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Posted in Anekdoten und Zoten, Unikram by fritz on 6. November 2013

Der erste Monat Hiroshima City University. Zum Schluss gabs Konzert und Feuerwerk

Die japanischen Worte für Vorteil und Nachteil habe ich schnell gelernt. Vorteil von einer Universität in den Bergen: Die Aussicht ist fantastisch. Man kann Krach machen, ohne dass es jemanden stört. Man ist abgeschieden und kann sich konzentrieren. Und die Miete im Studentenwohnheim, welches noch mal 20 Meter höher liegt als die Uni, beträgt nur den Bruchteil einer Monatsmiete in Tokyo.

Nachteile: Die Stadt und jeder nächste Laden ist eine Busfahrt entfernt. Es gibt in der Umgebung nichts, was für Unterhaltung oder abendliche Ausflüge geeignet ist. Und in den Bergen ist es konstant ein paar Grad kälter als in der City.

Von den anderen Austauschstudenten lernte ich das Wort inaka, was sie benutzen, wenn sie die Uni und das Wohnheim beschreiben. Inaka – draußen in der Pampa, JWD, im ländlichen Gebiet. Das komplette Gegenteil von Tokyo.
Aber nach einem Monat in der Pampa muss ich sagen:

Ich mag inaka.

In Woche Zwei nach Beginn des Semesters hatten wir Austauschstudenten ein Treffen mit den Professoren. Es war vorher nämlich nicht klar, in welche Kurse wir gesteckt werden.

An einem Dienstag Nachmittag saßen uns dann vier Dozenten gegenüber. Ihnen zur Seite stand ein Typ vom Austauschbüro, der auch für unser Visum verantwortlich war. Er betont stets, dass wir uns mit jedem Anliegen an ihn wenden soll. Seine Antworten lesen sich dann allerdings immer so: „Da musst du dich selbst drum kümmern.“

Der westlich aussehende Professor ist Künstler aus Amerika und seit fast zwei Jahrzehnten in Japan. Er übernahm auch die Übersetzung für uns. Ich konnte uns zwar fließend auf Japanisch vorstellen – meine Geschwindigkeit und Sicherheit in der Sprache überraschten mich auch selbst. Aber Vorstellungen benutzt man halt am meisten und ist schnell darin geübt. Doch für komplexe Sachverhalte reichte es dann doch nicht.

„Ah, ihr seid die Fotografen aus Hannover“ hieß es dann. „Normalerweise ist es so, dass ihr keine Kurse habt und stattdessen ein Projekt irgendwo in Japan fotografiert. Am Ende gibt es dann eine Ausstellung im Januar. Ach und bitte schickt uns ab und an mal eine Email, damit wir wissen wo ihr seid.“

Keine Kurse, ein Stipendium und komplette Freiheit. Wir zwei Fotostudenten schauten uns nur an und grinsten.

Ursprünglich war ja mein Plan, dass ich aus dem Wohnheim alsbald ausziehe. Da wir jetzt aber so ungebunden sind, hab ich mich anders entschieden. Ich betrachte das Zimmer im Wohnheim als günstiges Lager für meine Ausrüstung und Klamotten. Die Uni ist mein Büro, wo ich Bilder bearbeite und Videos schneide. Der Weg ins Büro ist dann nicht weit. Einfach den Berg runter. Vorteil.

Dementsprechend sieht auch mein Alltag aus. Ich bereite meine Geschichten und Reisen vor, bearbeite Bilder und schreibe Emails in der Uni. Unterricht habe ich keinen. Es gibt nur einen Japanisch-Kurs, der meinen Level entspricht. Die anderen Klassen sind entweder zu einfach oder viel zu anspruchsvoll, und setzen schon ein großes Vokabular und Verständnis vorraus. Mein einziger Kurs ist nun Dienstags morgen, 9 Uhr bis 10.30 Uhr.

Ansonsten: frei.

Das Geld, was ich bei der Miete spare, investiere ich dann lieber in Reisen. Durch die freie Zeit und finanzielle Sicherheit – die Geschichten, die ich mache, müssen nicht unbedingt gleich verkauft werden – habe ich meine Arbeitsweise geändert. Ich habe mir vier große Geschichten ausgesucht, die in sich geschlossen sind, die aber auch als Teil-Kapitel etwas über Japan im Ganzen erzählen. Es sollen drei kleine Filme werden und eine Fotoserie. Pro Geschichte plane ich mehrere Tage ein, plus eine längere Zeit Nachbearbeitung.
Es sollen intensive Geschichten werden.


Blick aus dem Bus auf dem Weg in die City

Allerdings bin ich etwas im Verzug. Vier große Geschichten bis Januar… Das ist ein ordentliches Pensum. Meine Professoren sind auch skeptisch. Ich denke aber, mit einer effizienten Planung ist das machbar. Auch wenn ich derzeit etwas frustriert bin. Es ist November und noch keine Geschichte ist fertig.

Als ich 2011 für einen Monat in Tokyo war, habe ich viele Aufträge & einen Film gemacht und konnte genug Stoff für ein Buch sammeln. Natürlich war das in Tokyo, wo grundlegend etwas mehr passiert als in Hiroshima.
Aber ich denke, der größte Unterschied ist die Erwartungshaltung.
Vor zwei Jahren hatte ich nichts geplant und ließ alles auf mich zukommen. Alles, was ich schaffte, passierte einfach mehr oder weniger. Nun plane ich und bin auch abhängig von Interviewpartnern, die nicht immer so viel Zeit haben wie ich. Das verzögert und – wegen der Erwartung und dem Zeitplan – frustriert etwas.

Im Dezember will ich auch noch ein paar kleine Geschichten und Aufträge machen. Aber meine vier Projekte jetzt sind mir wichtig. Ich weiß genau, ich habe nie wieder die Chance und die Freiheit, an genau diesen Geschichten arbeiten zu können.


Die Rückseite vom Kunst- & Design-Gebäude

Seitens von der Universität erhalte ich viel Unterstützung. Es versteht zwar keiner hier so richtig den fotojournalistischen oder multimedialen Ansatz. Und man versucht auch mich eher in die Kunstrichtung zu lenken.
Aber man versteht auch, dass ich schon Ahnung hab, von dem was ich mache, und lässt mich erstmal machen.

Die Atmosphäre an der Universität mag ich sehr. Man kann hier von Informatik, über Sprachen bis hin zu Kunst und Design alles belegen. Gerade im Kunstgebäude, wo ich mich immer aufhalte, liegt viel Kreativität in der Luft.

Abends probt auch manchmal ein Orchester im Clubhaus. Ich setz mich mit meinem Rechner gern dazu und arbeite.

Zum Kunstbereich gehören auch Werkstätten. Holz und Metall. Erstsemester müssen zu Beginn immer eine einfache Tätigkeit machen: das eigene Werkzeug herstellen, altes Werkzeug reinigen oder schleifen, oder einfach monotone Aufgaben erledigen. Erst wenn sie das zufriedenstellend ein paar Tage am Stück erledigt haben, kommen die komplexeren Sachen ran.


Erstsemester lernen, wie man eigenes Metallwerkzeug herstellt. Die Uni hat eine eigene Schmiede, komplett mit kleinem Shinto-Schrein, für die starke Winde im November, die besonders starke Flammen produzieren.

Diese Herangehensweise finde ich sehr interessant und konnte sie schon oft in Japan beobachten. Es dient ganz gut dazu, sich eine Anerkennung für simple Tätigkeiten zu erarbeiten. Erst krabbeln können, bevor man laufen lernt.

Die Papphäuser

Offiziell bin ich in Visual Design eingeteilt. Die Erstsemester dort hatten einen Monat Zeit, aus Pappe ein Haus zu bauen. Und zwar nur aus Pappe. Allenfalls war noch ein dünnes Seil erlaubt. Aber kein Kleber oder Paketband.
Bis spät nachts konnte ich in den letzten Wochen die Studenten in den Treppenhäusern oder Gängen der Uni sehen, wie sie ihren Konstruktionen falteten, stapelten, rollten oder knickten.

Am Ende gab es dann eine Präsentation auf dem Rasen. Die Studenten mussten zeigen, wie ihr Haus benutzt wird. Obwohl alle die gleichen Materialien hatten, war ich doch sehr beeindruckt von der Vielzahl an Kreationen. Und obwohl es nur Pappe war, konnte man auf einigen Konstruktionen sogar stehen.


Schuhe ausziehen ist auch bei japanischen Papphäusern Pflicht.

Der Professor schrie aber schnell in seine Richtung, er solle von der Spitze des Turmes doch wieder runterkommen. Der Regen setzte langsam ein und weichte das Papier auf.

Am besten gefiel mir die Konstruktien mit dem Dach aus Dreiecken.

Teilweise verbrachten die Studenten bis zu einer halben Stunde in ihrem Haus, während sie auf den Prof warteten, der die Konstruktion bewerten sollte. Da einige Häuser nur dafür gedacht waren, darin zu knien oder zu hocken, ging es dementsprechend in die Beine.


Woran erkennt man den Prof? Er ist der einzige, der clever genug war, nen Schirm einzupacken.

Leider hielten sich die Bauten nicht lange. Bereits am Abend brachte ein Taifun den Regen.
Japanische Papphäuser sind nicht wasserfest.

Bürokratie und anderer Quatsch mit Papier

Seit 2009, als ich mich das letzte Mal als ausländischer Resident registrierte, hat sich das System in Japan etwas geändert. Ich muss nun keinen Ausreise-Antrag, bzw. „Re-Entry-Permit“ beantragen, wenn ich das Land verlasse. Aber als Student muss ich jetzt Mitglied der japanischen Krankenkasse sein und in die Rentenkasse zahlen.
Also den Berg runter, ab in die Bahn, zum City Office.


Die Einschienenbahn „Astram Line“, welche die Vororte Hiroshimas mit dem Stadtzentrum verbindet. Sobald abends kein Bus mehr fährt, ist es die einzige Möglichkeit zur Uni und zum Wohnheim zu kommen.

Während man 2009 in Tokyo-Shinjuku, welches prozentual den größten Anteil Ausländer in ganz Japan hat, schon mit englischen Papieren und ein paar Floskeln auf Westler vorbereitet war, hatte man im City Office von Obara mehr Mühe. Mit Wörterbuch und viel Geduld klappte es aber ganz gut. Irgendwann bot mir der Beamte auch an, die Unterlagen für mich auszufüllen. Wahrscheinlich konnte er einfach nicht mehr ertragen, wie schwammig ich die Kanji aufs Blatt schmierte.
Dann Rentenkasse. Der demografische Wandel in Japan ist stärker als bei uns. Logisch, dass nun auch Ausländer gebeten werden, während sie in Japan sind, doch bitte die Rentenkasse zu füllen.

Die Krankenversicherung hätte ich dort auch abschließen sollen. Doch ich erklärte ihm, dass ich bereits eine Versicherung aus Deutschland habe, die mir hier bessere Konditionen bietet, als die japanische. Der Beamte rief kurz in der Zentrale an. Aber eine Krankenversicherung aus Deutschland? Wo quasi die Medizin erfunden wurde? Das passt schon. Die Zentrale sagte okay, der Beamte sagte okay.

In Japan stammt viel medizinisches Wissen aus Deutschland. Noch heute erinnern einige Begriffe daran. Ich wusste, wenn ich ja nur häufig genug betone, dass ich da was aus Deutschland habe, was grob mit Medizin zu tun hat, wird das schon irgendwie klappen.

Dachte ich zumindest.

Am nächsten Tag rief dann einer vom Amt bei der Uni an. Die schrieb mir daraufhin eine erboste Email und drohte damit, mich von der Uni zu schmeissen, sollte ich keine japanische Krankenversicherung abschließen.
Am nächsten Tag bin ich dann gleich nochmal ins Amt, man reichte mir sofort das passende Formular. Darauf sollte ich mein Jahreseinkommen angeben. Der Beamte schlug vor, einfach überall Null Yen reinzuschreiben. Das mache jeder so und keiner prüfe es nach. So komm ich dann auf einen Monatsbeitrag von knapp 13 Euro. Kein Wunder, dass auch Ausländer gebeten werden, in die Kasse zu zahlen, wenn jeder über sein Einkommen lügt. Irgendwo muss das Geld halt herkommen.

Die japanische Krankenversicherung werde ich aber nicht nutzen. Stattdessen sehe ich diese 13 Euro monatlich als meine „Ich-darf-in-Japan-bleiben“-Gebühr.

Und dafür sind 13 Euro fair.


Blick vom Uni-Klo

Die Uni bietet für alle Austauschstudenten einen kostenlosen Medizin-Check an. Und mit „anbieten“ ist hierbei „verpflichtend“ gemeint. Alle Ausländer müssen zur medizinischen Kontrolle. Inklusive Urinprobe und Röntgen.

Das Gespräch mit meinem Arzt war lustig. Mit seinem langen, weißen Rauschebart sah er aus wie der Kung Fu Meister aus Kill Bill.

Arzt: „Furidorichi-san“
Ich: „Hai, hai!“
Arzt: „Oh dein Japanisch ist sehr gut. Wo kommst du her?“
Ich: „Deutschland“
Arzt: „Oh ich liebe Deutschland. Ich kann allerdings nur ein paar Worte sagen. ‚Ich liebe dich'“
Ich: „…danke“
Arzt: „Alles klar, deine Werte sind sehr gut. Trainierst du?“
Ich: „Nur Jogging.“
Arzt: „Wunderbar. Heb dein Shirt hoch und mach die Brust frei…. Oh.. Schöner Körper!“
Ich: „Öh… danke…“
– Kommentar von einem Kommilitonen von draußen: „Flirtet der mit dir oder was?“ –
Arzt: „Oh du bist sehr fit. ‚Sehr Gesund‘. Das war toll. Hab noch nen schönen Tag!“
Ich: „…kann ich jetzt gehen?“


Zum Check gehört auch ein Suizid-Test Fragebogen zum allgemeinen Befinden.

Damit ich im Wohnheim leben kann, muss ich auch ein Dokument ausfüllen. Das an sich wäre keine Schwierigkeit. Allerdings müssen das komplett japanische Dokument auch meine Eltern unterschreiben.
Ich hab im Anmelde-Büro versucht zu erklären, dass ich als 25 jähriger Erwachsener doch bestimmt nicht die Unterschrift von Mutti und Vati brauche, um in einem fremden Land zu leben. „Aber was ist mit deinem Geld? Bekommst du das nicht von deinen Eltern?“ war dann die Frage. Nein, sage ich, ich arbeite und bekomme ein Stipendium. Die Dame holte ihren Vorgesetzten. Der fragte nur brüsk:

„Haben deine Eltern das Dokument unterschrieben?“
-„Nein, aber wie ich gerade erklärte…“
„Lass es von deinen Eltern unterschreiben. So ist es halt, Akzeptier es. Vielen Dank.“

Mein Lieblingsraum in der Universität ist die kleine Bibliothek vom Studiengang „Contemporary Art“. Mit großer Fensterfront, die einen Blick aufs Grün bietet, kompletter Küche und Schlaf-Etage, bietet es schon mal mehr Komfort, als mein Wohnheim. Der Raum liegt etwas versteckt hinter einer schweren Metalltür, im „CAT-Lab“. Das ist ein leerer, komplett weißer Raum, so groß wie fünf Zimmer im Wohnheim.
Der Raum wird für freie Arbeiten oder Ausstellung genutzt. Er hat was meditatives. Es gibt nichts, was den Blick auf sich lenkt, sodass man nur auf die eigenen Gedanken schauen kann.

Harte Arbeit und hohe Kosten

So ganz genau konnte mir bisher keiner sagen, wie viele Studenten es insgesamt an der Universität gibt. Mein Dozent geht von ca. 1.000 Personen aus, die als Bachelor- oder Masterstudenten, oder Doktoranden und Forschungsstudenten an der Uni tätig sind – in allen drei Gebäuden und in allen Studiengängen, von Wirtschaft bis zu den Bildhauern. Damit sind es ungefähr so viele, wie in einem Gebäude meiner Fakultät in Hannover. Die Klassen sind angenehm klein und ein Studiengang, wie Visual Design, ist mit weniger als 100 Studenten gut überschaubar.

Ich bin meist bis spät am Tag in der Uni, teilweise bis 21, 22 Uhr. Solange bis das Wohnheim die Türen abschließt, nutze ich die Bibliothek oder das Internet der Universität.
Ich muss dann zwar nur 20 Höhenmeter bis zu meinem Bett laufen. Die anderen Studenten wohnen aber teilweise eine Präfektur weiter oder brauchen bis zu zwei Stunden nach Hause mit Bus, Bahn und sogar der Fähre. Das hält sie aber nicht davon ab, bis spät noch in den Bergen zu bleiben und zu lernen, musizieren, zeichnen.
Das Club-Haus, wo das Orchester immer probt, ist selbst um 10 Uhr abends noch gut gefüllt. Und die kleine Bibliothek hat nicht umsonst eine Etage nur mit Futon, weil einige Studenten zur Examens-Zeit die Uni gar nicht mehr verlassen.

An meiner Uni in Deutschland kenne ich es eher so, dass jeder nur zu den Kursen kommt – wenn überhaupt – und danach so schnell wie möglich wieder geht. Leben an der Uni, wie ich es hier beobachte, findet nicht statt. Jeder macht seins.

Japanische Studenten scheinen mir mehr Disziplin und Eifer zu haben. Dreimal die Woche den Contrabass den Berg hochschleppen, um zwei Stunden bis spät abends zu proben, bis der letzte Bus fährt – das beeindruckt mich jedes Mal, wenn ich es sehe.

Doch bei dem Geld, was jeder einzelne Student (bzw. die Eltern) hier an die Uni zahlt, ist das vielleicht zu verstehen. Ein Semester kostet knapp 2.300 Euro. Das ganze dann mal 1.000 und man hat grob ein Bild davon, welche Gelder die Uni bewegt. Zusätzich, so erzählte es mir neulich ein Professor, der das ganze sehr kritisch sieht, kommen noch die ausländischen Studenten. Knapp die Hälfte aller Master-Studenten sind Chinesen, weil die das doppelte an Gebühren zahlen, als die Japaner. Es ist zwar die Hiroshima City University, doch der Name lässt die Schule öffentlicher klingen, als sie ist. Es ist eine private Universität. Wie der Großteil aller Unis in Japan.
Bildung ist Business.

Das Geld merkt man dann durchaus auch in der Ausstattung. Zwei 3D-Drucker, große Scanner und Printer, die Fotos in Ausstellungs-Qualität und -Größe drucken können. Dazu viele große Arbeitsräume zur freien Verfügung.

Da ich von einer Partner-Uni komme und ein Stipendium habe, muss ich keine Gebühren zahlen. Manchmal fühl ich mich direkt etwas schlecht, wenn ich mich mit japanischen Kommilitonen unterhalte, und die mir durchaus beschämt von ihren finanziellen Problemen erzählen. Hier und da gebe ich gerne mal einen Kaffee oder eine heisse Schokolade aus. Auch wenn das stets nur ein paar hundert Yen sein mögen, es bedeutet doch etwas.

Es erinnert mich auch an meine erste Zeit in Japan, wo ich wochenlang manchmal kein Geld für Essen hatte. Auch da hatte ich Freunde, die mir aushalfen. So versuche ich das heute weiterzugeben, was mir damals so geholfen hat.

Daigaku-Sai – Musik, Essen, Feuerwerk

Ich bin zwar gerade wieder in Tokyo und sitze auf dem Dach meiner alten WG. Komplett mit Sonnenschein und Blick auf die Wolkenkratzer. Doch ich denke gerne zurück an das Universitätsfestival vergangene Woche.

Jede Schule in Japan hat einmal pro Jahr ein großes matsuri – ein Festival, wo Studenten das Ende der erste Examen im Semester feiern und wo die Uni sich präsentiert. Das Daigaku-sai hat nämlich verschiedene Funktionen. So zeigen sich die einzelnen Clubs und laden zum Mitmachen ein. Die Kunststudenten zeigen in Ausstellungen die Arbeiten aus den vergangenen Semestern, die sonst eher in den Schubladen der Professoren verschwunden wären. In den Räumen werden auch Cafés und Restaurants aufgemacht, wo Gestaltungskonzepte und neue Ideen ausprobiert werden. Zudem lädt die Universität zum Open Campus ein – Schüler, die bald die High School abschließen, und noch eine Uni suchen, können sich hier mit ihren Investoren Eltern informieren.

So erklärte es mir auch mein Dozent leicht verkniffen, als ich ihn fragte, ob ihm das Schul-Festival gefällt. „Ich muss arbeiten…“ meinte er nur im Vorbeigehen und begrüßte schon die nächste Schülerin mit ihrer Mutter. Währrenddessen fand auf der Bühne eine Karaoke-Wettbewerb statt. Ein Japaner vergewaltigte Aerosmith. Er konnte weder Singen, noch Englisch. Mein Dozent gab sich Mühe, die Schülerin und ihre Mutter schnell ins Gebäude zu holen. Dort würde man weniger hören.

Insgesamt erinnerte mich alles etwas an die Design Festa in Tokyo. Viele Künstler hatten kleine Stände aufgebaut und verkauften kleine Produkte. Schmuck, Töpferware oder Stoffe. Auch wenn es durch die geringe Anzahl und die Ähnlichkeit vieler Produkte nicht ganz die Qualität der Design Festa erreichte.

Zum Festival gehörte auch ein Flohmarkt. Studenten verkauften alte Klamotten oder Bücher, oder Händler aus der Gegend verkauften Spielzeug und andere Kinkerlitzchen. Ich habe mir eine kleine LED-Taschenlampe gekauft. Das gleiche Gerät wird in der Stadt für das doppelte angeboten und mit einer Zeichnung von diversen Katastrophen beworben. Darauf eine Familie, deren Haus durch einen Erdrutsch fortgerissen wird. Also merke: Wenn schon dein Haus durch einen Erdrutsch zerstört wird, habe wenigstens eine Taschenlampe dabei.


Es gab die üblichen Matsuri-Fressbuden: Gebratene Nudeln, Oktopus-Bällchen, Bohnen-Teigtaschen, gebratene Hühnerspieße…


Im Hintergrund leuchtet das Gebäude für Kunst und Design.

Der sonst so weiße Raum war nun ein Café der Studenten für Zeitgenössische Kunst. Die Tasse für 150 Yen. Der Kaffee ist, wie so oft in Japan, nicht sonderlich stark. Aber für mich als Gelegenheits-Trinker passt das schon.

Das 3D-Café der Produktdesign-Studenten. Es gab Kaffee, Tempura und Reis serviert im grünen Tee. Für 500 Yen bestellte ich mir auch eine Schüssel. Es schmeckte wie… Reis mit grünen Tee. Ich gebe zu, ich hatte mehr erwartet.

Das Besondere war allerdings die Gestaltung des Innenraums. Der Raum war stockfinster, nur durch drei Löcher in der Decke drang das Licht von ein paar Beamern, die einen Fluss auf den Boden projezierten.

Mein Handy sagte mir zwar knapp 20°C für Hiroshima, aber oben auf den Bergen war es viel kälter. Viele der kostümierten Studenten froren lächelnd den ganzen Tag an ihren Ständen.


Vorbereitung fürs Konzert

Gegen Sonnenuntergang wurde dann langsam eingepackt. Tatsächlich gab es außer Essen und Trinken relativ wenig zu tun auf dem Festival. Ich hatte gehofft, dass der Go-Club ein kleines Turnier macht, oder die Sportklubs zu einem Match laden. So war es dann doch etwas zäh und aus lauter Langeweile hat man ständig nur gefressen und getrunken. Auch ne Möglichkeit für Umsatz zu sorgen.

Als dann eine laufende Kamera auf mich zu kam und mich einlud, mit ihr zu kommen, folgte ich ihr gerne.

Der Film-Club zeigte zwei Mal am Tag die Ergebnisse von einem Jahr Arbeit. Im kleinen Hörsaal wurden die sieben kurzen Clips dann abgespielt, darunter Musik-Videos oder eine kleine Dokumentation. Aber ich sag mal so: Die Hälfte des Publikums nach nur 30 Minuten einzuschläfern ist auch eine Kunst.

Wenn ich nicht so dringend aufs Klo gemusst hätte, wäre ich sicher auch eingeschlafen. Aber aus Höflichkeit wollte ich nicht mittendrin aus der Tür rennen. Ich hab auch mal ein Filmfest gemacht, ich weiß wie das ist. Sobald die Lichter aber wieder angingen, sauste ich an der menschlichen Kamera vorbei. Die rief mir noch ein „Danke!“ hinterher, aber das hört ich kaum über der Klospülung.

Die Tanzgruppen der Universität – insgesamt waren es so 30 bis 40 Tänzer – probten in den Wochen zuvor immer vor den Fenster des Auditoriums, da es die größte spiegelnde Fläche auf dem Campus ist. Sehr beeindruckende Darbietungen. Komplexe Choreografien, beeindruckende Körperkontrolle und viel Energie über ein Stück von 15-20 Minuten… Zuschauen machte echt Spaß.

Das Konzert im Treppenhaus

Eine Kommilitonin, die ich noch von ihrem Austauschsemester in Hannover kannte, singt in einer Band. Nachdem sie meine Fotos von den Konzerten von Sayuri und anderen Bands in Tokyo gesehen hatte, bat sie mich, auch ihren Auftritt zu fotografieren.
Gerne.

Sie spielte allerdings als vorletzte Band, also musste ich eine Weile in der Kälte stehen. Ich probte schon mal bei den anderen Auftritten die Lichteinstellungen. Die Musik sagte übrigens nicht allen Leuten zu.

Mein Nachbar im Wohnheim singt gerne. Laut und lang. Und nicht immer harmonisch. Ich wollte ihm schon ein paar Mal sagen, dass ein Wohnheim kein Karaoke ist. Aber als ich ihn jetzt auf der Bühne sah, wurde mir klar, wieso er ständig bis späts singt. Er probt. In einer Art Grunge-Band ist er der Sänger. Mit vielen weiblichen Fans.


Sadako sang auch mit Band. Barfuß. Auch die Dame am Keyboard versteckte für die Dauer des Auftritts ihr Gesicht hinter ihren Haaren.

Auftritt Yuki.

Yuki war ein Jahr in Hannover, kann aber kein Deutsch und nicht gut Englisch. Das hält sie aber nicht davon ab, von einem Praktikum nächstes Jahr in New York zu träumen. Sie will Illustratorin sein, Art Director und Kuratorin. Und in einer Band singt sie auch.

Ich sprach schon sehr früh mit ihr über meine Ideen und Geschichten. Bei jeder war sie begeistert dabei und will mir helfen. Doch Yuki ist eben Illustratorin, arbeitet an ihrer Abschlussarbeit. Letzte Woche erst hat sie eine Ausschreibung für einen großen Gestaltungsjob gewonnen. Und in einer Band singt sie auch.
Viel Zeit bleibt da nicht. Trotzdem will sie mir unbedingt helfen. Und es wär auch unhöflich, sie einfach zu übergehen. Also warten, bis Yuki Zeit hat.

Das sie so vielseitig talentiert und engagiert ist, imponiert mir sehr. Allerdings plant sie vor lauter Eifer ihre Zeit nicht so clever ein, oder sie lässt ihre Gesundheit für ihre Projekte leiden. Das kenn ich durchaus auch von mir, daher verstehen wir uns auch so gut. Nur hab ich jetzt viel Zeit und Yuki sitzt an ihrer Abschlussarbeit, Nebenjob und Praktikumsbewerbung. Und in einer Band singt sie auch.

Der Auftritt dauerte nur 15 Minuten und wieder hatte ich ein Heidenspaß beim Fotografieren. Allerdings hat Yuki eine enorme Energie auf der Bühne. Sie hat die Tage zuvor nicht geschlafen, da ein Wettbewerb, Nebenjob in einer Galerie und Abgaben für die Uni drängten. Aber auf der Bühne merkte man ihr das nicht an. Sie sang, sprang und rockte hin und her. Ich hatte große Schwierigkeiten, sie mal scharf aufs Foto zu bekommen.

Die Bühne war vor dem Treppengang des Gebäudes für International Studies aufgebaut. Über den Scheinwerfern konnte man die Sterne über den Bergen sehen. Das Licht war sehr improvisiert und nicht so einfach fotografisch zu benutzen. Es gab auch kaum Möglichkeiten für mich groß die Positionen zu wechseln, da meistens eine Säule im Weg war.

Anders als Sayuri, schreibt und singt Yuki keine eigenen Songs. Es sind nur Cover-Songs, von einem bestimmten Anime.
Sayuri geht es mehr um das erzählen, sie hat eine eigene Stimme, die etwas vermitteln möchte. Yuki geht es nur um den Spaß am Singen. Und das merkt man wirklich. Die Freude und Energie überträgt sich aufs Publikum. Auch wenn es gewissermaßen nur Karaoke mit Band ist.

Yukis Freund, den ich mit ihr in Finnland traf, spielt in der Band Gitarre. Kurz vor seinem Auftritt sprach ich noch mal mit ihm. Er stand als Zuschauer mit Gitarre vor der Bühne neben mit und lobte die Band, die gerade spielte. Das sei ein selbst komponiertes, originelles Lied, was sie gerade singen, meinte er zu mir. Ich hörte kurz konzentriert rein, verstand aber kein Wort. Yukis Freund auch nicht, wie zu mir sagte. Aber egal. Hauptsache originell.


Das gesamte Konzert in Bildern

Gegen 22 Uhr war dann Feierabend. Der DJ klappte das Pult hoch, die Stecker wurden gezogen, und ich holte mir am Stand noch mal eine heisse Schokolade für 100 Yen.

Feierabend. Unitag vorbei.

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Der Tag, an dem ich eine Nummer wurde

Posted in Anekdoten und Zoten, garnicht ma so lange her by fritz on 7. Mai 2011

Am Freitag war die Aufnahmeprüfung für den Studiengang Fotojournalismus an der FH Hannover. Ich habe als einer von den zehn besten Bewerbern bestanden.

Das ganze Bewerbungsverfahren gliedert sich wie folgt: Bewerbungsmappe -> Hausarbeit -> zwei Prüfungsaufgaben -> ein persönliches Gespräch.
Alles Gründe, warum ich in letzter Zeit wenig bloggte. Ein Praktikum, was in der Zwischenzeit begann, hatte allerdings auch etwas damit zu tun.

Nummer 63, vortreten

Damit alles organisiert ablaufen konnte, bekam nach der allgemeinen Begrüßung im Auditorium der Fachhochschule jeder eine Nummer zugeteilt. Ich wurde für den Rest des Tages zur Nr. 63, deren Kennung ich mir sichtbar an den rechten Arm klebte.

Vor der Prüfung schickte die Uni einen Brief an alle Bewerber. Darin wurden wir aufgefordert, einen Tuschkasten, Stifte, Pinsel, Kleber, Schere, Papier und ausgerissene Seite einer Zeitung mitzubringen. Das Schreiben ist standartisiert für alle Studienrichtungen, geht also auch an Bewerber für Szenografie oder Visuelle Kommunikation. Nur die Prüfungsaufgaben sind in jedem Studiengang unterschiedlich. Ich hörte schon vorher, dass Fotografen, die nicht zeichnen können, auch genommen werden. Das betraf auch mich, deswegen schenkte ich meinen mitgebrachten Tuschkasten kaum Beachtung.
Unsere Aufgaben waren wie folgt:

1. Mach ein Foto zum Thema „Einblick“
2. Stelle uns eine Person in drei Portraits so gut wie möglich vor.
3. Erstelle eine Collage aus den mitgebrachten Zeitungsausschnitten zum Thema „Gerechtigkeit“.

Zwischen Prüfungsbeginn und Ende lagen knapp sechs Stunden, in denen wir uns frei in der Stadt bewegen konnten. Nur zu unserem Prüfungsgespräch mussten wir anwesend sein. Es gab dafür keine festen Termine, wir mussten grob einschätzen, wann wir mit unserer Nummer dran sind.

Zwischen Anspannung und Strandurlaub

Meine Mitbewerber, um die 50 an der Zahl, reisten aus dem In- und Ausland an diesem Tag nach Hannover. Einer sah mit seinen kurzen Hosen und T-Shirt aus, als hätte er sich für den Sommerurlaub statt auf eine Prüfung vorbereitet. Andere hielten vor Nervosität ihre Mappen zitternd und schützend vor sich.
Ich war entspannt.
Ich wusste, selbst wenn ich nicht angenommen werde, werde ich mit der Fotografie weiterhin arbeiten. Zudem hatte ich Vertrauen in die Fähigkeiten, die ich in den letzten Jahren aufbaute.

Jede journalistische Arbeit beginnt mit der Recherche. Als ich die Aufgaben für die Prüfung bekam, suchte ich zuerst im Internet nach Themen in und um Hannover. Diesen Teil der Prüfung fand ich am spannendsten. Eine konkrete Aufgabe zu bekommen und sie in einer komplett fremden Stadt umzusetzen, war eine schöne Herausforderung. Wohlwissend, dass ich nicht alles umsetzen werden könne, schrieb ich mir verschiedene Möglichkeiten auf. Schon bevor ich im Zug in die Stadt saß, fielen zwei davon durch.

Einblick in die Prüfung

„Einblick“ sollte in einem Bild umgesetzt werden. Die ersten Recherchen ergaben, dass ein Bär im Zoo von Hannover derzeit nur ein Auge hat. Das erschien mir aber etwas schwierig abzugreifen. Ich wollte dann einen Detektiv bei der Arbeit begleiten, doch der hatte keine Lust auf einen Fotografen aus Berlin. Auch einen Patienten im Krankenhaus, der ein Auge verbunden hatte, wollt sich nicht finden lassen. Dann wollte ich ins Stadtarchiv von Hannover. Nach langer Suche fand ich es auch, versteckt in einer Seitengasse – nur um dann zu lesen, dass es an diesem Tag (und nur an diesem Tag!) außerplanmäßig geschlossen hatte. Enttäuscht aber auch etwas belustigt über diesen Umstand schrie ich laut „Fuck…“ und ein bärtiger Mann mit Aktenkoffer kam aus dem Archiv. „Tut mir Leid, es ist halt so“, sagte er und ließ mich allein. Inzwischen waren schon zwei Stunden vergangen, ich hatte noch keine Aufgabe geschafft und die Abgabe war in vier Stunden.
Ich ging erstmal zu einem Bäcker.

Machen wir nich – viel Glück trotzdem

Nach einer zu kalten aber leckeren Laugenstange (belegt mit Ananas und Hühnchen) sammelte ich meine Gedanken. Als nächstes wollte ich einen Optiker aufsuchen, mit Brillen und Gläsern liesse sich bestimmt ein gutes Bild machen. Die Verkäuferin meinte, der nächste wär die Straße runter und nach 15min fand ich auch einen Fielmann. Die junge Blonde hinterm Thresen hörte mir zwar gerne zu, aber die Chefin kam lächelnd aus dem Hinterzimmer und meinte, da müsse man erst mit der Zentrale in Hamburg telefonieren, ob ich hier mal eben ein Foto machen darf. Dieses Telefonat wollte ich den Damen ersparen.

Blind ging ich weiter die Straße runter und kaute das Wort Einblick solange durch, bis es jegliche Bedeutung verlor. Irgendwann sah ich dann das Ärztehaus Hannover. Dort musste ich drei verschiedenen Empfangsdamen stets die selbe Geschichte von der Aufnahmeprüfung erzählen, bis eine dann genervt zum Arzt ging. Dieser hatte zwar grad einen Patienten im Nebenzimmer, aber helfen wollte er mir trotzdem. Entstanden ist das Bild „Ein Blick in den Blick“, oben, am Anfang diesen Beitrags. Als Modell diente die Empfangsdame, die dann am Ende doch noch ihren Spaß hatte. Meine Empfehlung geht an Dr. Witschel, cooler Typ.

Eine Aufgabe gelöst, blieb noch die zweite. Die war aber ungleich schwieriger. Ich musste jemanden in dieser fremden Stadt finden, ihn kennen lernen, Vertrauen aufbauen und dann drei verschiedene Portraits machen. Ich wusste schon vorher, dass das nicht meine Stärke sein wird.

Ich hatte wenig Zeit. Einfacher würde es daher sein, jemand in meinen Alter zu nehmen, einen Studenten. Von der Uni, wo gerade mein Aufnahmeverfahren läuft, wollte ich keinen nehmen, denn das werden dort wahrscheinlich viele Bewerber machen. Ein gepflegter Mann im Anzug vor einem schicken BMW half mir dann weiter.

Die staatliche Musikhochschule ist nur 2000m von hier, meinte er, und zeigte Richtung Osten. Er war Chauffeur. Für wen, wollte er nicht sagen. Keine zehn Meter später bereute ich es schon, nicht ihn um die Portraits gebeten zu haben.

Fleißige Studenten

Ich verlor viel Zeit durch die Entscheidung, die Bahn zu nehmen statt die paar Meter zur Uni zu laufen. Mit zerknitterten Klamotten, ungekämmten Haaren und Umhängetasche fiel nicht auf, dass ich kein Student an der Uni war und keiner fragte mich, was ich hier denn wollte. Aus den Räumen klang überall Musik und viele Studenten waren fleißig am Üben. Da lag allerdings auch das Problem.

Ich brauchte jemanden mit ca. 30min Zeit, damit ich ihn kennenlerne und mit möglichst verschiedenen Aspekten seiner Persönlichkeit portraitieren kann. Da musste die Chemie gleich stimmen. Doch neben vielen Asiaten, ein paar Japanern und Leuten, die schief Trompete spielten, fand ich keinen mit Zeit. Alle waren am Üben, Lernen, Noten Schreiben. Und die Japaner wollte ich jetzt auch nicht bemühen, nur weil ich mal in Japan lebte („Hey, bist du Japaner? Kann ich Bilder von dir machen?“). Nach einer Weile auf dem Klo der Schule, deren Fliesen wie Klaviertasten angemalt waren, fand ich dann im Treppenhaus eine dicke Tuba und seinen Spieler.
Ob denn die Akustik im Treppenhaus besser sei, fragte ich ihn. Es hallt, aber sei in Ordnung, meint er. Er hatte keinen Übungsraum abbekommen und zuhause Tuba spielen machte ihn bei den Nachbarn unbeliebt. Wir hatten ein gutes Gespräch und ich erzählte ihm, was ich seit mittlerweile einer Stunde in dieser Schule suchte und wofür. Tja, sagte er, er wisse zwar nur, dass 80% der Studenten Asiaten sind, aber sonst könne er nix sagen. Und er muss jetzt sowieso Tuba spielen. Er wünschte mir viel Glück und fing an Carmina Burana zu spielen, als ich durch die Tür ging und ihn in seinem Treppenhaus zurück ließ.

Pünktlichkeit

Es war nun halb zwei. Ich zögerte noch lange, zog es dann aber vor, wieder zur Uni zurück zu fahren. Als Nummer 63 wäre ich wahrscheinlich gegen 14 Uhr mit meinem Gespräch dran.
Da die Uni weit vor der Stadt liegt, war ich mit der Bahn erst 14.40 Uhr im Gebäude. Die Nr. 63 wurde schon gesucht, denn passend um 14.45 Uhr begann das Gespräch.

Fünf Professoren und zwei Studenten saßen als Jury vor uns. Sie stellten mir und vier Mitbewerbern Fragen. Das Gespräch lief gut – zumindest für mich. Meine Kollegen waren zu nervös, verhedderten sich in langen Sätzen und ließen eher allgemeine Phrasen statt persönlichen Antworten von sich hören. Sie sagten, was sie wohl dachten sagen zu müssen; was von ihnen vermeintlich erwartet wurde. Ich sagte das, was mir einfiel und was ich für richtig hielt. Aber das ich als einziger von uns fünf einen journalistischen Hintergrund hatte, half sicher auch.

Wir zeigten auch unsere Hausarbeiten vor, das Thema war „Plagiat“. Ich hatte dabei etwas zu Kunstfälschern in Berlin gemacht. Ein beliebtes Thema, wie es schien, andere Bewerber waren auch bei den drei Russen zu Besuch. Die Professoren blätterten nur schnell durch die Mappe, ohne den Text dazu zu lesen.

Die russischen Kunstfälscher von Berlin-Neukölln

Die drei Brüder Eugen, Michael und Semjon Posin sind seit über 40 Jahren Kunstfälscher – auch wenn sie sich selbst lieber als Kunst-Kopisten bezeichnen. „Man kann Kunst nur verstehen, wenn man sie nachmalt und sich in die Perspektive des Künstlers versetzt“, sagen sie. In der Sowjetunion haben sie es so Strich für Strich gelernt und es mittlerweile fast zur Perfektion gebracht. Seit über 20 Jahren haben sie jetzt den Kunstsalon Posin in einem Wohnhaus in Berlin-Neukölln, wo sie ihre Werke schaffen und ausstellen. Ihre van Goghs, Kirchners oder Mona Lisa sind sehr begehrt und sogar legal – solange hinten auf dem Bild ihr Namen und ihre Adresse steht. Museen und Galerien kommen regelmäßig auf sie zu um verlorene oder gestohlene Gemälde rekonstruieren zu lassen. Für die Brüder sind ihre Werke keine reinen Kopien – sie sind Reinkarnationen des Originals.

Das Gespräch war 15.30 Uhr vorbei und eine Aufgabe fehlte mir noch. Und das Foto von vorhin musste ich auch noch bearbeiten und drucken. Ich hatte für beides nur noch eine halbe Stunde.

„Da hinten ist ’ne Schauspielschule, frag mal da“, sagte ein Student und Freund, der mir für die letzte Nacht sein Zimmer zur Verfügung stellte. Er beriet mich auch seit Februar zu meiner Mappe. Alles klar, dacht ich, Schauspieler sind Selbstdarsteller, die sich für die Kamera gerne bereit stellen. Es würde einfach werden.
Ich ging in die Schule und wunderte mich über all die Farbeimer und Kabel, die von der Decke hingen. Die Schule war wegen Umbauarbeiten geschlossen. Die Schauspieler blieben zuhause.

Abgabe 16 Uhr

„Ich will nicht studieren“ sagte draußen ein kleines Mädchen, das auf dem Expo-Gelände mit ihrer Mutter unterwegs war und gerade erklärt bekommen hatte, dass sich hier viele Hochschulen sammeln. Ich musste lachen und erklärte der Mutter, dass ich in ner halben Stunde das Ende meiner Aufnahmeprüfung erreicht haben werde. „Na dann viel Glück!“ sagte sie, während sich ihre Tochter immer noch fragte, was denn eine Aufnahmeprüfung ist.

Die restliche Zeit wollte ich nun lieber in das eine Bild stecken, das ich hatte. Ich hatte mich mit der Zeit verspekuliert und das akzeptierte ich. Ich würde also die Häfte der Aufnahmeprüfung nicht schaffen.

Zehn Minuten Photoshop später hing das Bild dann an der Wand. Es war da recht einsam, mit den vielen Bildern der anderen Bewerbern, die alle Aufgaben erfüllt hatten. Wie erwartet hatten tatsächlich viele für ihre Portrait-Aufgabe Studenten der FH oder sogar Mitbewerber in der Aufnahmeprüfung genommen. Klassiker wie „Obdachloser“ oder „Jugendgruppen“ waren auch dabei, mal besser, mal schlechter gelöst. Ich hätte auch die Wahl gehabt, einen Studenten zu nehmen, hab mich aber anders entschieden. Die Konsequenzen der Entscheidung, nun die zweite Aufgabe nicht erfüllen zu können, akzeptierte ich voll. Entspannt setzte ich mich also vor die Uni und wartet auf die Punktevergabe.

Personen-Punkte

Es gab insgesamt 15 Punkte zu erreichen, mit einem gilt die Prüfung schon als bestanden. Automatisch genommen ist man dann allerdings nicht, das hängt von den Punkten der anderen Bewerbern ab. Es gab bei uns keinen mit null Punkten – aber sehr, sehr viele mit nur einem Punkt. Ich hatte zehn, und gehörte damit zu den zehn Besten an diesem Tag – und das obwohl ich 50% der Prüfung nicht einmal geschafft habe.

Nun hatten wir unseren Wert – zumindest einen numerischen. Es ging nun also los: „Wie viel Punkte hast du?“ gefolgt von „oh……“ oder „ja!!“. Unsere Fähigkeiten bekamen eine Ziffer und unsere Person einen Wert. Mit meinen zehn Punkten konnte mir das relativ egal sein, da ich ja oben schwamm, doch den anderen sah man ihren vermeintlichen Wert schon in den Blick geschrieben.

Ich sprach noch mit Bewerbern und Studenten, Mappen wurden ausgetauscht und gegenseitig die Arbeit kritisiert. Fotografie ist subjektiv. Wenn die Prüfungskommission nun einen Bewerber mag oder nicht, sagt das nicht alles über seine tatsächliche Fähigkeiten aus. Die Mappen, die ich sah, davon fand ich auch einige nicht so gut, andere wiederum herausragend.

Es folgten Verabschiedungen und dann noch eine schnelle Fahrt zu der Bude, wo ich in der Nacht zuvor angekommen bin. Zahnbürste und Handtuch abgeholt und dann zum Zug nach Berlin gerannt. Ich saß keine zwei Minuten drin, da fuhr er schon Richtung Osten.

Da saß ich dann, müde und verschwitzt. Ich roch nach der Arbeit vom Tag und blickte aus meinem Fenster, entgegen der Fahrtrichtung und zurück auf Hannover und den Tag. Die Sonne ging bereits unter.

Die Erkenntnis, nicht alle Aufgaben gemacht und trotzdem eine hohe Punktzahl erreicht zu haben, machte mich schon stolz. Die Aussicht nun vier Jahre nach Hannover zu ziehen, lässt mich noch nicht im Viereck hüpfen. Doch in Berlin sehe ich derzeit keine Perspektive. Ich saß im Zug zwischen Hannover und Berlin und blickte aus dem Fenster.
Es wurde dunkel.

Tellerwäscher in Tokyo und andere Misserfolge #02

Posted in Anekdoten und Zoten, arg schief by fritz on 14. Januar 2011

Warum aus einer Karriere als Tellerwäscher in Tokyo nichts wurde, warum ein Bankkonto in Japan nicht unkompliziert zu bekommen ist, warum ich einen Chinesen am Flughafen besuchen wollte und warum ‚Erfahrung‘ keine Miete zahlt, soll hier erzählt werden.

Ich bin mit dem Bloggen arg hinterher. Das liegt daran, dass mich letzte Woche ne heftige Erkältung mit hohen Fieber erwischt hatte. Eine Nacht wurde mir im Badezimmer sogar schwarz vor Augen deswegen, ich kippte um und dann lag ich da erstmal ne Weile. Ist zum Glück nix passiert und wenn man es so erzählt klingt es auch eigentlich recht lustig. Drei Tage nachdem meine Krankenversicherung mich rausschmiss werde ich krank. Hat bestimmt irgendwas zu bedeuten…

Diese Woche bin ich mehr damit beschäftigt all den Kram zu erledigen, der sich angesammelt hat und erledigt werden muss (Versicherung, Aufträge, Anträge, nerviger Scheiss eben…). Wenn das erledigt ist muss ich erstmal mein Leben für die nächsten Monate organisieren, da das Gefühl von Stillstand im Alltag mich noch nicht so ganz verlassen hat und ich überlege, was ich als nächsten großen Schritt angehen möchte. Viel Kram zum drüber nachdenken, sich Sorgen machen und blah blah…

In der Zwischenzeit, mehr (hoffentlich) unterhaltsame Misserfolge aus Tokyo:

Tellerwäscher im Goethe-Institut

Ein Auftrag führte mich schon in meiner vierten Woche in Tokyo ins Goethe-Institut. So sah ich auch schon früh das dortige Restaurant, dass für die Mitarbeiter des Instituts die Kantine ersetzt und Speisen aus der Heimat kocht. Mit einem jungen Japaner, Hiro, kam ich ins Gespräch, als er vor dem Restaurant die Menütafel beschrieb. Er war schon einmal zwei Jahre in Deutschland, allerdings als Sushi-Koch nur in der Küche, wo er nicht viel Deutsch lernte. Sushi hatte er nie gelernt, aber er war eben der Quotenjapaner für ein Restaurant in Baden-Würtemberg, wie er sagte. Wir waren einander gleich sympathisch, vorallem sein glückliches, breites Grinsen unter den ungekämmten Haaren lud zu einem Gespräch ein. Er war auch froh, mal mit einem Deutschen in seinem Alter zu sprechen, denn hier im Haus arbeiten nur Ältere (abgesehen von den Studenten, die hier ihr halbjährliches unbezahltes(!) Praktikum absolvieren).

Ich meinte, ich suche eine Job und überlege hier im Restaurant anzufangen. „Oh ja bitte“, sagte er, unwissend wie schlecht mein Japanisch ist.
Ich ging also rein und machte irgendwie klar, dass ich Arbeit suche. Fürs Personal war die „Madame“ zuständig, die Frau vom Chef und als solche, wie so oft in Japan, zuständig für Finanzielles und den Betrieb.

Ihre ersten Worte auf Japanisch konnte ich verstehen:

Sie: „Sprichst du Japanisch?“
Ich: „Etwas…“
Sie: „Englisch, Deutsch?“
Sie: „Klar!“
Sie: *seufz* „Ich sprech kein Englisch und kein Deutsch. Was machen wir jetzt?“
Ich lächelte und meinte nur: „Das geht schon“

Es ging nicht.
Mir wurde nur gesagt, dass ich in einer Stunde wiederkommen soll, da geht es los mit dem Betrieb.
Ich war hungrig und ging umher. Was man mir nicht sagte, vielleicht aus Strafe weil ich kein Japanisch kann, war, dass es eine Viertelstunde vor meinem mir angesagten Termin, Mittagessen für alle gab. So wurde es mir erklärt von zwei jungen Geschwistern, mit deutschen und japanischen Eltern, die beide Sprachen konnten und jetzt im Sommer in Tokyo waren. Um der Langeweile daheim zu entgehen, fingen sie hier einen Job an und erklärten mir alles – was nicht viel war, da ich mich explizit als Tellerwäscher gemeldet hatte.

Tja und was soll ich sagen, die Teller waren noch nie so schnell sauber. Wohl weil das sonst keiner macht, da bei so wenigen Gästen keine Eile besteht. Trotzdem kam der Koch alle paar Minuten in mein Kabuff und überprüfte meine Arbeitsbereitschaft.
Die streng wirkende Madame sorgte sich indes um meine Gesundheit, ob ich denn auch gegessen habe, ob ich Durst habe oder ob mich meine langen Haare störten. Ich verstand sie zwar, erwiederte allerdings immer nur das selbe „Alles in Ordnung“, welches sie wohl für meinen gesamten japanischen Wortschatz hielt.

Am Ende des Abends gab es ein paar köstliche Reste (Schwarzbrot!) und ein gegrinstes „Entschuldigen Sie Bitte“ vom Chefkoch, was peinlich berührt rüberkam. Er sagte mir, dass es hier keine Arbeit für mich gebe, weil sie jemanden mit Japanisch-Kenntnissen für das Kellnern brauchten. Trotzdem gab es eine ordentliche Bezahlung für 4 Stunden Tellerwaschen, gefolgt von einer Hatz zum Bahnhof um den letzten Zug zu erwischen. Die beiden Geschwister sah ich dann nie mehr wieder und ich verschwitzte es auch, ihren Namen zu notieren.

Wen ich allerdings mehrmals wiedersah, waren Hiro, der Kellner und Madame. Madame war jedesmal peinlich berührt, teils aus Fürsorge, teils aus Hilflosigkeit darüber, wie jetzt mit mir umzugehen ist. In den folgenden Monaten, wenn ich sie mal im Goethe-Institut sah, war sie immer ganz überrascht und fragte, ob ich Arbeit habe. Ich verneinte das oft, und sie schrieb sich jedesmal erneut meine Telefonnummer auf.


Veranstaltung im Goethe-Institut

Hiro traf ich dann erstaunlich oft im Goethe-Institut wieder, jedesmal vor dem Restaurant. Er schob Sonderschichten, oft 7 Tage die Woche, um sich einen Sprachkurs leisten zu können und nach Deutschland zu gehen. Oben im Goethe-Institut sah ich ihn mal bei einem Sprachtest mit einem der Lehrer, die ihn dann danach ins Programm aufnahm. Ob Hiro inzwischen die Welt von Madame verlassen hat, ich weiss es nicht.

Bankkonto bei der citibank Tokyo – oder „Do you speak English?“

Meine dritte Wohnung in Tokyo, das Haus mit den zehn Mitbewohnern in Nakano, machte es zur Pflicht, die Miete per Überweisung vom Bankkonto zu bezahlen. Ich hatte keins, wurde ich doch oft in bar bezahlt oder die Überweisung ging auf mein deutsches Konto. Ständig von meinem Vermieter ermahnt, suchte ich nun eine Bank. Mit mangelnden Englischkenntnissen dachte ich, bei der internationalen citibank auf verstehende Ohren zu stoßen. Auch ein bisschen mit dem naiven Blick, mit einem japanischen Bankkonto auch in Zukunft von japanischen Stellen bezahlt zu werden.

Im Internet kündigt citibank auch groß an, für internationale Kunden bereit zu stehen, und nach etwas Suchen fand ich auch eine Filiale in der Nähe.

Von ewig grinsenden Damen in kurzen, engen Kleidern wurde ich an einen Schalter gelotst. Von hier an entstand ein lustiges Spielchen von „Angestellte wechsle dich“, da die erste schnell mit ihrem Englisch kapitulierte. Sie holte eine Kollegin heran, die dann allerdings auch bald aufgeben musste, sodass bald die dritte Kollegin antanzte, welche dann zusammen mit der ersten Dame an meinem Fall arbeitete.

Das Gespräch lief eigentlich sehr gut. Die Dame hatte auch ein paar Monate in Hamburg gelebt und war sehr neugierig daran, wie ich hier mein Geld verdiente (über die normalen Pflicht-Fragen hinaus).
Mit einem Lächeln verließ ich sie und sie mich, wohlwissend dass das ganze Gespräch weit über ihren Feierabend ging.

Es sollten mich nun zwei Briefe erreichen, allerdings beide noch an meine alte Adresse. Einen konnte ich dort abholen, bzw. nur den Brief mit einem Hinweis, in welcher Postzweigstelle ich mir den Umschlag mit meiner Bankkarte abholen kann. Der Pin und alles weitere, was das Konto überhaupt brauchbar macht, sollten mit einem zweiten Brief kommen. Doch der kam nie.

In der Zwischenzeit hörte ich mich bei meinen neuen Mitbewohnern um, nach deren Konten in Japan. Es stellte sich heraus, das citibank mit 20€(!) monatlichen Kosten für das Konto, egal ob was drauf ist oder nicht, ein ziemlicher Griff ins Klo war. Ich dachte zuerst, alle Banken in Japan seien so, doch meine Mitbewohner lachten nur über diesen Gedanken.

Kurzum, das mit citibank verlief im Sande. Ich war ganz froh, dass kein zweiter Brief mehr kam und sah mich auch nicht genötigt, da noch einmal nachzufragen. Ein Bankirrtum zu meinem Gunsten, wie es wohl heisst.

Ich gründete dann kein Konto mehr und übergab die Miete, sofern ich sie denn überhaupt hatte, meinem Vermieter immer in bar. Fand er zwar nicht so cool, aber besser als kein Geld.
Sah ich ganz genau so.


Innenhof der Elite-Uni Toudai. Hat nix mit der Geschichte zu tun und füllt nur Platz.

Der Chinese am Flughafen

Ich hatte es schon ein paarmal angerissen gehabt, aber die ganze Geschichte würde ich doch einmal gern ausführlich erzählen:
Der Chinese Feng Zhenghu lebte ingesamt 92 Tage lang im Flughafen Narita, dem internationalen Flughafen von Tokyo. Eine Freundin, die mich in Tokyo besuchte, erzählte mir ursprünglich von ihm und wie sie ihn bei ihrer Ankunft in Tokyo gesehen hat. Ein bisschen Recherche ergab dann, dass der chinesische Menschenrechtsaktivist Feng Zhenghu es mehrmals versucht hatte, wieder nach China einzureisen, ihn dort die Behörden allerdings postwendend wieder zurück ins Flugzeug nach Japan schickten und nicht ins Land lassen wollten. Als Protest zog er dann ins Terminal von Narita, auch wenn Japan ihm ein Visa angeboten hatte und der Chef vom Flughafen ihn sogar einlud, den Terminal zu verlassen. Doch der Chinese protestierte lieber weiter, twitterte regelmäßig und veröffentlichte Bilder von sich auf Flickr.

Berichte über ihn gab es wenige. Denn er war in einem Bereich vom Flughafen, in dem man so einfach als Journalist nicht reinkommt. Alle Beiträge über ihn stammten von Journalisten, die quasi auf der Durchreise in Tokyo waren und ihn noch kurz vor oder nach dem Flieger auf Band mitnahmen.

Ich fragte mich, wie man denn in einem Flughafen leben kann, vorallem in einem Bereich, wo keine Restaurants mehr sind und wo man wegen Nahrung und anderer Utensilien auf die anderen Fahrgäste angewiesen ist. Ich wollte ein, zwei Tage mit ihm zusammen hinterm Terminal leben und seinen Alltag intensiv dokumentieren. Das hatte vorher keiner gemacht und auch für mich als Fotograf wäre es eine intensive Gelegenheit gewesen, mich weiter zu entwickeln.
Ich schrieb den Flughafen an.

Wider Erwarten stimmte der recht schnell meinem Gesuch zu, allerdings nur unter der Bedingung, dass ich einen Presseausweis vom Auswärtigen Amt von Japan bekomme, ein sogenannter „internationaler Presseausweis“. Ich hatte zwar einen Presseausweis, auf dem auch groß steht, dass er international gültig ist, doch der Flughafen verlangte einen besonderen Ausweis. Schließlich lebte der Chinese in einem besonders gesicherten Bereich, hinter der Passkontrolle.


Quelle Feng Zhenghu am Flughafen

Von hier an begann ein Kampf mit den Dokumenten und den Ämtern. Denn für einen internationalen Presseausweis musste ich zum „International Press Center“ von Tokyo. Ich vertat mich zuerst mit all den Amtsbegriffen und dachte zuerst, dass dieses Press Center eine Abteilung des Auswärtigen Amts war.
Nachdem ich dort durch die Sicherheitskontrolle war und jemand herantelefonierte wurde, der verstand was ich die ganze Zeit mit „Press“ meinte, wurde mir gesagt, dass ich in ein anderes Gebäude musste. Die Öffnungszeiten dort waren zwar schon vorbei, doch japanisch höflich rief das Auswärtige Amt schnell durch und meinte, da kommt noch jemand vorbei.

Eine lethargisch wirkende Dame guckte mich im internationalen Press Center mit glasigen Augen an und fragte mich mit leiser Stimme, was ich hier will. Ich sagte, ich hätte gerne einen internationalen Presseausweis, hier im internationalen Press Center. Ohne ein Wort ging sie zurück in ihr Großraumbüro, gab mir ein Formular und bat mich es auszufüllen. Zu dem Formular brauchte ich auch ein paar Dokumente, die ich natürlich dabei hatte. Schließlich hatte ich mich informiert.

Ich brauchte unter anderem nämlich eine Bestätigung von einem Medium, dass ich regelmäßig für sie aus Japan berichte. Als freier Journalist mit kaum Kontakten zu Redaktionen, der ich damals war, hatte ich es natürlich schwer, so etwas zu bekommen. Eine definitive Bestätigung, dass jeder Beitrag aus Japan auch abgedruckt wird, existiert auch nicht für Freiberufler. Ich bat eine befreundete Redakteurin um einen Gefallen und bekam das Nächstbeste: eine Bestätigung, dass meine Beiträge aus Japan für eine Veröffentlichung in Erwägung gezogen werden. Dazu gabs noch einen Abdruck eines Beitrags über den Seijin no Hi vom letzten Monat, dessen Belegexemplar mir per Post aus Berlin geschickt wurden.

Ich füllte nun also das Formular im internationalen Press Center aus und gab sie mit dem Rest der Dokumente an die lethargische Dame. Nun ja, man muss ihr aber auch anrechnen, dass es schon ne halbe Stunde nach Feierabend war, und sie nur noch für mich die Augen offen hielt. Stellte sich heraus, dass schonmal jemand von der Berliner Zeitung hier im Büro in Tokyo vor mehr als zehn Jahren vorstellig wurde. Also musste ich keine detailierte Angaben zu meiner Zeitung machen (Auflage, Geschichte…), von denen ich mir das Meiste eh hätte ausdenken müssen.

Es brauchte nur noch ein Foto für die Akten. Im Erdgeschoss gab es einen Fotoautomaten. Damit ich den auch ja finde, wurde mir eine Karte überreicht und der beste Weg zum Automaten eingezeichnet. Es wurde mir sogar ein zweiter Automat eingezeichnet, falls der erste kaputt sei. Für diese Art der Fürsorge und Höflichkeit muss man die Japaner echt lieben.

Ich nahm den Aufzug des klassischen Art Deco Gebäudes in den Keller, wo ich mich in der Tiefgarage verlaufen hatte und von einem Wachmann, der sichtlich erfreut war in seinem Kabuff mal einen Menschen zu sehen, in die richtige Richtung gelotst wurde. Die Hälfte von dem Geld, was ich für den Monat noch zur Verfügung hatte, ging für Passfotos drauf, die derzeit an meiner Küchentür hängen. Eins davon brachte ich der Dame nach oben, die meine Dokumente soweit abgeheftet hatte. Es war soweit alles erledigt und ich fragte, wie lange ich denn nun auf den internationalen Presseausweis warten müsste. „Vier Wochen“, sagte die Dame. „Aber… ich komm doch den weiten Weg aus Deutschland…!“, sagte ich etwas verzweifelt und in der Hoffnung auf den Deutschen-Bonus, der mir oft geholfen hat. „Deutschland?“, sagte sie, und lächelte das erste Mal seit dem Beginn unseres Gesprächs. „Na ich schau mal was ich machen kann“. Ich bedankte mich und radelte wieder nach hause. Keine zwei Wochen später bekam ich die Antwort.

Zu diesem Zeitpunkt war allerdings der Chinese schon wieder zuhause. Er konnte nicht warten, bis ich mich durch die Ämter und Formulare gekämpft habe und bis alle notwendigen Dokumente aus Deutschland eingetroffen waren. Er war glücklich wieder daheim, umarmte seine Mutter und verzehrte wieder chinesisches Essen, was ihm so lange fehlte.

Ich hingegen saß mit dem Dokumenten für einen internationalen Presseausweis (der eh nur in Japan gültig gewesen wäre) in Tokyo, um eine Erfahrung und ein Thema ärmer.
Aber dafür mit neuen Passfotos.

Tokyo-DeLuxe oder „Wir lieben deine Fotos, aber wir finden, wir sollten dir nichts zahlen“

Ein Tokyo-Fan und Unternehmer wollte eine Website machen, die den deutschen Tokyo-Reisenden mit etwas mehr Geld ansprechen sollte. Es sollte eine feine Auswahl an luxuriösen Hotels und teuren Restaurants in Tokyo auflisten. Für dieses Webportal suchte er einen Fotografen und ein Kontakt hatte mich empfohlen. Die Empfehlung ehrte mich natürlich und ich freute mich schon darauf teure und edle Ecken in Tokyo abzulichten.

Ich schickte ein paar Fotos rum, um ihm einen Überblick über meine Arbeit zu geben. Die Bilder kamen gut an und ich freute mich. Es verging etwas Zeit wo ich nichts hörte, doch mein Kontakt versicherte mir, dass das alles seriös ist.
Ein paar Wochen später kam auch die Mail, mit einer konkreten Liste von Fotos, die er gern verwenden möchte. Bzw. er schickte mir die erste Version der Website, wo er meine Bilder schonmal ungefragt verbaut hatte, weil sie seiner Meinung nach so gut passten. Prima, sagte ich, und fragte, wie er sich die Vergütung vorstellte. Seine Antwort war:

„Ja siehst du, ich hab auch mit meinem Geschäftspartner drüber gesprochen, wir lieben deine Bilder und würden die auch gern verwenden, wir finden aber wir sollten dir nichts zahlen, weil du ja noch Nachwuchs-Fotograf bist und die Erfahrung & Aufmerksamkeit ja auch gut sind.“

(Ich denk mir das nicht aus, das waren exakt seine Worte)

Ich sagte, dass Erfahrung keine Miete zahlt, und wenn ihm meine Bilder so sehr gefallen wie er sagt, er doch dafür auch zahlen kann. Viel mehr regte mich diese Mail von einem Deutschen sehr auf, weil es mich wieder an die Arbeit in Deutschland erinnerte, wo erst auf mein Alter geschaut wurde, und dann erst auf meine Bilder. Dieses deutsche Denken – „der ist jung, also auch nicht viel wert“ – meinte ich eigentlich in Tokyo entkommen zu sein. Doch es holte mich wieder ein.
Ich schrieb ihm meine Absage, mit dem Hinweis, dass er doch bitte keine Bilder von mir verwenden soll, sonst hört er von meinem Anwalt. Wir verblieben, dass wir bei seinem Besuch in Tokyo nochmal drüber reden. Von mir aus, sagte ich, aber ich erwartete nicht viel.


Eines der Fotos die er haben wollte

Im Mai war er dann eine Woche in Tokyo und hatte immer recht spontan für mich Zeit. Das heisst, er schickte mir immer so ein paar Stunden vorher eine Email mit dem Hinweis, wo er in ein paar Stunden für ein Treffen wäre, ohne die Möglichkeit ihn zurückzurufen, da er kein Handy in Tokyo hatte. Seine letzte Nachricht, an einem Tag den ich mir extra für ihn freigehalten hatte, kam wenige Stunden vor dem in der Nachricht angekündigten Treffen:

„Ja hey, wir sind jetzt im International Forum, in Roppongi, komm doch einfach her“

Das Tokyo International Forum ist in Yurakucho, Roppongi ist ein komplett anderer Bezirk. Meine Antwort war nur „Ja wo denn nun?“ doch es kam keine Reaktion.
Das war der letzte Kontakt mit ihm. Sein Webportal ist inzwischen online. Ohne meine Fotos. Dafür vielleicht auch nur mit gratis Fotos von anderen Nachwuchs-Fotografen, oder gerechtfertigt bezahlte Ü-30 Fotografen. Hauptsache das Alter stimmt, wa?

Nein.

Botschafter in Tokyo und andere Misserfolge #01

Posted in Anekdoten und Zoten, arg schief by fritz on 4. Januar 2011

Berlin und Tokyo sind Partnerstädte. Ich als Berliner in Tokyo war kurzzeitig mal ein offizieller Botschafter der Stadt – der erste überhaupt, wie es sich herausstellte. Warum das am Ende keine Blüten brachte, genauso wie eine verpatze Doku über Deutsche in Tokyo, und ein Besuch vom Bamberger Bürgermeister, will ich hier erzählen.

Sonst geht es hier ja immer nur um mehr oder weniger erfolgreichen Kram, den ich mache und hier zur Schau stelle. Das nicht alle Projekte und Unternehmungen in Japan so funktionierten, wie ich mir das vorher ausmalte, sollte aber nicht vergessen werden.

Partnerstadt, zumindest auf dem Papier

Tokyo und Berlin sind Partnerstädte. Für meine berliner Ohren ist logisch, dass die deutsche Hauptstadt und die japanische Metropolregion verpartnert sind. Für manch einen anderen mag dieser Größenunterschied vielleicht zu ungleich sein. Doch wie Berlin ist auch Tokyo in Stadtteile eingeteilt, welche wiederum eine gegenseitige Partnerschaft aufweisen können. So ist der Bezirk Berlin-Mitte, wo ich in Berlin wohne, und der Tokyoter Bezirk Shinjuku, wo ich ein halbes Jahr lang in Tokyo wohnte, verpartnert. Das reichte mir schon als Grund, beide Städte einmal anzuschreiben.

Es war relativ früh während meines Japanjahres, ich war dem Land und seiner Bürokratie noch mit viel mehr Optimismus gegenüber getreten. Meine Idee war, mein Projekt zur jungen deutschen Fotografie junggesehen in Tokyo auszustellen, und im Umkehrschluss junge japanische Fotografen in Berlin zu zeigen. Ich selbst hätte dabei kein Gehalt von den Städten erwartet, sondern erhoffte mir nur Räume und Vertriebswege, wie z.b. Email-Listen, um die Leute zu erreichen.
Ich schrieb Berlin an.

Die Berliner Verwaltung ist relativ transparent. Wenn man ein Begehren hat, findet man in der Regel auf der eigenen Website auch einen Zuständigen mit eigener Email-Adresse. Die Bearbeitung vom Begehren kann dann, abhängig vom Ressort, ein paar Tage bis ein paar Wochen dauern. Ein kleines Beispiel aus diesem Marsch durch die Institutionen erlebte ich kurz vor meinem Flug nach Tokyo:

Zu junggesehen plante ich eine Ausstellung, in den Gewölben eines ehemaligen Wasserturms im Prenzlauer Berg, welche für Kunstprojekte offen waren. Ich war kurz zuvor in einer Ausstellung da unten gewesen und ich war sehr angetan vom Ambiente. Ich wollte das Gewölbe mieten, doch vorher musste ich Kontakt zum Betreiber bekommen. Ich schrieb also einen Zuständigen von der Stadt zum Thema ‚Gebäude‘ an, der mich an den Zuständigen für den Bezirk weiterleitete. Ein Copy und Paste später wurde ich zum Kulturbeauftragten des Bezirks weitergeleitet. Dieser wiederum verwies mich an den Betreiber des Gebäudes, welcher mich wiederum an seinen eigenen Kulturbeauftragten weiterleitete – welcher schlussendlich ablehnte, weil es da unten zu kalt sei, wie er sagte.
Der Mailverkehr begann im Mai, die letzte Mail kam zwei Tage vor meinem Flug.


Kleines Shooting aus dem Gewölbe unterhalb des Wasserturms

Ähnlich hoffnungsvoll schrieb ich nun die Stadt an. Die erste Reaktion war typisch: „Wir haben kein Geld“ und „Was wollen sie überhaupt?“. Als ich darüber hinaus war und versicherte wirklich kein Geld von Berlin zu wollen, wurde der Kontakt, nun ja, menschlicher. Ein bisschen Resignation las man immer aus den Emails heraus, denn man will schon gern mal was mit Tokyo machen, aber die, mit der ich Kontakt hatte, machte die Ost-Asien Beziehungen auch nur auf halber Backe, und sowieso fehlte es an Mitarbeitern. Ich bot mich an, da es ja schon den Vorteil gab, dass ich in Tokyo bin. Man leitete mich an eine Japanerin weiter, mit der ich dann einen Termin ausmachte.

Zuständig für alles in Sachen Partnerstädte war das „Shinjuku Multicultural Plaza“ – was groß klingt, aber im Endeffekt nur zwei Räume in einer Büroetage waren. Die Idee hinter dieser „Plaza“ ist es einen Ort zu schaffen, für die Begegnung von Ausländern und Japanern in Shinjuku, welches ja prozentual die meisten wohnhaften Ausländer von ganz Japan vorweisen kann. In einem Mix aus Büro, Bibliothek und Schulraum finden sich nun einige internationale Bücher, mit Impressionen und Sprachtutorials von Tokyos internationalen Partnern und an Tischen saßen vereinzelt Tutoren. Eine junge Französin mühte sich gerade an einem Japaner ab und verdiente sich wohl etwas dazu – nur mit der Sprache, natürlich.

Eine lethargisch wirkende ältere Japanerin starrte mich hinter einem Thresen an. Sie saß nur dahinter, weder tippte sie noch blätterte sie Alibi-mäßig in etwas. Ich wurde begrüßt und argwöhnisch abgeschätzt. Ich sehe doch etwas jung aus für einen Botschafter der Stadt Berlin, sagte sie. „Jaja, das höre ich häufiger“, sagte ich, lachte und verschob mein Alter auf ihre Nachfrage sechs Jahre nach oben.
Die Dame konnte etwas Englisch, stoß aber schnell an ihre Grenzen und ihre lächelnde Kollegin musste ihr aushelfen.

Ich erklärte was ich vor hatte, zeigte ihr das Buch junggesehen und erklärte, was es ist. Es gab respektvolle Anerkennung, aber auch schnelle Distanzierung bei der Frage, wie man das alles umsetzen kann. Ich brauchte ja nicht viel, nur einen Raum und eine Mailingliste. Da müsse man erst mal mit den Vorgesetzten sprechen und könne hier noch nix sagen.
Im Laufe des Gesprächs ging es auch um die bisherigen Leistungen der Shinjuku-Mitte Partnerschaft. Es stellte sich heraus, das pro Jahr eine Gruppe von Jugendlichen auf die Kosten der Stadt nach Tokyo eingeflogen werden, und im jährlichen Wechsel auch umgedreht. In diesem Jahr musste es wegen der Schweinegrippe ausfallen – so war zumindest die offizielle Begründung. Tatsächlich wird wohl der Mangel an Geld der Grund gewesen sein, denn Berlin wäre an der Reihe gewesen Flugtickets zu bezahlen. Mein Schriftverkehr mit der Stadt deutete schon so etwas an, und auch in dem folgenden Jahr wird wohl nichts passiert sein.

Notgedrungen optimistisch verabschiedete ich mich und schaute mir beim Hinausgehen noch die Bücher in den Regalen an. Es gab einen Bildband zu Berlin-Mitte, wo u.a. auch mein Haus zu sehen war. Es war ein komisches Gefühl die alte Heimat zu sehen, hier in einem kleinen, dunklen Büroraum, mehr als 9000km entfernt.

Nach diesem Treffen passierte nicht mehr viel. Mein Kontakt in Berlin wurde nach der nächsten Wahl abgesägt und ich musst mich bei einem neuem Typen vorstellen, der verheissungsvoll Platz für junggesehen im nächsten Jahr im Budget und Kalender freiräumen wollte. Zu beiden ist es nicht gekommen, denn es herschte bald Funkstille. Mehrere Versuche von mir etwas zu beleben ist irgendwo zwischen Deutschland und Japan im Sande verlaufen. Ich zog meine Konsequenz daraus und auch die Erkenntnis, wie es um diese Städtepartnerschaft wirklich bestellt war.


Ausblick aus der Multicultural Plaza

Der unprofessionellste Dreh meines Lebens

Ich als alte Medienhure stand schon oft vor der Kamera für ein Interview, meist bezogen auf Projekte, die ich machte. In Tokyo schrieb mich nun ein deutscher Filmemacher an, der u.a. etwas über mich und meine Zeit in Japan machen wollte, Überlebenskampf und so. Eigentlich war seine Idee „Deutsche in Tokyo“ ein Spitzenthema und ich war schon stolz da irgendwie reingeraten zu sein.
Es war ca. drei bis vier Wochen vor meinem Abflug und ich hatte eigentlich viele Aufträge zu bearbeiten. Für den Dreh nahm ich mir allerdings frei, schlief extra nicht um schon morgens für einen langen Drehtag bereit zu stehen.

Wir trafen uns zum Frühstück in einer kleinen Bäckerei in Shinjuku. Er war auch ein Ossi, kam grad für ein paar Wochen nach Japan um zu heiraten. Die Idee für eine Doku „Deutsche in Tokyo“ kam ihm erst hier, seine Ausrüstung, die er unter dem Tisch verstaute, hatte er hier geliehen. Er lud mich ein und ich erzählte von Japan, meinem Hintergrund in Berlin, meiner Familie und der Zukunft. Er hörte viel zu, ergänzte aber auch oft in langen Passagen Geschichten aus seiner Jugend. Nach einer Stunde Gesabbel sollte gedreht werden.

So, nun bin ich Fotograf, habe selbst schon gedreht oder bei Produktionen mitgewirkt. Ich weiss, was es alles für einen Dreh braucht und nahm es auch ein bisschen auf meine Schultern, ihm da entgegenzukommen. Er wollte ein Interview mit mir drehen, Fragen vor Tokyo Hintergrund. Wir liefen ein wenig umher um einen Hintergrund zu finden, der passte. Zwischen dem vielen Stativ-Getrage und -Aufgebaue war kein Hintergrund gut genug. Entweder wars zu sonnig, zu schattig, zu bewölkt, zu menschenleer oder zu voll. Oft fiel ihm das erst auf, als alles schon stand. Genervt von stundenlanger Lauferei in der Hitze, schlug ich meine Bude vor, die nicht weit weg lag.

Mein Haus in Nakano war neben mir noch von 10 weiteren Personen bewohnt. Ich habe da sehr glücklich gelebt, mit den Mitbewohnern habe ich mich sehr gut verstanden. Gegen Ende meiner Zeit hin zogen allerdings Leute ein, die, nunja, nicht auf meiner Liste der coolen Menschen stehen. Beide waren da, als wir ankamen.

Da war ein dummer Amerikaner – und er war wirklich so dumm wie man es von einem Ami erwarten kann. Ständig machten er sich über meinen schwachen deutschen Akzent lustig, stellte dämliche Frage zu Deutschland und führte sich auf, als würde das Haus ihm gehören. Der Doku-Filmer, mit miserablen Englisch war ein gefundes Fressen für ihn.

Die Andere war eine Halb-Französin/Halb-Vietnamesin, die in London lebte und in Deutschland studiert hat. Sie sprach fünf Sprachen fließend, u.a. auch Deutsch, was sie eigentlich zu einem guten Gesprächspartner hätte machen können. Doch mit ihrem egozentrischen Wesen und ihrer sturen Art zu Diskutieren, die, wie mir später jemand mitteilte, wohl der französischen Art zu diskutieren entspricht, sind wir oft aneinander gerasselt.

Da sie Deutsch konnte und Französin war, war der Dokufilmer nun erstmal mit ihr beschäftigt. Ich war genervt, waren denn jetzt schon Stunden ohne eine einzige Minute im Kasten vergangen und es sollte wohl noch längern dauern.
Er baute nun in der Küche alles auf, positionierte mich und stellte ein paar Fragen. Nach ein paar Minuten stellte er fest, dass das hier doch nicht alles vom Licht passt, und wir gingen aufs Dach, wo die Sonne unbarmherzig knallte.


Unser Dach

Oben baute er wieder alles auf und es folgte nun das erste längere, zusammenhängende Interview. Ich musste die Augen zusammenkneifen, weil die Sonne so hell war, und der Schweiss bildete glitzernde Perlen auf der Stirn. Nichtsdestotrotz hielt ich durch, bis wieder die Ansage kam, dass es hier oben doch nicht passt. Also wieder runter.

Die Französin, die ohne Arbeit in Tokyo war und nun mit sichtlichen Genuss den Trubel, auch um sie herum, genoss, becircte weiterhin den Ossi. Bei der Überlegung nach einem Drehort schlug sie ein Cafe, oben an der Straße vor. Ich protestierte, hatte ich denn schon Erfahrung mit Fotografieren in japanischen Cafés, wo es erstens immer zu dunkel ist und zweitens der Besitzer, mit Blick auf die anderen Gäste, großen Aktionen mit Kameras eher ablehnend aufgeschlossen sind.

„Wir probierens einfach mal Fritze“, sagte er, und genervt ging ich ohne mich nach ihm und seinen Stativ umzudrehen, voran.
Im Café erklärte ich mühselig auf Japanisch, was wir vorhaben. Die Inhaberin guckte genervt und lehnte ab. Für den Trubel mussten wir aber was bestellen, als setzten wir uns hin, während er Kamera und Stativ wieder unter einem kleinen Tisch verstaute.
Plötzlich sah er sich um und meinte, dass es ja doch recht dunkel ist hier. „Ach was?!“, sagte ich mehr als genervt, weil nun nach sechs Stunden immer noch nichts entstanden war und er einfach nur unprofessionell von einem Ort zum nächsten holpert. Ich erklärte ihm, dass er doch mal lieber auf mich hätte hören sollen, der seit einem Jahr professionell hier arbeitet, anstatt auf eine Französin, die ihn lieb anlächelt. „Hast Recht“, sagte er, und schwieg für einen Moment.

Ich wollte es dabei belassen und nur noch auf das Ende des Drehtages warten, da setzt er dem Ganzen noch die Krone auf. Er meinte, er nimmt mich nun wahrscheinlich nicht mehr in den Film, da er mit den paar Antworten, die er bisher auf Film hatte, unzufrieden war. Ich sagte, dass das an seine Fragen lag, die z.b. so persönlich waren wie „Wo sind wir hier?“ oder „Was gibt es hier in der Nähe?“. Wenn er keine Fragen zu meiner Person stellte, konnte er auch nicht erwarten individuelle Antworten zu bekommen. Dann fügte er noch als Begründung für eine Rauswurf aus dem Film an, dass ich nicht „stinknormal“ bin, sondern eben medienerfahren und meine Geschichte wäre zu interessant.

„Wie bitte?“, sagte ich, denn das konnte nicht sein Ernst sein. Schließlich wusste er über meine Geschichte Bescheid, bevor er mich anschrieb. Dass ihm das jetzt nach sechs Stunden Drehtag einfällt war einfach nur höchst diletantisch. So arbeitet man einfach auch nicht mit Menschen, wenn man erwartet, dass sie einen beträchtlichen Teil ihrer Zeit für einen opfern sollen.

Angepisst, doch aber endlich mit dem Blick auf ein Ende dieses fürchterlichen Drehtags, bat ich ihn, mir doch wenigstens die paar Minuten des Materials zu geben, für meine eigene Erinnerung. „Ne das geht nicht, das macht man im Dokumentarfilm nicht.“. Ich fragte ihn, was denn seine Vorstellung sei, was ich aus diesem vergurkten Tag mitnehmen soll, wenn ich schon nicht im Film auftauche. Es gab keine Antwort, nur eine Rechtfertigung, was man denn als Künstler alles darf.

Mir platzte der Kragen. Ich musste ihm erklären, wie man mit Menschen respektvoll und professionell umgeht, dass man für einen Film und einen Drehtag zumindest mal eine grobe Linie haben muss, die man nicht alle 20min und alle zwei Französinnen komplett verwirft. Auch wenn ich vielleicht kein ausgebildetet Fachmann war, so hatte ich doch mehr Ahnung auf dem Gebiet als er.
Er sah auf die mittlerweile leere Kaffeetasse auf dem Tisch, unter dem sein Equipment lag, und entschuldigte sich mehrmals. Ebenfalls oft ergänzte er, dass ich ja Recht habe und er hofft, dass das hier nicht unsere „freundschaftliche“ Beziehung belaste.

Ich konnte ihn überzeugen, das Ding jetzt noch durchzuziehen. Wir gingen zurück zu meinem Haus und ich meinte, dass wir davor jetzt drehen. Er suchte eine Stelle aus, baute auf, stellte mir die von mir vorgegebenen Fragen zu meinem Leben, sagte der Französin Tschüss und ging zu seiner Frau zurück.

Am Abend kam noch eine Email mit einer Entschuldigung. Das war das letzte, was ich von ihm hörte. Zu dem Film, in dem neben mir noch zwei weitere Deutsche aus Tokyo zu sehen gewesen wären, ist es vermutlich nie gekommen.

Schade eigentlich, wäre es doch ein interessantes Thema gewesen, auch im Hinblick auf die Festlichkeiten zu 150 Jahre deutsch-japanische Freundschaft in diesem Jahr.

Bambergs Bürgermeister Besuch

Einer der wenigen deutschen Fotografen in Tokyo zu sein, bringt Vorteile. Vorallem wenn man auch gut vernetzt ist. Einer dieser Kontakte leitete ein Gesuch an mich weiter, von der Stadt Bamberg und seinen Symphonikern.

Bamberg’s Partnerstadt ist nämlich Nagaoka und der Bürgermeister besuchte nun zusammen mit dem Symphonieorchester Japan. Dabei spielten sie zunächst in Tokyo, in einer der besten Halle für klassische Musik, wie mein damals zuständiger Redakteur in Tokyo sagte, der in seinem Blatt die Bamberger Symphoniker sogar auf der Liste hatte. Nach Tokyo sollte es weiter nach Nagaoka gehen.

Bamberg hat, im Gegensatz zu Berlin, nämlich Geld seinen Bürgermeister und das Orchester um die halbe Welt zu schicken – im Sinne der Völkerfreundschaft.
Um über diesen Event in der Lokalpresse zu berichten und, wie ich vermutete, auch etwas für die Stadt-Präsenz mitzunehmen, brauchte es einen Fotografen und Journalisten der das vor Ort übernehmen konnte.
Mich.

Da das ein ziemlich großer Auftrag wa in meiner Anfangszeit in Japan, wollte ich wenig verkehrt machen. Ich schrieb meinen Vater an und fragte, was ich verlangen sollte. Die Summe, auch in Hinblick auf den Tokyo-Bonus und die weitere absehbare Verwendung, war in meinen Augen okay. Für das Lokalblatt war es allerdings zu viel.

Ich schickte mein Bedauern und fragte dann nach Presse-Karten, doch die waren dann natürlich aus.
Ein paar Wochen später sah ich mir den Beitrag der Lokalpresse dann online an. Natürlich war die Veranstaltung begeisternd, restlos ausverkauft und überhaupt ein Erfolg, der die Flugkosten rechtfertigt im typischen Tonfall eines Lokaljournalismus verfasst, und mit lächelnden, angeblitzten Gesichtern aus der Kompaktkamera bebildert.
Vielleicht war ihre Entscheidung mich nicht zu nehmen richtig, denn das hätte ich so sicherlich nicht hinbekommen.

Bamberg ist natürlich auch bei 150 Jahre Deutschland-Japan dabei…

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