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Zwiebeln für Fukushima III – Tsunami im Sonnenuntergang

Posted in abenteuerliches, journalistische abenteuer by fritz on 31. März 2012

Im Sommer war ich mit einer Gruppe von freiwilligen Helfern in Minami-Soma, einem Ort in der Präfektur Fukushima – 40km vom Reaktor entfernt. Ein Teil des Ortes liegt im 20km Bannkreis rund um das havarierte Kraftwerk, die Mehrheit der Bevölkerung hat die Stadt bereits verlassen. Kontaminierter Reis und radioaktiv belastetes Gemüse sind hier ihr größtes Problem.
Fortsetzung von Teil 1 und Teil 2

Es roch nach Meer. Unsere Wagen fuhren auf der Landstraße Richtung Küste. Die Fenster hielten wir trotzdem geschlossen, denn entfernt am Horizont konnte man schon das Kraftwerk erkennen. Neben uns gab es kaum ein Auto auf dieser Straße. Links und rechts nur leere Felder. Je näher wir allerdings der Küste kamen, desto klarer wurde uns, dass diese Felder nicht immer leer waren. Der Tsunami hat hier, ein paar Kilometer landeinwärts, alles umgepflügt. Die letzten Spuren sammelten sich am Straßenrand.

Von den Häusern stand meist nur noch das Dach. Das Erdgeschoss hatte die Welle mitgenommen.

Die weißen, eckigen Klötze sind Wellenbrecher, die sich an vielen Stränden von Japan finden lassen. Mit ihrem tonnenschweren Gewicht sollen sie eine Tsunami bremsen. Doch die Welle hat sie einfach mitgenommen.

Selbst die Abgrenzung einer Brücke wurde einfach gefaltet. Der Stahlbeton wurde angebrochen und die Welle rollte weiter.

Die Boote, die von der Welle getragen wurden, lagen ein halbes Jahr nach der Katastrophe immer noch auf dem Trockenen, während unsere Karavane von zwei Trucks und einem LKW weiterzog.

Wir wendeten und bogen wieder auf den Expressway ab. Selbst bis dahin hatte es die Welle geschafft.

Im Auto war es still. Keiner wollte reden, keiner konnte reden. Nach über 30 Stunden auf den Beinen und all den Eindrücken waren wir einfach nur noch müde.

Die Sonne ging unter und Fukushima wirkte seltsam idyllisch. Selbst die Wracks und Ruinen wirkten im Abendlicht friedlich. Ein halbes Jahr später waren viele der freien Flächen, die von der Tsunami entwurzelt wurden, wieder begrünt.

Im nächsten Bergdorf hielten wir für eine Zigarette an. Die Ruhe und die Schönheit im warmen Licht liessen kurz die Dramatik der Situation vergessen. Doch schon beim nächsten Straßenschild wird wieder klar, wo man hier eigentlich ist.

Unser Fahrer, seit mehreren Stunden am Steuer, hatte nichts gegen einen Wechsel. Doch ich habe nicht mal einen Führerschein in Deutschland. Mein kanadischer Kollege probierte es dann noch, verwechselte aber zu oft die Bremse mit dem Gas. Den Weg nach Tokyo schaffe er noch, sagte der Fahrer, und dirigierte den Kanadier vom Lenkrad weg. Er lachte erschöpft. Wirklich sicher fühlte ich mich nicht, aber ich war zu müde um Beschwerde einzulegen.

In den folgenden drei Stunden auf dem Expressway Richtung Tokyo nickte ich oft ein. Mal nur für Sekunden, mal für eine halbe Stunde. Jedes Mal wenn ich die Augen wieder aufmachte war die Szenerie eine andere.

Irgendwann machte ich sie wieder auf und war in Tokyo. Wir waren die ersten am Treffpunkt. Die anderen hatten wir im Feierabendverkehr verloren. Wir tauschten noch Kontaktinformation aus, klopften uns für unsere Arbeit auf den Rücken und gingen unserer Wege. Mit dem Duft von der Arbeit in Fukushima am Shirt, hatte ich kein Problem einen Platz in der U-Bahn zu finden.
Zu der Zeit übernachtete ich noch bei einem befreundeten Deutschen, der selbst schon als Freiwilliger in Nordjapan aushielf. Er schlief schon, als ich mit dem letzten Zug der Nacht in die Haustür polterte.
Ich nahm den Akku aus der Kamera, verstaute die vollen Speicherkarten und fiel in den Futon. Sieben Stunden später sollte der nächste Fotoauftrag beginnen.
Gute Nacht, Fukushima.

Epilog
Es ist jetzt über ein Jahr her, dass Fukushima mit einem Schlag den selben Bekanntheitsgrad wie Hiroshima und Chernobyl erreichte. Als ich dort war, vor sechs Monaten, war noch nicht abzusehen, wie lange Fukushima noch in den Köpfen bleibt. Heute würde ich sagen, dass es für die nächsten Dekaden so sein wird.
Doch bei den innerparteilichen Debatten und dem ständigen Blick auf den deutschen Bauchnabel werden oft die Menschen aus Fukushima vergessen. Jeder in Deutschland kennt Fukushima, kaum einer kennt die Bewohner von Minami-Soma und ihre Probleme.

Was mich angeht: Ich habe keine Lust mehr auf Fukushima. Die Welle und das Kraftwerk haben bei mir nicht viel verändert – wohl aber bei denen, für die ich arbeite und mit denen ich zu tun habe. Japan wird beschränkt auf eine Katastrophe und ich als Journalist werde gedrängt, darüber zu schreiben. Ich habe viel dazu recherchiert und viel dazu geschrieben. Ich habe keine Lust mehr.
Ich habe keine Lust mehr ständig auf ein Ereignis von vor einem Jahr zu blicken. Ich hab keine Lust mehr, die ewig gleichen Bilder und Texte dazu zu sehen.

Fukushima ist vorbei. Wie geht es weiter?
Das ist die spannende Frage. Darauf habe ich Lust.

Zwiebeln für Fukushima II – Achterbahn in Fukushima

Posted in abenteuerliches by fritz on 26. Dezember 2011

Im Sommer war ich mit einer Gruppe von freiwilligen Helfern in Minami-Soma, einem Ort in der Präfektur Fukushima – 40km vom Reaktor entfernt. Ein Teil des Ortes liegt im 20km Bannkreis rund um das havarierte Kraftwerk, die Mehrheit der Bevölkerung hat die Stadt bereits verlassen. Kontaminierter Reis und radioaktiv belastetes Gemüse sind hier ihr größtes Problem.
Fortsetzung von Teil 1

Der Geruch von dem verbrannten Gummi zog langsam in die Fahrerkabine unseres Laster. Links und Rechts waren nur Wälder und an diesem Morgen verirrten sich nur wenige Autos in die Berge von Fukushima. Wir stoppten also, um die Quelle zu finden.

Die Strecke durch die Berge war bewusst so gewählt, dass wir einen großen Bogen um den Reaktor machen. Doch das ewige Auf und Ab unserer tonnenschweren Ladung machte sich nun bemerkbar. Die Bremsen qualmten.
Zigarettenpause.

Es war nicht die erste Panne auf dieser Fahrt. Die ersten 50km sind wir mit offener Ladetür gefahren, bis uns dann ein freundlicher Fahrer auf dem Freeway anhupte und auf die Tür zeigte. Wir stoppten dann auf der Autobahn, ich hüpfte raus und zog die Tür zu. Zum Glück war noch alles drin. Bei der nächsten scharfen Kurve wären die Zwiebeln auf den Schnellstraßen von Tokyo gelandet.

Der Flughafen von Fukushima war von unserem Stopp nicht weit entfernt, aber dorthin umdrehen wollten wir nicht.

Wir quälten den Laster also wieder den Berg hinauf.

Bei jeder Talfahrt heulten die Bremsen auf. Ich schaute etwas skeptisch zu unserem Fahrer, doch der grinste nur durch seine Sonnenbrille auf die Fahrbahn. Fukushima Rollercoaster ohne Bremsen.

Wir zogen vorbei an alten Bergdörfern, malerischen Landschaften und Schluchten. Das Zirpen der Zikaden in den Wäldern war lauter als die Musik bei uns drinnen.
„Schön hier“, sagte ich in die Kabine. „Hier haben wir das letzte Mal die höchste Radioaktivität gemessen“, war die trockene Antwort. Ich machte mein Fenster wieder zu.

Am Ortseingang vom Minami-Soma standen Sonnenblumen, die ihren Höhepunkt schon überschritten hatten. Keiner kümmerte sich mehr um sie und sie gingen nun ein in der heissen Morgensonne. Der Eindruck von Vereinsamung zog sich noch ein wenig durch den Ort. Einige Geschäfte waren zu, manche Häuser leer und offen. Reisfelder am Wegesrand verwilderten. Wer weg konnte, ist weg.

Wir fuhren zunächst zum Bahnhof, wo wir auf örtliche Freiwillige treffen sollten, um mit ihnen den Tag zu planen.

Der Bahnhof war leer. Es fährt kein Zug mehr durch Minami-Soma, die Gleise sind dicht. Nur noch ein einzelner Angestellter saß in seiner Kabine im Bahnhof und guckte uns irritiert an. Auch wenn kein Zug mehr fährt, er sitzt da noch pflichtbewusst. Bis zum Schluss.


Das linke Gleis führt Richtung Reaktor und wurde seit März nicht mehr befahren. Mittlerweile wird es deutlich sichtbar vom Gestrüpp überwuchert.

Vom Bahnübergang soll man sogar Fukushima-Daiichi sehen können, sagte man mir, doch so sehr ich auch die Augen zusammenkniff, ich konnte das Kraftwerk nicht entdecken.
Minami-Soma machte den Eindruck einer lebendigen Kleinstadt. Menschen waren unterwegs, der Supermarkt gut besucht. Doch hier und da gab es Anzeichen dafür, dass nicht mehr so alles ist wie früher.

Vor dem Bahnhof stand eine große Karte von Minami-Soma und Umgebung. Als ich mich davor stellte, fing eine blecherne Stimme an aus der Uhr zu mir zu sprechen. Eine Begrüßung für Touristen, ausgelöst durch einen Bewegungssensor vor der Karte. So viele Reisenden werden nun nicht mehr nach Fukushima kommen und der Begrüßungstext spricht nur noch zu Minami-Somas Leere.

Es machte sich nun langsam bemerkbar, dass wir die Nacht durchgefahren sind und nicht geschlafen haben. Ich gönnte mir eine leicht radioaktive Cola aus dem Automaten am Bahnhof.


Radioaktive Cola. Refreshing & Uplifting.

Es trafen nun auch die ersten Freiwilligen ein. Angeführt von einem etwas kauzigen Kerl mit Sonnenbrille und Sonnenhut, der seine Hose zum Trocknen auf seine Kühlerhaube gelegt hatte. Eine Gruppe von älteren Dame wurde dann noch unterstützt von jüngeren Herren, alle mit den schwarzen Hemden ihres Sportvereins.
Der Leiter unserer Gruppe, mittlerweile im dritten T-Shirt seit Beginn der Reis, setzte mit amerikanischen Akzent zur Rede an um auf den Tag einzustimmen.

Sein Japanisch geriet jedoch bald an seine Grenzen, sodass er die Details dann lieber durch andere vermitteln ließ. Der Plan war wie folgt: Heute würden wir an drei verschiedenen Orten, wo Flüchtlinge aus Fukushima oder der Tsunami-Region untergekommen sind, Essen verteilen. Für Kinder gibt es zusätzlich noch Süßigkeiten-Pakete und Spielzeug. Über die Bereitschaft der Weissen aus dem Westen war man sichtlich gerührt.

Die erste und zweite Verteilungsaktion fanden in den provisorischen Lagern von Minami-Soma statt: Die Aluminium-Barracken, die die Regierung für Leute aufgestellt hat, deren Haus im 20km Bannkreis um den Reaktor steht oder die ihr Zuhause im Tsunami verloren haben. Ein paar hundert Personen leben jeweils in diesen Lagern.

Graues Aluminium auf grauen Kies und nichts, was in der Hitze dieser Mittagssonne Schatten bietet.


Radioaktiver Kiesel

Wir stellten die Trucks nebeneinander und bauten um die Ladeflächen eine Verteilungsstation auf.

Die Bewohner des Lagers stellten sich schon in einer Reihe auf und warteten darauf, dass die angekündigte Verteilung beginnt.

Die Frauen blieben am Wagen und verteilten an ihren Stationen die zugeteilten Mengen. Pro Person und Haushalt gab es eine bestimmte Anzahl Kartoffeln, Wasserflaschen und Früchten, die verteilt wurden. Wir Männer waren eingeteilt, immer wieder die Ladefläche mit Lebensmitteln aus dem hinteren Teil des Trucks zu befüllen und um den älteren Personen dabei zu helfen, ihre Lebensmittel nachhause zu kriegen. Denn die Güter waren reichlich, die Tüten und Kisten schwer und die, die hier wohnten, oft jenseits der 60.

Meine Aufgabe war es, meine Hilfe beim Tragen anzubieten. Das bedurfte oft einiger Überzeugungskraft. Denn auch wenn die Dame über 80 war und sich mit einem Buckel zum Laster quälte, die Höflichkeit macht es ihnen dann doch schwer, neben dem kostenlosen Essen auch noch um Hilfe beim Tragen zu bitten. Man entschuldigte sich öfter, als sich zu bedanken.
Ich nahm mir dann meine Kollegen zum Vorbild, die einfach beherzt nach den Tüten griffen und vor den Damen vorweg liefen. Da war kein Platz mehr für Diskussionen.

Mit meinem sporadischen Japanisch unterhielt ich mich etwas mit den Personen, denen ich beim Tragen half. Standard-Frage war natürlich: Wo kommst du her? Viele dachten, dass wir alle, wie der Leiter, aus Amerika stammten. Eine entgegneten mir auf meine deutsche Herkunft auch: jaja, die deutsch-japanische Freundschaft, wir helfen uns immer aus, nicht wahr? Wie die deutschen Medien Japan nach Fukushima geholfen haben, verschwieg ich.

Beim Abliefern konnte ich manchmal einen Blick in die Wohnungen in den Barracken riskieren. In ihrer Gleichheit erinnerten sie mich an Baukästen. Kasten an Kasten gab es immer das gleiche Layout in den nummerierten Blöcken. Grob imitierten sie den Schnitt einer japanischen Wohnung. Holz und Reismatten wurden jedoch gegen Stahl und Plastik ausgetauscht.

Man warnte mich, nicht zu persönlich zu werden. Ich sollte keine Fotos von Personen vor ihren Barracken machen, weil es ihnen oft peinlich sei, hier zu hausen. Alkoholmissbrauch und Suizidraten seien hoch unter den Bewohnern, sagte man mir, und ich gab mir Mühe, keine intimen Fragen zu stellen. Die wenigen persönlichen Fragen, die ich hatte, gingen oft ins Leere und wurden nur mit einem höflichen Lächeln beantwortet – wenn überhaupt.

Eines dieser Lager war direkt neben einem Reisfeld gebaut, das aus einem Bilderbuch stammen konnte. Die Trostlosigkeit der farblosen Aluminium-Baracken war geradezu in einem zynischen Kontrast zu dem saftigen Grün des Feldes, neben dem sie standen. Doch das saftige Grün ist trügerisch. Das dieser Reis radioaktiv belastet ist, ist klar. Das Risiko des Verzehrs und der Verarbeitung sollte man lieber nicht eingehen. So bleibt den Leuten nur auf den Reis zu starren, den sie nicht essen dürfen.

Nach den ersten zwei Verteilungsaktionen war ich bereits fertig. Die knallende Sonne, die hohe Luftfeuchtigkeit von über 90% und die Anstrengung nach einer Nacht ohne Schlaf gingen nicht ohne Spuren an mir vorbei. Einer der Helfer sah mich nur an und meinte zynisch „Ihr Medien-Leute seid keine harte Arbeit gewöhnt.“. „Ja“, keuchte ich, „wir schreiben nur drüber“.


Knie der Kompetenz II

Die letzte Aktion des Tages war in einem grauen Neubau. Hier lebten auch Familien, die ihr Zuhause seit März verloren hatten. Ähnlich wie in den Barracken war es unsere Aufgaben, die Essens-Kiste in die Wohnungen zu tragen. Vier Häuser mit je sechs Stockwerken. Ohne Aufzug.

Meine Arme zitterten, meine Hände verloren ständig den Halt an den Kisten. Alleine schaffte ich keine Kiste mehr nach oben, ich brauchte immer Hilfe oder kleinere Kisten. Oben angekommen sah man mir meine Erschöpfung dann stets an. Ob man denn etwas für mich tun könnte, fragte man. Ja, stöhnte ich, etwas zu trinken wäre nett. In der Hoffnung, einfaches Leitungswasser zu bekommen, schwitzte ich leicht gebeugt vor dem Apparment. Eine Mutter kam heraus und drückte mir zwei Dosen Kaffee und zweimal Gemüsesaft in die Hand. Beides wollte ich eigentlich nicht, aber ihre Höflichkeit ablehnen auch nicht. Aus ihrer Sicht hätte es so ausgesehen: Da kommt ein Blonder den ganzen Weg aus Deutschland um uns Kisten mit Kartoffeln und Zwiebeln in den fünften Stock zu schleppen, und dann nimmt er nicht mal unsere Dankbarkeit an.

Diese Menschen haben alles verloren. Besitz, Haus und womöglich auch noch Freunde und Verwandte. Trotzdem wahren sie noch ihre Höflichkeit und ihr Gesicht. Vielleicht gerade weil sie nicht mehr viel haben als das. Wer bin ich dann, ihnen das zu nehmen?

Ich nahm den Kaffee und den Saft und verteilte ihn an meine Kollegen. Mein Körper fiel ins Gras. Mehr ging nicht mehr.
Mehr musste zum Glück auch nicht mehr, denn die letzte Kiste ging gerade raus.
Die Arbeit war getan, das Essen für heute verteilt. Wir waren zu erschöpft, um über das Schicksal der Leute morgen nachzudenken. Für heute hatten ein paar hundert Personen frische Zwiebeln und Kartoffeln ohne radioaktiven Belag. Das sollte uns erstmal reichen.

Der Leiter erinnerte mich dann wieder daran, dass wir tatsächlich noch in Fukushima waren: „I’d like to run a Geiger counter on your ass, Fritz“. Erst dachte ich, dass er mich anmachen wollte. Und als ihm bewusst war, wie die Botschaft ankam, fing er auch mit den anderen an zu lachen. Doch schnell wurde er wieder ernst und ermahnte mich, dass der Boden hier sicherlich erhöhte Radioaktivität aufweist. Das Lachen verstummte und der Moment der Heiterkeit verschwand so schnell wie er kam. Ich stand auf, wischte mir die radioaktiven Grashalme vom Gesäß und fragte ihn, wie es jetzt weitergeht.
Er plädierte dafür, so schnell wie möglich nach Tokyo zurückzufahren. Doch die örtlichen Aktivisten luden uns noch zum Essen ein. Mit seiner Gegenstimme wurde der Vorschlag angenommen.

Wir fuhren zu einem herschaftlichen Anwesen. Traditionell japanisch und ungewöhnlich groß für ein Haus mitten in der Stadt. Die Damen vom Vormittag hatten kräftiges Beef-Curry zubereitet und wir langten alle zu. Mein Gesicht war inzwischen so rot wie das Curry. Dort, wo ich mir ein Handtuch um den Kopf gebunden hatte, zeichnete sich ein deutlicher Rand vom Sonnenbrand ab. Als dann das Vanille-Eis zum Dessert gereicht wurde hatte jeder in der Runde mal über meine Stirn gelacht. Diese Spur von Fukushima sah man nach meiner Rückkehr in Berlin noch.

Der Leiter und die zwei Fahrer lagen auf der Veranda und dösten weg. Im mittlerweile fünften Shirt seit Tokyo lag der Amerikaner auf dem lackierten Holz und hatte alle Viere von sich gestreckt. Ich war immernoch im selben Hemd unterwegs, dass ich nach dem Aufstehen in Shibuya angezogen hatte. Inzwischen war das über 25 Stunden her.
Noch ein Gruppenfoto und das Versprechen bald wieder zu kommen, und schon ging es heim.

Es sollte geradewegs Richtung Tokyo gehen wäre da nicht… wäre da nicht ich gewesen, der darauf bestand auch mal das Tsunami-Gebiet zu sehen. Ein kleiner Umweg an der Küste entlang hätte unsere mittlerweile leeren Trucks dorthin geführt. Unser Fahrer war inzwischen zu müde, um mit mir darüber zu diskutieren. Er reichte mir das Handy und meinte nur erschöpft, dass ich das mit dem Leiter klären sollte. Ich unterbreitete meinen Wunsch und der Leiter meinte, wir sollten abstimmen. Nach einem Wahlgang in jedem unserer drei Autos ging es küstwärts, denn nun war auch die Neugier bei den anderen geweckt.

Es ging also ins Tsunami-Gebiet….

Fortsetzung folgt in Teil 3

Zwiebeln für Fukushima I

Posted in abenteuerliches by fritz on 9. Dezember 2011

Im Sommer war ich mit einer Gruppe von freiwilligen Helfern in Minami-Soma, einem Ort in der Präfektur Fukushima – 40km vom Reaktor entfernt. Ein Teil des Ortes liegt im 20km Bannkreis rund um das havarierte Kraftwerk, die Mehrheit der Bevölkerung hat die Stadt bereits verlassen. Kontaminierter Reis und radioaktiv belastetes Gemüse sind hier ihr größtes Problem.

Fukushima spaltet nicht nur Atome sondern auch Gemüter. Wenn ich nach meiner Rückkehr in Deutschland mal beiläufig erwähnte, dass ich in diesem Sommer in Fukushima war, wichen die Leute meist instinktiv zurück. Auch wenn ich mich nur einen Tag lang dort aufhielt – das reicht schon, um den Status eines Leprakranken zu bekommen.
Auch wenn mittlerweile jedem Deutschen Fukushima mindestens genauso bekannt ist wie Hiroshima, so ganz stimmen die Termini meistens nicht. Es gibt die Präfektur Fukushima, deren Hauptstadt ist Fukushima (City) und von dort sind es nochmal 60km bis zum Reaktor Fukushima-Daiichi (Fukushima Nr. 1). Doch der Name Fukushima, auf was er sich auch beziehen mag, löst immer eine gewisse Vorsicht beim Gesprächspartner aus.

Als ich diesem Sommer in Japan war, wollte ich unbedingt auch in den Norden. Allein, um mir selbst ein Bild von der Lage zu machen, ein halbes Jahr nach dem Beben vom 11. März. Ich war zuvor ja nur auf die lauten Medien angewiesen, die inzwischen Japan wieder vergessen hatten. Ein Blogeintrag bei einem deutschen Kollegen aus Tokyo machte mich dann auf das Projekt „Save Minami-Soma“ aufmerksam.

Save Minami-Soma ist ein Projekt, welches sich rein durch Spenden finanziert und zum Großteil von in Japan lebenden Ausländern verantwortet wird. Der Kontakt war schnell hergestellt, auch wenn die klare Ansage war, dass ich nur als freiwilliger Helfer mitkommen könne und nicht als Fotograf. Es war zwar gewünscht, dass ich auch Bilder mache, doch nur wenn gerade nichts mit anzupacken ist.
Ich willigte gerne ein.

Mit Verspätung erschien ich am Treffpunkt in Roppongi in Tokyo. Einer der beiden Trucks, mit denen wir in der Nacht Richtung Norden fahren sollten, stand schon vor dem Parkplatz. Den anderen würden wir gleich noch abholen. Schon als ich am anderen Ende der Straße eintraf, erkannte mich der Leiter des Projekts als Helfer, auch wenn ich ihn an dem Tag zum allerersten mal traf. Nicht viele blonde Westler verirrten sich in diese Seitenstraße.
Der Projektleiter kam in den 80er Jahren aus den USA nach Tokyo. In Japan lebte er mehre Jahre lang als Gelegenheitsmodel ohne Visum. Verdienen konnte er damals ganz gut. Über 2.000 Euro am Tag waren als Gage keine Seltenheit. Er war einer der ersten, der den riesigen Bedarf an westlichen Models in Tokyo ausnutzte. Heute seien es doch zu viele von ihnen in Tokyo, beschwerte er sich, und die Gagen wären im Keller. Ein bisschen verärgert war er auch darüber, dass die Marktlücke, die er früher entdeckte und ausnutzte, nun von anderen ebenso ausgenutzt wird. Japanisch spricht er bis heute kaum. Für das, und das Visum hat er seine japanische Frau.

Ihm gefiel die Rolle des Ausländers, der ganz alleine Japan rettet, sehr. Frustriert mit der langsamen Art, wie die japanischen Freiwilligendienste agieren, gründete er selbst sein eigenes Projekt. Dies sollte nun seine zweite Fahrt nach Minami-Soma sein, bis zum jetzigen Zeitpunkt im Dezember sollten noch zwei weitere folgen.

Mit dabei war noch ein Brite, der nach drei englischen Worten bei mir schon erkannte, dass ich aus Deutschland stammte. Ich musste mir im Laufe der folgenden Reise noch diversen Scherze in der Hinsicht anhören, doch im Gegensatz zu denen vom Amerikaner, trafen die vom Briten meistens und brachten mich auch zum Lachen. Zusammen fuhren wir zum Ort, wo wir die Trucks beladen sollten.

Die Paletten mit Wasserflaschen, Dosen mit Obst & Gemüse und Tüten mit Süßigkeiten für die Kinder standen schon vor den beiden offenen Trucks, als wir ankamen. Wie die gemieteten Trucks waren auch sie durch Spenden finanziert. Vieles kam auch von Second Harvest Japan, vor deren Büro wir uns hier trafen. Sie sind vergleichbar mit den Tafeln, die in Deutschland Nahrungsmittelspenden sammeln. Vor dem Tsunami waren sie vorallem dafür bekannt, Essen an Obdachlose zu verteilen. Seit März ist Second Harvest Japan jedoch verstärkt im Norden Japans unterwegs.

Der Rest der Gruppe, der ungefähr 10 Leute angehörten, warteten schon hier auf uns oder traf nach und nach ein. Es waren nur vier Japaner dabei, darunter die beiden einzigen Damen. Der Rest war divers. Der deutsche Blogautor, durch den ich vom Projekt erfahren habe, war ebenfalls vor Ort. Er hatte Spenden auf seiner Website gesammelt, die er nun dem Leiter des Projekts überreichte. Ebenso war ein Lehrer aus Kanada dabei, dessen Schüler durch Kuchenbasare und Flohmärkte Geld für die Kinder im Tsunami-Gebiet sammelten. Mit ihm, und einem Japaner, der längere Zeit in den USA lebte und etwas amerikanisiert war, saß ich vorne im zweiten Truck.

In diesem Sommer in Japan habe ich viel über die Freiwilligen erfahren, die sich nach dem Tsunami Richtung Nord-Japan aufgemacht haben oder es nach wie vor regelmäßig tun. Bei einem habe ich sogar in Tokyo übernachtet. Die Gründe, warum sie helfen, ist bei jedem unterschiedlich. Und so hatte auch bei dieser Fahrt nach Fukushima jeder seine eigene Beweggründe. Ich wollte helfen, aber mir auch ein Bild von der wirklichen Lage vor Ort machen. Andere wollten einfach mit anpacken, weil ihnen die Geschwindigkeit der japanischen Behörden nicht ausreichte. Doch ich glaube, es befriedigt auch gewisse Bedürfnisse nach Abenteuer und Heldentum.
Als mir der Amerikaner zum ersten Mal von seinem Projekt erzählte, sprach er wie im Rausch. Und auch die anderen, als sie mir von ihrem ersten Einsatz erzählten, berichteten von dem Adrenalin, dass sie eine Woche lang verseuchten Schlamm schaufeln ließ. Am Ende gab es die Anerkennung und Dankbarkeit der Einheimischen. Die nimmt man gerne mit, wenn man zurück in seine eigene Wohnung nach Tokyo fährt, während die, den man eine Woche lang geholfen hat, in ihre Notbehausungen zurückkehren und dort mehrere Monate lang bleiben müssen.

Wie auch immer die eigene Motivation zu begründen ist – wichtig ist nur, dass reale Hilfe geleistet wird. Und sei sie noch so klein. Doch den Eindruck von Katastrophentourismus konnte ich nicht verlieren. Die Fahrt ist für die Helfer kostenfrei.
Vollbepackt fuhren wir los. Die Fenster vom Truck waren offen und eine leichte Sommerbrise wehte in die Kabine. Aus den Lautsprecher tönte U2 mit „A beautiful day“ während wir auf dem Weg nach Fukushima waren.

Um den Stau rund um Tokyo zu vermeiden, fuhren wir nachts. Unterwegs wollten wir die fast vollen Trucks noch mit frischen Gemüse bei einem Großhändler befüllen. Doch bis dahin waren es noch ein paar hundert Kilometer. Gegen 2 Uhr machten wir eine Pause auf einem Rastplatz um den folgenden Tag durchzusprechen.


Der Leiter des Projekts, deutlich zu erkennen am Knie der Kompetenz

Um 3 Uhr sollte es weitergehen, jeder könne also noch eine Stunde schlafen bevor es morgen dann richtig los geht. Wir können entweder in den Trucks pennen, oder auf einer Parkbank. Es war Sommer und warm genug. Doch ich persönlich kann nicht so einfach den Schalter auf „Schlaf“ legen. Ich zog also über den Rastplatz.

In den Kabinen und Vordersitzen der Autos schliefen überall diejenigen, die kein Hotel mehr erwischt haben oder sich keins leisten konnten. Beleuchtet vom Rastplatz und den Amaturen sahen die leblosen Körper aus wie fehlplatzierte Leichen. Als ich versucht habe, sie zu fotografieren, sind die toten Körper allerdings aufgewacht.

Zurück am Truck stand dann schon der Kanadier, rat- und rastlos wie ich.

Beherzt machte er den Truck auf, legte sich eine Plane zurecht und schlief zwischen Dosensuppen und Kohlrabi ein.

Ohne bessere Optionen tat ich es ihm gleich und machte es mir hinten bequem.


Geräuschkulisse

Hinter mir war die Autobahn, neben mir die rumorenden Trucks und ab und an fuhr ein Reisebus vorbei. Sofern die Insassen noch wach waren, wunderten sie sich, was denn ein blonder Westler hinten auf einem Truck treibt.


Ausblick von der Ladefläche

Gegen 3 Uhr kam mir dann der Brite entgegen, lächelnd und recht aufgedreht. Ob er denn schlafen konnte, fragte ich ihn. Nein sagt er, aber er hätte schon zwei Tassen Kaffee intus. Gleich wird er sich wieder ans Steuer vom ersten Truck setzen.

Der nächste Stopp unsere Karawane, dem zwei Kleinlaster und ein Kombi angehörten, sollte der Gemüse-Händler sein. Es war noch dunkel, als wir ankamen.

Die frischen Kisten stapelten sich schon, bereit für uns sie mitzunehmen.

Doch vor Sonnenaufgang sollte erstmal nichts passieren, hieß es dann. Der Händler hätte nicht so früh mit uns gerechnet, und wir sollen erstmal warten. Viel mehr konnten wir auch nicht tun.

Wir parkten unsere Autos vor einem Conbini. Umgeben war er nur von Reisfeldern und einsamen Landstraßen. Ich wartete die ganze Zeit auf den Sonnenaufgang. Da sie nicht kommen wollte, ging ich kurz aufs Klo. Als ich wieder rauskam, war die Sonne einfach da. Als hätte sie auf meinen Moment der Unachtsamkeit gewartet.

Wir versorgten uns mit Essen und Trinken. Einige dösten weg, in der Erwartung der Anspannung vom folgenden Tag.

Als es dann hell wurde, konnten wir endlich das Gemüse aufladen. Kartoffeln, Rettiche und Zwiebeln für die Leute in Fukushima.

Der Truck war nun berstend voll.

Von nun an hatten wir die Sonne als Begleiter.

Die Route, die wir nahmen, war bewusst so geplant, dass sie uns in einem weiten Bogen um das Kraftwerk und die radioaktiven Hotspots vorbei führt. Bei ihrer ersten Tour hatte die Gruppe zwei Geigerzähler vorne an den Truck geschraubt. Die gefährlichen Regionen waren ihnen bekannt.


Unser Fahrer


Der Leiter, Herr des Geldes und der Lebensmittel, an der letzten Tankstelle vor Fukushima

Wir fuhren immer dem vorderen Truck hinterher…

…nur noch durch einen Tunnel…

…und wir waren dem Ziel nahe.

Wie unsere Arbeit in Minami-Soma aussah und wie es im Tsunami-Gebiet aussieht, steht dann in den nächsten beiden Teilen.

Wurst oder Wohnung

Posted in abenteuerliches, Gedanken by fritz on 16. Juli 2011

Zwei Tage WG-Besichtigung in Hannover. Irgendwo zwischen Blinddating und Casting suchten Wohngemeinschaften einen neuen Mitbewohner. Ein subjektiver Bericht.

(Veröffentlicht in der Berliner Zeitung vom 26.09.2011)

In Deutschland habe ich noch nie in einer WG gewohnt. In Tokyo teilte ich Wohnung bzw. Wohnhaus mit anderen. Nie gab es Probleme. In Japan musste ich nur den Vermieter mit finanzieller Liquidität überzeugen, doch in Deutschland steht vor dem Einzug in eine Wohngemeinschaft ein Vorstellungsgespräch vor dem WG-Rat. Es wird geprüft, ob man nett und interessant genug für den Einzug ist. Irgendwo zwischen Bewerbungsgespräch und Casting des neuen Freundeskreis finden dann diese Treffen statt.

Ich bin, was Wohnen angeht, super anspruchslos. In Tokyo war ich glücklich auf vier Quadratmetern ohne Fenster. Ich brauche nicht viel. Eine Matratze, einen Tisch und ich war zufrieden. Diese Anspruchslosigkeit konnten viele nicht nachvollziehen, ja es machte sie sogar skeptisch, als ob ich das nur erzählen würde, um das Zimmer zu bekommen. Doch ich brauchte wirklich nicht mehr.

Von daher waren meine Kriterien an die WGs relativ gering. Die Kriterien der WGs an mich aber scheinbar hoch. „Die Chemie muss ja stimmen“ und „man sollte schon ähnliche Interessen haben“. Mir war da relativ vieles egal. Ich denke in meiner Zeit in Japan habe ich eine gewisse Zurückhaltung gelernt, den man anderen entgegen bringt, mit denen man auf engen Raum zusammenlebt.

Wenn ich dann von meiner Wohnung in Tokyo erzählte, wurde ich natürlich auch zu meiner Zeit dort befragt. Ich berichtete gerne und viel darüber. Fast zu viel. Als ob diese Zeit, dieses eine Jahr, das einzige ist, was mich auszeichnet und von anderen Bewerber unterscheidet. Nichtsdestotrotz war es natürlich das spannendste, was ich zu erzählen hatte und daher brachte ich es natürlich immer gleich zu Beginn der Gespräche ein.

Die Fahrt

Im Westen von Berlin holte mich ein Kleinlaster mit 15min Verspätung ab. Knapp begrüßte mich der Fahrer der Mitfahrgelegenheit und schmiss meine Tasche in den Laderaum.
Er ist Transportunternehmer und macht jeden Tag den Trip nach Hannover um Autoteile abzuholen. Hin und zurück dauern mit Pause und Aufladen sechs Stunden, die sich die großen Autohäuser gerne etwas kosten lassen. Meine Frage, ob denn eine Sammelbestellung einmal in der Woche in einem großen LKW statt täglichen Touren in einem Kleinlaster denn nicht sinnvoller seien, schmetterte der Fahrer etwas angekratzt ab. Man könne ja heute nicht wissen, welche Bauteile man morgen braucht, sagte er, und starrte fest auf die Autobahn vor sich. Das ich so in der Frage gewissermaßen auch seinen Job für sinnfrei erklärte, fiel mir erst auf, als ich ausstieg.
Neben mir saß die zweite Mitfahrerin, eine selbstständige Nageldesignerin. Mit großen, aufgeklebten Fingernägel tippte sie auf ihrem Netbook. Ihr dickes Make-Up spiegelte sich dabei im Display. Viel zu sagen hatte sie nicht.

Die Fahrt war zügig und still. Die beiden hatten keine Interesse an dem, was ich erzählte und auch sonst hatten wir keine Schnittmengen. Bis dann das Thema Wohnungssuche in Hannover aufkam und ich lauter Tipps für gute Straßen bekam. Merken konnte ich mir keine.

Die erste WG – ein Traum in weiß

Ein quirliges Mädchen begrüßte mich mit einem Lächeln im Treppenhaus. Ihr Mitbewohner stand etwas müde im Flur und zeigte mir sein helles Zimmer, das bald frei werden sollte. Es sah gut aus, die Mitbewohner waren sympathisch und die Lage war bezahlbar. Das Gespräch lief gut, auch wenn ich viel zu viel erzählte.
Sie studiert an der Tiermedizinischen Hochschule, oder „Tiho“ wie die coolen Kids in Hannver sagen. Der Antwort auf die Frage nach ihrer Heimat stellte sie schon ein „kennste nich“ voran, bevor sie eine Liste von mir unbekannten Dörfern und Kleinstädten nannte, die jeweils mit „in der Nähe von“ verbunden waren.
Er ist grad in der Wirtschaft, will aber demnächst zur Polizei. So ganz enthusiastisch sprach er über keins von beiden. Nur als es darum ging aus Hannover weg zu ziehen zeigte sich eine gewisse Passion. Ich konnte es nachvollziehen.
Der dritte im Bunde war nicht da. Er ist in der Werbung, meistens bei seiner Freundin und sowieso „mehr für sich“.

Rückblickend muss ich sagen, dass diese erste WG-Besichtigung am besten lief und mir am meisten gefiel.

Die zweite WG – wir casten einen neuen Freund

Die zweite Besichtigung war zunächst schwierig. Als ich durch die Tür kam standen dort gleich drei der vier Bewohner vor mir und streckten mir die Hände zur Begrüßung hin. Alle kannten sich schon länger und bildeten mehr oder weniger den gemeinsamen Freundeskreis. Als externe Partei war es für mich schwierig dort Zugang zu finden, aber das war ihnen auch bewusst und sie gaben sich Mühe, mich zu integrieren.

Die Dame in der Runde hatte das Zimmer zu vergeben. Ende 20, Gelegenheitsmodel und selbstbewusst, aber ohne arrogant zu sein. Bescheiden und bestimmt erzählte sie von ihren Shootings. Sie hatte ein großes Bierglas vor sich und fragte mich, wie ich es denn mit dem Alkohol halte. Wenig, sagte ich, und zweifelnde Blicke gingen über das Glas zu ihrem Mitbewohner.

Sie geht jetzt für ein halbes Jahr ins Ausland und ihr Mitbewohner ebenso. Die, die bleiben, waren entweder im Urlaub oder gerade durch die Tür. Es war schwierig ein Gespräch mit denen zu führen, die dann eh nicht mehr die Mitbewohner sein würden. Trotzdem merkte ich, dass wir wenig Gemeinsamkeiten hatten. Zimmer und Lage waren okay.

Rückblickend muss ich aber sagen, dass das Gespräch hier gut lief, auch wenn ich währrenddessen einen anderen Eindruck hatte. Es lief fließend, wir scherzten. Wie in einem Bewerbungsgespräch hinterließ ich meine Kontaktdaten. Man meldet sich dann.

Die Kameratasche

Noch auf dem Weg nach Hannover bekam ich am Morgen einen Anruf. Es war ein Fotostudent von der FH Hannover, den ich noch nie im Leben traf, aber der in meiner Facebook-Liste ist. Er ist gerade in Berlin, hat aber nächste Woche einen Auftrag in Österreich und seine gesamte Ausrüstung ist noch in Hannover. Verschicken kann er das Equipment im Wert von mehreren tausend Euro nicht.
„Fritz, du kommst doch wieder nach Berlin, ne? Ich brauch jemanden, der mir meine Ausrüstung bringen kann, den ich kenne und vertraue. Naja, ich kenn dich jetzt zwar auch nicht, aber ich vertrau dir da mal.“
Ich zögerte, aber er drängte. Also sagte ich zu. Die Ausrüstung würde mir sein Mitbewohner im Laufe des Tages vorbeibringen.

Es folgten über den Tag verteilt noch mehrere Anrufe, die im Ton immer drängender wurden und mich gegen Ende hin auch kurz des Diebstahls bezichtigten. Kurz vor Mitternacht kam die Tasche und ich nahm sie an.

Der Überbringer und seine Begleitung waren sehr amüsiert von der Geschichte. Unverständnis gab es auch bei dem Freund bei dem ich übernachtete. Die, laut Anruf, „normale, kleine Kameratasche“, wog sieben Kilo und schnitt sich mit dem Gurt in meinen Rücken.

Bis es spät wurde und alle Mitbewohner der WG, wo ich die Nacht verbrachte, im Bett waren, diskutierten wir noch laut über Fotos. Im Zimmer einer Mitbewohnerin, die im Urlaub war, pennte ich zwischen Klavier und Gewitter dann ganz gut.

Ein Hipster in Hannover

Als ich am Tag zuvor nach Hannover fuhr, hatte ich nur die zwei Besichtigungstermine. Der nächste kam spontan am nächsten Morgen per Email. Vorher telefonierte ich mir eine Heimreise für den Abend und fuhr mit meinem Gastgeber zur Uni Hannover, um die Architektur-Projekte einer Mitbewohnerin zu fotografieren.

Ich wollte die Gelegenheit glech mal nutzen, um meine neue analoge Kamera auszuprobieren. Wie bei einem echten Tourist Hipster baumelte die 40 jahre alte Kamera aus Metall um meinen Hals. Meine Beobachtung vom Vortag, dass Hannover relativ frei von Hipstern ist, wurde nun von mir selbst zunichte gemacht.

Mein Freund zeigte mir dabei die Stadt. Die Prachtmeile von Hannover, die Limmerstraße, begann mit höflichen Punks, füllte sich mit Imbissen und Restaurants, und endete mit billigen Geschäften. „Mehr geht nicht in Hannover, bunter als hier wirds nicht“ sagte mein Freund und ich war nicht sonderlich traurig, nur einen schwarz/weiss Film in der Kamera zu haben.

Konstruktionen für die Kamera

Im Innenhof der Fakultät für Architektur waren die Konstruktionen ausgestellt. Versteckt oder dominant sollten sie dem grauen Hinterhof Akzente verleihen. An einigen Ecken wurde noch geschraubt und geklebt.

Nach den anstrengenden WG-Terminen, wo alles was du sagst und tust in deine Bewertung in die Auswahl um das Zimmer mit einfließt, waren die Architekten echt eine entspannte Abwechslung. Wenn ich sie ansprach, kam ein Lächeln zurück. Sie erzählten gerne von ihren Projekten. Der Professor war auch ganz entzückt über uns zwei Fotografen und er nahm sich viel Zeit mir den Gedanken hinter den einzelnen Exponaten zu erzählen.

Meine alte analoge Kamera ist seit dem Nahen Osten kaputt, einen Film hatte ich mit der neuen noch nicht voll gemacht. Ich hatte zwar mal einen drin, doch der war komplett unbelichtet. In Hannover hatte ich nun einen schwarz/weiss Film und Farbfilm dabei. Ich verschätzte mich aber grob mit ISO und Belichtungszeit, sodass die Bilder jetzt so unrein aussehen.

Über den Innenhof verteilt waren große und kleine Konstruktionen aus Holz, Pappe und sogar Tetra-Pak.

Der Großteil der Architektur-Studenten war weiblich. Die wenigen Kerle waren dabei alle breit gebaut – und mürrisch auf uns Fotografen zu sprechen.

Die dritte WG – Sportler und ihre Hobbys

In angesagter Lage, wie man mir sagte, befand sich die dritte Wohngemeinschaft in Laufweite von der Bude meines Kumpels. Ich war zu früh dran und betrat die Wohnung als noch eine weitere Interessentin zugange war. Sie war Journalismusstudentin aus München, die das Studium der praktischen Arbeit vorzog. Die Bewohner waren zwei Sportler und ein Sozialwissenschaftler. Das Zimmer war klein aber gemütlich, inklusive eines begehbaren Vordachs unter dem ein gemütlicher Garten lag.

Relativ unbeeindruckt von meinen Reisen und Referenzen fragte mich die Dame in der Runde, ihreszeichens braungebrannte Sportstudentin mit Nebenjob im Freibad, nach meinem Hobbys. Ich schluckte.
Das Problem daran, wenn man sein Hobby und das, was man gerne macht zum Beruf macht, ist, dass man gleichzeitig ein Hobby aufgibt. Als Freiberufler/Selbstständiger hat man eh auch weniger Zeit für Hobbys. Ich sagte schnell noch den einzigen Sport, den ich tatsächlich sehr gerne ausübe („Fahrrad fahren“), doch mit Blick auf meine Wampe kauften sie mir das wohl nicht ab.

Beim stockenden Gespräch in der Küche disqualifizierte ich mich, als ich, wie Berliner das gern mal so machen, über andere & kleinere Städte lästerte. In diesem Falle Hannover, der Geburtsstadt von 2/3 der WG. Nicht viel später folgte ein „du hörst von uns“ und ich ging durch die Tür.

Die vierte WG – Journalisten und das Steak-Verbot

Der letzte Termin kam kurzfristig rein und musste ebenso schnell erledigt werden da mein Auto nach Berlin bald folgen sollte. Ebenfalls in guter Lage und mit tollen Zimmern war es eine WG von Journalisten, die entweder noch im Studium oder kurz vorm Ende und schon im Beruf drin steckten. Print, Fernsehen und Radio waren vertreten.
Erst im Nachhinein realisierte ich, wie anti die Bewohner mir gegenüber eingestellt waren. Erst dachte ich, es lag daran, was ich sagte oder nicht sagte. Doch dann fiel mir auf, dass es daran lag, was ich war.

Journalisten sind privat das, was sie im Beruf sein müssen: betont selbstbewusst, ehrgeizig und direkt. Und bei der Besichtigung waren sie zudem noch hektisch, gestresst und schnell. Für sie war ich erstmal nur ein Konkurrent in ihrer Branche.

Innerhalb von 10min trafen fast alle Bewohner der WG ein. Die Damen nahmen mich ins Kreuzverhör während der Kerl sich eine Zucchini schnitt und in die Pfanne warf.

„Ich bin Fotograf, schreibe aber auch“, sagte ich in der Vorstellungsrunde. Der Autor aus dem Printjournalismus quittierte es nur mit einem „Ach!“ als er sich die Zuchhini brutzelte. Seine Zweifel daran, dass dieser Knipser nun auch noch schreibt und in sein Berufsfeld eingreift, war über dem heissen Öl laut zu hören. Als ich ihm sagte, dass ich Fotojournalismus an der FH studiere, nötigte ihm das aber einen gewissen Respekt ab. „Die sind krass“, sagte er.

Mittendrin kam eine SMS. Die Mitfahrgelegenheit, die mich in 50min im Norden der Stadt abholen sollte und nachhause fährt, hat spontan abgesagt. Der Autor fühlte mit mir und stellte seinen Rechner zur Verfügung, damit ich eine neue Mitfahrgelegenheit suchen konnte. Während er das Passwort eintippte wischte er eine wilde Ansammlung von Pillen von der Tastatur. Ich fragte nicht, aber man sagte mir, dass die von dem Mitbewohner stammten, der gerade nicht da ist. „Er arbeitet in einer Psychatrie und kommt daher günstig an Pillen“ erklärte mir die Fernsehjournalistin. „Aber nicht die Art Pillen an die du jetzt denkst“ fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu und kaute weiter auf ihrer Möhre herum.
Sie kam gerade von einem Dreh und reagierte am aufgeschlossensten auf mich. Allerdings verabschiedete sie sich kurz und musste weg. Es folgten provozierende Fragen mit verschränkten Armen von den anderen. Es wurde meine Qualität als Journalist geprüft, ich hatte aber nicht das Bedürfnis ihnen jetzt hier etwas demonstrieren zu müssen.

Ich erzählte was ich suchte und die Antwort war nur ein ablehnendes „das klingt aber nach Zweck-WG“. Der Zweck einer WG ist es, ein Zimmer zu haben und mit anderen zusammen zu wohnen. Das suchte ich. Woher die Erwartungshaltung kommt, mit dem neuen Mitbewohner gleich den neuen besten Freund zu suchen, ist mir ein Rätsel.

Doch die entscheidene Frage war: „Bist du Vegetarier?“. Nein, sagte ich. „Wir sind aber alle Vegetarier, weil wir für die Welt sind“. Berechtigte Begründung, wenngleich auch eine WG in Hannover mit dem Braten von Zucchini sicherlich nicht „die Welt“ retten wird, was immer damit gemeint war. „Heisst das, dass ich keine Wurst im Kühlschrank haben kann, selbst wenn ich sie in meinem Zimmer esse?“, fragte ich. Der Blick ging zur Zucchini und wieder zurück zu mir. Nein, war die kollektive Antwort. „Ich müsste mich also zwischen Steak und dieser Wohnung entscheiden, da ihr keine Nicht-Vegeterier akzeptiert?“. Sie nickten und ich ging zur Tür.

Ich kann ihre Lebenseinstellung nachvollziehen, sie aber für mich selbst nur wegen einer Wohnung anzunehmen halte ich für verkehrt. Und dogmatisch Nicht-Vegetarier auszuschließen sprach auch nicht grade für eine allgemeine Toleranz. Ohne viele Worte wurde mir zum Abschied gewunken. Im Treppenhaus traf ich dann noch die Fernsehjournalistin wieder. Sie war irritiert, dass ich so schnell wieder ging.

Heimfahrt

Kurzfristig fand ich noch eine andere Mitfahrgelegenheit nach Berlin, am selben Treffpunkt und zur selben Zeit. Mit schwerer Kameratasche und meinem Kram über der Schulter hetzte ich in den Norden der Stadt. Gerade noch pünktlich – allerdings am falschen Treffpunkt. Der Fahrer ließ noch mit sich reden, drehte um und sammelte mich ein.

Im Auto lief Deathmetal als ich mich dem Polizisten vorstellte. Er ist vor kurzem von Hannover nach Berlin gezogen und fährt regelmäßig diese Strecke. Kurzfristig stellt er dann immer die Mitfahrgelegenheit online und fährt damit selten alleine.
Ob es als Polizist denn nicht frustrierend sein kann fragte ich ihn. Joa, sagte er. Aber die Motivation ist doch noch da, fragte ich. Joa, sagte er. Er war absolut entspannt.
Zwischen den Frust im Alltag hat er sich mit den begrenzten Möglichkeiten des Jobs abgefunden. Wie ein buddhistischer Mönch saß er hinter dem Lenkrad. Er akzeptierte „es ist wie es ist“ und machte damit einen zufriedenen Eindruck.

Neben ihm saß ein Blondine in meinem Alter. Sie hatte gerade ihr Studium abgebrochen. Nicht ihr erstes. Von der Abbrecherin zum Aufbrecher wollte sie nun demnächst in eine lange Reise starten. Wann weiss sie noch nicht. Sie macht sich da keinen Druck. Ihre Eltern machen auch keinen, den machten sie noch nie. Weder bei der abgebrochen Ausbildung noch beim vorzeitigen Beenden des Studiums. Nur sie machte Druck – ob wir denn nicht mal für eine Zigarette anhalten könnten.

Nach der Kippe kamen die Blitze. Ein Regensturm und Gewitter hing tief über der Autobahn. Links und rechts der Fahrbahn leuchtete es kurz taghell. Auf der anderen Fahrbahn zogen die Autos einen feinen Nebel von aufgewirbelten Regen hinter sich her. Die Scheinwerfer machten aus dem Nebel kleine leuchtende Geister. Als ich den Fahrer auf dieses interessante Phänomen hinwies meinte der Beamte nur trocken, dass er lieber auf die Straße vor sich achtet. Inzwischen liefen die Beatsteaks in einer Dauerschleife. Die Blondine schlief.

Ankunft

Sicher vor dem Regen stand ich in Berlin nach dem Aussteigen an der Haltestelle. Da ich nie Bahn oder Bus fahre, fragte ich den großen Kerl neben mir, wie weit der Bus denn nun fährt. Er war Grieche und auch als ich auf sein Bitten hin auf Englisch fragte, wusste er es nicht. Ich erzählte ihm, dass ich grad aus Hannover komme und wie das deutsche WG-System funktioniert. Er fand es seltsam, wünschte mir aber viel Glück als er in seinen Bus stieg.

Als mein Bus endlich kam stiegen mehrere Akademiker Mitte 30 ein. Angeheitert beendet sie ihren Berlin-Besuch, während eine von ihnen von ihrer Zeit in der Hauptstadt erzählte. Erst wohnte sie im Prenzlauer Berg, nun gentrifiziert sie aktiv Neukölln. Ihr angeheiterter Kollege war ganz entzückt davon, dass Schönhauser Allee ja fast wie Schöneberg klingt, wo sie gerade hinwollen. Seine blondierte Freundin lächelte darüber nur müde. Ein weiter Herr im Bunde versuchte dann die Damen, die sonst wissenschaftlich tätig sind, zu überzeugen, dass der Bus eine Distanz von 4 Kilometern in drei Minuten zurücklegen könnte. Ich lächelte müde und ging die Liste von Substanzen durch, die er vermutlich intus hatte.

Nun gibt es zwei Dinge von denen man sagt, dass Berliner sie nicht mögen: Nicht-Berliner und Nicht-Berliner, die nach Berlin ziehen. Die Gemeinschaft vor mir gehörte dazu.
Mit Bussi Bussi verabschiedeten sich, bis nur noch der leicht angeheiterte Herr und seine blondierte Freundin übrig waren. Kurz vor meiner Station stiegen sie aus und Blondi lief danach direkt noch vor den Bus. Ihr Kerl küsste sie zur Wiedergutmachung fest. Ich war alleine im Bus.

Eine Reise von zwei Tagen und durch mehrere Wohnungen endete nun in meiner eigenen. In wenigen Tagen bin ich in Tokyo, dachte ich, als ich den Schlüssel drehte.
Zuhause.

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