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Post aus Nah-Ost 3: Der Tag der kaputten Kameras

Posted in Reis und Reisen by fritz on 5. Dezember 2010

Der dritte Tag in Palästina und der erste halbe Drehtag für unser Videoprojekt. Für mich waren aber nur meine beiden Fotokameras wichtig, die an diesem Tag allerdings nicht wirklich mitspielen wollten…

Zum ersten Mal während dieser Reise bin ich ausgeschlafen aufgewacht. Ich öffnete meine Augen und hatte den Schritt meines Kollegen vor mir, der über mir schlief und gerade herunter geklettert kam. Er entschuldigte sich aufgrund meines Grunzens und schlich sich unter die Dusche.
Ich stöpselte noch meinen Kamera-Akku in die Steckdose, um für den heutigen Tag vorbereitet zu sein, und ging zum Frühstück.

Mit anderen, mehr oder weniger, ausgeschlafenen Frühaufstehern saß ich in der Küche und in der angeschlossen Aussenterasse wehte ein etwas kühleres Lüftchen an uns vorbei. Einige Tropfen Wasser konnten wir auf der Haut spüren, die einsam einen Ausblick auf die Regenzeit bot, die wenige Woche nach unserem Abflug eintreten sollte. Doch an dem Tag vertrieben die paar Tropfen nur kurz die Hitze, bis sie keine zwei Stunden später schon wieder von ihr besiegt wurden.

Heute sollte der erste Drehtag in unserem Videoprojekt folgen, es war eine gespannte Stimmung. Zum Frühstück gab es stark würziges Fladenbrot und Tee mit Milch, dazu die üblichen weichen Bananen.

Es trudelten nach und nach alle von der Gruppe ein. Es gab noch mal kurze Ansagen zum heutigen Drehtag und wie man so einen Film gestaltet. Bevor wir dann die Kameras abholten, tauschte ich noch etwas Geld beim Handyverkäufer um die Ecke. Fünzig Euro zu 225 Schekel, mit 10% für ihn. Guter Tausch.

Die Einweisung zu den Kameras bekamen wir von einem deutschen Voluntär des Cinema Jenin, wo wir auch die Kameras für unser Projekt ausleihten. Ich hatte nicht zum ersten Mal eine Videokamera in der Hand, jedoch solch eine noch nicht.
Die Funktionsweise wurde uns allen eingehend erklärt und die Kameras, eine Sony und zwei Panasonic, wurde unter den Gruppen aufgeteilt. Als ich die Sony in der Hand hatte sagte ich gleich „die nehm ich“, und der Einweiser gab mir Recht. Wenn das erste Gefühl stimmt, dann ist das meist die richtige Entscheidung für einen langen Drehtag. Es gab zwar Proteste von den anderen Gruppen, die sich noch mit den Knöpfen rumplagten, doch ich ließ mich von meiner Entscheidung nicht abbringen. Das ich die Kamera in den folgenden Tagen nur tragen und nicht bedienen sollte, wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.

In meiner Gruppe war ich der einzige mit Filmerfahrung. Das, und mein Hintergrund als Fotograf, ließ mich glauben, dass ich von meiner Gruppe in die Position des Kameramanns gedrängt werde, worauf ich zwar nicht sooo Lust hatte, aber auch nicht ablehnte. Dem war aber nicht so. Ein Mädel aus meiner Gruppe meinte gleich begeistert, dass sie es doch gerne mal ausprobieren möchte. Sie arbeitet zwar beim RBB, doch eine Kamera bedienen gehörte dabei nicht zu ihren Aufgaben. Dennoch erstaunte sie mich sehr in ihrer resoluten Herangehensweise, mit einem flinken Finger am Aufnahmeknopf und dem ständigen Blick an der Linse. Da fiel es mir nicht schwer, ihr komplett die Kamera zu überlassen. Die mangelnde Erfahrung an der Kamera merkte man dann allerdings an den wackeligen Bildern und dem hektischen Bildaufbau. Ich wär dann allerdings das andere Extrem gewesen, hätte jedes Videobild wie ein Foto durchkomponiert und stehen lassen. Das ist zur Abwechslung mal nicht schlecht, und hätte unserem fertigen Film auch gut getan, aber nur solche Bilder wirken dann langweilig für den Betrachter.

Ein bekanntes Gesicht

Schon am ersten Tag fiel mir ein Mädchen bei den deutschen Freiwilligen des Hauses besonders auf, ich konnte aber nicht sagen wieso. Nur das mir ihr Gesicht bekannt vorkam. Als wir nun für den ersten Drehtag das Kameraequipment holten, rief jemand aus der anderen Ecke des Raums.

„Ich kenn dich doch!“

Ich blickte in Richtung der Stimme und der Ruf galt tatsächlich mir.

„John-Lennon-Gymnasium, nicht wahr?“

Tatsächlich ging ich mit ihr auf eine Schule, sie war ein Jahr unter mir und hatte vor zwei Jahren Abitur gemacht. Sie hatte nach mir meine Schülerzeitung übernommen und ich hatte deswegen viele und lange Gespräche mit ihr. Zurückblickend werden es wohl zu viele Gespräche gewesen sein, denn zu sehr hab ich noch versucht auf die Geschicke der Schülerzeitung einzuwirken und sie hatte mich zu sehr auf meine Expertise verlassen. Als ich nämlich dann mit der Schülerzeitungsberatung aufhörte, blieben auch die Ausgaben aus.

Auch wenn ich ihren Namen von ihren geöffneten Skype-Programm entnehmen musste, das sie auf ihrem Computer noch hatte laufen lassen, konnte ich mich an sie erinnern. Und so trafen sich zwei ehemalige Schüler der selben Schule aus Berlin Mitte, hier in einer kleinen Stadt im Nahen Osten wieder.

Ich hatte an dem Tag keine Zeit für sie und ich musste auch erstmal meine Gedanken sortieren, wer sie denn überhaupt war. Ein paar Tage später sprach ich sie in einem ruhigen Moment. Wie es aussieht schwirrt sie seit dem Abitur etwas umher, war mal ein Jahr im Ausland und ist nun hier um einen Film zu drehen. Sie möchte nun Film studieren. Ich hatte sie dann beim Schnitt des Films getroffen, aus dem sie mir einen kurzen Ausschnitt zeigte. Die Aufnahmen stammten von einen Olivenbaumhain, wo Jugendliche und Kinder zwischen den Bäumen die im Wind wackelten, die Oliven sammelten. Die ersten Aufnahmen waren nicht schlecht, zwischen den vielen Blättern taucht ab und an mal ein junges Gesicht auf und verliert sich dann gleich wieder im Wind.

Sie macht den Film nicht alleine, sagt sie. Sie ist jetzt hier für mehrere Monate freiwillige Helferin, für Erfahrung und Kontakte, wie sie sagt.
Mit den Freiwilligen bzw. Volunteers, wie sie sich nennen, habe ich viele Gespräche geführt und vorallem viel zugehört. Ich wusste garnicht mehr von mir, dass ich so viel Interesse am Zuhören habe. Vielleicht weil man in Berlin immer gezwungen ist, lauter zu Reden als der Andere, und ich in Tokyo zwar zuhören, aber nicht alles verstehen konnte. Die Volunteers haben das auch gerne angenommen und viel erzählt.
Ein mänlicher Volunteer beschwerte sich zum Beispiel, dass die Mädels nur hierher kommen um irgendwelche „Kunst-Sachen“ zu machen, während die Kerle hart anpacken müssen und das Handwerk erledigen. Meine Bekannte aus meiner Schule war auch an einem Kino-Arbeitstag zum Olivenhain gefahren – um ihren Film zu drehen.

Kamera ab

Wir wollten zuerst in einem Center für Frauen in einem Flüchtlingslager drehen, das hatte aber inzwischen leider schon zu. Wir hatten zwar noch ein paar andere Namen und Adressen aufgeschrieben, doch nix konkretes gab es für heute. Wir wollten die junge Dame, die im Kino arbeitet, fliessend Englisch kann und schon beim ersten Treffen mit den palästinensischen Jugendlichen am Vortag dabei war, fragen, ob sie uns ein Interview geben kann. Sie druckste herum und man merkte, dass sie nicht wirklich Lust drauf hat. Wir gingen kurz raus um uns neu zu beraten und dann kam die Meldung, dass irgendwie die Leiterin des Projekts es so gedreht hat, dass die junge Dame uns für Übersetzungen und Interviews zur Verfügung steht. Sie wird dafür wohl anscheinend bezahlt, dass sie sich die Zeit für uns nimmt.

Im Garten unter der schwarzen Plane wollten wir filmen. Das heisst, zuerst wollten wir da nicht filmen, sondern an verschiedenen Orten, zu denen ich stets das schwere Stativ schleppen musste, bis die Kamerafrau es sich anders überlegte.
Im Garten dann bauten wir alles auf. Ich überließ die Kamera dem Mädel aus meiner Gruppe, doch ich hatte schon ein Auge auf einen Bildaufbau, mit dem ich auch zufrieden war. Das ewige Hin- und Herschieben des Stativs und der Kamera war anstrengend, doch Film ist nun mal anstrengend, da immer mehrere Leute beteilligt sind, mit jeweils unterschiedlichen Vorstellungen. In unserer Gruppe von drei Leuten war das allerdings alles noch machbar.

Ich überließ die Fragestellung dem zweiten Mädchen in unserer Gruppe, was mir die Rolle hinter den Kulissen gab, die ich für den gesamten Film haben sollte. Ich nahm diese Rolle durchaus ernst, hatte immer ein Auge auf Kamera, Umgebung, Interview und auch den Schnitt im Hinterkopf. Ich wusste auch, dass meine Kolleginnen mir jederzeit Kamera und Mikro gegeben hätten, wenn ich sie darum gebeten hätte.

Wir interviewten nun also das junge palästinensische Mädchen, mit Kopftuch und grünen, hochhakigen Schuhen, die man auch am Anfang vom Film sieht und hört. Das Interview gefiel mir allerdings nicht. Unruhig hörte ich zu, denn bei den Antworten fehlte mir Substanz und verwertbare Zitate. Berufskrankheit, hab ich doch in meiner Laufbahn schon mehrere Dutzend Interviews geführt und einige sogar selbst gegeben. Es ließ sich also nicht vermeiden, dass ich nach der letzten Frage meiner Kollegin mir das Mikro schnappte und noch drei Fragen stellte, die mir fehlten, und deren Antworten mir auch mehr als genügten.

Nach dem Dreh, mit etwas Abstand, redete ich nochmal mit meiner Kollegin und erklärte sachlich, was mir beim Interview fehlte und warum. Sie verstand und akzeptierte meine Kritik. Ich war ganz glücklich, in dieser kleinen Gruppe zu sein. Ein Konsens ließ sich schnell finden. Zumal waren beide auch in meinem Alter oder drüber, das schaffte eine unaufgeregte, erwachsene Gesprächsatmosphäre. Verglichen mit den anderen Gruppen, wo Altersunterschiede von bis zu zehn Jahren, oder mehr als fünf Mitglieder aktiv dabei waren, lief es bei uns entspannter ab.
Ich war auch sehr angetan, wie sich die beiden aktiv einbrachten, selbstbewusst und clever, trotzdem verständnisvoll. Ich sagte ihnen mehrmals, wie froh ich bin mit ihnen zusammenzuarbeiten, auch weil ich mit der Arbeitsweise und Ausrichtung gut klar kam.

Während ich das Stativ wieder zurück ins Lager brachte, interviewten die zwei noch einen palästinensischen Jugendlichen, der inzwischen im Garten auftauchte. Es war der selbe Selbstdarsteller mit guten Englischkenntnissen vom Vortag, der die Gelegenheit natürlich gern nutzte, etwas zu sagen. Seine progressiven Gedanken zu Frauen in palästinensischen Alltag wurden dann rausgeschnitten, und dienten vielleicht auch nur dazu, wie auch das Gespräch in den nach dem Interview folgenden Minuten, etwas die blonden Mädels zu beeindrucken.

Stadtimpressionen

Nur mit den zwei Interviews als Material vom ersten Drehtag wurden meine Kolleginnen unruhig. Sie wollte unbedingt noch was drehen und drängten dazu, in die Stadt zu gehen. Ich hatte keine Sorge um Material, hätte es aber vorgezogen, wenn wir einen Orts- und Sprachkundigen mitnehmen könnten, und wollte das vertagen. Schließlich wusste ich auch nicht, wie die Leute auf Kameras reagieren, wenn nun drei blonde Deutsche kommen und sie einfach auf der Straße filmen.

Meine Kolleginnen sorgten sich darum allerdings nicht und drängten auf eine Sammlung von Stadtimpressionen. Meine Neugier wollte das natürlich auch nicht missen, also packte ich die Kamera und ging mit den beiden los. Meine erste Kollegin war mit der Kamera beschäftigt, die zweite Kollegin mit der ersten, und ich versuchte im Hintergrund alles im Blick zu behalten. So bekam ich auch all die starrenden Blicke mit, die uns die Straße auf und ab begleiteten. Ich wurde unruhig, konnte ich die Reaktionen doch nicht abschätzen. Die Region ist Touristen nicht gewöhnt, kleine, blonde Filmteams wahrscheinlich noch weniger. Und in einer Kultur, in der viel Unverhülltes als Sünde gilt, weiss man nie, ob das, was man mit der Kamera aufnimmt, für die Menschen dort noch okay ist, oder schon Ärger erregt.

Rückblickend muss ich sagen, dass meine Sorge oft unbegründet war, und die Mädels mit ihrem forschen Drang recht hatten. Die Leute starrten zwar die ganze Zeit, doch neben freundlichen „Welcome to Jenin“, „Welcome to Palestine“ gab es nix.

Nachdem ich einigermaßen die Anspannung ablegte und die Reaktion der Leute allgemein ruhig blieb, wagte ich es auch mal meine Kamera rauszuholen. Ich drückte auf „An“, blickte durch die Linse und drückte ab. Doch das ‚Klick‘ blieb aus.
Ich vergewisserte mich, dass die Kamera wirklich auf „An“ war und merkte dabei, dass die Kamera seltsam leicht war. Ein Blick ins Batteriefach zeigte mir dann, dass der Akku immer noch in meinem Zimmer in der Steckdose steckte.

Doof, dacht ich mir, aber ich hatte ja gerade wegen solcher Sachen auch meine analoge Kamera dabei, die ohne Strom funktionierte. Ich drehte am Rädchen um den Film weiterlaufen zu lassen und es machte Krrrkkkrrrzzzkkk.

Die Mechanik stockte. Es steckte noch ein teurer Film drin, ein spezieller Farbfilm, den mir mein Fotolabor in Berlin nach langer Diskussion extra aus dem Kühlschrank für professionelle Filme holte. Dieser wollte sich jetzt nicht weiterdrehen lassen. Ich spulte den Film kurz zurück, um ihn dann wieder zu drehen, doch nun ging garnix mehr. Ein reiner Leerlauf.

‚Shoganei‘ dacht ich mir, wie die Japaner immer sagen, wenn etwas passiert das man nicht ändern kann. Ich trauerte kurz um den Film, doch es war ja nicht zu ändern. Ich spulte ihn auf, hoffte aufs Beste und nahm ihn raus. Wie sich dann in Berlin rausstellte, war er komplett im Eimer, überbelichtet und leer.

Ich legte einen neuen Schwarz/Weiss Film ein und spulte. Die Mechanik wollte immer noch nicht so recht, doch ich zwang sie. Was dann rauskam, war sowas wie das hier:

Eine Doppelbelichtung, neben vielen anderen leeren Flächen auf dem Film.

Wir liefen einen Markt entlang, alles um uns rum schrie und verkaufte Waren. Die Sonne setzte zum Untergang an und die breitgetretenen Früchte und Gemüsesorten auf dem Boden des Markts, leuchteten rot.

All die Farben, Eindrücke und Gerüche waren allerdings fern von mir, konnte ich sie denn auch nicht einfangen mit einer Kamera. Völlig absorbiert von einer Sorge um meine Technik war ich blind für alles um mich rum. Diese Sorge zerstörte noch mehr Bilder, als eine nicht funktionierende Kamera.

Irgendwann, ohne das ich es wirklich mitbekam, waren wir dann wieder beim Gasthaus. Ein paar Taxis standen davor und lockten. Eine meiner Kolleginnen hatte die geniale Idee, den Fahrer zu bitten uns an eine hochgelegene Stelle zu fahren, wo wir den Sonnenuntergang über der Stadt mitnehmen können. Exakt diese Idee hatte ich schon seit meiner Ankunft, zieht es mich doch immer zu hochgelegenen Orten für Bilder. Doch ich war noch völlig beschäftigt mit der Mechanik meiner Kamera, als das ich realisierte, dass wir das ja einfach mit dem billigen Taxi machen konnten. Ich rannte noch schnell ins Gasthaus, schnappte meinen Akku und setzte mich ins Taxi. Das erste Bild von diesem Tag sollte dann das hier sein:

Mit dem Auto ging es dann durch sich windende und verwinkelte Straßen, den Hügel hinauf. Unser Fahrer, Jamal, sprach auch etwas Englisch und war ganz happy so spät am Tag noch Kunden zu bekommen. Seit zwei Jahren hat er den Job als hauseigener Taxifahrer vom Cinema Jenin, dessen Logo auch auf seinem gelben Auto prangt. So bringt er Leute für weniger als 2€ pro Fahrt quer durch die Stadt Jenin. Er selbst lebt mit seiner Familie im Flüchtlingslager, das er uns vom Hügel oben auch zeigt. Er kannte einen guten Aussichtspunkt und fuhr uns mit einem ständigen Lächeln dorthin.

Obiges Bild habe ich auch aus dem Auto geschossen, keine Sekunde später waren wir schon links vom alten Mann weitergefahren. Als ich es schoss, mochte ich das Bild, auch als ich es später ansah. „Es hat Symbolcharakter“, sagte mir jemand zu diesem Bild. Als ich länger drüber nachdachte, fand ich das Bild nicht mehr so gut. Denn ich kann nichts über diesen Mann sagen. Ich weiss nicht, warum er da sitzt, mit dem Rücken zur Stadt. Ich weiss nicht wie er heisst und wie alt er ist. Und er weiss nichts von mir, der gerade ein Bild von ihm gemacht hat und dann wieder weitergesaust ist.

Mit dem Journalismus ist das so eine Sache. Man liest in der Zeitung oder online einen Artikel über eine Geschichte, irgendwo auf dieser Erde. Für diesen Moment, in dem man die Geschichte liest, findet sie im Kopf statt. Die Menschen leben, sprechen und erzählen für den kurzen Moment diese, ihre Geschichte. Schlägt man die Zeitung zu, ist die Geschichte im Kopf auch aus und man beschäftigt sich mit anderen Dingen. Doch die Menschen, die im Artikel beschrieben sind, die leben ja weiter und haben weiter ihre Probleme, auch wenn wir ihnen keinen weiteren kurzen Moment der Aufmerksamkeit schenken. So auch als Journalisten. Schreiben wir darüber, leben wir die Geschichte in diesem Moment. Doch für die nächste Ausgabe müssen wir schon wieder eine andere Geschichte leben, die vorhergehende ist dann nur noch bedrucktes Altpapier.

Dieser Mann, auch wenn wir nur diesen kurzen Moment teilten, wird wahrscheinlich immer noch irgendwo in Palästina sitzen. Und das ich nicht weiss warum oder wer er ist, macht diesen Moment für mich irgendwie leerer.

Wir erreichten dann einen guten Aussichtspunkt und stoppten. Wir dankten mehrmals unserem Fahrer, der sich auch sichtlich freute, den drei Fremden mit ihrer Kamera mal seine Stadt und Heimat zu zeigen.


Jamal in seinem Auto

Vor uns erstreckte sich das weite Hügelland von Palästina, doch wir wollten noch etwas höher. Jamal brachte uns dann zu drei Mobilfunkmasten, die an einem der höchsten Punkte der Hügel hinter der Stadt lagen.

Die Sonne hatten wir schon verpasst, die versteckte sich hinter dem Hügel und streute von dort ihr Licht.

Ich lobte mehrmals und begeistert meine Kollegin, für die Idee, hierher zu kommen. Hier vom Hügel entstand auch das Panorama von Jenin, die Stadt, die von Hügeln umzingelt ist. So eingesperrt wie der Rest von Palästina.

Nachdem ich letztens das Panorama in groß gepostet hatte, recherchierte ich noch mal etwas zu dem Ort, in dem ich lebte. Und ich fand etwas heraus, das mir vorher, oder während meiner Zeit dort, keiner erzählte.

Das Massaker von Jenin

Das Flüchtlingslager ist in der Mitte vom Panorama zu sehen. In Jenin wurde es nur als „das Flüchtlingslager“ bezeichnet, bei unserer Vorbereitung war nur von einem „ehemaligen Flüchtlingslager“ die Rede. Doch wann hört ein Flüchtlingslager auf Flüchtlingslager zu sein? Die Leute, die dort leben (müssen), leben dort auch weiterhin nach einer eventuellen offiziellen Schließung des Lagers. Denn wohin sollten sie sonst auch gehen können?

Heute ist es so, dass es offen ist für alle. Jeder kann rein und rausspazieren, so auch wir. Nachts sollte man die Ecke allerdings meiden.

Diese Lager für Flüchtlinge aus ganz Palästina wurde 1953 aufgemacht und dort leben mehr als 10.000 Menschen. Eine Zeit lang kam jeder dritte palästinensische Selbstmordattentäter aus diesem Flüchtlingslager, weswegen die israelische Armee dort bis heute regelmäßig einmarschiert. Im Lager selbst finden sich viele Plakate und Abbildungen von Märtyrern, die jedoch allesamt am Verblassen sind. Jenin galt oder gilt immernoch als Hochburg der Märtyrer in Palästina.

Während der zweiten Intifida 2002 marschierte die israelische Armee nun groß in dieses Lager ein, mit Soldaten und Panzern, um…
Tja, um was eigentlich. Terroristen mit Panzern ausrotten kann wohl kaum ihr Ziel gewesen sein. Mehr noch um mal ein Zeichen zu setzten, mit großen Gewehren und toten Körpern.

Informationen von diesem mehrtägigen Kampf zu bekommen, der je nach Quelle als „Massaker“ oder „Blutbad“ bezeichnet wird, war schwer. Anti-Israelische Seiten und Medien sprechen von mehreren hundert Toten, der Großteil davon Zivilisten. Andere Quellen sprechen von über 50 Toten und zusätzlich 20 toten israelischen Soldaten. Dazu finden sich dann noch so tolle Sätze wie dieser:

Essentially, Israeli soldiers lost their lives in order to keep the collateral deaths of Palestinian civilians to a minimum.

Frei übersetzt:

Im Grunde haben israelische Soldaten ihr Leben verloren, um die Schäden an der palästinensischen Zivilbevölkerung auf ein Minimum zu reduzieren.

Quelle

Es ist wie es ist im Krieg. Jede Seite nutzt die Auswertung der Kampfhandlung zur eigenen Propaganda, und die Toten werden instrumentalisiert. Palästina will somit auf die Gewalttaten der Israelis aufmerksam machen, mit einer sehr wahrscheinlichen Übertreibung der Fakten, und Israel drückt wahrscheinlich die Zahlen, um von einer sauberen Aktion sprechen zu können.
Eine UN-Untersuchung ergab, dass in Jenin kein Massaker stattgefunden haben soll. Die Palästinenser wiedersprachen.

Ich halte mich raus, denn ich weiss nicht mehr darüber, als mir verschiedene Quelle mit unterschiedlichen Informationen erzählen. Am neutralsten und ausführlichsten finde ich noch den Wikipedia Eintrag zum „Battle of Jenin“, den man allerdings auch nicht als mehr als die Summe aller Wahrheiten verstehen sollte.

Hätte ich vorher von dieser Militäraktion gewusst, hätte ich die Leute dort befragen können. Fragen stellen, zu einer kämpferischen Auseinandersetzung, die gerade einmal 8 Jahre vor meiner Ankunft in dem Ort passierte. Fragen an Jugendliche in meinen Alter, die vor 8 Jahren im jungen Alter wahrscheinlich alles mitbekommen haben; das sie verändert hat.

Merken konnte ich von dieser Vergangenheit in Jenin nichts. In einem Land mit allgegenwärtiger Gewalt von verschiedenen Fronten, hat man sich vielleicht auch zu sehr daran gewöhnt.

Mit guten Aufnahmen im Kasten und der Kamera aus dem Fenster, fuhren wir wieder mit Jamal in die Stadt, die Hügel hinunter. Er schaltete das Radio mit guter arabischer Musik ein. Jemand sang von seinem Schatz und tausend Küssen, während sich der lange Schatten der Hügel über die Stadt legte.

Wir fuhren vorbei an Kindern, Jugendlichen, Frauen und älteren Herren, die sich auf dem Weg nachhause zu uns umdrehten. Schneller als ihr Lächeln waren wir wieder weg.

Mit einer scharfen Bremsung halten wir vor dem Gasthaus an, wo wir keine halbe Stunde vorher zum Sonnenuntergang aufgebrochen waren. Jamal schweigt nur und dreht sich lächelnd zu uns um. Meine Kollegin fragt, wie viel er bekommt, er lächelt nur und meint so viel, wie wir möchten. Für diese sympathische Fahrt gaben wir ihm 40 Schekel, umgerechnet 8€. Er kramte schon um uns Wechselgeld zu geben, doch wir winkten nur ab. Etwas verlegen, doch sehr erfreut, nahm er es an und gab uns seine Karte, damit wir beim nächsten Mal auch ja ihn rufen. Schließlich zahlen wir ja gut und solche Kunden will er halten 😉

Die deutschen Volunteers schimpften dann etwas, denn eigentlich sind 7 Schekel für eine Taxifahrt innerhalb von Jenin und 10 Schekel für außerhalb angebracht. Wir würden die Preise kaputt machen.
Unser Übersetzer sagte in dieser Woche oft „was soll der Geiz?“ und kritisierte damit die ewigen Diskussion der Deutschen, möglichst billig etwas mitzunehmen. Und damit hatte er Recht. Die Preise sind eh schon billig und die Leute arm. Die paar Euro kann man ruhig mal ins Land bringen.

Wir brachten die Kamera wieder zurück ins Lager und setzten uns kurz auf den Balkon, mit Blick auf den nächtlichen Garten. Einer der palästinensischen Jugendlichen, Machmut, kommt vorbei und ein Gespräch beginnt – wobei er sich größtenteils auf meine blonde Kollegin konzentriert. Seine Englischkenntnisse sind begrenzt, trotzdem frage ich ihn, ob er schonmal im Ausland und Europa war – meine Standardfrage in Japan.
Er versteht die Frage falsch und sagt mir, welche Länder er mag und wohin er gern reisen möchte. Einen kurzen Moment später wird mir auch klar, wie dämlich meine Frage war. Er wird wahrscheinlich nie aus diesem Land rauskommen. Ihn zu fragen, wohin er gern reisen möchte, ist da fast schon verachtend zynisch.

Das Kino und sein Leiter

Der Chef vom Kino kommt nun auch auf den Balkon und kaut auf Pistazien rum, deren Hüllen er einfach in den Garten wirft. Er erinnert mich stark an den Chef vom Kino Babylon in Berlin, mit dem ich viele Gespräche über das Führen eines Kinos und kulturelle Projekte führte. Der Leiter vom Cinema Jenin ist ein Freund von dem Vater, dessen Geschichte in dem Film „Heart of Jenin“ von einem deutschen Regisseur erzählt wird. Den Vater sahen wir dann an dem selben Tag im Garten vom Kino rumlaufen, mit einem genervten Ausdruck im Gesicht. Doch wer erwartet schon ein konstant lächelnden Vater, wenn der Sohn mit 6 Jahren erschossen wurde.

Der Chef vom Kino hatte früher ein Schuhgeschäft. Er war arbeitslos, also machte er ein Geschäft auf – die beliebteste Arbeitslosigkeitsbekämpfung dort. Die drei goldenen Grundsätze für ein Geschäft (1. Lage, 2. Lage, 3. Lage) scheinen dort allerdings nicht zu gelten, denn überall finden sich kleine Geschäfte, die alles und manchmal auch nichts verkaufen, und deren Betreiber oft einfach nur beobachtend davor sitzen und stundenlange Gespräche mit Passanten, Bekannten, Verwandten führen.

Das Kino läuft nicht gut. Die Zuschauerzahlen sind manchmal einstellig. Es ist das einzige Kino in der Gegend und viele kennen ein Kino als Treff- und Ausgehort noch nicht so, wie wir hier in unserer Gesellschaft. Es ist aber vielleicht auch so, wie meine Kollegin später noch schreiben sollte, dass die Bewohner „noch etwas Angst vor dem Kino und seiner großen LED-Wand haben“.
Ein anderes Kino, etwas weiter weg, fährt eine Kostenlos-Kultur mit konstant freien Eintritt, um die Leute ans Kino zu gewöhnen. „Wir haben das nicht mehr nötig“, sagt der Chef vom Cinema Jenin und spuckt Pistazien in die Nacht. Für Hollywoodfilme hat er kein Geld, sagt er, und meinen Vorschlag doch einfach illegal Filme aus dem Internet zu laden, lächelt er einfach weg. Derzeit läuft ein ägyptischer Film.

Er hat Jura studiert und abgeschlossen, ist aber nicht wie seine Kommilitonen zur Polizei gegangen. Er hat ein Geschäft für Kinderkleidung aufgemacht, dann für Schuhe und dann das Kino, weil er mit dem Vater aus „Heart of Jenin“ befreundet war. „Schicksal…“, sagt meine Kollegin neben mir und schaut mit glitzernden Augen am Chef vom Kino vorbei, in die dunkle Nacht.

Temporäre Bewohner von Jenin – die deutschen Volunteers

Zurück im Gasthaus herschte eine ausgelassene Stimmung. Die deutschen Volunteers haben aus dem christlichen Nachbardorf etwas Bier besorgt, das sich auch Leute aus meiner Gruppe krallen wollten. Denn ein paar Tage ohne Alkohol geht halt nicht.
Als Nicht-Biertrinker setzte ich mich zu den Volunteers und hörte zu. Ihre Namen kannte ich nicht, das war aber auch nicht wichtig um ihre Geschichten zu verstehen. Derweil tapste ein kleines Hundebaby zwischen unseren Füßen herum und kauerte an der Wand. Es lag zwei Tage vor unserer Ankunft vor der Tür des Gasthauses und einer der Volunteers nahm sich dem kleinen Leben an. An dem Tag war er mit ihm beim Arzt und der hat den Hund mit Medizin versorgt, die ihn jetzt noch etwas benommen über den kühlen Stein der Terasse wackeln ließ.

Er ist seit einigen Monaten hier, zuhause wartet seine Freundin, die im 5. Monat schwanger ist. Er war vier Jahre bei der Bundeswehr und in Kabul stationiert. Ihn und seiner Einheit ist zwar nichts passiert, doch ein Kumpel von ihm wurde angeschossen.
Politisch konnte ich ihn schwer einschätzen, relativ sachlich und ohne eine ideologische Begeisterung erzählte er von seiner Zeit bei der Bundeswehr. Er meinte nur trocken, dass er Schulden hatte und einen sicheren Job suchte. „Der Staat hat meine Schulden bezahlt“, sagte er und etwas Stolz, über diesen leicht anarchistischen Triumph über das System, war dabei. Er bekam jetzt noch Gehalt von der Bundeswehr, also konnte er sich diese freiwillige Zeit hier in Jenin gut leisten. Ich stellte wenig Fragen im Gespräch und hörte mehr zu. Mir schien er suchte länger mal jemanden, den er seine Geschichte erzählen konnte. Doch die unausweichliche Frage nach dem „Und danach dann?“ musste ich stellen.
Er nannte selbstbewusst viele Ideen, die alle wahrscheinlicher klangen, als was man sonst hier in der Wüstenregion hört. Zum Film soll es auf jeden Fall gehen, und der Hund kommt mit. Der Arzt meinte, der Hund ist eine besondere Rasse, und er möchte ihn zu einem Filmhund trainieren. Und auch wenn es dem Hund in unserer Zeit zunehmend besser ging, so deutete sich schon an, dass Gehör und Sehen wohl nicht zu 100% sein werden. Trotzdem wird er in Deutschland mehr Chancen haben als hier, wo Hunde als schmutzig und unrein gelten – und nachts schutzlos vor die Türen anderer Häuser gelegt werden.

Beim Abendessen gibt es wieder würzige und leckere Speisen. Die palästinensischen Jugendlichen gesellen sich zu uns und es entsteht ein Spiel von Stille Post, jeweils mit deutschen und arabischen Botschaften. Es folgt das übliche „Haha, deine Sprache klingt ja ulkig“ auf beiden Seiten. Ich bin gelangweilt davon und locke die Katze, die sich die Streicheleinheiten gerne gefallen lässt. Die palästinensischen Jungs geben unseren Mädels Sprachunterricht – die so erstaunlich schnell Fortschritte machen. Ich muss an Japan denken, wo ich mit weiblicher Unterstützung auch immer recht schnell lernte.

Ich ging wieder zurück ins Gasthaus und warf noch einmal einen Blick auf die Terasse, wo die Volunteers mit ihren Bieren saßen und vom Tag entspannten. Laut wurde mir gesagt, dass ich kein Bier kriege, denn scheinbar hatten es schon andere aus meiner Gruppe versucht. „Ne, der ist einer von den Guten“, rief der baldige Papa, mit dem ich mich vorhin unterhalten hatte. „Der sitzt auch mal neben dir, ohne nach einem Bier zu fragen.“

In unserem Achtbettzimmer bin ich allein und schreibe wie in jeder Nacht die Eindrücke auf. So schreibe ich von den Toiletten, in die man kein benutztes Klopapier werfen darf, sondern nur in einen stets vollen Mülleimer daneben. Oder von dem Mann auf dem Kamel, der heute in der Stadt im Straßenverkehr zweimal an uns vorbeigeritten ist und winkte.
Nach zwei Stunden Schreiben und immernoch alleine im Raum, schalte ich das Licht aus und schlafe ein.

———

Post aus Nah-Ost:

Teil 1 – Die Straße nach Palästina
Teil 2 – Wie Tag und Nacht
Teil 3 – Der Tag der kaputten Kameras
Teil 4 – Männer müssen draußen bleiben

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4 Antworten

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  1. der Übersetzer said, on 9. Dezember 2010 at 12:55

    Der Vollständigkeit halber sei auf den Urheber des Zitats „Wat soll der Geiz?“ hingewiesen: danke, Marvin.

  2. Herm said, on 9. Dezember 2010 at 22:04

    Ja wie geil

  3. Herm said, on 9. Dezember 2010 at 22:23

    Das war nur fürs protokoll …
    Ich dachte shouganai … find ich richtig gut. Passiert mir auch öfters

  4. […] nicht ins Unendliche ausufern zu lassen. Die Reihen, die jetzt grade noch laufen (Nagasaki und Palästina) werd ich so beenden, wie ich sie angefangen habe, damit es einigermaßen gleichmäßig bleibt. Die […]


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