm legte ich mir meinen Futon zurecht, dabei wie üblich drei Futons übereinander. Wir redeten noch kurz über Gunkanjima. Unser Kontakt in Nagasaki hatte sich noch einmal gemeldet. Er wollte wissen, für welches Medium ich schreiben will und wie hoch die Auflage ist. Ich gab meiner Freundin alle Infos, legte mich hin und wollte nur kurz meine Augen ausruhen. Sie telefonierte.

ich bin zwischendrin eingeschlafen, ich wachte nur kurz auf, als meine Freundin am Fenster stand und mit dem Verteter der Stadt telefonierte. Ich fand das Licht am Fenster wunderbar, griff im Liegen meine Kamera, drückte ab und schlief wieder ein.


Sie beschwerte sich dann nachher, dass sie auf dem Bild doch arg breit aussieht, aber das macht allein die Perspektive

Irgendwann, als es schon dunkel war, wachte ich auf. Meine Freundin war fixiert auf ihr Handy, das sie in Gedanken versunken betrachtete. Meine erste Frage war natürlich “Wie spät ist es?? Spielt Deutschland schon??”, doch bis zum Spiel waren es noch zwei Stunden, in denen man noch ein gutes Essen einlegen sollte.

Sie gab mir dann die Kurzfassung zu ihren Gesprächen. Wie schon im Wetterbericht angekündigt sind die Wellen vor der Küste leider derzeit sehr stark und es ist gefährlich, zur Insel zu fahren. Sollte es morgen noch machbar sein, bekommen wir im Laufe des Tages einen Anruf. Unser Kontakt bei der Stadt hat einen Fischer organisiert, der uns für ein paar Yen auf die Insel rübersetzt.

Die Insel kann man auch als Tourist betreten, indem man mit hundert anderen auf ein Boot verfrachtet wird, die dann mit dir zusammen 30-45min auf der Insel sind und durchs Bild laufen. Das wollte ich vermeiden, also suchten wir uns Zeiten raus, die nicht mit den Touristen kollidierten. Allerdings war das für dieses Wochenende auch hinfällig, da bei dem Wetter keine Touristen rübersetzten. Für uns sollte eine Ausnahme gemacht werden, wenn das Wetter ist.

Mein ursprünglicher Wunsch war es eine Nacht auf der Insel zwischen den Ruinen zu verbringen. Denn Fotos von der Insel gibt es inzwischen reichlich, doch bei nacht war noch keiner da. Meiner Freundin gefiel der Gedanke absolut nicht, doch ich war gespannt. Nur musste die Stadt Nagasaki entscheiden, ob ich das darf oder nicht. Und da zählten harte Zahlen der Auflage des Mediums und Größe des Abdrucks darin.

Um den Fischer zu treffen, der uns zur Ruineninsel bringen sollte mussten wir in einen kleinen Ort fahren, anderthalb Stunden vor Nagasaki. Wenn der Anruf morgen kommt, würden wir uns auf den Weg machen. Ich machte mir noch Gedanken ums Licht, wenn das Wetter so sein sollte wie heute, doch zunächst zählte erstmal überhaupt auf die Insel zu kommen, wegen der ich hergekommen war. Ddie Zeit drängte etwas, da meine Begleitung bereits in zwei Tagen Nagasaki verlässt, und sie unter anderem auch wegen der Insel hergekommen ist. Und ich selbst würde in 6 Tagen Richtung Deutschland fliegen. Meine Reise nach Japan und nach Nagasaki sollte nicht ohne eine Reise zur Ruineninsel bleiben.

Nun wollten wir endlich was essen. Nagasaki hat, wie absolut jeder Ort in Japan, eine lokale Delikatesse bzw. Spezialität. In Nagasaki gab es unter anderem Nudeln mit Meeresfrüchten, serviert in einer Créme-Soße, die dann meine japanische Begleitung auch orderte. Ich begnügte mich mit Ramen. Dann kam schon das Spiel.

Auf einem HD-Fernseher sah ich dann eines der besten deutsche Spiele bei dieser WM. Beim ersten Tor schrie ich schon das ganze Haus zusammen, bei den dann noch folgenden drei Toren ohne Gegentor nahm ich mir immer ein Kissen und brüllte da hinein. Selbst meine Begleitung, die sonst wenig Lust auf Fußball hat, war von dem Spiel begeistert. Am nächsten Morgen wollte ich mich eigentlich beim Betreiber für meinen lauten Jubel in der Nacht entschuldigen. Doch als der mich dann mit “Gratulation!” begrüßte, wusste ich, das war nicht mehr nötig.

Nach dem Spiel war ich bester Laune. Deutschland hatte gewonnen und ich würde nach Gunkanjima gehen.

Endlich Sonnenschein im Nebel von Nagasaki

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Die Nagasaki-Nacherzählung:

Teil I – Nach Nagasaki, der Insel wegen
Teil II – Nagasaki, Stadt im Regen
Teil III – Buddha und die zerstörte Stadt
Teil IV – Gräber, die die Stadt hinauf wachsen
Teil V – Die touristenfreundliche Ruine im Pazifik
Teil VI – Eine Insel für die Holländer und ihre Dirnen


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Die Berliner Regensaison

Posted in foto für zwischendurch, Wetter und andere Katastrophen by fritz on 29. August 2010

Blick aus meinem Fenster am Freitag

Weiss nicht was schlimmer ist, Regensaison in Tokyo mit 30+°C und 90% Luftfeuchtigkeit, oder die derzeitige Regensaison in Berlin mit 13°C im August und mal Regen, mal nicht, mal Regen, mal nicht…

holt die regenschirme raus

Posted in Wetter und andere Katastrophen by fritz on 31. August 2009

wet
(Quelle: diepresse.com)

Es regnet seit Tagen wie aus Eimern, allerdings von der Intensität auch nur wie ein kräftiger Sommerregen in Deutschland (der dort öfter vorkommt als ein Taifun in Japan). Der Grund für all den Regen ist ein dicker Taifun der gerade nordwärts an Tokyo vorbeischrammt:

not the real one
(Quelle: top-wetter.de, auch wenn das hier nicht der aktuelle Taifun ist, aber er gibt ungefähr ne Vorstellung)

Die Botschaft Japans sagt dazu:

Im August und September bilden sich über dem vom Sommer erwärmten Pazifik diese Wirbelstürme mit extrem hohen Windgeschwindigkeiten (17 bis 60 Meter pro Sekunde!), in Ostasien “Taifun”, in Nordamerika “Hurricane” genannt.
Die meisten Taifune haben sich nach drei bis fünf Tagen aufgelöst, aber der Rekordhalter tobte 19 Tage lang.

Da die Taifune regelmäßig jedes Jahr auftreten, gehören sie für Japaner zum Spätsommer einfach dazu. Sie werden quasi als eine Jahreszeit und nicht nur als Naturkatastrophe angesehen. Bleiben die Stürme aus, fehlt etwas im Jahresablauf, wie der Schnee im Winter, die Kirschblüte im Frühling, der Dauerregen im Juni oder die schwülwarme Hitze im August fehlen würde.

Es wird auch langsam herbstig und frisch. Heute war die erste Nacht, die ich ohne laufende Klimaanlage und mit dicker Bettdecke schlafen musste. Gut, dass ich mir nen dicken Pulli aus Deutschland mitgenommen habe.

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