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Verspätung

Posted in Gedanken, Reis und Reisen by fritz on 13. August 2013

Der zähe Abschied von Hannover, in einem leeren Zug.

Und dann war sie leer. Meine Wohnung in Hannover, die nicht einmal in Hannover liegt. Vor einer Woche packte ich vier volle Taschen und zwei volle Mülltüten mit Klamotten, Bettwäsche, Kamera und Unterlagen ins Auto und fuhr nach Berlin. Nur für eine Nacht kam ich zurück, für einen Termin und die letzten Sachen, die sich noch in eine Umhängetasche stopfen ließen. Reißverschluss zu und fertig. Die Wohnung war leer.

Mein Fahrrad, welches draußen vor dem Haus auf mich wartete, sollte nach zwei Jahren endlich wieder nach Berlin rollen. Im IC 2951 um 17.31 von Hannover Hauptbahnhof Richtung Osten.
Bereits um 17.00 Uhr bin ich am Gleis. Vielleicht, weil ich es nicht mehr erwarten kann, Hannover zu verlassen. Vielleicht auch, weil ich befürchte, wenn ich den Zug auch nur irgendwie verpasse, ewig hier bleiben zu müssen. Aber es sollen ja nur 31 Minuten Wartezeit sein. Dachte ich.

Vierzig Minuten nach der geplanten Abfahrt, fährt mein Zug erst in Hannover ein. Der Radwagen ist ganz hinten. Neben mir steigt dort nur ein Mann Anfang 30 ein. Seine Radlerhose passt farblich zu den Taschen an seinem Rennrad.

Es sind nur zwölf Personen im hintersten Wagen. Alles Senioren, überall graue Haare. Nur der Mann Anfang 30 war die Ausnahme. Doch auch bei ihm werden die Haare dünner.
Kaum sitze ich, kommt schon die Ansage.

„Unsere Abfahrt verzögert sich noch um 10 bis 15 Minuten, bitte haben sie etwas Geduld.“

Ich habe keine Eile. Nach zwei Jahren geht es wieder nach Berlin. Ob mit 10 oder 15 Minuten Verspätung ist dann auch egal.

Nach 10 oder 15 Minuten eine neue Ansage.

„Aufgrund einer technischen Störung der Tür im Bordrestaurant, muss der Wagen abgekoppelt werden. Wir bitten alle Passagiere der vorderen drei Wagen den Zug zu räumen.“

Der halbe Zug entlädt sich aufs Bahngleis in Hannover. Trotz Rauchverbots wird nun überall gepafft. Gegen den Stress.

Nach einem kurzen Ruck durch den Zug, folgt wieder eine Ansage.

„Aufgrund einer technischen Störung verzögert sich unsere Abfahrt auf unbestimmte Zeit“

Ein leichtes, resigniertes Stöhnen geht durch den hintersten Wagen.

„Reisende nach Berlin nehmen bitte den ICE 18.31 Uhr von Gleis 8.“

Ich stehe bereits auf und gehe nach vorne. Der Mann Anfang 30 tut es mir gleich. Doch im Rest des Wagens herscht Irritation. Nimmt der ICE überhaupt Fahrräder mit? Gilt mein Ticket da noch?

Nach einer Pause wieder eine Ansage:

„Reisende mit Fahrrädern bleiben bitte im Zug.“

Der hinterste Wagen lacht erschöpft.

Blick auf die Uhr. 18.24. Die Klimaanlage schaltet sich aus. Zwei Zugbegleiterinnen kommen in den letzten Wagen. Die eine mit dunklen Haaren und so breit wie der Gang. Die andere, etwas jünger, mit gebräunter Haut und blondierten Haaren. Sie sagt kein Wort und versteckt sich hinter ihrer resoluten Kollegin. Diese erklärt uns im besten Berlinerisch die Situation. Das Bordrestaurant ist jetzt abgekoppelt. „Aber ick weeß ooch nicht. Kieken wa ma.“ Ich kann ihr nicht böse sein.

Eine Seniorin fragt: Sind wir jetzt alleine im Zug? Die Berlinerin sagt: Ja.
„Machen wa Privat-Party!“
Erschöpfte Erheiterung. Aber kein Stress. Keine Hektik. Kein Zeitdruck.

Als sie weg sind, fängt ein Senior mit Gerüchten an. „Ab 30 Minuten Verspätung gibt es Geld zurück.“
Vorne wird auf die Uhr geschaut und gerechnet, wie viel es denn gibt.

Ich klaue mir aus den vorderen Wagen eine Zeitung. Kein Platz ist mehr besetzt. Nur drei Wagen vor mir sitzt noch ein junger Mann mit Pickeln im Gesicht. Er reckt seinen Hals Richtung Fenster, wo gerade der ICE nach Berlin einfährt. Ansonsten: Leere.

Um 19.03 dann ein kräftiger Ruck. Die Kimaanlage springt wieder an. Nach drei weiteren Rucklern ist klar: Wir fahren. Neunzig Minuten nach der geplanten Abfahrt. Doch wir fahren. Der leere Zug fährt.

„19.34 Uhr sind wir in Braunschweig“ sagt eine Dame durch den Zug. Ohne berliner Akzent.
Ich blättere die Zeitung durch. Es ist das Blatt, für das ich gearbeitet hatte. Ich lese von Berlin. Schrebergärten und Heuschrecken, FKK und Westdeutsche, Roma, Türken, Döner und Beginn der Schule.


Vor mir in der Ablage. Nein Danke, ich hab schon.

Kurz vor 20 Uhr kommt ein junger Mann mit Brille und in Uniform der Deutschen Bahn in unseren Wagen. Als kleine Entschädigung verteilt er Gummibärchen und Pfefferminzdrops. In seiner Hand hat er auch einen frischen Stapel Sudoku-Hefte. Die Folie weht noch leicht um die zehn Hefte in seiner Hand.
Eine Seniorin fragt, ob wir doch noch über Braunschweig fahren. Er lächelt nur und meint, das macht seine Kollegin. Er ist nur der Bordgastronom. Sein Wagen ist allerdings weg. „Ich hab ja da vorne nichts zu tun. Ist ja keiner mehr hier“ sagte er mit einem verzweifelten Lächeln. Ich nehme ihm ein paar Pfefferminz ab.

Acht Wagen gehören nun zum Zug. Fast alle sind leer. Neben den 13 Leuten im hintersten Wagen bei den Fahrrädern, verteilen sich noch sieben weitere Personen im restlichen Zug. Dazu noch sechs Zugbegleiter, die mich aufgeregt anschauen, als ich an ihnen vorbei gehe. Vielleicht hätten sie gern was zu tun.

Im Wagen Drei sitzt alleine ein Mann mit Rastalocken und dicken Taschen. Nur leicht konzentriert löst er Sudoku.
Im Wagen Vier sitzt eine ältere Berlinerin. Sie liest gerade den Text in der Zeitung über FKK und kratzt sich dabei über das gebräunte Dekolleté.
Die erste Klasse ist leer.

Die Berlinerin von vorhin überprüft nun unsere Tickets. Ihre blondierte Kollegin, stets hinter ihr, verteilt dabei lächelnd Formulare, um Entschädigung für die Verspätung geltend zu machen. Ab 60 Minuten gibt es 25%, ab 120 Minuten 50% vom Fahrpreis zurück. Eine Auszahlung erfolgt erst ab vier Euro. Aber, so empfiehlt es das Formular, sollte es mal nicht ausreichen, können die Formulare einfach gesammelt werden.
Bei der zweiten oder dritten Verspätung können dann einfach alle zusammen abgegeben werden.

Im hintersten Wagen herscht Gelassenheit. Die Senioren, die teilweise schon seit Düsseldorf hier sitzen, wollen einfach nur noch nach Berlin. Sie haben keine Eile.
Mein Vordermann ist seit Bielefeld dabei. „Das war die kürzeste Radtour meines Lebens, bin in Bielefeld auf die Schnauze geflogen!“. Beim Aussteigen aus dem Zug ist er mit dem Fuß umgeknickt. Das Schienbein musste genäht werden. Auf seiner Windhose war das getrocknete Blut gut zu sehen. Ab jetzt: keine Hektik mehr.

In meiner Tasche befinden sich die Reste von zwei Jahren Hannover. Tee (Schwarz und Grün), Bettwäsche, eine Tasse von der Bahn (Souvenir) und eine Pepsi aus dem Automaten in der Uni, in der ich kurz zuvor noch ein letztes Mal war.

Der Zug ist so leer wie meine Wohnung und mein Terminplan. Eigentlich wollte ich schon längst in Japan sein, mein Auslandssemester beginnen. Doch mein Abflug verspätet sich. Es gab noch etwas mit meiner Wohnung zu erledigen. Dann gab es auch noch ein besonderes Mädchen, für die ich gern länger geblieben und kürzer geflogen wäre. Doch es hat nicht funktioniert. Es hat unter anderem wegen Japan nicht funktioniert. Also fliege ich und verlasse Hannover für ein Jahr.

Über Magdeburg geht die Sonne unter. Neben uns zieht die Elbe vorbei. Auf einer Sandinsel grillen ein paar Kinder. Einen Erwachsenen sehe ich nicht. Etwas abseits der Gruppe steht ein junges Paar, vielleicht 12 Jahre alt. Er umarmt sie, doch sie schaut müde weg. Rechts von ihnen winkt ein Mädchen Richtung Zug. Ich winke zurück. Dazu Sonnenuntergang.

Es ist die ruhigste Zugfahrt, die ich je hatte. Die Senioren sind still, der neben mir lauscht leise einem Hörbuch. An diesem Samstagabend sind im gesamten Zug nach Berlin nur 27 Menschen.

Gegen 21 Uhr fahren wir durch Nebel. Die Sonne haben wir in Magdeburg gelassen.

Kurz hinter Potsdam gibt es Bewegung im letzten Wagen. Die Senioren packen schon für Hauptbahnhof. Eine Schlafmütze, die ich jetzt erst sehe, steht neben ihnen vor den Fahrrädern und kratzt sich irritiert den dunklen Kinnbart. Vor lauter Senioren und Rädern kommt er an sein eigenes gar nicht ran.

Der Funkturm leuchtet in den Zug. Überall Lichter, Großstadt. Drinnen Senioren in Windjacken, die Gepäck an Fahrräder schrauben.

Links zieht die Station Charlottenburg vorbei. „Das war ein Mal“ sagt mein Vordermann Richtung Fenster. „Kein Zug hält hier mehr.“

Savigny-Platz. Ein Pärchen steht wie alleine unter S-Bahn-Licht. Er versucht einen Kuss zu erhaschen, doch sie dreht sich sanft weg. Er macht den Tanz mit.

Bahnhof Zoo.
„Zoo.“ sag ich zu meinem Vordermann. „Zoo.“ sagt er. Mehr gab es dazu nicht zu sagen.

Hinter Bellevue geh auch ich zu meinem Rad und versuche es aus der Halterung zu heben. Ich habe Probleme und bitte einen Senior um Mithilfe. „Können Sie zahlen?“ fragt dieser schnippisch zurück. Ich verwechsel ihn mit meinem Vordermann und denke an das Schienbein. „Oh, sie können ihr Bein nicht belasten, wa?“. Zu spät sehe ich, dass ihm das Blut auf der Hose fehlt. Doch der Senior fühlte sich von meinem Kommentar genug provoziert, um mein Rad alleine aus der Halterung zu heben. „Und zum Schluss auch noch dreckije Pfoten!“ raunt er, als er das Schmieröl an seinen Händen bemerkt.

Halb zehn Uhr abends. Es scheint, nach all den Verspätungen kann nun keiner mehr warten, endlich aus dem Zug zu kommen.

21.39 Uhr. Berlin-Hauptbahnhof. Die resolute Zugbegleiterin steht noch eine Weile vor dem Wagen und wartet darauf, dass noch einer rauskommt. Doch der Zug ist leer. Irritiert steht sie trotzdem noch vor der Tür. Sonst dauert die Abfertigung sicher länger.

Dem Bahnmitarbeiter am Gleis am Berliner Hauptbahnhof erzählt ein Zugbegleiter gerade die ganze Misere der Fahrt. Die Geschichte von 90 Minuten Verspätung, von 20 Passagieren in acht Wagen und dem ICE in Hannover, der doppelt so viele Leute wie üblich transportieren musste. Doch den Berliner beschäftigt viel mehr, wie Hertha gerade gespielt hat.
„Peinlich war dit!“

Mit dem Rad aus dem Bahnhof, über die Brücke, die Straße runter und dann rechts. Zuhause. Nach zwei Jahren ist mein Fahrrad endlich in Berlin.

Ick bin wieder da.

Zeitweise.

Mein Japan

Posted in Gedanken, journalistische abenteuer by fritz on 12. Mai 2013

Warum man nicht Nein sagt, wenn man von einem Verlag gefragt wird:
„Wollen Sie ein Buch für uns schreiben?“

Seit einer Woche ist Japan 151 im Handel. Es ist eine Art kultureller Reiseführer, erschienen im CONBOOK Verlag. Und mein mittlerweile drittes Buch zu Japan.

Am Ende des Beitrags verlose ich auch ein Exemplar. Also dranbleiben.

Wie kommt man zum eigenen Buch? Durchs Schreiben.

Prolog

Oktober 2011. Umzug nach Hannover um mein Studium zu beginnen. Ich war erst ein paar Wochen in der Stadt, alles war noch recht neu. Ich hatte noch nicht mal einen Internet-Anschluss in meiner Wohnung. Wenige Wochen zuvor war ich in Tokyo gewesen, das erste Mal wieder seit meinem Jahr dort. Doch Japan war nun abgehakt, Hannover begann. Alles war im Umbruch.

Mitte Oktober bekam ich dann eine Email vom CONBOOK Verlag. Sie planen gerade eine Reihe von neuen, ungewöhnlichen Reiseführern, und sie könnten sich gut vorstellen, dass ich das Buch über Japan machen kann. Ich fragte nicht sofort, wo ich dafür unterschreiben muss, sondern zögerte. Erstmal checken was der Verlag so macht.
Fokus Reiseliteratur. Schon ein paar Bücher zu Japan veröffentlicht. Hey, eins davon habe ich sogar. Aber warum fragen die dann mich? Gibts denn keinen, der das besser kann?

Sie sind über meinen Blog auf mich aufmerksam geworden. Insbesondere der Eintrag „Warum Tokyo nicht ein Jahr auf mich gewartet hat“, wo ich sehr reflektiert in kleinen Episoden über meine Rückkehr schreibe, hatte es ihnen angetan. Genau so sollte das Buch sein. Dass ich noch anständige Fotos liefern könnte, war ein entscheidender Pluspunkt. Doch ich zögerte weiterhin.

Es gibt so viel, was auf Deutsch über Japan geschrieben wurde. Das meiste davon ist einfach nur schlecht. Die ewig gleichen Klischees, Phrasen und Bilder. Hätte ich mit gerade mal einem Jahr, das ich dort verbrachte, überhaupt genug Einblick in das Land, über das ich mich jetzt anmaßen würde zu schreiben?

Ich kannte nämlich die Gegenreaktion, von den „Japan-Experten“ und Klugscheissern, die es, manchmal berechtigt, immer besser wussten. Und ich hatte keine wirkliche Lust, in deren Schusslinie zu geraten mit einer großen Publikation. Deswegen, und weil ich es mir nicht wirklich zutraute, schlug ich dem Vorlag andere Autoren vor. Der Verlag wollte aber mich und gab mir die Option, einen oder mehrere Ko-Autoren einzusetzen. Aber, so war die Vorraussetzung, die Bezahlung müsste ich dann mit denen dann auch teilen. Und nach diesem Argument dachte ich mir: Ach was solls, ich krieg das auch alleine hin.

Wie ein Buch entsteht
Das Buch war nämlich eine willkommene Gelegenheit für mich, mit Klischees und verqueren Bildern von Japan in Deutschland aufzuräumen. Ich würde sie gar nicht erst erwähnen oder bedienen, sondern ein eigenes Bild zeichnen. Eben das Bild von meinem Japan.

Die Reihe vom Verlag, in der jetzt schon andere Länder erschienen sind, hatte ein vorgegebenes Format: 151 Kapitel sollten es sein. Jedes sollte einen landestypischen Begriff zum Titel haben, der dann im Kapitel erklärt wird. So was wie Sushi, Samurai oder Zugverkehr. Es ging mir auch nicht darum zu sagen, wie die meisten Bücher, „guckt mal, die Japaner sind so anders“, sondern mehr „guckt mal, die Japaner sind so anders, weil…“.
Sofern mir das als Außenstehender überhaupt möglich war.

151 Kapitel. Das sind 151 relevante Begriffe zu Japan. Oder anders gesagt: Wie reduziert man ein Land auf 151 Wörter? Der Verlag bat mich zunächst, 50 Begriffe vorzuschlagen. Ich kam an einen Nachmittag gleich auf 76.

Ich besorgte mir so viel Lektüre zu Japan, wie ich finden konnte. Ich durchforstete auch meinen Blog. Die Liste der möglichen Begriffe ging ich nach drei Kriterien durch:

    1. Was will ich erzählen?

    Was sollte man zu Japan unbedingt wissen… was stellen die Medien oft falsch dar… welche Klischees stecken in den Köpfen und sollten mal aktualisiert werden…

    2. Was kann ich erzählen?

    Was habe ich selber erlebt… wo traf ich Personen, die den Begriff nahe bringen… was sind unterhaltsame Anekdoten zu einem Sachverhalt, bei denen ich dabei war…

    3. Was will ich zeigen?

    Welche Fotos sollen ins Buch… welche Motive bringen Japan nah… welche Bilder sorgen für genug Abwechslung, Unterhaltung, Information und Dynamik…

Das ging dann allerdings etwas konträr zu dem, was der Verlag vorschlug. Denn zuerst sollte ich gucken, was ich für Fotos habe, und dann danach die Kapitel gestalten. Anders gesagt: Die Ästhetik vor dem Inhalt definieren.
Mir war aber der Inhalt viel wichtiger. Die Bilder sollten sich dem unterordnen. Das durch meine Entscheidung dann echte Probleme entstanden, ahnte ich schon von Beginn an.


Ideen fürs Cover. Ich persönlich fand sie zu „japan-typisch“, aber der Verlag meinte, das funktioniert besser.

Schreiben nebenbei
Zu Neujahr unterschrieb ich dann den Vertrag. Die Abgabe vom Manuskript war für den 30.6.2012 angesetzt. Fotos und Text zu allen 151 Kapiteln müssten dann vorhanden sein. Ist ja genug Zeit, dachte ich mir. Doch Uni und Jobs drängten. Oftmals musste ich mir mehr Gedanken um die nächste Miete machen, als das nächste Kapitel. Und zwischendurch entstand ja auch noch das Fukushima-Buch. Aber es blieb ja noch Zeit…

So richtig anfangen konnte ich erst in den Semesterferien. Dann aber vier Wochen am Stück, jeden Tag meist sechs Stunden Schreiben. Das meiste schrieb ich in Berlin. In Hannover habe ich glaube weniger als zehn Kapitel geschafft. Jedes einzelne habe ich intensiv recherchiert. Sofern ich von Zahlen und Fakten schreibe, haben die mindestens zwei seperate Quellen. Ich wollte keinen Bullshit erzählen, wie viele sonst, sondern wahrhaftig bleiben.

Wieder schrieb ich in der Bibliothek, wo schon „Fukushima“ entstand. Während draußen Sommer war und alle anderen verreisten, schwitzte ich über den vielen tausend Zeilen, die noch entstehen mussten. Wobei das dramatischer klingt, als es war. Die Bibliothek war gut klimatisiert.
Ich genoss es sogar, mich komplett dem Schreiben zu widmen, und währrendessen nicht an Fotografie denken zu müssen. Ich nahm Texte und das Schreiben so viel intensiver wahr, mein Kopf stellte sich um. Wenn ich jetzt etwas interessantes sah, formulierte ich es in Worte um, anstatt zu überlegen, wie es als Foto funktionieren könnte.
Aber das ist ja bei mir grundlegend der innere Kampf. Text, Foto und neuerdings auch Video. Was hat Vorrang…

Trotzalledem schaffte ich die Deadline am 30.6. nicht. Ich hätte es schaffen können, wenn ich die letzten drei Tage ohne Schlaf geschrieben und durchgehetzt hätte. Aber das wäre zu Lasten der Texte gegangen. Das hätte weder mir, noch dem Verlag, oder dem Buch und dem Leser geholfen. Genau das schrieb ich dem Verlag. Der blieb entspannt und gab mir Recht. Zwei Wochen später war ich auch fertig. In meinem Wahn hatte ich sogar 156 Kapitel fertig gemacht, ohne es zu merken. Schreiben, schreiben, schreiben.

Ich hatte dann natürlich keine Ferien. Selbst einen Auftrag, den ich im Juni fotografierte, konnte ich nicht fertig stellen. „Tut mir Leid, dass sie warten müssen, aber ich muss mal eben ein Buch schreiben“.
Dafür war ich ja dann im September in Finnland und im Oktober in Tokyo. Als Ausgleich für den Sommer.

Fotograf ohne Fotos
Der Text stand, aber mir fehlten noch mehr als 40 Fotos. Ich hatte halt die Kapitel fertig gemacht, die ich für wichtig hielt, ohne drauf zu achten, ob ich das auch bebildern kann. Zudem schrieb ich auch über abstrakte Konzepte, die ich für das Verständnis von Japan für wichtig hielt, die aber visuell schwer einzufangen sind. Zudem lagerten einige meiner alten Bilder noch auf irgendwelchen Festplatten in Berlin, andere wiederum nur in Hannover. Es war ein Durcheinander.

Doch der Verlag gab mir Zeit. Sie wussten ja, dass wenn ich Bilder liefere, die auch einer gewissen Qualität entsprachen. Man räumte mir sogar Extra-Zeit ein, da ich meine Reise nach Tokyo im Oktober schon ankündigte. Die restlichen Bilder würde ich dort schon irgendwie finden, versicherten wir uns gegenseitig. Mit einer langen Liste von Motiven, die von Kyushu bis Kaizen reichte, flog ich also nach Japan.

Vier Bilder pro Tag
Zieht man Landung und Rückflug ab, hatte ich zehn Tage in Tokyo. Dazu dann noch mal Jetlag von einer Woche, und andere Prioritäten, wie Sushi essen und Freunde treffen. Zudem hatte ich drei Tage vorm Abflug erst ein großes Fotoprojekt abgeschlossen, an dem ich sechs Monate fast jeden Tag in Hannover gearbeitet habe. Wohlgemerkt, nebenbei dem Schreiben. Ich war einfach nur müde und wollte Urlaub machen. Doch die Liste drängte.

Ich hätte vier Fotos pro Tag machen müssen, um alles zu schaffen. Doch wo krieg ich ein Foto zu „Japanische Brasilianer“ her? Zu „Uchi-Soto“? Zu „Kaizen“?? Ich brauchte erst mal etwas Zeit, mir visuelle Lösungen einfallen zu lassen. Wenn ich also am ersten Tag keine vier Bilder schaffte, musste ich am nächsten acht machen. Sollte das wieder nicht klappen, wären dann 12 fällig. Dann 16…20… – 24 pro Tag. Ich war erschlagen von der Liste. Und dann standen noch 2-3 Jobs für Klienten und Magazine an.
Eigentlich wollte ich nur Urlaub machen. Trotzdem war meine To-Do-Liste länger als in Deutschland.

Das ich gar nicht alles schaffen konnte, war klar.

Anfang November war ich dann wieder in Deutschland. „Und? Wo bleiben die Fotos?“ fragte der Verlag. Ich brauchte noch Zeit, die knapp 2.000 Bilder durchzugehen. Das dort eh nicht alle Motive dabei waren, wusste ich quälenderweise.
Schlussendlich wäre das Buch nicht ohne die Fotos in Druck gegangen. Und wir waren alle eh schon zu weit drin, um alles abzubrechen. Trotzdem drängte die Uhr. Das Buch war schon angekündigt für das nächste Jahr, eh alle Fotos da waren.

Jetzt musste ich improvisieren. Ich schickte eine Liste der Motive an meine Freunde in Japan und bat sie um Bilder. (Die meisten guten kamen vom anjifrosch). Den Rest improvisierte ich zuhause. Symbolfotos, denen man nicht ansah, dass sie nicht in Japan entstanden sind. Einfach, um die Texte zu bebildern. Zu guter letzt fand ich noch Bilddatenbanken, welche die Fotos hatten, die ich brauchte, und die ich kostenfrei verwenden durfte.

Das letzte Ultimatum wurde vom Verlag auf den 31.12. gesetzt. Am 29.12., einen Tag vor meinem Geburtstag, hatte ich dann stolz alle 151 Fotos zusammen und lud sie auf den Server vom Verlag. Arbeit getan, Manuskript abgeschlossen. Sechs Monate nach dem 30.6.

Alle 151 Kapitel + Foto im Buch im Schnelldurchlauf. Das sieht nach viel aus, und ist auch viel.

Ein Buch ist ein Prozess
Die Arbeit ist allerdings nie wirklich vorbei. Zwischendurch gab es dann noch die Satzdatei zur Korrektur. Anfang 2013 kam auch das fast fertige pdf zur letzten Kontrolle bei mir an. Es war nun mehr als ein halbes Jahr vergangen, seitdem ich die Zeilen schrieb. Einige Sachen sah ich inzwischen anders, oder hätte sie jetzt nicht mehr so formuliert. Für eine große Überarbeitung fehlte aber die Zeit, allen voran bei mir. Und eigentlich war es auch okay. Man kann ewig in einem Text ändern, schieben, streichen, ergänzen. Irgendwann ist auch mal gut.
Ende Januar schickte ich dann meine Korrekturen ab und bis zum fertigen Buch in meiner Hand sollte dann nicht mehr viel passieren.

Der Release
Ich war vorletzte Woche, um den 1. Mai rum, mal wieder in Berlin. Etwas abschalten. In der Zeit erreichte mich auch ein 10 Kilo Paket von meinem Verlag. Darin die ersten Kopien vom Buch. Auf Amazon konnte man die erste Fuhre schon bestellen, sie war allerdings noch vor dem offiziellen Erscheinungstermin vergriffen. Am 2. Mai ging es dann in den Einzelhandel, wo es jetzt nach und nach mal auftaucht. Ich habe es bisher noch nicht entdecken können, aber ich habe seit dem 2. Mai auch nicht mehr groß danach geschaut. Daher hier meine Verlosung:
Der erste, der mir ein Foto von Japan 151 in einer Buchhandlung schickt, bekommt ein Exemplar zugeschickt.

Ich bin jetzt 25 und habe drei Bücher draußen. Ich bin jetzt 25 und ich fühl mich erschöpft wenn ich daran, und all den anderen Kram aus dem letzten Jahr, denke. An den Versuch, Job, Uni, Bücher – alles gleichzeitig gleich gut machen zu wollen. Dieses Jahr lasse ich es ruhiger angehen. Aber gleichzeitig langweile ich mich auch etwas. So anstrengend wie letztes Jahr war, so produktiv, erfolgreich und aufregend war es auch. Aber jetzt mal runterkommen ist sicher auch nicht schlecht. Denn wenn es so weitergeht, habe ich vielleicht zehn Bücher draußen bevor ich 30 bin. Aber dann habe ich mit 28 vielleicht auch nen Burn-Out.

Tiina aus Finnland ist super happy über das Buch. Sie meint, wenn sie drei Bücher gemacht hätte, würde sie mit einem Schild um den Hals rumlaufen, auf dem steht „Ich hab drei Bücher geschrieben!!“. Ein andere Freund, noch euphorischer über das Buch als über die ersten zwei, würde alles darum geben, seinen Namen mal auf etwas zu sehen, was in ganz Deutschland im Handel zu bekommen ist.

Wie es mir geht? Nun, um ehrlich zu sein, als ich das fertige Buch zum ersten Mal in den Händen hielt, dachte ich nur: Okay, alles klar. Es war für mich nur die logische Konsequenz von einem Jahr Arbeit. Das fertige Buch war nur ein Ergebnis. Aber ich bin da auch vorgeschädigt.
Als mein erster Artikel in der Zeitung veröffentlicht wurde, war ich 19 und konnte mich vor Begeisterung nicht mehr retten. Wenn ich Menschen mit der Zeitung sah, versuchte ich immer zu entdecken, ob sie meinen Text lesen. Ich hätte sie am liebsten angesprochen: Und, hats Ihnen gefallen? Ist von mir.

Nach der ersten Veröffentlichung kommt immer die zweite. Dann die dritte. Irgendwann war wöchentlich mein Name unter einem Text in der Zeitung. Es wurde Standard, nicht mehr so aufregend. Man gewöhnt sich dran. Es gehört zur Arbeit dazu.
Und so ist mein Name auf dem Buch jetzt auch nur Teil davon. Sicherlich die größte, längste und arbeitsintensivste Publikation, die ich je machte. Und das wird sie bleiben – bis das nächste Buchprojekt kommen wird.

Ich überlege immer, wo die nächste Herausforderung liegen kann, und gebe mich selten mit dem zufrieden, was ich erreicht habe oder ruhe mich darauf aus. Auch wenn ich das vielleicht mal tun sollte. Aber die Suche nach Mehr bringt einen stärker voran, als Stillstand und Ruhe.

Vielleicht bin ich ja auch skeptischer, weil ich mich langsam von Japan lösen möchte. In einem Interview, was ich neulich Auslandsjobs.de gab und was demnächst mal online geht, erklärte ich es:

Nach meiner Rückkehr war ich in den Redaktionen nur als der „Japan-Futzi“ bekannt.
Aufträge, die nichts mit Japan zu tun hatten, bekam ich kaum. Meine drei Bücher habe ich ja nun eben auch über Japan geschrieben, und nicht über andere Länder. Jedes weitere Buch, jeder weitere Artikel in die Richtung, zementierte eigentlich nur weiter meinen Ruf als Japan-Futzi. Es ist schwer, sich davon zu lösen. Mein Leben lang möchte ich nicht in Japan verbringen, vielleicht noch mal ein bis zwei Jahre.

Ich kann mehr als nur Japan.

Fazit
Wie also kommt nun zum eigenen Buch?
Durchs Schreiben.

Ich bekam die Anfrage, durch meinen Blog, wo ich unentgeltlich gern und viel schreibe. Ich schrieb das Buch aus ähnlichen Gründen, weil ich was erzählen wollte. Und daraus wird wieder was entstehen.

Die Arbeit mit dem Verlag war sehr gut. Es war sehr hilfreich, ihn als eine Art Redaktion zu haben um Ideen durchzusprechen. Was kann funktionieren, was eher nicht. Auch ist die Erfahrung, wie der Buchmarkt funktioniert und die Kontakte sehr nützlich. Vom großartigen Layout und einzigartigen Konzept abzusehen. Der Verlag kümmert sich auch um vieles, sodass ich mich komplett auf meine Arbeit konzentrieren kann.

Das Buch für mich bedeutet weniger ein abgeschlossenes Produkt oder ein finanzieller Segen (das wohl am wenigsten). Ich genoss den intensiven Prozess des Schreibens. Ich finds spannend, mir jetzt Ideen einfallen zu lassen, um das Buch bekannt zu machen. Und ich finde es aufregend nicht zu wissen, was daraus jetzt alles werden kann.

Und das nächste Buch kommt bestimmt.

Amazon-Link: Japan 151, 14,95€, Conbook Verlag

[Update: Eine Leserin aus Leipzig war am schnellsten! Das Buch ist inzwischen weg. Ich freue mich aber natürlich immer über Fotos von einem Exemplar im Buchhandel]

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Meine Bücher

Buch I – „No more Hiroshima“:
Meine wichtigste Geschichte (1. Teil / 2. Teil)
Buch II – Fukushima? War da mal was?:
Mein Fukushima
Buch III – Japan 151:
Mein Japan

Shop: Bücher, auf denen mein Name steht

Mein Fukushima

Posted in Gedanken, journalistische abenteuer by fritz on 3. Mai 2013

Das zweite Buch war schwieriger als das erste. Es war nicht die eine große Geschichte, sondern setzte sich aus vielen kleinen Episoden zusammen.
Da war die Reise nach Fukushima, ans Rande des Sperrgebiets. Da war das Treffen mit Hajime Matsumoto, der Japan das Demonstrieren beibrachte. Und da war ein erneuter Besuch auf Iwaishima, diesmal mit mehr Zeit – aber mit weniger Begeisterung.


Das Cover-Foto ist übrigens nicht von mir, der Verleger fand keines von meinen passend.

Da heute mein mittlerweile drittes Buch zu Japan erscheint, will ich die Gelegenheit mal nutzen, um zu jedem einzelnen was zu erzählen.

Prolog
Am 11. März 2011 verlor ich alle meine Aufträge.
Zu diesem Zeitpunkt war ich seit über einem halben Jahr wieder in Deutschland, nach 12 Monaten als freier Journalist und Fotograf in Tokyo. Ich hatte gehofft, nach all der Zeit, den spannenden Aufträgen und den großen Geschichten in Berlin genau so weiter machen zu können, wie in Japan. Aber Pustekuchen. Ich war wieder auf dem gleichen Level wie vorher. Das ich ein Jahr in Tokyo gearbeitet hatte, zählte nicht. Ich fing wieder bei einer Zeitung an, für 25 Euro pro Bild.
Wo ich mich auch sonst bewarb oder vorstellig machte, fragte man mich nur, wo und was ich studiert habe. Ohne ein Stück Papier, auf dem steht, dass ich was kann, glaubte man mir nicht.

Da ich in Berlin kaum Arbeit in meinem Feld fand, blickte ich wieder gen Japan. Nach und nach verkaufte ich mein Material aus Tokyo oder erfüllte Aufträge, die daraus resultierten. Viele waren es nicht, aber es reichte. In vielen Redaktionen war ich nun als der „Japan-Futzi“ bekannt.

Am 11. März 2011 bebte dann die Erde in Japan. So schlimm wie seit Jahren nicht. Dann Tsunami. Fukushima.
Ich verlor alle meine Aufträge, denn „normale“ Geschichten aus Japan wollte keiner mehr. Sie mussten, wenn auch nur in einem Nebensatz, mit dem Erdbeben zu tun haben. Also recherchierte ich, so gut es ging, von Deutschland aus. Im April hatte ich dann eine Geschichte zusammen. Es sollte ein anderer Blick sein, über die Arbeit der Journalisten vor Ort. Doch das interessierte dann keinen mehr, Japan wurde zu dem Zeitpunkt auf Fukushima reduziert. Eine andere Berichterstattung war nicht gefragt. Ich veröffentlichte die Geschichte dann im Blog: „Tsunami? Interessiert doch keinen mehr!“. Bildblog.de verlinkte es, die Besucherzahlen explodierten mehr, als bei irgendeinem anderen Artikel von mir in einem Printmedium. Zudem generierte der Beitrag Aufträge für zwei von meinen befreundeten Dolmetschern (u.a. für Bild am Sonntag).

Es führte kein Weg daran vorbei. Wollte ich weiter über Japan berichten, müsste ich wieder hin. Auch wenn Fukushima nicht mein Ziel war, als ich Ende Juli 2011, ein Jahr nach meiner Abreise, wieder nach Tokyo zurückkehrte.

Sommer in Japan
Freunde treffen, Sushi essen, die Zeit genießen. Das war erstmal wichtig. Wieder ankommen, andere Aufträge wahrnehmen. Unlängst war ich gelangweilt und genervt von der einseitigen bis falschen Berichterstattung über Japan nach Fukushima. Ich hatte eigentlich keine Lust, selbst noch Teil der ewig gleichen Berichte zu sein.

Der Wendepunkt war ein Artikel, den ich online gelesen habe. Ich weiß nicht mehr genau wo. Darin war die Rede von zwei deutschen Dokumentarfilmern, die einen Film über Demonstrationen in Japan nach Fukushima drehten. Endlich mal ein anderer Ansatz. Eine von den Filmerinnen war noch in Tokyo, sie führte ihr Auslandssemester zu Ende. Schnell fand ich ihren Kontakt und lud sie zu einem Gespräch in Nakano. Unweit meiner WG und nahe der Protestbewegung. So traf ich Julia Leser.

Wir verstanden uns auf Anhieb. Wir waren gleich alt, ambitioniert und wir beide waren von der Berichterstattung über Japan in Deutschland frustriert. Julia drehte als Reaktion dazu einen Dokumentarfilm, über den ich nun mit ihr in einem kleinen Café in Nakano sprach.
Ich traf Julia später in Deutschland wieder, bei der Premiere ihres Films in Berlin. Als ich für eine Geschichte in Leipzig recherchierte, lieh sie mir auch ihre Couch.

Zuhause in meiner alten WG sichtete ich nun das Material vom Interview. Ich lebte zu der Zeit im Zimmer der befreundeten Dolmetscherin. Sie war für 12 Tage in Nordjapan mit westlichen Journalisten unterwegs, unter anderem auch in Fukushima. In der Zeit gab sie mir ihr Zimmer, das größte im Haus. Es war in allen Ecken dekoriert mit kritischen Kommentaren, feministischen Botschaften oder alternativen Plakaten.

Die Frage stand im Raum: Was mache ich nun mit dem Material? Es war nicht wenige Monate her, dass ich die Lektion lernen musste, nicht zu lange mit einer Geschichte zu warten. Sonst ist sie weg und ein anderer hat sie gemacht.

Ein Interview allein macht noch keine Geschichte. Das sagten mir auch die ersten Antworten der Redaktionen, die ich mit dem Material anschrieb. Mein Ziel war aber nun folgendes: Ich war noch einige Wochen in Tokyo. Die Redaktionen sollten das wissen, damit sie gegebenenfalls eine Anfrage stellen konnten. Ich wollte mich erstmal etablieren. Dazu brauchte es eine Publikation.

Die Webseite Asienspiegel war mir schon länger aufgefallen, mit guten, sorgfältigen Berichten über Japan. Ihnen schickte ich meinen Text. Vergütung gab es zwar keine, aber eine Veröffentlichung – und guten Kontakt zum Gründer von Asienspiegel, der bis heute hält. Auch wenn ich schamvollerweise bisher nur einen Beitrag dort veröffentlichte.
Japans Radioaktivisten war online. In den kommenden Wochen konnte ich den Link stets angeben, um mich als Journalist im aktuellen Japan vorzustellen.

Julia erwies sich auch als sehr wichtiger Kontakt für mich. Durch sie erhielt ich mehr Einblick in die Demonstrations-Szene in Tokyo. Ein Aspekt, der bislang kaum in den deutschen Medien auftauchte.
Bislang wurden die Japaner auch immer so passiv dargestellt, als Volk, dass sich blind und höflich seinem Schicksal ergibt. Diese jungen Leuten setzten sich jetzt aktiv für Japan ein und dachten laut über die Zukunft des Landes nach.
So traf ich Hajime Matsumoto.

Er hat quasi die moderne Demonstration in Japan erfunden, obwohl er seine Rolle stets höflich runterspielt. Über die Begegnung und das Gespräch mit ihm steht genaueres im Blogeintrag „Revolution im Regal„.

Was dort allerdings nicht steht, ist, wie das Interview zustande kam:
Meine befreundete Dolmetscherin war wieder zurück aus Fukushima. Ich zog aus ihrem gemütlichen Zimmer aus, in den ersten Stock, rechts von der Treppe. Ich beauftragte sie, das Interview mit Matsumoto zu organisieren und zu dolmetschen. Doch wie so oft verzettelte sie sich.
Sie hatte einen neuen Auftrag reinbekommen, um wieder nach Fukushima zu fahren. Diese Nacht. Ihre Rückkehr wäre erst nach meinem Abflug gewesen. Also sollte das Interview heute Nacht oder nie stattfinden. Ich wurde ungeduldig. Mit einer „es wird schon alles“-Attitüde klärte sie den Interviewtermin und wir fuhren mit dem Fahrrad zu Hajime Matsumoto. Sie fuhr voran, sie kannte seinen Laden schon. Trotzdem verirrten wir uns. Durch Zufall fanden wir ihn dann doch noch, in einem fleckigen Overall hinter der Theke. Meine Dolmetscherin musste in 90 Minuten ihren Bus nach Fukushima nehmen und vorher noch packen. Das heißt uns blieben 30 Minuten fürs Interview.
Es war zum Glück genug und als sie sich verabschiedete, machte ich schnell noch 2-3 Portraits. Aber nicht ohne auf deutsch leise über sie und die ganze Aufregung zu fluchen.

Jetzte fehlte nur noch eins: Der Besuch in Fukushima. Obwohl ich so systematisch gar nicht dachte, als ich in einem deutschen Blog über eine Hilfsorganisation gelesen hatte, die demnächst nach Nordjapan fährt. Ich wollte mir tatsächlich erst einmal selbst ein Bild vor Ort machen. Das daraus Artikel oder ein Buch folgen sollte, war nicht geplant.

Wie das vor Ort genau ablief, erzählt die Serie „Zwiebeln für Fukushima“ schon im Blog.

Die beliebte Insel
Die Insel Iwaishima hatte einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Sollte ich je wieder nach Japan gelangen, musste ich unbedingt wieder dorthin. Tatsächlich war die Insel, und das dortige journalistische Abenteuer, eine riesige Motivation für mich, in der Zeit nach Japan. Ich hatte damals einen Job in einem Vier-Sterne-Hotel angenommen, im Bankett-Bereich. Das war okay, aber sehr anstrengend. Beginn um 17 Uhr, Feierabend manchmal erst 3 Uhr nachts. Viel schleppen, viel putzen, viel höflich lächeln. Die Hierarchien waren klar gezogen, als Teilzeit-Aushilfe war ich auf der untersten Position. Wenn einer über mir mal nen schlechten Tag hatte, ließ er das gerne an denen unter ihm aus.
Ah und einmal hab ich im Winter bei Schneefall das Dach im Restaurant einziehen lassen. Es merkte zum Glück keiner. Warum die aber auch den Schalter für die Tür und den fürs Dach direkt nebeneinander packen müssen. Steht auf beiden „öffnen“ drauf…

Bei anstrengenden Nächten oder langweiligen Aufträgen sagte ich mir immer nur „Denk an die Insel“, „Du kannst zurück zur Insel“, „Die Insel… die Insel…“.

Zum Ende meines Sommers in Japan 2011 besuchte ich also endlich die Insel. Ich war aber nun nicht mehr der erste westliche Journalist. Seit Fukushima drängen Medienvertreter in Scharen auf die Insel. Auch die, denen der Protest der Insel in den letzten 30 Jahren scheissegal war.
Die Reaktion bei meiner Ankunft war nur „Oh? Du auch hier?“.

Die Reise zur Insel war eine sehr lange. Ich hatte diesmal keinen Nachtbus nach Hiroshima gebucht, sondern hatte ein spezielles Bahnticket.


unbearbeitet, Blick aus dem Zug

Zunächst fuhr ich von Tokyo nach Kyoto. Eine Fahrt von acht Stunden.
Ich fragte das erste Mädchen im Kimono, das ich sah, nach einer Übernachtunsmöglichkeit in der Nähe. Die war ganz irritiert von mir und rief erstmal eine Freundin an, wo denn das nächste Manga Kissa sei. Ein Internet-Café mit Schlafplatz. Hinterm Bahnhof, sagt sie, sei eins, da drei Straßen weiter.

Dort war man schon auf westliche Besucher eingestellt. Die einstudierten drei Phrasen auf Englisch wurden rausgekramt und gleich fehlerfrei rezitiert.
Die vielen Türen boten Platz für etwas weniger als hundert Zimmer, jedes nicht größer als zwei Quadratmeter. Aber dafür mit Internet und Tagesschau.

Nach einer Dusche im Internet-Café ging es weiter nach Hiroshima, das waren noch mal knapp sechs Stunden. Dort sollte ich am Abend auch die Freundin treffen, die schon im Jahr zuvor mit mir hier war.

In Hiroshima trafen wir uns dann wieder mit Tomoko, sie lud uns zum Essen ein. Sie bestand darauf, Okonomiyaki, eine Spezialität aus Hiroshima, mit „deutschen Würsten“ zu bestellen. Ich sollte einschätzen, ob die Würste wirklich so deutsch waren, wie angepriesen. Ja, sagte ich, es sind Würste. Das genügte ihr.

Früh am nächsten Morgen fuhren wir zum Hafen vor Iwaishima.

Seit Tagen hing schon der Regen überm Land. So auch heute. Diesmal erwischten wir die Fähre rechtzeitig und konnten von drinnen sehen, wie sich die grauen Wolken über der Seto-See formierten.

Aber wozu schreib ich das alles. Ich hatte vor zwei Jahren bereits ein kleines Video aufgenommen, mit den Eindrücken aus Iwaishima. Die Stimme ist zwar monoton, aber dafür gibt es Wellenrauschen:

Angekommen auf der Insel, es dürfte so gegen Mittag gewesen sein, hatte keiner Zeit für uns. Wir fanden auch keinen, der uns noch erkannte. Yamato, so hieß es, als wir nach ihm fragten, hatte den ganzen Morgen gearbeitet und macht jetzt ein Schläfchen. Am Nachmittag wäre er dann verfügbar. Bis dahin hatten wir nix zu tun und erklommen die Insel, bis zur höchsten Straße. Es war feucht und nieselte.

Als wir endlich komplett durchnässt waren, stiegen wir wieder hinab. Vorbei an der alten Schule, zum Fuß des Berges. Dort begegnet wir auch Kin-Chan, dem ehemaligen Kayak-Aktivisten. Er lächelte breit, als er uns sah. Zumindest er erkannte uns. Er lud uns in sein Haus ein. Ein altes Anwesen ohne Erben. Für 300 Yen die Nacht konnten wir hier bleiben. Ich legte die Kamera ab, nahm mir den Eimer im Bad mit kalten Wasser und „duschte“.

Der Hof des Hausen überwucherte. Keiner kümmerte sich mehr so richtig. Wozu auch. Was wächst, wächst.

An dieser Stelle mal eine Sammlung von Panoramen aus Iwaishima. Ich hatte zu dem Zeitpunkt gerade diese Funktion entdeckt und wendete sie wie verrückt an. Anders konnte man die Weitsicht und die See gar nicht einfangen.

Nach der Dusche wollte ich endlich anfangen zu arbeiten. Kin-Chan informierte uns über die aktuelle Lage. Seit Fukushima hatte sich einiges getan. Das Bauvorhaben wurde von der Regierung und der Firma gestoppt. Die Insel hatte ihren fast 30 jährigen Kampf gegen den Bau des Atomkraftwerks gewonnen. Doch nur zögerlich freute man sich. Schon oft wurde ein temporärer Baustopp verhängt. Erst wenn die Bauzäune um das Gelände verschwunden sind, feiert die Insel. Aber dann drei Tage lang, sagte man mir.

Während mir Kin-Chan all das erzählte, schaute ein alter Bekannter durch die Tür. Es war Masajuki, der andere Aktivist, den ich vor einem Jahr traf und mit Kin-Chan zusammen fotografierte. Auch er erkannte mich gleich. Er wollte aber nur noch Kin-Chan Tschüss sagen. Gleich kommt die Fähre Richtung Festland. Die nimmt er mit seiner Verlobten, einer weiteren Aktivistin. Er heiratet demnächst und verlässt die Insel. So wie alle anderen Aktivisten. Der Kampf ist vorbei, die Insel hat gewonnen. Es gibt keinen Grund mehr hier zu bleiben. Nur Kin-Chan wird die Insel nicht verlassen. Sie ist sein neues Zuhause geworden. Seine Mutter wohnt jetzt auch hier.

Auch Masajuki zeigte ich mein Buch über die Insel. Er war positiv überrascht, schenkte es aber keiner weiteren Beachtung. Diese Zeit in seinem Leben ist vorbei. Er würde zwar regelmäßig nach Iwaishima zurückkehren, und weiter gegen Atomstrom und Umweltsünden kämpfen. Aber dieses Kapitel seines Lebens hier ist abgeschlossen. Ein neues beginnt.

Nicht nur für ihn begann ein neues Leben. Nach Fukushima flüchteten fünf Familien nach Iwaishima. Eine ist geblieben. Sie wohnen nun in einem der höchsten Wohnhäuser auf Iwaishima. Wieder ein ehemals leeres Haus ohne Erben.

Diese junge Familie stammt aus Tokyo. Nach Fukushima wollten sie nur noch weg, aus Angst vor der Strahlung. Die Mutter ist Lehrerin, seit dem Studium schon ist sie skeptisch gegenüber atomarer Energie. Im März 2011 flüchteten sie zusammen nach Kobe, und dann im April noch weiter nach Westen, nach Iwaishima.

Der Vater war Fotograf, jetzt ist er Schweinefarmer auf der Insel. Welche Jobs eben gebraucht werden. Nach ihrer Ankunft machte er eine Art Inselpraktikum. Überall arbeitete er mal mit. Als Fischer auf dem Boot, als Bauer auf dem Reisfeld, als Plantagenarbeiter auf Yamatas Farm auf der Rückseite der Insel. Und nun eben Schweinefarmer. Er hat alles gemacht, was die Insel ernährt, sagt er.

Vor dem Interview holte er Bildbände von sich aus einem der vielen Umzugskisten. So ganz angekommen ist die Familie noch nicht. Als Fotograf ist er viel rumgekommen. Hat in Afrika in der Serengeti Geparden fotografiert oder westlich von Tokyo, auf dem Berg Takao, tagelang im Dickicht nach wilden Tieren gesucht. Und nun Schweinefarmer.
Vermisst er nicht die Fotografie, frage ich ihn. Doch schon, sagt er, aber für seine Familie gibt er es gerne auf.
Irgendwann würde er sicher gerne wieder reisen und fotografieren. Doch die Inselbewohner sind noch skeptisch, sagt er. Wer neu auf der Insel ist, muss bleiben. Anders respektieren einen die alteingesessenen Bewohner hier nicht oder nehmen sie in die Gesellschaft auf. Ein Umzug nach Iwaishima ist für immer.

Wenn die Kinder aus der Schule und auf der Uni sind, dann würde er gern wieder Reisen und Fotografieren. Das braucht noch 18 Jahre. Bis dahin: Schweinefarmer.

Wir wollten noch mehr Gespräche an diesem Tag führen, aber es hatte keiner Zeit für uns. Dazu regnete es wie verrückt. Wir suchten kurz Unterschlupf in einem der vielen offenen Häuser. Es war keiner da, den wir um Erlaubnis hätten Fragen können, also benutzte ich einfach so die Toilette im Haus.
Wir wollten noch etwas warten, bis der Regen nachlässt, da kam schon der Hausbesitzer rein. Er war allerdings nicht sonderlich verwundert, sondern machte uns gleich einen Tee.

Das Haus war so eine Art Seniorenzentrum und er der Betreuer. Er selbst stammte nicht von der Insel, war aber glücklich, hier zu sein. Auch die Senioren waren zufrieden mit ihm. Ein Zentrum für sie ist sicher willkommen. Denn wenn Iwaishima eins so reichlich hat, wie die Fische um die Insel, dann sind es Japaner über 60.
Von den Rentnern hatte er schon von mir gehört, dem deutschen Journalisten mit dem Buch über die Insel. Also ist es doch jemanden aufgefallen, freute ich mich in Richtung meiner Begleitung. Die blickte nur müde zurück.

Der Regen ließ nach und wir gingen Richtung Meer.

Meine Begleiterin war zunehmend frustriert. Mir ging es ähnlich, aber ich redete mir etwas anderes ein. Der Weg hierher war weit und teuer, meine Hoffnungen war groß. Und dennoch… Die Insel war nicht das, was ich erwartet hatte.
Während beim letzten Besuch noch die Sonne schien, war diesmal alles grau in grau. Wie passend.

Am Strand hielten wir kurz inne und überlegten, wie es weitergehen soll. Meine Begleiterin checkte online den Busfahrplan nach Tokyo. Sie hatte ihr Ticket schon, schließlich musste sie übermorgen arbeiten. Ich gab mir selbst noch zwei Tage auf der Insel. Doch jetzt kamen mir Zweifel. Ich wollte auch einen Bus buchen und die Insel verlassen. Doch es gab keinen mehr.
Resigniert gingen wir zurück.

Am nächsten Morgen gingen wir noch einmal kurz zusammen über die Insel

In den mittlerweile zahlreichen deutschen Berichten über Iwaishima war auch die Rede von einem kleinen Café auf der Insel, betrieben von einer Japanerin, die auch mal zwei Jahre in Deutschland lebte. Ein Café an sich war schon ungewöhnlich, schließlich konnten die knapp 360 Bewohner auch zuhause Kaffee kochen. Und die Wege zu den Wohnhäusern waren nicht weit. Trotzdem lief das Geschäft scheinbar. Das Café hat pro Tag allerdings nur drei Stunden geöffnet. Uns erwartete eine freundliche, aber geschlossene Tür.

Und damit war Iwaishima für meine Begleitung erledigt. Die Fähre kam und brachte Post, Wasser und andere Verpflegung für die Bewohner. Meine Freundin lächelte zum Abschied nicht und machte sich auf dem Weg Richtung Arbeit in Tokyo. Das sie zu diesem Zeitpunkt überaus verärgert war, erzählte sie mir erst, als ich wieder in Berlin war.

Ich war jetzt alleine. Ich konnte keine Interviews mehr machen ohne Übersetzerin. Der Farmer Yamato hatte auch keine Lust mehr dazu und meinte, bevor er sich wieder in den Futon legte, ich soll ihm ne Mail schreiben.
Ich tat es ihm gleich. Es war der erste (halbe) freie Tag seit meiner Landung vor 30 Tagen und ich war einfach nur noch müde.

Am Abend kam dann noch ein Student aus Kyoto, der ganz angetan war von meiner Arbeit. Er befragte mich dann anschließend, wo man denn in Europa günstig Drogen bekommen kann. Meine Antwort „überall“ hat ihn ganz begeistert.

Wie im Video bereits erwähnt, kam in der selben Nacht auch der Regisseur eines Dokumentarfilms über die Insel an. Man schmiss eine Party mit Saufgelage für ihn. Ich war nicht eingeladen und wusste erst nichts davon.
Ein älterer Herr, der verantworlich für das Haus von Kin-Chan war, in dem ich jetzt übernachtete, brachte den betrunkenen Studenten aus Kyoto zu mir. Dieser lallte noch, wie toll er meine Arbeit findet, dann schlief er ein. Der ältere Herr meinte, ich soll mal ein Auge auf den Studenten haben. Er wurde dann ganz nachdenklich und meinte, wie dankbar er ist, dass ich hier bin. Aber ich bin doch nur einer von vielen, sagte ich. Trotzdem. Ich sei einer von wenigen Journalisten, die wieder kommen. Er selbst habe früher auf dem Festland in einem Atomkraftwerk gearbeitet, für die gleiche Firma, die vor der Insel eines bauen wollte. Er hat gesehen, wie viele Sicherheitsmängel und Misswirtschaft es gibt. Deswegen hat er dort auch aufgehört. Jetzt ist er hier auf der Insel Fischer und Elektriker.

Am nächsten Morgen nahm ich zusammen mit Kin-Chan die Fähre Richtung Hiroshima. Auch er wollte am Abend mit dem Bus nach Tokyo. Dort gab es wieder eine Demo.

Ich machte noch ein Foto von meinem Buch vor dem Motiv des Covers, bevor ich mit Kin-Chan essen ging.

Wir wollten wieder Okonomiyaki essen, aber für verträgliche Preise. In einer Restaurant-Etage im Bahnhof standen wir dann vor zwei Läden. Links war das Haus voll und drei ältere Damen standen hinter der Theke, während die vierte servierte. Rechts war so gut wie leer, dafür lockten drei attraktive Mädchen vor dem Laden. Wir entschieden uns für den Laden links. Und es gab keinen Grund zur Reue.
Ich fragte die etwas ältere Kellnerin, warum der Laden neben ihnen denn so leer ist. Tja, sagte sie, und gab sich Mühe höflich zu bleiben. Wir sollten mal ihr Essen probieren, dann würden wir schon wissen wieso.

Wir hatten noch eine Stunde, eh unser Bus kommen sollte. In einem Manga-Geschäft schlugen wir die Zeit tot und sprachen über unsere Favoriten. Kin-Chan hatte eine klare Präferenz, was Manga anging. Immer war es der Kampf Gut gegen Böse, von einem kleinen, unterschätzten Held gegen einen großen Bösewicht. Mir schien, Kin-Chan sah sein Leben auch wie einen Manga. Auf der Insel Iwaishima kämpfte er als kleiner Held im Kayak gegen den großen bösen Konzern. Die Grenzen waren klar gezogen. Und wie im Manga triumphierte er, der Held, gegen den Konzern.
Bevor ich ihn dazu befragen konnte, kam auch schon mein Nachtbus. Ich hätte ihn verpasst, hätte Kin-Chan mich nicht drauf hingewiesen. Zum Abschied grinste er so breit, wie den ganzen Tag schon.

In Tokyo angekommen hatte ich weniger als 24 Stunden, bevor mein Flieger wieder nach Berlin gehen würde. Von der Insel bis nach Europa war ein weiter, und dennoch irgendwie kurzer Weg.

Wie ein Buch entsteht

Mit dem ganzen Material aus Tokyo, Fukushima und Iwaishima landete ich nun in Berlin. Daraus ein Buch zu machen, stand eigentlich nicht auf meinem Plan. Ich wollte es lieber als eine oder mehrere Reportage irgendwo veröffentlichen. Doch jedes Mal, wenn ich mich ans Schreiben setzte, uferten die Texte aus. Ich hatte schlichtweg zu viel Material. Wenn ich von der Protestbewegung in Tokyo schrieb, wollte ich noch Iwaishima und Julia Leser mit ihrem Dokumentarfilm ergänzen. Bei der Geschichte von der jungen Familie auf der Insel, erschien mir die Reportage nicht komplett, ohne die Historie von fast 30 Jahren Widerstand.

Statt vieler kleiner Geschichten, ergab sich stets nur eine große. Denn alles hing irgendwie zusammen. Um Japan nach Fukushima verstehen zu können, brauchte es vieler kleiner Geschichten und Szenen – anstatt einem einzigen Artikel, der das Land nur auf Strahlen reduziert. Mein Blick war weiter, als der meisten Journalisten, die kurz in das Land reisten und meinten, das würde schon reichen, um alles hintergründig und verständlich zu erzählen. Aber das machte es nicht unbedingt einfacher.

Nebenbei begann ich mein Studium in Hannover und Japan rückte immer mehr in die Ferne.

Ich konnte mich dann schlussendlich auf einen Text über die Protestbewegung einigen, fasste alles auf einer Seite zusammen und schickte es an die Redaktionen. Die Idee war, pünktlich zur nächsten großen Demo in Japan einen hintergründigen Text zu platzieren. Als wäre ich dabei gewesen.
Doch die Redaktionen hielten mich hin. Wir melden uns noch, hieß es. Die Zeit verging, die Demonstration marschierte durch Tokyo und war wieder weg. Und irgendwann war wieder fast ein Jahr vergangen. Meine Recherche war zu alt, wieder hatte ich zu lang gewartet. Wenngleich diesmal auch weniger freiwillig.

Schreiben, Schreiben, Schreiben
Der Verlag, der schon mein Hiroshima-Buch rausbrachte, drängte mich, auch etwas über Fukushima zu machen. Doch ich zögerte. Ich war unzufrieden, wie das mit dem ersten Buch lief. Schlussendlich sagte ich dann zu, weil ich mein Material publizieren wollte. Ich wollte einfach diese Geschichten erzählen.
Das Fukushima-Buch sollte quasi der 2. Teil sein zu Hiroshima, und zeigen, wie Japan sich verändert hatte, zwischen den beiden Büchern.

Die konstant schlechte Berichterstattung über Japan in Deutschland war ein weiterer Punkt. Von Auslandskorrespondenten, die kein Wort Japanisch konnten. Über einseitige Falschmeldungen, die nie groß revidiert wurden. Bis zu einem allgemein schlechten Bild von Japan in Deutschland, das bis heute nachhallt.
Diese ganzen schlechten, schädigenden Berichte haben mich so aufgeregt, dass ich sie in einem Buch hätte zusammen fassen können. Und das hab ich dann auch.

Ich konnte aber nur in den Semesterferien daran arbeiten. Weihnachten fing ich an. Ich weiß noch, wie ich Silvester um 22 Uhr eine zehnseitige Reportage über TEPCO gelesen hatte, um fürs Buch zu recherchieren. Sonst hatte ich auch keine Zeit. Es war auch bezeichnend für ein anstrengendes, arbeitsintensives und produktives Jahr, was folgen sollte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich auch schon einen Vertrag für ein neues Buch bei einem anderen Verlag unterzeichnet. Abgabe vom Manuskript war im Juni. Wenn ich Fukushima noch fertig machen wollte, musste es jetzt sein.

Im Januar konnte ich nicht schreiben, die Uni drängte mit Abgabefristen. Erst in den Semesterferien im Februar in Berlin konnte ich weiter machen.

Ich kann zuhause nicht schreiben. Zu viel lenkt ab. Um nun Fukushima fertig zu stellen, ging ich jeden Tag in die Staats- und Landesbibliothek Berlin. Von mir zuhause laufe ich da ungefähr 30 Minuten hin. Bevor ich mich auf den Weg machte, las ich stets meine Recherchen durch. Auf dem Weg ging ich sie im Kopf noch mal durch, sammelte Eindrücke und Erinnerungen zusammen. Als ich in dann in der Bibliothek ankam, war mein Kopf in Japan. Die Erinnerungen waren lebendig, die Recherche bunt und nah vor meinen Augen. In knapp sechs Tagen schrieb ich alles zusammen, pro Tag fünf bis sieben Stunden. Ziel war eine Veröffentlichung im März, ein Jahr nach der Katastrophe.

Abschließend
Da ich ja nun als „Japan-Futzi“ gelte, bekomme ich von Freunden, Kollegen, Bekannten und Verwandten bis heute regelmäßig Infos, Artikel oder Beiträge zugeschickt zu Fukushima. Doch ich bin es leid. Für das Buch habe ich alles zu Fukushima gelesen, was es zu lesen gibt. Die meisten Berichte erzählen auch nichts neues mehr, viele fokussieren sich nur auf die Zeit nach dem 11. März 2011. Ich war vor Ort. Ich habe viele Gespräche geführt. Und ich habe alles dazu aufgeschrieben, was ich dazu zu sagen haben.
Fukushima ist für mich abgeschlossen.

Anfangs hatte ich zu wenig Material für das Buch. Dann zu viel. Und dann ging zwischen durch etwas verloren. Das Buch verzögerte sich, die Veröffentlichung wurde auf Oktober 2012 gesetzt, anderthalb Jahre nach der Katastrophe. Bis dahin hatte ich schon ein anderes Buch fertig gestellt. Doch dazu mehr im nächsten Teil.

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Meine Bücher

Buch I – „No more Hiroshima“:
Meine wichtigste Geschichte (1. Teil / 2. Teil)
Buch II – Fukushima? War da mal was?:
Mein Fukushima
Buch III – Japan 151:
Mein Japan

Shop: Bücher, auf denen mein Name steht

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt

Posted in Gedanken, Unikram, Video by fritz on 19. April 2013

Oder: Wie ich drei Mädchen zum Weinen brachte.

Knapp 1.800 Fotos im Schnelldurchlauf. Und das waren nicht mal alle, die wir machten.

Ich bin mittlerweile im 4. Semester Fotojournalismus in Hannover. Allzu viele Fotos mache ich aber zur Zeit nicht. Vor dieser Aktion im Studio habe ich die Kamera seit Februar nicht mehr angefasst.

Im Keller der Uni haben wir ein eigenes Fotostudio, das sich über zwei Etagen erstreckt und mit vielen teuren Sachen ausgestattet ist. Die Benutzung und Reservierung ist daher immer so eine Sache.
Für ein Seminar sollten wir nun als Gruppe sechs Portraits fotografieren und zwei Stillleben inszenieren. Darunter: ein Wasserglas.

Mich nervt Studio. Für das Wasserglas haben wir insgesamt vier Stunden gebraucht, bis das Licht perfekt saß. Jede Reflektion, jeder Schimmer, jeder Kontrast muss sitzen. Viel Geschiebe und Fummelei. Und einmal kurz daneben greifen, schon kann man wieder von vorne anfangen.

Bei vier Fotografen in einem Studio weiß es jeder immer besser. Mich eingeschlossen.
Das alles nicht ganz reibungslos ablief, ist klar. Aber wir hatten nun mal nur zwei Tage in diesem Semester zugeteilt, in denen wir alles erledigen mussten. Es ging nicht anders.

Die Portraits waren da ein ganz großer Aufreger. Zwei Tage vorm Shooting hatten wir noch niemanden gefunden. Zum Termin kamen dann sogar neun Leute, drei mehr als wir eigentlich brauchten. Wir fotografierten alle schnell im Akkord durch und zählten gar nicht mit. Das es am Ende ganze neun waren, merkten wir erst zum Schluss. Und wir spürten es auch. Neun Leute in fünf Stunden ohne Pause durchfotografieren ist anstrengend.

Die Idee war, am Ende ein Mosaik der Emotionen und Gesichtsausdrücke zu haben. Wir hatten uns acht Gefühle bzw. Zustände notiert, und sind die mit jedem mal durchgegangen. Dazu hatten wir uns extra Schauspielstudenten von der Uni gegenüber bestellt. Schauspieler brauchen eh immer Fotos, also fanden sich schnell viele.

Bevor ich ja mit der Fotografie anfing, drehte ich Filme. Die Arbeit mit Schauspielern und die Regie lag mir also nicht fern. Es hat auch echt Spaß gemacht, weil unsere Modelle talentiert waren und viel Energie in unsere Fotos investierten. Es wurde gebrüllt, geschrien, gelacht. Und drei von ihnen konnten sogar auf Kommando weinen. Einigen brauchte ich nur das Gefühl zu nennen, und sie konnten es spielen. Andere brauchten eine konkrete Situation oder mit dem richtigen Gespür einen kleinen Schubser in die richtige Richtung.
Einem Mädchen sagte ich, dass sie Krebs hat – und die Tränen rollten.
(Das tat mir dann anschließend aber auch selbst weh, dass ich ihr das so ins Gesicht sagte.)

Als Kind habe ich viel geschauspielert. Die Fähigkeiten, die ich dabei erlernt hatte, nutze ich heute noch. Eine aus meiner Gruppe meinte am Ende des Tages auch, dass ich heute ohne Probleme auch vor die Kamera gekonnt hätte.

Jetzt ist wieder Fotopause bis Juni. Und das langweilt mich. In diesem Semester, wie im letzten schon, liegt der Fokus auf der Theorie, nicht auf der Praxis. Das ist zwar auch sinnvoll, ödet mich aber eher an. Ich bin lieber unterwegs und mach eine Geschichte, statt in einem Raum zu sitzen und mir was von der Welt erzählen zu lassen. Auch wenn natürlich Wissen zur rechtlichen Situation, foto-wirtschaftlichen Mechanismen und Details aus der Verlagswelt nützlich sind.

Ich bin nicht der einzige, der zur Zeit nix zu fotografieren hat und mit Neid in das 2. Semester schielt. Dort muss alle zwei Wochen eine neue Reportage entstanden sein. Angenehmer Druck, oh wie er mir fehlt. Er verfeinert auch Geschichten. Er gibt ne Richtung vor.
So geht jetzt die Energie in jede Richtung und kommt nirgends an.

Hier gab ich Anweisungen bei den Schauspielern und fotografierte nur das Wasserglas – wobei man da, wenn alles gestellt ist, nur gelangweilt den Knopf drücken braucht. Es ist alles so klinisch, mechanisch.

Es gibt nur noch zwei Kurse, für die ich in diesem Semester Fotos machen muss. Für beide bin ich da erst im Sommer unterwegs. Das heißt, bis Juni bleibt die Kamera unangetastet – sofern mir nix einfällt.

Ich glaub Rachels Gesicht bei 02:47 beschreibt da mein momentanes Gefühl ganz gut.

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