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Eine Insel für die Holländer und ihre Dirnen

Posted in Reis und Reisen by fritz on 13. Juni 2011

Der letzte Tag in Nagasaki. Die Ruineninsel Gunkanjima hatten wir am Vormittag verlassen und den Bus wieder in die Stadt genommen. Noch sieben Stunden bis zum Flieger Richtung Tokyo. Genug Zeit, um uns die Insel der Holländer anzugucken, auf der sie 200 Jahre lang mit ihren japanischen Kurtisanen lebten.

Wie Japan mit der Welt außerhalb umging, und mit den Barbaren, die aus dieser Welt stammen, war stets verschiedenen Trends in der Politik unterworfen. Vor der Meiji-Restauration, in der sich Japan dem Westen öffnete und rasant zur Industrie-Macht aufstieg, hatte das Land für knapp 200 Jahre für alle Ausländer seine Grenzen dicht gemacht.
Alle Ausländer? Nein, ein kleines gallisches Dorf eine künstliche Insel vor der Küste von Nagasaki wurde exklusiv für die niederländische Ostindien-Handelskompanie eingerichtet: Dejima.


Eine Insel in der Insel. Modell der Insel auf der rekonstruierten Insel Dejima in Nagasaki

In der deutschen Wikipedia gibt es eine sehr ausführliche Geschichte der Insel Dejima, inklusive aller Holländer, die dort jemals stationiert waren. Ich möchte mich hier nur auf zwei Aspekte beschränken:

– Viele Erfindungen, Wissen und Technik, welche Japan schlussendlich die Industrialisierung im Rekordtempo ermöglichten, kamen durch diese Insel in das Land. Darunter auch die Elektrizität und viele medizinische Erkenntnisse, die u.a. bewirkten, dass bis heute in der japanischen Medizin viele Begriffe aus dem Holländischen und Deutschen entliehen sind

– Die Holländer, die auf der Insel stationiert waren, durften sie nicht verlassen. Es war mehr oder weniger ein Gefängnis, an dem nur einmal im Jahr ein fremdes Schiff landen durfte. Die Japaner durfte allerdings uneingeschränkt auf die Insel, sie studierten dabei die Westler und ihre Erfindungen. Ihre Familien durften die Holländer nicht mitbringen, doch diese Lücke füllten die japanischen Kurtisanen.

Kurtisanin ist ein altes Wort für Dirne, was wiederum ein altes Wort für Prostituierte ist. Während es den Holländern untersagt war, die Insel zu verlassen, herschte bei den Dirnen freier Verkehr konnten sich die Damen frei durch die Tore bewegen.


Dejima, 1729 / Quelle: wikipedia.org

Die Insel, inzwischen von der Stadt überwachsen und fast im Zentrum, statt an der ursprünglichen Küste, wurde rekonstruiert und als Freilichtmuseum eingerichtet.

Die modernen Bauten im Hintergrund zeigen, dass die Zeit der Samurai vorbei ist. Auch wenn sie sich hier noch treffen.

Die Sicht, die die Holländer damals auf die Bucht hatten, ist nun von der Firma Nakashima und noch mehr Stadt verdeckt.

Alle Gebäude sind betretbar und zeigen verschiedene Aspekte der Geschichte von Dejima.

Gefundene Artefakte und Knochen von Haustieren.

Einmal pro Jahr machte sich eine Reisegruppe von Holländern und Japanern auf den langen Weg nach Edo, dem heutigen Tokyo, um den Kaiser Geschenke zu bringen, damit er sie noch etwas länger duldet. Ab 1790 mussten sie nur noch alle vier Jahre zum Kaiser. Vielleicht hatte er nach dem 12. Holzschuh nicht mehr so viel Lust auf Geschenke aus Holland hatte er anderes zu tun.

Es gibt viele Illustration aus dieser Zeit, die zur Dokumentation und zum Studium angefertigt wurden. Wenn man dann aber weiss, dass die einzigen Frauen auf der Insel nun eben Dirnen waren, nimmt man diese Bilder ganz anders wahr.

Nun waren das natürlich andere Zeiten. Die Tafeln im Museum übersetzen die Berufsbezeichnung der Damen auch nicht als „Hure“ sondern als Kurtisanen, die eben nicht nur für eine schnelle Dienstleistung zur Verfügung standen, wenns mal einsam wurde auf Dejima. Nicht nur die körperlichen Bedürfnisse der Holländern waren ihnen wichtig, sondern auch das Seelenheil der Reisenden, hier, allein in einem fremden Land. Einige Damen bekamen sogar eigene Quartiere auf Dejima geschenkt und begleiteten die Forscher und Händler aus dem Westen über Jahre.

Die Räume in den Häusern auf Dejima sind im schicken Kolonialstil gehalten, inklusive Tapete im Stile des 18. Jahrhunderts.

Ich glaub nirgendwo sonst auf der Welt waren die Kolonialherren so unter Kontrolle der Bewohner wie in Japan. Daher wird dieses Kapitel auch nicht so negativ betrachtet wie in anderen Ländern. Es war zu beiderseitigen Vorteil:

Die Holländer hatten das Monopol auf Waren und Kultur aus Japan (was sie zwar offiziell nicht exportieren durften, aber trotzdem machten). Die Japaner hingegen hatten so einen direkten Draht zum Westen, ohne ihm komplett ausgeliefert zu sein.


Tisch, Teppich und Tatami

Ich glaube, auch wenn die Insel de facto ein Gefängnis war, ging es den hundert bis zweihundert stationierten Holländern hier ziemlich gut. Sie hatten ein ganzes Land zu entdecken, Kurtisanen und Häusern mit Sicht aufs Meer.

Auch wenn die Aussicht mittlerweile auf eine Straßenbahnlinie und Parkplatzgebäude fällt.

Auf derselben Insel, aber gebaut nachdem Japan sich öffnete und auch die Holländer freigelassen hatte, war ein Gebäude aus dem 19. Jahrhundert. „International Club Nagasaki“ stand vorne dran. Der Club wurde gegründet von den Nachkommen der Holländer und anderen ausländischen Besuchern. Ich denke, wenn man 200 Jahren allein auf einer Insel nur mit Kurtisanen verbringt, entstehen viele Nachkommen.

Das Gebäude diente ebenfalls als ein Museum, zeigte aber eine andere Epoche. Man merkte den alten Fotos an, dass die Japaner inzwischen auf Augenhöhe mit den Westlern waren. Sie übernahmen ihren Stil, ließen sich in Anzug fotografieren und spazierten lachend mit den Fremden durch die Straßen eines Nagasaki im 19. Jahrhundert.

Es war gerade Fußballweltmeisterschaft, in mehreren Fernsehern liefen die letzten Spiele in einer Schleife und an der Wand hingen die Flaggen der letzen vier verbliebenen Mannschaften. Und Japan.


Eine Flagge aus Uruguay, die neben Spanien, Deutschland und Holland eigentlich im Halbfinale spielten, konnte wohl nicht gefunden wurden. Warum dann der britische Union-Jack genommen wurde, verstand ich nicht

Im internationalen Club wurde ich gefragt, ob ich aus Holland komme. Nein, aus Deutschland, sagte ich, und man gratulierte mir gleich zum jüngst gewonnen Spiel von Deutschland in der WM. Ein älterer Angestellter wollte von mir wissen, ob ich Franz von Siebold kenne. Der Name war mir tatsächlich aus dem Biologie-Unterricht noch bekannt, auch wenn ich ihn nicht einordnen konnte.

Siebold war auch eine zeitlang auf Dejima, als einziger Deutscher, wie mir der Angestellte sagte. Er fragte mich, ob er wohl ein Spion gewesen sei, da ja eigentlich nur Holländer auf der Insel erlaubt waren. Schon möglich, sagte ich, und verschwieg, dass eigentlich noch andere Europäer auf der Insel lebten.
Nun sagt man ja, dass Westler Asiaten schlecht unterscheiden können und umgedreht soll es ebenso sein. Und die meisten Deutschen können gesprochenes Koreanisch wahrscheinlich auch schwer von Japanisch unterscheiden. Doch dass Siebold etwas anders sprach als seine Kollegen auf Dejima, fiel den Japanern auch auf. Damals wurde das damit begründet, dass Siebold aus einer bestimmten Region in Holland stammte, in der eben ein anderer Dialekt gesprochen wird. So wurde der Deutsche kurzerhand zu einem Berg-Holländer erklärt und keiner fragte mehr.


Dicht an dicht wächst die Stadt den Hügel hinauf

Wir verließen die Insel und besuchten noch kurz das China-Town von Nagasaki. Neben den Holländern waren die Chinesen die zweite, große ausländische Kraft, die während Japans Abschottung in Nagasaki noch Handel betreiben durfte.

Wir machten uns dann noch auf den Weg Richtung Zentrum, zu einer Kirche, auf einem Hügel mit Aussicht.

und… AAAHHHHH… da war er wieder…

Das Christentum hatte sich in Nagasaki halten können. Tote gab es aber während des Verbots der Religion auch hier. Ihnen zu Ehren wurde ein Denkmal und ein Museum errichtet.

Das Denkmal der 26 Märtyrern beeindruckte auch dieses kleine Fernsehteam, während sie noch auf ihren Kameramann warteten.

Dann in den Bus und ab zum Flughafen. Die Sonne verabschiedete sich über der See, als wir Nagasaki das letzte Mal sahen.

Mit dem Flieger Richtung Tokyo endeten fünf Tage in Nagasaki, die ich vor knapp einen Jahr dort verbrachte und fast ebenso lang im Blog nacherzählte. Aber glaubt mir, hätte ich die ganze Zeit Kurtisanen neben mir gehabt, hätte es wahrscheinlich noch länger gedauert.

———————————————–
Die Nagasaki-Nacherzählung:

Teil I – Nach Nagasaki, der Insel wegen
Teil II – Nagasaki, Stadt im Regen
Teil III – Buddha und die zerstörte Stadt
Teil IV – Gräber, die die Stadt hinauf wachsen
Teil V – Die touristenfreundliche Ruine im Pazifik
Teil VI – Eine Insel für die Holländer und ihre Dirnen

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11 Antworten

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  6. theomix said, on 13. Juni 2011 at 20:18

    Sehr interessant!

  7. obi said, on 15. Juni 2011 at 12:52

    Das letzte Foto ist mal sehr schön geworden find ich.
    Wenn ich mir vorstelle Jahre auf einer Insel wohnen zu müssen ohne raus zukommen würd ich Japan nicht so pralle finden 😉

    War das Museum Eintritts frei ? Viel los schient dort ja nicht gewesen zu sein, aber solche Freiluft nachbauten sind immer schön anzusehen.

    • fritz said, on 11. Juli 2011 at 01:35

      ne, hatte was gekostet, waren aber weniger als 1000yen wenn ich mich recht erinnere

  8. Jozi said, on 15. Juni 2011 at 16:44

    Ja,Pirat mit Parkett ! Gibts seit neustem 😉

  9. Herm said, on 20. Juni 2011 at 12:38

    nur zum Klugscheissen: Die spanische Flagge wurde wohl auch durch eine von Portugal ersetzt 😉
    Geniales letztes Foto übrigens!

    • fritz said, on 20. Juni 2011 at 12:59

      eine weitere erklärung warum ich in geographie immer schlechte noten hatte 😉


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