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Nagasaki – Buddha und die zerstörte Stadt

Posted in Reis und Reisen by fritz on 1. November 2010

Der dritte Tag in Nagasaki. Wir warteten nur auf einen Anruf von der Stadt, der uns erreichen sollte, wenn vor der Küste sich die Wellen wieder beruhigt hätten. Bei Anruf sollte es sofort auf die Ruinen-Insel gehen. Bis dahin wollten wir uns die Stadt anschauen. Die Stadt, die am 9. August 1945 als zweite Stadt von der Atombombe zerstört wurde.

Nach dem WM-Spiel und dem deutschen Sieg in der letzten Nacht, mussten wir am Morgen wieder das Hotel wechseln. Das war weniger, weil ich in der Nacht zuvor zu laut gejubelt hatte (schließlich war der Betreiber auch Fußballfan), sondern weil dieses Haus für den Tag bereits ausgebucht war. Unser neues Haus hatten wir schon am Tag zuvor gebucht. Praktischerweise lag es nur 500m von unserem jetzigen Hotel weg. Wir machten uns also am Morgen auf dem Weg und OH MEIN GOTT WAS IST DAS??

Wir biegen um die Ecke und zwischen den Häusern steht auf einmal ein riesiger Buddha.

War der die letzten Tage schon hier? Wo kam der her? Was zur Hölle macht ein riesiger Buddha zwischen den Häusern und direkt bei unserem Hotel?

Bevor wir das klären konnten, brachten wir erstmal unser Zeug in unser neues Hotel. Unsere Zimmer waren zwar noch nicht fertig, aber wir konnten unser Gepäck in der alt eingerichteten Lobby lassen. Das Hotel hatte wohl seine besten Tage schon längst hinter sich gelassen, die alte Einrichtung und ein ziemlich dekadenter und völlig verstaubter Kronleuchter zeugten von dieser Zeit. Scheinbar waren wir die einzigen Gäste an dem Tag. Im Verlauf unseres Aufenthalts sahen wir keinen weiteren Gast und auch die geräumige Tiefgarage war leer.

Auf Drängen meiner Begleiterin zahlte ich gleich das Zimmer, so wie ich auch kurz zuvor das Zimmer aus dem Hotel, aus dem wir kamen, bezahlte. Ein Blick in meine Geldbörse schockierte mich dann schnell. Denn nicht nur fehlte mir das Geld, wie eigentlich geplant, nach Nagasaki noch nach Kyoto zu düsen und dann weiter nach Tokyo. Es fehlte mir zu dem Zeitpunkt das Geld überhaupt nachhause zu kommen.

Erstaunlich, hatte ich doch vor der Reise um die 1000€ übrig, mit dem letzten Gehalt aus dem Restaurant und ein paar verkauften Aufträgen. Dazu wohnte ich derzeit in Tokyo mietfrei. Wo war das Geld hin??

Eine kurze Rechnung mit meiner Begleiterin ergab ein klareres Bild. Da ich immer vermeintlich Geld hatte, zögerte ich auch nie, für uns beide zu bezahlen. Zweimal 10.000Yen für zwei Hotels fallen dann schnell auf.
Meine Begleiterin versicherte mir, im Laufe des Tages noch ihren Teil zurückzuzahlen und wir machten uns auf dem Weg in die Stadt.

Doch vorher… wollte ich diesen riesigen Buddha aus der Nachbarschaft näher betrachten.

Wie die Tage zuvor hing Nagasaki auch heute unter einer Dunstglocke, mit schwülen Wetter und dicken Nebel. Der riesige Buddha wurde von mir nur „creepy Buddha“ genannnt, weil er sich mysteriös bedrohlich im Nebel über der Stadt erhebte.
Den Hang hinauf führte ein Weg, vermeintlich zum Buddha, in dessen Schatten nur Katzen seinen Weg bewachten.

Uns skeptisch beäugend machten sie den Weg frei.

Den Weg hinauf gab es ein Schild, auf dem eigentlich stand, dass Betreten nicht wirklich gestattet ist, und wenn, dann ein paar Yen kostet. Doch weder sahen wir jemanden, der es uns hätte verbieten können, noch den wir hätten bezahlen können.
Wir sahen nur ein deutsches Pärchen, dass sich über den Buddha genauso wunderte, wie wir. Ich hatte allerdings nicht wirklich Lust mit ihnen zu reden.

Der Buddha, ca. 7m hoch und umringt von kleinen Kindern (die den Riesen noch gruseliger wirken ließen), stand auf einem Tempelgebäude, das geformt war wie eine riesige Schildkröte, komplett mit riesigen Schädel.

Die ganze Anlage gehörte zu einer buddhistischen Sekte, die aus China stammte. Meine Begleiterin war Architektin und sie erkannte einen eindeutigen chinesischen Einfluss in der Tempelstruktur – die sie mir auch erklärte aber ich nicht 100%ig verstand.


Eine Mauerdekoration, die Figur ist wohl eine Art Traumfresser

Im wenigen Grün der Tempelanlage konnte man dauerhaften Regen über der Stadt deutlich erkennen.

Nachdem ich den Buddha nun von nahem gesehen habe, um mich von seiner creepyness überzeugt hatte, wollte ich nur noch weg und rein in die Stadt.
Für Nagasaki hatte ich nur einen Auftrag: Ich sollte die Statue ablichten, die die DDR dem Peace Park der Stadt gestiftet hatte, und von dem kaum Fotos existieren. Aber es war mir auch persönlich wichtig, nachdem ich nun Hiroshima erlebt hatte, die erste Stadt, die von der Atombombe vernichtet wurde, nun auch Zeugnisse von der Zerstörung in Nagasaki zu sehen.

Über Hiroshima las und wusste ich viel, schon seit früher Jugend. Über Nagasaki wusste ich nicht so viel. Die Stadt hat leider das Stigma eben nur Nummer zwei zu sein. Denkt man an die Bombe, denkt man an Hiroshima. Internationale Bestrebungen und Aufmerksamkeit richtet sich auch fast nur auf Hiroshima. Wenn Nagasaki erwähnt wird, dann nur meist mit dem Vorsatz „Hiroshima und….“. Einen Blogeintrag über die Zerstörung von Nagasaki erzähle ich auch nicht ohne Hiroshima zu erwähnen…

Es hat mich auch überrascht, wie die Stadt selbst mit dem Thema umgeht. Während in Hiroshima der 6. August 1945 und seine Folgen DAS Thema ist, ist in Nagasaki die Atombombe „nur“ ein Punkt von vielen. Zuerst sah ich das sehr kritisch, betrachtet man Nagasaki aber näher, versteht man es.

Nagasakis Geschichte ist weitaus länger und komplexer als die von Hiroshima. Hiroshima war immer Industriestadt. Zwar mit einem Samurai-Schloss aus Holz, aber größtenteils gesichtslos. Mit einem (atomaren) Schlag wurde die Stadt auf die internationale Bühne katapultiert und musste mit dieser Rolle klar kommen.
Nagasaki war schon immer auf einer internationalen Bühne. Zwar eine kleine Bühne, aber bedeutsamer für den gesamten Verlauf der japanischen Geschichte, als Hiroshima.

Nagasaki war Japans Tor zum Westen in der Edo-Zeit. Das einzige Tor zum Westen in der Zeit. So kam die Elektrizität nach Japan, viele medizinische Errungenschaften und andere Sachen, auf die ich später nochmal eingehen möchte.
Ebenso überlebte hier ein kleine christliche Minderheit und der Einfluss und Austausch mit China war in der Küstenstadt Nagasaki über Jahrhunderte bedeutsam. So viel Geschichte, schon vor 1945, da ist es kein Wunder, dass der Stellenwert der Bombe und ihrer Folgen, im Reiseführer der Stadt verhältnismäßig kleiner ist.


Unweit vom Zentrum der Explosion

Nagasaki wurde aufgrund seiner langgestreckten Stadtstruktur, zwischen Hügeln gelegen, auch weniger von der Bombe getroffen, als Hiroshima zum Vergleich. Doch versteht mich nicht falsch, nach der Explosion stand da genau so nichts mehr.

Im Gegensatz zu Hiroshima gab es auch wenig Betonkonstruktionen, die die Explosion überdauerten, und die man dann im Museum deformiert betrachten könnte. Trotzdem war die Explosion natürlich verheerend. Zahlen in Nagasaki gehen von ca. 70.000 Toten sofort aus, und nochmal ungefähr 70.000, die an Verletzungen und Verbrennungen aufgrund der Bombe in den folgenden Tagen, Wochen und Monaten elendig verreckt sind. Gesamt also ca. 140.000 Tote wegen einer Bombe. Für diese Kosten/Nutzen Rechnung hat bestimmt jemand nen Orden bekommen.

Die langgestreckte Stadt macht auch nun den Gedenkbereich etwas anders. Ziemlich weit vom Zentrum der Stadt, sofern sie denn eins hat, liegt der Peace Park, der selbst jedoch nicht auf dem Gelände vom Hypozentrum, also dem Zentrum der Explosion, liegt. Das zentrale Element in diesem Peace Park ist diese Statue.

Ich stand davor und dachte:

„…was?“

Ein riesiger, muskelbepackter Adonis, mit langer Mähne und blanker Brust soll 140.000 Toten gedenken? Wiedermal war ich etwas verstört. Nagasaki ist eben anders und geht ebenso anders mit der Geschichte um.

Die Statue soll das Leben feiern. Das Leben, dass den Überlebenden und Nachkommen geblieben ist. Daher sieht der Kerl auch so „vital“ aus. Die eine Hand geht nach oben, in Richtung der Bombe. Die andere Hand soll Frieden symbolisieren, moderat balanciert sie die verschiedenen Kräfte aus.

Das alles vor einem diesigen Himmel und grauer Nebelwand. Die Fotos an dem Tag versprachen nicht so doll zu werden, aber das Wetter sollte sich so bald nicht ändern.

Der Peace Park in Hiroshima ist voll mit Monumenten und Denkmälern, gestiftet aus aller Welt. Der Peace Park in Nagasaki ist… überschaubar.

Erstaunlich viele Flächen waren leer, in Erwartung internationaler Aufmerksamkeit. Doch die bleibt aus.
Im Plan vom Park haben die Denkmäler Nummern. Die Nummer 1 ist dabei der einzige deutsche Beitrag, das „Denkmal der Völkerfreundschaft“ aus der DDR.

Der bis heute einzige deutsche Beitrag zum Peace Park in Nagasaki steht zusammen mit einem Beitrag aus Russland und Tschechien in einer sozialistischen Ecke, die alle in einem Zeitraum von drei Jahren von 1978-81 dort aufgestellt wurden.
Rechts vom deutschen Beitrag ist viel leerer Raum.

Gegenüber der deutschen Statue stand ein Denkmal, welches der in der Explosion gestorbenen Studenten gedenken sollte. Viele von ihnen sind an Verbrennungen gestorben, oder sie sind ohne reines Wasser verdurstet. Daher auch die Eimer mit und Flaschen beim Denkmal.

Eine Zeichnung eines Überlebenden, die an dem Denkmal hing und nicht nur Studenten zeigt. Menschen versuchten sich mit ihren verbrannten Körpern zu einem Zug zu schleppen, der sie aus der Stadt bringen sollte. Ein Großteil ist wenige Meter vor dem Zug ihren Verbrennungen erlegen.

An den Tod durch Verdursten bzw. durch das Trinken verunreinigten Wasser, soll dieser Springbrunnen erinnern. Auf dem Stein steht ein Zitat einer Überlebenden. Sie beschreibt ihren quälenden Durst, den sie dann mit schwarzen Wasser stillte, das sie in einem Fluss oder Teich gefunden hatte. Das Wasser war vermutlich durch Asche und radioaktiven Staub verseucht. Ob die Frau lange überlegte, sagte die Tafel nicht.
Der Brunnen soll niemals ausgehen, damit die Verletzten immer Wasser haben – oder so ähnlich ist der Anspruch vom Gedenkbrunnen.

Das Zentrum der Explosion. Der leere Raum hat eine direkte Wirkung

Der Peace Park liegt, größtenteils, auf dem Gelände eines ehemaligen Gefägnisses, von dem nach der Explosion nur noch die steinernen Außenmauern blieben. Beim Hypozentrum stand eine christliche Kirche (von denen gibts in Nagasaki viele), von der nur noch ein Pfeiler blieb, der bis heute steht.
Das Zentrum der Explosion markiert heute ein schwarzer Monolith.

Auf dem respektlos ein Rabe saß.

Einige Kulturen halten ja den schwarzen Raben für einen Boten des Todes. Der dunkle Vogel vorm tiefgrauen Hintergrund an diesem Ort – da kann man jetzt etwas spirituelles reininterpretieren, wenn man mag.

Wenn ihr mich fragt, wie dieser Raum auf mich wirkte, so sage ich: Null. Es ist ein leerer Raum, der aber kaum das Grauen, die Zerstörung und das Leid der Zeit wiedergeben kann. Geschichten von Überlebenden und Bilder aus der Zeit bewegen mich mehr, als ein leerer Platz.


Detail eines Denkmals vor dem Atombomben-Museum

Es sind Geschichten von Menschen, die ein Bild dieser Explosion zeichen. Geschichten, wie diese: Beim Hypozentrum läuft ein Fluß entlang. Von der Position des Fotos oben, rechts. Eine Treppe führt dort ans Ufer, zu einer Gedenktafel und einem Hohlraum im Fundament des Parks, der mit einer Glasscheibe abgedeckt ist. Die Gedenktafel erzählte von Menschen, die sich an genau dieses Ufer schleppten um zu trinken. Dieses Ufer, welches keine 10m vom Zentrum der Explosion entfernt war. Einige verendeten hier, oder ihre Leichen wurden vom Fluß mitgenommen, der so durch die offenen Wunden der Opfer vom Blut rot gefärbt wurde, und schwarz vom verseuchten Staub.
Der Hohlraum und das Fundament dahinter ist bis heute hoch radioaktiv (allerdings unter Bleiglas und selbst ohne nicht gesundheitsgefährdend) und es liegen Gebeine von Toten darin, die im Fluß gefunden wurden, die Knochen immer noch verseucht.


Leider ohne irgendeine erklärende Tafel, aber wohl ein Denkmal für gestorbene Mütter und ihre Kinder

Die gefaltenen Kraniche, Symbol für die Opfer der Atombombe und ihre Leiden, finden sich auch in Nagasaki – vom Regen aufgeweicht und nicht beachtet.

Wir sind dann zum Atombomben-Museum von Nagasaki. Nicht nur die vielen Libellen, die wild davor umher schwirrten, waren ein großer Unterschied zu Hiroshima. Es fehlten auch die internationalen Besuchermassen, die Schlangen – und auch diese bedrückende Schwere, die in Hiroshima die ganze Stadt und vorallem das Museum umgibt. Es fehlten auch die vielen amerikanischen Touristen, die mit Kaugummi im Mund, Sandalen und Sonnenbrillen vor den Bildern der Zerstörung stehen. Ich bemüh ja ungern Klischees, aber das war tatsächlich das Bild, das ich in Hiroshima sah.

Die Besucher in Museum in Nagasaki waren überschaubar, die Ausländer konnte man einer Hand abzählen.

Eine große Kirche in Nagasaki, zu der ich später noch komme, hat es bei der Explosion ziemlich erwischt. Die Reste wurden dann komplett abgerissen, im Museum befindet sich ein Nachbau vom Zustand nach der Explosion.


Topographie-Modell von Nagasaki, die mittels Projektion die zerstörten Areale zeigte und erklärte, warum Nagasaki im Talkessel anders von der Explosion erwischt wurde, als Hiroshima


1:1 Nachbau der Bombe, „Fat Man“

Für meinen Geschmack etwas zu anschaulich wurde die Technik hinter der Bombe erklärt. Hinter der Bombe von Nagasaki stand eine andere Technik als in Hiroshima. Nicht minder tödlich, natürlich.

Dann gab es das, was es in Hiroshima auch gab. Verbrannte Kleidung, deformierte Gegenstände und Fotos. Was in Nagasaki allerdings anders war, und mir und meiner Begleiterin, die ja auch mit mir im Museum von Hiroshima war, nachhaltig Bauchschmerzen bescherte, war ein Gang am Ende vom Ausstellunsgarreal. Dieser war gefüllt mit Geschichten, Aussagen und Informationen von Personen, die den Schrecken überlebten – zumindest eine gewisse Zeit lang. Vom zehnjährigen Mädchen, das ihren eigenen Vater beerdigen musste und wenige Jahre später den Rest ihrer Familie verlor, über Mütter, deren Kinder in ihren Armen starben, oder einem Doktor, der selbst an Leukämie erkrankte und noch am Sterbebett Verwundete versorgte – geschrieben, gesprochen, gezeichnet und gefilmt hatte das alles einen intensiven Eindruck, in dem pechschwarz gemalten Raum.

Als ich draussen war, musste ich mich kurz setzen. Es saß dort bereits meine Begleiterin, die schneller aus dem intensiven Raum raus war. Wir haben dort noch nicht über das eben Gesehene gesprochen und wollten es zu dem Zeitpunkt auch nicht.

Neben dem Ort wo wir saßen, war ein Globus mit plastischen Erhebungen. Diese Rauchsäulen symbolisieren alle atomaren Explosionen auf dem Planeten. So plastisch vor sich, realisiert man überhaupt erst, dass aufgrund von all den Atomtests, Japan nicht das einzige Land ist, das dieser Explosion ausgesetzt wurde.

Wieder draußen unter der warmen Luft verdauten wir das Ganze erstmal. Meine Begleiterin meinte, dass sie dieses Museum viel trauriger gemacht hat, als das in Hiroshima. Ich teilte ihre Meinung, auch da ich vorher nicht viel über Nagasaki und die Bombe wusste. Auch die Fotos von Opfern und ihren Brandwunden ließen mich nicht unberührt.

Wir wollten weiter auf dem Pfad der Zerstörung.
Es klingt dramatisch, doch tatsächlich gingen wir diesen Weg, die Schneise entlang, die die Bombe geschlagen hatte. Vom Hypozentrum aus Richtung Stadtinneres.
Ich wollte unbedingt die Urakami-Kathedrale sehen, die es als eine der ersten großen Kathedralen in Japan, nach der Bombe komplett zerfetzt hatte. Auch weil ein guter Freund von mir gläubiger Christ ist und ich ihm etwas von diesem, doch eher unbekannten Kapitel japanischer Geschichte, mitbringen wollte. Und sei es nur ein Foto.

Um das Ganze mal ins rechte Licht zu rücken: Das Christentum, das auch über Nagasaki nach Japan kam, wurde über 200 Jahre lang auf Strafe verboten und Gläubige wurden verfolgt und getötet. Während heute in Japan niemand mehr aufgrund seiner Religion diskriminiert wird (und das muss man dem Land echt mal hoch anrechnen), gab es damals eine regelrechte Verfolgung von Gläubigen und Symbolen. Die Zahl der Getöteten schwankt je nach Quelle, ich habe mal was von 57 über einem Zeitraum von 200 Jahren gelesen, andere sprechen von mehreren hundert. Vorallem christliche Quellen geben immer hohe Zahlen an. Irgendwo las ich auch mal etwas um die 1000. Natürlich war und ist das Christentum in Japan eine Minderheit, allzu hohe Zahlen sind da nicht zu erwarten. Allerdings könnte man ja unfairerweise mal gegenrechnen, wieviel Andersgläubige im selben Zeitraum in Europa oder nur in Deutschland aufgrund ihres Glaubens getötet wurden….

In der Geschichte der Urakami Kathedrale liegt nun eine Tragik oder zumindest ein gewisser historischer Zynismus. Nachdem das Verbot vom Christentum aufgehoben wurde, erlaubte der Kaiser den Bau einer Kathedrale in Nagasaki. Im Jahre 1895 wurde begonnen und 1925 war sie nach 30 Jahren Bauzeit fertig. Sie stand nur 20 Jahre und dann wurde sie von der Atombombe zerstört – geworfen von christlichen Amerikanern.

Mehr als 200 Jahre Verbot, 30 Jahre Bauzeit und es braucht nur wenige Sekunden um all das wieder zunichte zu machen.
Ende der 50er wurde die Kathedrale wieder komplett neugebaut. Ein Nachbau der Zerstörung steht, wie oben erwähnt, im Museum.


Alte Figuren vor der Kirche, vom Zahn der Zeit abgenagt

Ein besonders morbides Merkmal der Urakami Kathedrale, ist der Kopf einer Maria Statue, die von der Bombe erwischt wurde.


Quelle: asianews.it

Davon verkaufen sie in der Kathedrale auch Postkarten, das Motiv ist dabei schön mysteriös mit dem Licht in Szene gesetzt. Der Original-Kopf ist allerdings nur so 15-20cm groß. Ich hatte mir auch eine Postkarte gekauft, neben einem Buch über die Kathedrale und die Geschichte des Christentums in Japan, für meinen Freund daheim. Das Buch ist inzwischen verschenkt und die Postkarte habe ich irgendwie verlegt.

Ach und der Papst war auch schonmal da:

Oder er hat zumindest mal ein Fax geschickt. So ganz genau verstand ich das auch nicht, es fehlte auch eine englische Tafel.

Nun gab es nur noch ein Objekt, dass von der Bombenexplosion zeugte, und das ich mir anschauen wollte. Wieder zum Weg der Verwüstung und an ihm entlang.
Da kamen wir an zwei Zeigern vorbei:

Die Uhr bzw. 11.02 Uhr als Zeitpunkt der Explosion, ist in Nagasaki von genauso symbolhafter Bedeutung wie in Hiroshima. Diese Zeiger standen vor einem Krankenhaus, dessen medizinische Fakultät über jahrzehnte hinweg in Japan führend war. Nicht zuletzt auch durch den historischen Umstand, dass viel medizinisches Wissen aus dem Westen, über Nagasaki nach Japan kam. Das Krankenhaus verbrannte bei der Explosion komplett. Zu einem Zeitpunkt, als die Stadt es eigentlich am meisten gebraucht hätte.

Unweit vom Krankenhaus befindet sich der letzte Zeuge der Explosion im Stadtbild von Nagasaki: Das einbeinige Schrein-Tor

Vor japanischen Schreinen steht immer so ein Tor, ein geschwungener Bogen über zwei Säulen, genannt Torii. Bei der Explosion hat es nun die zweite Säule von diesem Tor komplett weggefetzt. Die andere Säule, in ungewöhnlicher Bauweise aus Beton, hat es durch die Druckwelle in die Richtung des Explosionszentrum gedreht.

Die Reste von der zweiten Säule hat man unweit vom noch stehenden halben Tor aufgebahrt, in Einzelteile zerbrochen. Heut gibt es dort keinen Schrein mehr, der auch bei der Explosion schnell verbrannte, es ist nur noch eine Wohngegend.

Das war Nagasaki. Das war, was Nagasaki nach der Explosion war.
Ich saß neben dem zersplitterten Betonpfeiler auf einer Bank und dachte über das Gesehene nach. Natürlich ist das alles grausam. Natürlich kann man die Stadt nicht nur auf das reduzieren, was war. Das hier ein Typ mit seinem Hund einfach an etwas vorbei läuft, was den Tod von 140.000 Menschen bezeugt, ist eben der Alltag einer Stadt, die mehr als 60 Jahre nach der Bombe lebendig ist, und mehr zu bieten hat, als nur die Trauer über ihr Schicksal.

Man sagt zwar immer „Hiroshima und Nagasaki“ und vergleicht beide Städte, doch beide Städte sind nicht zu vergleichen. Genausowenig wie 140.000 Tote in der einen Stadt mit 166.000 Toten in der anderen Stadt zu vergleichen sind. Zahlen lassen sich sicher vergleichen – doch ausgelöschte Leben, Schicksale und Geschichten nicht.

Nagasaki geht, wie oft erwähnt, eben anders mit der Bombe um, auf seine eigene Art. Das fand ich zu Anfang sehr befremdlich, und dann doch verständlich.

In meinem Restaurant in Tokyo hatten wir mal ein Briten zu Gast. Er war schon etwas angeheitert, sprach keine Wort Japanisch und wollte mit jemanden reden. Er fragte nach dem Ausländer und meine Kollegen schickten mich dann hin. Auch wenn ich nicht mit allem was er sagte einverstanden war, so war es doch ein interessantes Gespräch. Ich erzählte ihm vom meiner Reise nach Hiroshima, den Gesprächen die ich dort führte, und von meiner Erkenntnis, dass Hiroshima eine sehr lebendige Stadt ist, deren Bewohner nicht jeden Tag an das Schicksal der Stadt denken. Auf englisch formuliert sich das schön mit „they moved on“ – sie haben sich weiterbewegt.
Der Brite stellte mir nun die Frage, warum die Leute außerhalb Japans, die Hiroshima immer nur auf die Bombe reduzieren und nur das sehen können, sich nicht weiterbewegt haben. Warum sie immer noch ein Hiroshima von 1945 in ihren Köpfen ist.

Tja… sagte ich. Und wusste es auch nicht wirklich. Wahrscheinlich, weil viele in ihrem Leben nicht das Hiroshima von heute sehen und erleben werden, und die Medien sich hüten werden, eine unaufgeregte Geschichte von einem „normalen“ Hiroshima zu erzählen, ohne auch nur in einem Nebensatz „…trotz der Bombe“ hinzuzufügen – als wäre sie gestern erst hoch gegangen.

So war auch meine Vorstellung fest in dem Nagasaki von 45 und hatte sich vor meinem Besuch nicht weiterbewegt. Dementsprechend war ich entrüstet. Was kann denen denn einfallen, einfach die Bomben zu ignorieren? Das tun sie nicht.
They moved on.

———————————————–
Die Nagasaki-Nacherzählung:

Teil I – Nach Nagasaki, der Insel wegen
Teil II – Nagasaki, Stadt im Regen
Teil III – Buddha und die zerstörte Stadt
Teil IV – Gräber, die die Stadt hinauf wachsen
Teil V – Die touristenfreundliche Ruine im Pazifik
Teil VI – Eine Insel für die Holländer und ihre Dirnen


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6 Antworten

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  1. David Zwadlo said, on 2. November 2010 at 02:11

    Danke für die Fotos und die Erklärungen dazu! Sehr eindrücklich beschrieben.

    Bei der Statue habe ich auch direkt mal auf den chinesischen Stil getippt. Es handelt sich um die Göttin Guanyin: http://de.wikipedia.org/wiki/Guanyin
    Strenggenommen zeigt die Statue also nicht einen Buddha, sondern die chinesische Variante des Bodhisattva Avalokiteshvara

    Nur die Dachziegeln sind klar koreanisch/japanisch inspiriert.

    Und, passend zum Thema Atombombe: http://www.amazon.de/Barfuss-durch-Hiroshima-Barfu%C3%9F-%C3%9Cberleben/dp/3551775036/
    Der vierteilige Manga hat mich tief berührt und zum Nachdenken gebracht – mehr, als alles, was man so von einem „Comic“ sonst erwarten kann.

    • fritz said, on 4. November 2010 at 01:22

      bitte und danke

      Religion ist ja mal so garnicht meins… Soll jeder glauben, was er möchte, und ich seh in der Philosophie und Botschaft von einigen Religionen auch etwas, was ich für mich rausziehen kann, aber all dieses Brimborium drumrum, mit riesigen Statuen, Gotteshäusern oder blinden Fanatismus (den nicht nur Moslems, sondern auch Christen und Juden im Namen ihres Gottes betreiben) halt ich für ziemlich Banane. Natürlich genieße ich als Architektur-Fan auch den Anblick solcher Bauten, aber gleichzeitig denk ich auch, dass man etwas sinnvolleres mit dem Geld hätte anfangen können, z.b. Menschen zu helfen, anstatt mit Gigantomanie zu protzen.

  2. Tobey said, on 2. November 2010 at 14:01

    Danke!

  3. Herm said, on 4. November 2010 at 00:32

    Du hättest mal die hundert Meter hohe Buddhastatue in Sendai besuchen sollen!
    http://tinyurl.com/272o5tg
    Schöne Bilder trotzdem. Und tolle Geschichte.
    One day werde ich auch mal nach Nagasaki fahren und mir das ganze anschauen.
    Grüße
    Herm

    • fritz said, on 4. November 2010 at 01:12

      Was zum….!!

      gruselig, solche riesigen Religionsfiguren….


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