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Regen und bewegend

Posted in Kunst!! by fritz on 29. September 2011

Im Japanisch-Deutschen Zentrum in Berlin-Dahlem findet derzeit eine Foto-Ausstellung von japanischen Fotografen statt. Ich war bei der Vernissage dabei. Es gab Musik und ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten.

Kodak Tri-Max 400

Die Photographic Society Japan präsentiert derzeit in der ‚Crown on the Earth‘ Ausstellung in Berlin-Dahlem sieben japanische „Nachwuchs“-Fotografen. Es heisst zwar „Nachwuchs“-Fotografen, doch einige von ihnen sind schon älteren Semesters. Ich kannte einige Künstler auch schon von der TOKYO PHOTO 2009 Ausstellung, bei der eigentlich nur die erfolgreichsten japanischen Fotografen und ihre Galerien vorgestellt wurden.
Der Name der Ausstellung nun in Dahlem, der ja weder deutsch noch japanisch war, erschloss sich mir auch nicht so ganz.
Mit diesen und einem Bündel anderer Fragen wandte ich mich an Frau Kawauchi, die Leiterin der Kulturabteilung des Deutsch-Japanischen Zentrums in Dahlem, die bei der Vernissage auch eine kleine Rede hielt. Darin ging es u.a. um 150 Jahre deutsch-japanische Freundschaft, welches zwar in diesem Jahr begangen wird, aber in Zeiten von Tsunami und gekürzten Budgets irgendwie doch untergeht.

Frau Kawauchi teilte mir freundlich mit, dass die Ausstellung ‚Crown on the Earth‘ zuerst in Belgrad gezeigt wurde und nach Berlin Ende Oktober weiter nach Moskau geschickt wird. Von dort wird die Ausstellung nach Japan zurückkehren. Von den ausgestellten Fotografen war leider keiner bei der Vernissage in Berlin dabei. Sie wurden repräsentiert durch eine Vertreterin der Photographic Society Japan (PJS), welche auch die ausgestellten Fotografen zwischen 2007 und 2009 mit Preisen ausgezeichnet hatte. Die PJS kurierte auch die Ausstellung und wählte dafür pro Fotograf um die sieben Bilder aus ihren preisgekrönten Serien aus. Nicht immer die beste Auswahl, meiner Ansicht nach.


Kodak Tri-Max 400

Im Regen wurde die Ausstellung eröffnet. Die Tropfen fielen leise auf den japanischen Garten im Zentrum des Gebäudes. Um ihn herum war ein Rundgang aus Holz und Glas, der den japanischen Holz-und-Papier-Schiebewänden nachempfunden war. Im gesamten Bau lassen sich moderne, europäische Interpretationen traditioneller japanischer Architektur finden – wobei sich europäisch hierbei eher auf die Baumaterialen bezieht. Auch der Saal, in dem mit einem kleinen Konzert und mehreren Reden die Ausstellung eröffnet wurde, sah man den japanischen Ansatz. Die 16(!) Deckenventilatoren mussten wohl eindeutig für einen japanischen Sommer geplant worden sein, und wohl kaum in der Erwartung auf die übliche moderate und nasse Zeit in Deutschland.

Es spielten die Japanerin Taiko Saitô am Vibraphon und ihr deutscher Mann Tobias Schirmer an der Bassklarinette. Das war nicht nur gelebte deutsch-japanische Freundschaft auf der Bühne, sondern auch echt schöne Musik. Ihr erstes Stück war, passend zum Sommer und zu dem Tag der Ausstellung „Ame Ame“ – „Regen Regen“.

Frau Saitô war die lebende Eleganz am Xylophon. In jeder Hand zwei Schlägel, spielte sie in einem glamourösen schwarzen Abendkleid das selbstkomponierte Stück. Ich hatte so etwas in der Form vorher noch nie gehört. Doch was immer es war, Frau Saitô spielte es hochkonzentriert in Perfektion. Nur zum Schluss regte sich ihre Miene. Sie nickte ihrem Mann vertrauensvoll zu und signalisierte, dass heute kein Ton mehr vibrieren wird. Danach löste sich ihre Spannung und sie lächelte dem begeisterten Publikum zu.

In der Ausstellung werden sieben japanische Künstler gezeigt. Ich möchte mal eine kleine Auswahl vorstellen, deren Arbeit besonders spannend war.

Ken Kitano

(C) Ken Kitano

Von Ken Kitano hing dort eine Serie von Bildern, bei der jedes jeweils für sich eine Serie von Bildern war. Er nahm verschiedene Portraits – mehrere Dutzend bis hundert Aufnahmen – und legte sie übereinander. Entstanden sind spannende Werke, die sich mit Identität, Menschenmassen und Anonymität befassen. Das seh ich zumindest in den vielen Überlagerungen.

Ken Kitano traf ich 2009 sogar mal persönlich, damals war es jedoch dieses Foto, was mich in den Bann zog:

(C) Ken Kitano

Den Fuji sah ich damals als riesiges Foto an der Wand der Ausstellungshalle, die längste Kante war dabei so 3-4m weit. Das ist nicht die Sonne, sondern der Mond, der da in den 6 Stunden der Belichtungszeit seine Bahn durch das Bild zieht, sagte mir Kitano damals. Ich hatte in der Ausstellung einen großen, gelben Presse-Ausweis um den Hals zu hängen, daher erzählte er mir recht enthusiastisch viel zu seinen Bildern. Er holte dann auch noch ein kleines Büchlein mit Fotos heraus, die er mir unbedingt zeigen wollte. Es waren wohl die ersten Ansätze seiner Portrait-Serie, allerdings gedacht als Portraits der Stadt Tokyo: Er machte eine Serie von Aufnahmen an einer Straßenecke, Überführung oder ähnlichem, und legte alles übereinander. Die Fotos, die er damals hatte, fand ich vorallem in ihrer Gesamtheit von ca. 300 Stück noch nicht so spannend.
Mich beeindruckte jetzt in der Ausstellung aber sein Fortschritt und vorallem seine Vielseitigkeit. Oder könnte man so ohne Weiteres das Fuji-Foto und die Portrait-Serie ein und demselben Fotografen zuordnen?

->Sammlung von Ken Kitanos Bildern auf japanexposures.com

Ken Kitanos Homepage (englisch)

Shintarô Satô


(C)Shintarô Satô Quelle: japanexposures.com

Von Satô wurde seine Tokyo Twilight Serie ausgestellt. Klare Stadtaufnahmen, die jedoch sehr farbenprächtig sind. Sein Bild von Tokyo war es erst, welches mich zu dieser Ausstellung führte. Die Linien in der Komposition, die Weite und doch die frontale Nähe der Stadt und vorallem die Perspektive – alles sehr bemerkenswert.
Ich bin selbst schon diverse Treppen und Feuerleitern in Tokyo hochgeklettert, habe Dach um Dach nach der perfekten Perspektive abgesucht – und doch nie gefunden. Seh ich Satôs Bilder, sehe ich seine und meine tagelange Suche nach dem perfekten Dach. Seine Suche wird bestimmt noch länger gewesen sein. In jedem Bild sehe ich daher das Produkt von mehreren Wochen Suchen und Warten.

Die Serie Tokyo Twilight gibt es auch als Bildband bei amazon.de

Kazutoshi Yoshimura


(C)Kazutoshi Yoshimura Quelle

Seine Bilder fand ich zunächst zu kitschig, vorallem in der Auswahl, in der sie dort hing. Doch in den Bildbänden, die in der Ausstellung von allen Künstlern auslagen, zeigte sich mir ein anderes Bild. Spannende Farbkomposition und ein Blick für Menschen wie für Natur. Am interessantesten fand ich allerdings seine Perspektive. Er war als Japaner in Kanada und hat dort Westler fotografiert. Er hat sie so fotografiert, wie ich es noch nie bei einem europäischen oder amerikanischen Fotografen gesehen habe. Es ist der Spiegel, zu meiner Fotografie oder der von westlichen Kollegen in Japan bzw. Asien. Er hat nämlich Sachen abgelichtet, die auf mich eher trivial und banal wirkten – aber ich denke exakt so wirkt unsere Fotografie auf Japaner. Dinge, die selbstverständlich sind, werden interessant aus einer anderen Perspektive. Unter diesem Aspekt fand ich seine Bilder recht inspirierend.

Yasuhiro Ogawa


(C) Yasuhiro Ogawa

Ogawa war mein Highlight in der Ausstellung. Nicht nur, weil er der einzige der sieben mit einem journalistischen Ansatz in seinen Bildern war, sondern auch, weil die Bilder allesamt fesselnd waren.
Er hat sich das billigste Ticket auf der Fähre auf dem Yangtse-Fluß in China gekauft und ist zusammen mit Arbeitern, Familien und Bauern, dicht gedrängt unter Deck gereist. So hat er das Leben entlang der Drei Schluchten dokumentiert. Seine Bilder zeigen eine intime Nähe, die wir als Westler niemals zu sehen kriegen würden. Als Japaner fällt man auf einer Fähre in China eben etwas weniger auf als ein blonder Europäer.

Diese Fahrten hat er mehrmals gemacht und nun das Ergebnis der Jahre in einem Bildband gesammelt.

Ich empfehle auch seine Website, mit zahlreichen starken Serien.

-> Yasuhiro Ogawa Homepage

Die Ausstellung im Japanisch-Deutschen Zentrum in Berlin-Dahlem findet noch bis zum 28. Oktober 2011 statt. Der Eintritt ist frei und empfehlenswert. Mehr Infos gibt es auf der Homepage der Ausstellung.

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Eine Antwort

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  1. Sue Sanne San said, on 30. September 2011 at 18:29

    Sniff, Sniff… Wunderschön!


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