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Wie ich dem Dalai Lama die Hand geschüttelt habe

Posted in journalistische abenteuer by fritz on 9. November 2009

Der Dalai Lama war für neun Tage in Tokyo und besuchte auch den Foreign Correspondent Club. Ich war auch dabei und saß 2 Meter von ihm entfernt.

Ich glaube den Unterschied von meinen Leben als Fotograf in Berlin, und meinem Leben als Fotograf in Japan lässt sich sehr gut anhand der Person des Dalai Lama verdeutlichen:

In Berlin sah ich ihn auf einer Kundgebung im Oktober 2008, also vor fast genau einem Jahr. Allerdings aus dem Publikum heraus, mit 100m Distanz und einem unwahrscheinlich schlecht platzierten Laternenpfahl, der wortwörtlich jedem guten Foto im Weg stand. So blieb mir nur die Zuschauer zu fotografieren, wie dieses Kind, das ihre Heiligkeit den Dalai Lama anscheinend zum Fressen gern hat:

zum fressen gern

Letzte Woche traf ich ihn nun in Tokyo, schüttelte seine Hand und wurde mehrmals direkt von ihm angeschaut. Einer weltpolitischen Figur innerhalb von einem Jahr so nahe zu kommen ist ein großer Schritt.

Es war nun mehr Andrang an Journalisten bzw. interessierten Leuten, als bei meinem letzten Besuch im Foreign Correspondent Club. Diesmal hatte ich jedoch eine meishi dabei (die ich in einer Nacht und Nebel-Aktion und mit der Hilfe von vielen Japanern, einer Deutschen und einem Schweizer tatsächlich auch in der Nacht zuvor in der letzten Minute habe drucken lassen), sodass mir nun eine ewige Diskussion zu Anfang erspart geblieben ist.

Der Raum füllte sich schnell mit gespannten Gästen. Auch ich wahr sehr angespannt an dem Morgen, viel mehr noch: konzentriert. Ich wollte unbedingt gute Fotos von dieser einmaligen Gelegenheit machen und dem Dalai Lama auch gerne eine Frage stellen. Ich lag die halbe Nacht wach, bis mir dann die richtige Frage einfiel.

Vor Ort wartete dann der gefüllte Saal auf ihre Heiligkeit. Die Hälse reckten sich alle in Richtung Eingang hin.

Als dann das Spotlight anging, ging das Blitzlichtgewitter los:

Es wurde alles gezückt, was auch nur irgendwie mit Pixeln diesen Moment, diesen Menschen und diese Atmosphäre einfangen konnte:

Da die besten Plätze schon belegt waren, pickte ich einfach etwas weit vorne mit ner guten Sichtachse. Ich hätte nicht besser wählen können.

Ihre Heiligkeit, bzw. viel mehr noch sein dicker Bodyguard (kein Mönch) wählte nämlich den Gang neben unserem Tisch als Weg zum Podium. Zudem saßen am selben Tisch noch weitere deutsche Journalisten und hinter uns chinesische Journalisten, mit denen sich der Dalai Lama im Laufe des Treffens noch verbal anlegte, doch dazu später mehr.

Er schritt durch die Reihe der Journalisten wie durch eine Reihe Gläubige, streckte allen die Hand aus und alle nahmen diese Geste dankend entgegen.

Dieses Foto verdeutlicht das sehr gut, finde ich. Zudem bilden die Scheinwerfer auch eine Art heilige Aura um ihn.

Kurz nach dem Foto kam er auch bei mir vorbei und blieb kurz stehen. Ich legte die Kamera beiseite und schüttelte seine ausgestreckte Hand. Leichter Händedruck und viele Falten.

Vorne auf dem Podium wurde dann alles bereit gemacht für eine kleine Rede, die der Dalai Lama hielt


(„ist das Ding auch an?“)

Links sind, von unten nach oben, der Vizepräsident vom Foreign Correspondent Club, ein Italiener, der mehr oder weniger geschickt sein verbleibendes Haupthaar vom linken bis zum rechten Ohr gekämmt hat, um den Glanz dadrunter zu verdecken. Hinter ihm ist der Präsident des FCCJ, ein Inder soweit ich weiß.
Der Italiener hatte jüngst mit dem Dalai Lama ein Buch herausgebracht, was somit auch die einzige Legitimation gewesen sein dürfte, warum er dort sitzt, denn gesagt hatte er während des ganzen Treffen nichts.


(volles Haus, und alle lauschten begeistert seinen wirklich weisen Worten)

Ein Wort zu Büchern auf dem groß „Dalai Lama“ steht: Diese sind niemals von ihm geschrieben, sondern meist nur Aufzeichnungen von Gesprächen. Ich habe selbst so eins. Ich muss dazu sagen, dass ich es sehr inspiriend fand und mir den Buddhismus näher gebracht hat, mit dem ich als einzige der Weltreligionen etwas anfangen kann (ohne gläubig zu sein). Allerdings gibt es nicht wirklich ein Copyright auf Gedanken oder buddhistische Weisheiten, viel mehr noch interessiert den Dalai Lama das nicht wirklich. So kann aber jeder, der mal ein Wort mit ihm wechselte seinen Namen aufs Cover drucken und viel Kohle machen. Find ich zumindest fragwürdig.


Ich finds toll wie die Kameras die Gesichter verdecken. Wozu auch hinschauen, wenn mans später in 4 Megapixeln zu Hause hat?

Ich habe viele Sachen über den Dalai Lama gelesen, welche Eindrücke er hinterlässt und dass er manchmal etwas „kauzig“ oder „merkwürdig“ ist. Er schaffte es allerdings tatsächlich alle in diesem Raum auf eine gewisse Art zu erleuchten, für seine Worte zu begeistern. Die Leute respektieren ihn, aber er nimmt diesen Respekt nicht mit Arroganz auf. Er ist zwar das religiöse Oberhaupt des tibetischen Buddhismus sowie auch eine zeitlang das politische Oberhaupt gewesen.
Er ist jedoch einer der wenigen Oberhäupter, die sich nicht durch einen langen Wahlkampf gegen andere Kontrahenten und Meinungen durchsetzen musste. Er wurde auserwählt und bescheiden erzogen. Er nimmt seine Rolle fast schon selbstironisch wahr:

„China considers me a trouble maker, so it is my duty to make trouble“

sagte er mit einem Lächeln in Richtung der chinesischen Journalisten.

Oder:

„People say I have holy healing powers. I had an operation earlier this year and I was sick for a long time. So as you can see, I don’t have healing powers“

Mit Metaphern aus dem Tierreich bzw. aus der Natur konnte er Lösungen für globale Probleme erklären. Selbst als er dafür mit weiten Flügelschlag einen Vogel imitierte, nahm das seiner Lektion nicht die Kraft.


„He du, mit der Kamera“


„Leute, seht ihr den?“


Mönch1: „Jaja, Boss, hab ihn im Auge“
Mönch2: „zzz….“


„Passt ja auf den auf“

Kleiner Scherz 😉
Aber seine Begleitung hatte wohl den Jetlag noch nicht ganz vertragen…

Oder schielte nur neidisch auf die Kamera…

Die Tibet-China Problematik ist ja weitesgehend bekannt. Fakt ist, der Dalai Lama musste vor den Chinesen ins Exil fliehen, und China versucht systematisch die tibetische Kultur auszumerzen. Das dort gewisse Spannungen existieren, ist klar. Der Dalai Lama adressierte das Thema auf seine Weise, indem er den anwesenden chinesischen Journalisten sagte:

„You have no freedom!“

Und recht hat er. Doch das wollten die chinesischen Journalisten nicht auf sich sitzen lassen. Und stellten offiziell eine Frage:

Wie er denn sage könne, den Tibetern gehe es schlecht? Die Tibetische Kultur in China ist beliebt, es gibt viele Läden die tibetische Produkte verkaufen und erst jüngst hat doch ein Teilnehmer aus China die dortige Version von American Idol gewonnen. Und ja, das war sein Gegenargument. American Idol.

Der Dalai Lama stutzte und musste erstmal seinen Assistenten fragen:

„What is American Idol?

Nachdem er es verstanden hatte, bat er den chinesischen Journalisten zu verstehen, dass das nicht die Wirklichkeit ist. Er sagte, die chinesischen Journalisten, so wie alle Journalisten hier im Saal, sollen nach Tibet gehen und die Wahrheit entdecken. Dabei wurde er konsequent von den chinesischen Journalisten gefilmt:

Er sagte etwas, was mir persönlich als Zitat sehr wichtig ist:

„You journalists should have a long nose like Elephant. Smell everything.“

Nun, der Dalai Lama redet gern. Und lang. Und man hört ihm auch gerne lange zu. Doch er musste schon weiter, bevor ich meine Frage stellen konnte.

Er verabschiedete sich und ging wieder an uns vorbei. Bei den chinesischen Journalisten, die wie gesagt am Tisch neben uns saßen, blieb er kurz stehen, verbeugte sich und reichte ihnen die Hand.

Ich finde, das ist ein sehr starkes Bild. Das Interesse der Medien, Kameras und Journalisten drum herum illustriert das auch sehr schön. Aber viel mehr noch ist es das Lächeln. Sie sind ihm nicht böse. Über diese Geste der Versöhnung freuten sie sich sehr. Die chinesischen Journalisten luden ihn dann noch zu einem weiteren Gespräch ein, wo sie ihre Sicht auf Tibet darstellen wollten. Der Dalai Lama willigte ein und fügte selbstironisch mit einem Lächeln, als Kommentar zur Darstellung seiner Person in China, hinzu:

„Oh don’t invite me, you invite a demon“

Sanne-San, die mich zu diesem Treffen begleitete, hat auch ein ausführlicheres Protokoll zur Rede vom Dalai Lama und dem Medienecho, hier in ihrem Blog.

Viel Medienecho auf die verbale Kabbelei gab es nicht. Aber diese Weltpolitik, an der ich teilnehmen durfte, gibt es bei mir persönlich ein gewaltiges Echo.
Der Dalai Lama hingegen wird jedoch selig weiter lächeln, und sich von all dem Geschrei nicht aus der Ruhe bringen.

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4 Antworten

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  1. […] tokyo foto sushi reis, reisen, reizvoll « Wie ich dem Dalai Lama die Hand geschüt- telt habe […]

  2. fritze’s Kunst-Bart « tokyo foto sushi said, on 12. November 2009 at 15:36

    […] ich den Dalai Lama getroffen habe, und in einem „Pasta and Cake“ Restaurant was aß, bin ich noch ein wenig in Yurakucho […]

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