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Ohne Brüste und Budget zu einer halben Million Klicks

Posted in journalistische abenteuer, schon merkwürdig by fritz on 23. November 2014

Im November 2013 fotografierte ich eine Geschichte. Im April 2014 stellte ich sie online. Im November 2014 hat das Video eine halbe Million Aufrufe – und im Japanischen Fernsehen war ich damit auch.


Eine Zusammenstellung einiger Webseiten, die das Video teilten. Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, um die 50-100 werden es aber vielleicht schon sein.

Hintergrund: Die Geschichte, um die es geht & Making-Of & Schnitt

23. April 2014

Nach mehr als einem Monat im Schnitt geht die Geschichte „Im Tal der Puppen“ auf Asienspiel.ch online. Ich hatte sie zuvor allen großen Redaktionen angeboten, aber es gab keine Antwort. Nur der Stern hatte sich gemeldet: Schöne Geschichte, passt aber leider nicht.

Ich musste es unbedingt bis Ende April fertig haben, denn ich wollte den Beitrag bei einem Wettbewerb einreichen, dessen Deadline sieben Tage später angesetzt war.

26. April 2014

Bereits drei Tage nach dem Upload stand die englische Version vom Video bei mehr als 10.000 Klicks. Vimeo wählte es zum Video des Tages.

Mai 2014

Zwei Wochen später waren es bereits 150.000 Klicks. Die deutsche Version vom Video war weit unter 1.000. Ich bekam nun die erste Anfrage von Medien weltweit, die meisten aus dem angelsächsischen Raum. Nur die deutschen Redaktionen hielten sich zurück.
Mich schrieb auch eine ungarische Drehbuch-Autorin an, die auf Basis meiner Geschichte gerne einen Kurzfilm machen würde.

Mit Bloomberg Media gab es nun auch schon den ersten Nachahmer, der die Geschichte und teilweise ganze Einstellungen kopierte.

Juni 2014

Es gab weitere Anfragen von Medien und die erste Verkäufe der Geschichte. Auch der Stern meldete sich nun wieder. Sie haben die Geschichte irgendwo online gesehen und wollten nun eventuell eine Doppelseite bringen. Wurde aber leider nichts draus, ich hatte nicht das passende Motiv.

Nun meldete sich auch die japanische Presse bei mir und es kam zum ersten Beitrag im japanischen Fernsehen.

Redakteur war ein unruhiger Japaner Ende 30 mit rot gefärbten Haaren

Asahi-TV wurde auf mich aufmerksam durch zwei Beiträge in der Asahi-Zeitung, Tokyo und Osaka-Edition. Ohne mein Foto, da das Interview per Mail geführt wurde.


Den Beitrag übersetzten sie dann auch für die chinesische Ausgabe der Asahi

Juli 2014

Das zweite Interview fürs japanische Fernsehen. Wieder Asahi-TV, aber eine andere Redaktion. Wie schon beim ersten Gespräch machen wir das Interview in meinem Arbeitsraum an der Uni.

Der Redakteur war diesmal nicht dabei, sondern nur der Kameramann – ehemaliger Rugby-Spieler aus Tokyo.

Mittlerweile hatte sich an der Uni in Hiroshima herumgesprochen, dass ständig über diesen Ausländer berichtet wird. Eines Morgens sagte die Kassiererin im Uni-Kiosk zu mir „Ich hab dich gestern im Fernsehen gesehen!“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, und antwortete nur „Tut mir leid…“

Die ganze Aufmerksamkeit der japanischen Presse hatte vier Gründe.

1. Ayano Tsukimi, der Puppenfrau, schickte ich im Mai die DVD und ein paar Drucke der Fotos. Sie war wohl so begeistert von mir und dem Film, dass sie jeder Redaktion, die sie nach meinem Video besuchte, meine Kontaktdaten gab und meinte „trefft euch mal mit dem!“ So haben mich viele der Journalisten erst erreicht.

2. Mein Video, welches zu dem Zeitpunkt bei knapp 350.000 Aufrufen stand, ist weltweit abgegangen und sorgte für einen wahren Boom des Tourismus in der Region. Vor allem Ausländer tauchten jetzt im „Tal der Puppen“ auf. Das lokale Tourismus-Büro (vor dem ich damals parkte) stellte sich auf die Fremden und das Video ein. Ein Redakteur berichtet, dass die Taxifahrer im Tal mir besonders dankbar sind für den nun erhöhten Umsatz. Obwohl die Geschichte der Puppen nicht neu war – die Entwicklung mit den vielen ausländischen Touristen war eine Meldung wert.

3. Dann natürlich der Exotenbonus – ein blonder Austauschstudent macht eine Geschichte aus Japan. Eine Zeitung schrieb, dass die Puppen „durch einen deutschen Studenten nun in der ganzen Welt bekannt sind“, was ich für etwas übertrieben hielt.

4. Und Schlussendlich war ich auch einfach der erste, der die Geschichte brachte. Also der erste westliche Journalist. Denn die Japaner waren vor 5 Jahren bereits da, und Taiwan vor 2 Jahren. Ich hatte nur gerade Glück mit dem Timing. Die Redaktionen wollten die Geschichte bringen, und haben mich aus Respekt und Höflichkeit (und sicher auch kuriosen Interesse) in jeden Bericht über die Puppen mit eingebunden.

Es gibt in Japan drei Zeitungen, die im ganzen Land erscheinen. Das ist die Yomiuri, die Mainichi und die Asahi. Alle drei haben mich interviewt. Nur die Yomiuri hat mich dann rausgekürzt. Aber das Interview mit denen war auch das furchtbarste von allen. Es ging zwei Stunden und die unsichere Dame hatte keinen Übersetzer organisieren können. Englisch konnte sie natürlich nicht. Das Gespräch zog sich also, weil ich ab und an mal ein Wort nachschauen musste. Mittendrin schweifte sie dann immer wieder ab und erzählte mir zum Beispiel von den Volksfesten in ihrer Heimat. Ich fragte sie direkt „okay, aber was hat das jetzt mit dem Interview zu tun?“ Die Antwort: „Ach, eigentlich nichts.“
Am Ende fragte ich sie noch, ob das nun ihr erstes Interview mit einem Ausländer war. Sie sagte kleinlaut „Ja….“

August 2014

Nun kam die letzte Anfrage für ein Interview, diesmal von Fuji TV. Ich hatte eigentlich keine Lust mehr, also diktierte ich meine Bedingungen. Ich war nämlich ziemlich voll mit Terminen für die nächste Geschichte und musste viel Material drehen. Meine Bedingungen waren also: ihr kommt zu mir, und nicht ich zu euch und ihr stellt nen Übersetzer.

Ich hatte damals auf ner Insel gedreht. Sie kamen tatsächlich auch zur Küste und brachten einen Übersetzer aus Hiroshima mit.

12 Uhr mittags, 34°C, ein 45 Minuten Interview unter der prallen Sonne. Ich holte mir einen fürchterlichen Sonnenbrand in einem Gespräch, das dann nicht gesendet wurde. Das ganze sollte nämlich für eine dieser japanischen Gameshows gemacht werden, der Name „それマジ!!??“ („sore maji!!??“)
Es war einer dieser Shows, die man schnell produziert, mit den üblichen 12 Comedians besetzt und dann wieder verschwinden lässt. Konzept war: Die Comedians bekommen Aussagen über eine kuriose Geschichte vorgesetzt und müssen raten, um was es geht. Die Übersetzerin habe ich im Interview eigentlich nicht gebraucht, die Sätze waren simpel genug.

Mein Beitrag wurde dann rausgeschnitten – weil ich die Spielchen der Redakteurin nicht mitmachen wollte. Die sagten mir nämlich vor, wie ich meine Sätze zu formulieren haben und was ich sagen sollte. Das hab ich konsequent nicht gemacht. Ich sollte nämlich unter anderem sagen: „Das Dorf ist voll gruselig“ und so empfand ich einfach nicht.

September 2014

Nun kam die bisher letzte Anfrage vom japanischen Fernsehen, diesmal NHK (die japanische ARD). Die hätten sogar die Möglichkeit gehabt, ihr Büro in Berlin zu verständigen, aber zu einem Interview kam es nicht. Weil sie mir aber „so viele Umstände bereitet haben“ und ich dann doch nicht auf Sendung war, gaben sie mir etwas Geld. Nett.

Am 25. September kam dann die Email: Ich habe bei dem Wettbewerb, bei dem ich die Geschichte Ende April einreichte, den 1. Platz gemacht.

Der Tag war abwechslungsreich.

Um 10 Uhr begann das erste Seminar von diesem Semester. Am Tag zuvor war ich nach über einem Jahr wieder nach Hannover zurückgekehrt.
Um 11 Uhr kam die Email vom Wettbewerb. „Herzlichen Glückwunsch, du hast gewonnen! Aber bitte bewahre noch Stillschweigen bis zur Presseerklärung.“
Um 12 Uhr wurden meine Fotos aus Japan an Wand projiziert, u.a. auch die Puppen. Der Dozent fand die Fotos Scheisse. Er hatte noch mehr Worte für meine Geschichten aus Japan übrig, keines davon war positiv. Er hatte nur eine Lektion aus meiner Arbeit, die er den Kommilitonen sagte „Macht keine großen Geschichten!“
Um 12.30 Uhr eine automatisierte Email vom Wettbewerb: „Danke für deinen Beitrag, leider hat es nicht geklappt.“
Um 13 Uhr, ich saß immer noch im Kurs, ging die Pressemeldung online. Auf Twitter hagelte es Glückwünsche. Ich bewahrte mein Pokerface und sagte in der Uni nichts.

Um 21 Uhr von diesem ereignisreichen Donnerstag traf ich ein Mädchen zum Sushi. Sie suchte das Lokal aus. Ich begrüßte die Angestellten auf Japanisch, doch es kam keine Reaktion. Als sie sich später unterhielten und ich das Sushi schmeckte, merkte ich auch, dass hier Thailänder das Lokal führen.
Dem Mädchen erzählte ich nichts vom Preis. Ich wollte nicht angeben. Außerdem sind Mädchen ja meist eher mit ihren Sachen beschäftigt, da wollte ich nicht unterbrechen.

Medien, welche die Geschichte von mir kauften:

– Pro7 (Redaktion Galileo)
– Rheinpfalz am Sonntag
– La Repubblica (Italien)
– Art Investor
– travelbook.de
– ein französisches Magazin, deren Name ich vergessen habe (die haben bis heute eh noch nicht bezahlt)

Ich möchte noch einmal betonen:
Keiner dieser Redaktionen habe ich die Geschichte angeboten. Alle haben mich angeschrieben, weil sie die Geschichte irgendwo gesehen haben.

Pro 7 zahlte mit Abstand am meisten und pünktlichsten. Die Italiener ließen sich am meisten Zeit.

Filmfeste

Es haben mich fünf Filmfeste angeschrieben, vier davon sagte ich zu. „Im Tal der Puppen“ lief bzw. läuft noch auf Filmfesten in London, New York, Italien und den USA. Auch hier gilt: Ich habe den Film nirgendwo eingereicht, die Feste kamen auf mich zu.

Medien, welche die Geschichte zwar haben, aber nichts dafür zahlen wollten:

– BBC
– Vanity Fair
– Australisches Magazin übers Stricken
– Voice of America

Die BBC und Voice of America waren am hartnäckigsten. Erst als sie mich zum vierten Mal per Email und zusätzlich noch per Facebook und Twitter kontaktierten, sagte ich ab.

Ergänzend möchte ich auch die Daily Mail und The Sun aus Großbritannien erwähnen. Die wollten zwar zahlen, aber da wollte ich die Geschichte und meine Arbeit nicht sehen. Es gab noch diverse andere Medien, die ohne was zu zahlen meine Arbeit zeigen wollten, aber die meisten davon sind hier relativ unbekannt. Ich habe keine komplette Liste geführt, aber insgesamt waren es wohl so 30-40 Medien, die mich anfragten.

Medien, welche nichts dafür zahlen wollten, ich aber trotzdem zusagte

– Discovery Channel
– The Atlantic

Beides war im Mai, also kurz nach Upload. Weil ich zu dem Zeitpunkt nur Absagen von deutschen Redaktionen bekam, nahm ich das nächstbeste zu einer Bezahlung: Aufmerksamkeit. The Atlantic habe ich es auch gestattet, weil sie mit In Focus eine großartige fotojournalistische Arbeit machen.

Nach dem Vimeo Staff Pick, aber auch vorher schon, haben sehr, sehr viele Blogs und Webseiten die Geschichte aufgenommen. Sie teilten das Video oder zeigten Screenshots oder einzelne Fotos. Nie hatte mich einer vorher um Erlaubnis gefragt, aber ich ließ das mal laufen. Ich wollte sehen, wie weit das Video es aus eigener Kraft schafft, ohne dass ich es anschieben muss.

Ich ahnte von Beginn an, dass die Geschichte abgehen wird. Wie sehr, das war mir bis zum Schluss nicht klar.

Mein Problem zu Beginn war, dass ich als junger Journalist keinen direkten Kontakt zu den Redaktionen hatte, denen ich es anbot. Ich hatte keine Vertriebsnetzwerk.
Durch die Verbreitung im Netz erhielt ich aber Angebote von Adressen, an die ich niemals dachte. Das Internet wurde mein Vertriebsnetzwerk.

Aber es hat natürlich auch Schattenseiten. Googelt man jetzt „Nagoro“ so sind 90% der Bilder von mir. Wie gesagt, meist veröffentlicht ohne meine Erlaubnis. Wenn das irgendein Blog oder kleine Webseite macht – was solls. Es ist der Preis, den ich für die Verbreitung zahle.

Allerdings hat sich auch die Vanity Fair Italien bedient. Sie haben eine 16-teilige Foto-Klickstrecke mit meinen Fotos gebastelt – ohne meine Erlaubnis.
Ich suche regelmäßig online nach der Geschichte, um zu sehen, wo sie überall auftaucht. So habe ich zum Beispiel auch herausgefunden, dass ein amerikanischer Autor angefangen hat, eine Horror-Geschichte zu schreiben, inspiriert vom Video. Meinen Charakter, den Filmemacher, hat er gegen eine lesbische Filmstudentin und ihre Latino-Partnerin ausgetauscht. Hab ich persönlich absolut null Probleme mit.

Bei der Suche schaue ich aber nur nach deutschen oder englischen Begriffen. Deswegen habe ich drei Monate lang nicht gesehen, dass die italienische Vanity Fair meine Bilder klaute.
Wie gesagt, wenn irgendein privater Blog das macht, ist mir das egal. Wenn aber die Vanity Fair, die zu Condé Nast gehört – einem der größten Verlage der Welt – dann stört mich das schon sehr. Ich habe mir deswegen auch inzwischen schon einen Anwalt gesucht und schiebe jetzt ein Verfahren an.

Ein Redakteur von Asahi TV erzählte mir kurz vor dem Interview, dass er am Tag zuvor im Tal bei den Puppen war. Dort habe er ein deutsches Fernsehteam gesehen. Die Information machte mich stutzig. Im fertigen Beitrag sah ich dann auch das Team und fragte auf Twitter die Redaktion vom Weltspiegel und zum Schluss den (inzwischen ehemaligen) Tokyo-Korrespondenten der ARD. Die bestätigten mir, dass sie in der Tat dort drehten. Das ganze passierte knapp zwei Monate nachdem ich die Geschichte hochgeladen hatte. Ich fragte also „Na, wie seid ihr denn drauf gekommen?“ und hatte schon eine gewisse Ahnung…
Aber nein, hieß es, es sei nur Zufall, dass ich die Geschichte kurz vorher machte… Nunja, sei es drum. Ich fands trotzdem schade. Ich hätte mich über einen Kontakt unter Kollegen gefreut, vielleicht hätte ich ja weiterhelfen können.

Der fertige Beitrag beim NDR.


Foto: Fredrik von Erichsen/dpa

Die Preisverleihung

Am 6.11. war dann in Frankfurt am Main die Preisverleihung vom dpa-Newstalent 2014, wo ich mit der Geschichte den ersten Platz belegte. Dem vorher gingen bereits mehrere Pressemeldungen und auch ein Beitrag in der hannoverschen Lokalpresse.

Beim Einchecken im Hotel sah ich schon die anderen Preisträger in der Lobby. Die eine erkannte mich schon. „Du bist Fritz Schumann, richtig? Ich kenn dich von Twitter!“ Im Verlauf des Tages sollten noch mehr Menschen auf mich zukommen, die meinen Namen kannten, auch wenn ich die Personen noch nie zuvor sah. Ein merkwürdiges Gefühl.

Als ich beim Einchecken dem Hotel meinen Namen nannte, schaute mich ein Herr im Anzug von gegenüber an. „Sie sind Fritz Schumann, richtig? Ich bin Chefredakteur der dpa, ich halte nachher die Laudatio auf sie. Ich habe mir extra Ihren Beitrag ausgesucht, weil er mich so beeindruckt hat.“
Ich konnte nur Danke sage und wusste sonst nicht, was ein so erfahrener und erfolgreicher Journalist mit mir will. Ich ging aufs Klo.

Die Preisverleihung fand im Rahmen der Jugendmedientage 2014 statt, eine Veranstaltung der Jugendpresse Deutschland. Ich war dort früher auch aktiv, bis ich das erste Mal nach Japan flog. Keiner, den ich noch kannte, war mehr dabei. Nur neue Gesichter.

Unser Platz in der zweiten Reihe war reserviert, wir sollten zum Schluss auf die Bühne kommen. Es gab viele Reden und viel Langeweile. Lustig war nur der Aufritt der ehemaligen Redaktionsleiterin der taz, die einen kleinen Kommentar gegen die Presse von Springer so im Nebensatz äußerte. Ich sah in dem Moment in die Reihe hinter mir. Dort saßen Vertreter der Axel-Springer-Akademie, welche die Veranstaltung mitorganisierten. Der halbe Saal feixte, ihre Mienen blieben ernst. Ich lachte.
Tatsächlich wurde ich immer nervöser. Neben mir saß der 2. Platz, die mit Sekt gegen die Aufregung kämpfte und unruhig ihrem Auftritt entgegen sah. Als sie fertig war, grinste sie mich nur breit an. Denn ich war der nächste.


Laudatio… waaahh…

Im Zeitplan, der uns am Abend zuvor per Mail erreichte, stand der genaue Ablauf drin. Nur zwei Minuten hatten wir nach der Laudatio auf der Bühne Zeit für Fragen. Dabei hätte ich viel zu sagen gehabt.

Im Publikum saßen 500 angehende Journalisten, die mich schon während meines Auftritts auf Twitter zitierten. Neben mir der Chef der größten Nachrichtenagentur Deutschlands. Und hinter mir mein eigener Kopf, überlebensgroß projiziert.


Foto: Zeno F. Pensky

Ich vermeide ja jede große Ansammlung von Journalisten wo es nur geht. Viele leere Gespräche über diese „Zukunft des Journalismus“ und die Branche. Dabei findet der Journalismus draußen statt. Nicht drinnen, bei einer Nabelbeschau. Die Frage nach der Zukunft des Journalismus stellt sich mir schon lange nicht mehr. Wir vergeuden so viel Zeit damit, darüber zu reden und Theorien anzustellen, anstatt rauszugehen und zu recherchieren.

(Die Gespräche mit der dpa und den anderen Preisträgern bis 1 Uhr nachts waren dann aber doch ganz spannend.)

Journalismus ist schon komisch manchmal. Ein Jahr zuvor bin ich ins Tal gefahren, um eine Geschichte zu finden. Ein Jahr später stehe ich wegen exakt dieser Geschichte auf einer Bühne und rede zu einem großen Saal der mir am Ende auch noch applaudiert.


Eine Freundin von mir aus Japan nennt das immer das „fritz-face“

Und nach einem halben Jahr online, zwei Tage nach der Preisverleihung war es endlich geschafft:

Die deutsche Version vom Video schaffte es über die 1.000 Aufrufe!

Making of: Im Tal der Puppen

Posted in journalistische abenteuer, making of, Reis und Reisen, Video by fritz on 15. November 2014

Im November 2013 brach ich auf, ins Tal der Puppen. Im April 2014 veröffentlichte ich die Geschichte. Und im November 2014 erhielt ich in Frankfurt einen großen Preis dafür. Zeit für die Geschichte hinter der Geschichte

Achtung: Wer das Video bis jetzt immer noch nicht gesehen hat, sollte das jetzt tun – „Im Tal der Puppen“ auf Vimeo

Die häufigste Frage, die mir zu der Geschichte gestellt wurde: Wie hast du das gefunden?
Die Antwort ist tatsächlich relativ unspektakulär. Seit meiner Zeit in Tokyo 2009-2010 verfolge ich Webseiten, Blogs, und Twitter zu Japan. Taucht da was interessantes auf, kommt es in eine Liste von „Geschichten, die man mal machen kann“. So fand ich 2010 einen Blogeintrag zu dem Dorf der Puppen. Der Eintrag auf Englisch wurde veröffentlicht im Blog der Tokyo Times, das Original gibt es nicht mehr, aber hier ist eine Kopie.
Lange Zeit war das die einzige englischsprachige Quelle für die Geschichte, und es wurden immer die gleichen Bilder daraus kopiert. Ich merkte damals schon, welchen großen Anklang die Geschichte fand, auch wenn ich den Artikel für nicht sonderlich gelungen hielt.

Als ich dann im Oktober 2013 nach Hiroshima gezogen bin, warf ich wieder einen Blick auf meine Liste der Geschichten. Shikoku, wo das Tal sein sollte, lag relativ nah, also ging ich die Geschichte an.

Die lange Fahrt bis zum Tal

Ich kann die Geschichte nicht erzählen ohne Yuki und Miki.
Beide verbrachten 2012/13 ein Jahr an meiner Uni in Hannover, als Teil des gleichen Austauschprogramms, welches mich nach Hiroshima brachte. In der Zeit traf ich allerdings nur Yuki, und auch nur einmal. Sie wollte eine Ausstellung in Hiroshima machen und suchte noch nach deutschen Fotografen. Yuki spricht kein Deutsch und schlecht Englisch. Sie war absolut froh, dass sie mit mir jemanden gefunden hatte, mit dem sie sich endlich einigermaßen normal verständigen konnte. Wir trafen uns auf ein Stück Kuchen.

Yuki ist eine begnadete Designerin mit riesigen Talent. Sie war mit Abstand die beste Grafikerin als sie noch in Hiroshima studierte und sie gewinnt regelmäßige Wettbewerbe mit ihren Entwürfen. Sie ist auch Sängerin ihrer Band und großer Fan der japanischen Idol-Kultur. Man sieht es ihrem Körper an. Aber die verlässlichste ist sie nicht.

Im Sommer 2013, vor meinem Abflug, sprach ich mit Yuki über diese Geschichte. Sie meinte nur „supercool!“ und „ich stamme aus Shikoku! Ich werde dir helfen!“

Ich wollte die Geschichte unbedingt im Herbst machen, weil ich visuell diesen Zustand zwischen lebendig und tot transportieren wollte, welcher diese Geschichte ausmacht. Nachdem Yuki mich nun immer wieder hingehalten und den Termin für unsere Abfahrt verschoben hatte, setzte ich ihr ein Ultimatum. Jetzt oder nie. Zur Not mach ich es eben ohne sie.


Letzte Vorbereitung und Kameracheck in der Nacht zuvor

Das war an einem Donnerstag. Ich war morgens aus Tokyo zurückgekehrt und es war eigentlich auch geplant, dass wir an diesem Wochenende fahren. Donnerstag Mittag meinte Yuki noch, dass es wohl doch schwierig sei, aber am Nachmittag war sie dann mit dabei. „Soll ich noch jemanden mitnehmen um dir zu helfen?“ fragte sie. Warum nicht. Also rief Yuki Miki an. Treffpunkt war Freitag morgen um 6:45 Uhr.

Auf die Insel

Miki hatte ich vorher ein paar Mal gesehen, aber viel wusste ich noch nicht von ihr. Sie ist DJ, liebt deutschen Techno, hat eine für Japanerinnen ungewöhnlich tiefe Stimme und dazu einen sehr trockenen Humor. Miki war pünktlich.

Der Bus sollte 7.09 Uhr nach Tokushima fahren. Doch selbst um 7 Uhr war Yuki nicht zu sehen. Miki kaufte mir schon mal ein Ticket. Ich hatte nämlich zu dem Zeitpunkt kein Geld dabei und keine Chance welches abzuheben. Meine Kreditkarte muss nämlich regelmäßig aufgeladen werden, was ich zwar zuvor tat, aber das Geld war noch nicht drauf. 7.07 Uhr, kein Geld, keine Yuki, aber ein Busticket, das mir Miki in die Hand drückte. Was nun.

Miki schubste mich Richtung Bus und meinte, ich solle schon mal fahren, die beiden kommen dann nach. Mit der dicken Kameratasche drückte ich mich am Fahrer vorbei, der schon etwas angepisst war, da er schon längst losgefahren sein wollte. Miki meinte noch kurz auf Deutsch, dass der Busfahrer „nicht freundlich“ ist, da ging die Tür vor ihr schon zu. Etwas verwirrt setzte ich mich auf den freien Platz hinter den Fahrer. Der nuschelte daraufhin etwas energisch durch seinen Mundschutz. Ich sagte nur „Hai!“ und setzte mich. Er nuschelte erneut, nun lauter. Jetzt verstand ich es auch. „Ich hab gesagt: Dort nicht hinsetzen!“. Ich trollte mich zum Ende vom Bus.

Es ging durch Täler, durch Berge, über viele Brücken und nach zwei Stunden war ich dann in Tokushima. Kaum war ich aus dem Bus, sprach mich eine japanische Frau an. „Du bist Fritz, richtig?“. Es war die Mutter von Yuki. Sie hatte ihre Eltern überzeugt uns ins Tal der Puppen zu fahren. Sie warteten nun auf uns in Tokushima, aber es war nur der Deutsche da.
„Yuki hat mich angerufen. Sie hat mit Miki die Fähre genommen, sie kommt in Ehime an. Wir fahren jetzt dorthin.“

Zum Verständnis: Shikoku besteht aus vier Präfekturen. Die Eltern stammen aus Ehime, das Tal der Puppen liegt in Tokushima. Die Eltern sind also aus Ehime nach Tokushima gefahren, um dann wieder zurück nach Ehime zu fahren um die Tochter abzuholen, nur um dann wieder zurück nach Tokushima zu fahren.
Yuki ist übrigens Einzelkind.

Die Eltern waren nicht sehr gesprächig. Der Vater ist in der Abfallsentsorgung tätig, die Mutter arbeitet auf dem Markt und hat sich extra für heute freigenommen. Beide haben nicht studiert, die Tochter schon – für knapp 6.000 Euro im Jahr. Aber so richtig Druck, was sie danach machen soll, machen sie ihr nicht.

Immer an der Küste entlang erreichten wir irgendwann den Hafen. Yuki verbeugte sich tief und entschuldigte sich fünf Mal. Miki grinste nur und holte schon mal die Kamera raus. Yuki hatte sich für die Fähre entschieden, weil diese schneller als der Bus war. Was sie nicht beachtete: Die Fähre ist doppelt so teuer und kommt an einer anderen Ecke von Shikoku an.
Am Abend zuvor bat ich Yuki mir die Interview-Fragen auszudrucken, welche sie übersetzen wollte. Ich fragte sie, ob sie das Papier dabei hat, weil mir noch ein paar Fragen eingefallen sind. Doch sie hatte die Fragen in der Fähre liegen lassen. Natürlich.


Bevor es losging, luden die Eltern noch schnell zum Udon ein

Das Idol und der Samurai

Im nächsten Conbini besorgten wir noch Proviant und druckten das Interview erneut aus. Bis zum Tal waren es noch ein paar Stunden, also nutzten wir die Zeit das Interview zu korrigieren.

Mit meinem begrenzten Japanisch schaute ich ab und an aufs Blatt und stellte selbst noch einige Fehler fest. Yuki erzählte in der Zwischenzeit von ihrem letzten Konzert und dem nächsten Auftritt, der im Dezember geplant war. Miki korrigierte mit ernster Miene und fragte ab und an, was ein Wort auf Deutsch heisst.

Nach drei Stunden Fahrt:
„Fritz, wann erwartet uns die Dame?“
-„Sie erwartet uns gar nicht.“
„…du hast sie nicht vorher angerufen…??“
-„Nein, ich weiss nicht einmal ob sie noch lebt.“
„Das heisst wir fahren seit Stunden komplett ins Ungewisse?“
Ich lächelte nur und sagte: „Richtig. Abenteuer!“

Das ist meine Auffassung von Journalismus. Einfach irgendwohin fahren und schauen was sich entwickelt. Alle Kontakte, Antworten und Termine vorher zu haben, das ist langweilig. Aber für Japaner, die alles immer gern dreimal abgesichert haben möchten, war das natürlich nicht einfach nachzuvollziehen. Yuki zeigte sich besorgt, ihren Eltern war es egal und Miki hob nur leicht die Faust und sagte trocken „Abenteuer.“

Die gesamte Autofahrt war tatsächlich sehr unterhaltsam. An der Tür saß Yuki, die sich mit einer Energie in Aufregung und Sorge stürzte, und sich dabei über jeden Fluss, Brücke und dörfische Landschaft kindlich freute. Und neben mir saß ein ernster Samurai, der manchmal nur mit der Augenbraue zucken musste, um eine Pointe zu setzen. Selbst wenn wir die Puppenfrau nicht gefunden hätten, der Roadtrip alleine war die Reise wert. Auch die Eltern freuten sich, mal einen Teil von Shikoku zu entdecken, in dem sie vorher noch nie waren.

Wir fuhren seit über einer Stunde durch das Tal. Die teilweise einspurige Straße am Berg entlang war leer und kurvig. Überall nur Berge, Wälder, Bäume, aber keine Puppen. Nach einer Kurve zu viel bat ich um eine Pause. Mir war schlecht und ich brauchte kurz frische Luft. Wir hielten zufälligerweise direkt neben dem Touristen-Informationsbüro vom östlichen Iya-Tal. Vielleicht wissen die ja was von den Puppen. Yuki und Miki gingen voran, ich folgte langsam. Beim Betreten hatten wir dann unsere Antwort.

Die Puppen sahen genau so aus wie die, die ich auf den Fotos gesehen hatte. Wir fragten die Dame im Büro, die ihren Kollegen holte. Ein lustiger Kauz. Es stellt sich heraus, dass er ein Freund der Puppenfrau ist. Er malte uns eine Karte. „Ohne diese Karte hättet ihr das Dorf nie gefunden“ sagte er noch, als wir gingen.
Glück muss man haben.

Es dauerte noch mal ungefähr eine Stunde, bevor wir das Dorf erreichten. Yuki las ihren Eltern die Karte vor. Je näher wir Nagoro kamen, desto mehr Puppen tauchten links und rechts der Straße auf. Meine Aufregung wuchs. Ich konnte spüren, dass wir der Geschichte ganz nah waren.

Es gab zwar kein Ortsschild, aber als wir ungefähr den markierten Punkt auf der Karte trafen, tauchte rechts von uns ein Haus auf, vor dem sich unzählige Puppen befanden. „Wir habens!“ rief ich von hinten und Yukis Vater fuhr zum Haus hinauf. Yuki und Miki waren nun auch von meiner Begeisterung angesteckt und stürmten hinaus. Wir sahen eine alte Dame, die einem älteren Paar etwas erklärte. Das musste sie sein.

Das lange Interview

„Hallo! Sind Sie Ayano Tsukimi?“
-„…ja?“
„Meine Name ist Fritz Schumann, ich bin Journalist aus Deutschland. Ich würde sie gerne etwas begleiten und einen Film über sie machen!“
-„……..in Ordnung.“

Zugegeben, für japanische Verhältnisse war das sehr direkt. Ich bin mit der Kamera direkt durch die Schiebetür ins Haus gefallen. Und sie war am Anfang auch etwas distanziert. „Ich habe gerade Gäste. Wartet mal zwei Stunden, dann habe ich Zeit für euch.“
Wir berieten uns kurz. Am Abend wollten Miki, Yuki und ihre Eltern eigentlich wieder nach Hause. Und es wurde bereits dunkel. Blieben wir nun alle oder kommen wir später wieder?
Yuki, angesteckt vom Abenteuer und meiner Begeisterung, redete auf ihre Eltern ein, während ich die Kamera aufbaute. Natürlich sagten die Eltern ja. Yuki und Miki wollten auch sofort damit anfangen, den Film zu machen. Ich bat sie aber erstmal mir aus dem Bild zu gehen.

Es dauerte keine 30 Minuten, da kam Ayano Tsukimi wieder zu mir, diesmal sichtlich freundlicher. Wir können das Interview jetzt machen sagte sie. Ich baute Ton und Technik auf.

Yukis Eltern befanden sich während des gesamten Interviews nur einen Meter von Ayano Tsukimi entfernt. Beide schliefen. Die lange Fahrt war dann doch anstrengend.

Das Interview lief schleppend. Es war mein erstes Interview in Japan und Miki stellte meine Fragen. Sie war absolut nervös, aber wahrte als echter Samurai die ernste Miene und blieb diszipliniert dabei. Yuki hielt das Mikro und schlief dabei fast ein.

Die Fragen, die bei Deutschen noch funktionierten, klappten bei ihr nicht. Direkten Fragen wich sie aus, auf andere Fragen antwortete sie nur vage. Teilweise musste ich eine Frage fünf mal stellen, bevor ich eine verwertbare Antwort bekam. Ich war nach dem Interview schon etwas enttäuscht.

Es sollte um das Thema Tod, Einsamkeit und Erinnerung gehen. Doch zitierbare Sätze gab sie mir kaum. Zudem verstand ich zu dem Zeitpunkt nur so ca. 30% der Antworten. Alle 20 Minuten tönte auch ein Alarm und wir mussten pausieren.
In dieser isolierten Region ist jedes Haus mit einem Nachrichtennetzwerk ausgestattet. Falls jemand vermisst ist, vor Unwetter gewarnt wird oder sonstiges. In den Nachrichten tauchten immer alte Damen auf, die verloren gingen oder wieder gefunden wurden. Yuki seufzte bei jeder Nachricht. Ich stöhnte, und Miki raschelte mit dem Papier.

Nach 45 Minuten hatte Ayano Tsukimi keine Lust mehr. Sie gab schon viele Interviews über ihre Puppen, aber keiner stellte je so viele Fragen wie dieser Deutsche jetzt. Ich stellte noch ein paar, aber nach weiteren 45 Minuten war dann auch Schluss. Ich hatte nicht, was ich wollte, und dachte eh nicht mehr, dass ich es bekommen kann.

„Wo schläfst du heute?“ fragte sie mich. Keine Ahnung. Ich hatte drauf spekuliert, dass ich bei ihr übernachten konnte. Doch obwohl sie mich inzwischen dann doch recht sympathisch gefunden hatte, war das nicht drin. Ist in Japan eh nicht üblich.
Sie empfahl mir ein Minshuku, ein simples Gasthaus, 15 Minuten mit dem Auto entfernt. Yuki gleich nervös „Ruf da sofort an! Vielleicht haben die keine Zimmer mehr!“. Japaner habens gerne sicher. Tatsächlich gab es an dem Abend neben mir nur noch zwei weitere Gäste. Die restlichen 20 Zimmer waren frei.

Es war bereits stockfinster und unser Auto quälte sich langsam die Kurven entlang. In den Scheinwerfern tauchten manchmal die Puppen auf und oft stoppten wir kurz erschrocken, in der Erwartung es sei ein Mensch.

Die Nacht im Sturm

Das Minshuku wusste Bescheid und nach einer kurzen Erklärung seitens Yuki ließ man mich auch rein. Noch schnell die Verabschiedung und das Auto fuhr wieder Richtung Ehime. Ich war jetzt alleine.
Der Manager, die Köchin und ein Angestellter Ende 20 begrüßten mich. Ich stellte fest, dass ich meinen Ausweis in Hiroshima vergessen hatte. Zähneknirschend meinte man, das sei kein Problem, ich solle nur meine Adresse aufschreiben. Die wusste ich aber auch nicht aus dem Kopf, schließlich wohnte ich erst seit vier Wochen dort. Die Angestellten wechselten besorgte Blicke.

Ich schrieb einfach „Hiroshima City University“ rein und meinem Namen dazu. „Ach und eins noch…“ sagte ich und zückte meine Kreditkarte. „Akzeptiert ihr das? Ich hab nämlich kein Geld dabei.“ Die Antwort auf die Frage wusste ich schon. Nein, sie akzeptierten das nicht.
Da war also nun ein Ausländer im Gasthaus, ohne Auto, ohne Ausweis und ohne Geld. Ob ich noch was essen möchte, fragte man mich trotzdem.

In der Nacht zog ein Sturm übers Tal, er hatte sich schon am Tag angedeutet. Im Fernsehen sah ich noch einen überraschend lustigen japanischen Film über einen Geist, der als Zeuge in einem Mordprozess aussagt. Der Wind pfeift durch das Holz des Hauses und drückte auf das Dach über mir. Es quietschte, haulte, knackte und wackelte alles. Ich schlief ein.
In der Nacht träumte ich auch von einem Geist, der irgendwas von mir wollte, aber ich bekämpfte ihn am Ende.

Drehtag

Am nächsten Morgen ging ich runter in den Essensraum. Die Drei der letzten Nacht schienen bereits auf mich zu warten. „Du musst heute abreisen“ sagte man mir.

Etwas irritiert setzte ich mich an den Tisch, wo bereits roher Fisch und gekochter Reis warteten. Der Älteste ergänzte: „Es kommt ein Sturm, wir machen heute dicht. Es haben Leute abgesagt und du bist unser einziger Gast. Es lohnt sich nicht. Bitte verlasse uns heute.“ Ich nahm einen Schluck grünen Tee und fragte mich, ob es nicht vielleicht doch etwas damit zu tun hat, dass ich ohne Geld und Ausweis hier gestrandet war.

Zum Dorf der Puppen fuhr kein Bus. Mein Plan war, dass ich entweder trampe oder laufe (ca. eine Stunde). Denn ich musste unbedingt bleiben und die Geschichte machen. Nach etwas hin und her haben wir dann entschieden, dass der jüngste Angestellte mich 30 Minuten zum nächsten Post-Amt fährt, wo ich (hoffentlich) Geld abheben könnte. Der junge Mann war sichtlich nervös und rauchte zwei Zigaretten, bevor ich im Auto war. Sonderlich gesprächig war er auch nicht.

Am Geldautomaten angekommen hoffte ich nur, dass das Geld aus Deutschland irgendwie seinen Weg auf meine Karte gefunden hat, damit ich hier im einsamen Iya-Tal doch noch irgendwie weg komme. Ich war ohne Geld und Auto hier so ziemlich gestrandet. Aber das gehört zum Abenteuer auch dazu, mir machte das nichts.
Der Angestellte drehte Kreise um sein Auto und wartete, bis ich vom Automaten zurückkehrte. Mit 50.000 Yen in der Hand winkte ich ihm zu. Auf einmal wurde er viel freundlicher.

Ich bezahlte die Rechnung und er wollte mich zum Dorf der Puppen fahren. Auf dem Weg machte ich aus dem Fenster viele Fotos. Irgendwann bot er mir auch einfach an zu halten, sodass ich aussteigen konnte.

Nun erzählte er auch von der Puppenfrau. Einerseits war er froh, dass es sie gibt. Die Puppen locken Touristen an und sorgen für Umsatz. Andererseits hat er, wie so viele andere im Tal, auch immer noch Angst vor ihnen. „Besonders nachts, wenn man mit dem Auto unterwegs ist.“ Trotzdem scheute er sich, sich eindeutig oder negativ über sie zu äußern.

Er setzte mich vor ihrem Haus ab und fuhr nach einem kurzen Abschied davon.
Die Puppenfrau hatte schon wieder Besuch, eine Familie. Stolz stellte sie mich vor. „Das ist ein Journalist aus Deutschland, der macht einen Film über mich. Und er kann voll gut Japanisch.“

Bereits im Interview am Abend zuvor bot sie mir an, dass wir zur verlassenen Schule gehen. Die Besucher wollten gleich mitkommen. Ich schulterte schnell die Kamera und rannte hinterher. In der Schule blieb ich dann noch zwei Stunden alleine um alles zu fotografieren, bevor sie mit dem Schlüssel kam und mich abholte.

In der Schule war ich komplett alleine. Nun spürte ich auch, was der Angestellte meinte. Zweimal glaubte ich fest, dass mich einer beobachtet. Dabei war es nur eine Puppe. Es war beide Male die gleiche verdammte Puppe. Das Kind rechts auf der Treppe.

Die Blumen stellt sie jede Woche frisch in der Schule auf.

Als Gag wollte ich eigentlich in dem fertigen Film auch als Puppe auftauchen. Ich nahm also neben dem Lehrer Platz. Am Bart erkennt man es aber leider.

Ob ich schon etwas gegessen habe, fragte sie mich, als sie mich von der Schule abholte. Nein sagte ich, und sie ging wortlos. Zurück im Haus stellte sie mir Onigiri und Gemüse aus eigenem Anbau hin. Es waren die leckersten Süßkartoffeln die ich je hatte.
Ich erzählte ihr von meinem Alptraum mit dem Geist und sie lachte nur herzlich.

Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits 4-5 Stunden das gesamte Dorf und fast jede Puppe abfotografiert. Zwischendurch kamen immer wieder Touristen oder andere Besucher. Viele waren über mich, den jungen Ausländer, genauso verwundert, wie über die Puppen.
Als es dunkel wurde, fragte sie mich „Hast du nicht langsam mal genug Bilder?“

Sie genießt wirklich die Aufmerksamkeit, welche sie durch die Puppen oder die Kamera erhält. Aber sie hat auch diese Einsamkeit und Isolation gewählt. Ständige Besucher, die wieder gehen, das ist in Ordnung. Aber jemand der bleibt… das machte sie nervös.
Wir verstanden uns jedoch prächtig. Es kam später noch eine alte Nachbarin vorbei und zusammen schauten sie Eiskunstlaufen im Fernsehen. Als ich die Puppenfrau fragte, warum ihr das gefällt, sagte sie: „Die sind so jung und sehen alle so gut aus. Wie du!“ und die beiden Damen feixten wie Schulmädchen.

Ihre Freundin konnte ich übrigens nur schwer verstehen. Sie sprach ein komisches Berg-Japanisch, die Puppenfrau musste manchmal übersetzen. Sie gab sich dabei viel Mühe und sprach immer langsam und deutliches Hochjapanisch mit mir.


Die Töpferwaren bot sie auch zum Verkauf an

Gegen Abend fragte sie wieder wo ich heute schlafe. Trotz all der Zuneigung war ihr Haus dann doch ausgeschlossen. Und das Minshuku von letzter Nacht ja auch. Ihr fiel noch ein teures Hotel ein, 20 Minuten mit dem Auto. Die Nacht kostet aber 11.700 Yen. Happig, sagte ich. „Aber es gib wohl keine andere Möglichkeit….“ sagte ich und schaute sie dabei konzentriert an. Sie buchte mir ein Zimmer und fuhr mich auch zum Hotel. Am nächsten Morgen wollte sie mich dort auch abholen und zum Bahnhof bringen.

Zurück aus dem Tal

Das Zimmer war riesig. Für 11.700 Yen bekam man wirklich viel geboten. Das Abendessen dauerte eine Stunde, in der ein Kellner mir ständig neues Essen brachte. Alles lokal, alles köstlich. Aber es wollte einfach nicht aufhören. Die heiße Quelle vom Hotel hatte ich anschließend komplett für mich alleine, da die Gäste noch am Trinken waren.

Ich fragte beim Einchecken nach dem Passwort fürs WLAN. Die Antwort: „Passwort? Wir haben hier kein Passwort. Wir sind soweit draußen, es gibt hier weit und breit keinen, der uns das Internet klauen kann.“ So definiert sich wohl Isolation im 21. Jahrhundert.

Das teure Hotel tat zwar mir und meinem Geldbeutel sehr weh, aber dann dachte ich mir auch: was solls. Bezahlt ist es eh, warum nicht genießen.

Meine Kamera bekam ein eigenes Bett, das hatte sie sich verdient.

Am nächsten Morgen sah ich dann, warum die Puppenfrau das Hotel kannte.

Im Auto erzählte sie mir auch etwas dazu, aber ich kann mich nicht mehr erinnern. Ich glaube einer der Puppen war/ist der Besitzer vom Hotel.

Sie begrüßte mich nach dem ebenfalls unendlichen Frühstück mit „Na, gab kein Brot, was?“ und lachte. Ich hatte nämlich am Tag zuvor das Frühstück im Minshuku kaum runterbekommen. Kalter Reis und toter Fisch am Morgen ist nicht so meins. Am Abend kein Problem, aber morgens hab ich dann doch lieber irgendwas aus Teig.

Zusammen mit ihrer Nachbarin fuhren wir zum Bahnhof. Wir hielten mal an, weil sie mir eine große Brücke zeigen wollte, auf der wir dann zusammen im Wind schaukelten. Nach einer Stunde zeigte sie mir die erste Ampel seit Nagoro. Nach anderthalb Stunden waren wir am Bahnhof. Sie sagte „Sayonara“, ich sagte „Bis dann“ und sie fuhr davon.

Der Zug kommt einmal in der Stunde, es blieb also noch Zeit mal kurz aufs Klo zu gehen. Das WC befand sich außerhalb vom Bahnhof, ich musste einmal ums Gebäude. Und dort sollte ich dann die letzte von Ayanos Puppen sehen. Anderthalb Stunden von ihrem Haus entfernt, am Eingang vom Tal.

Ich nahm den Zug nach Tokushima, und von dort den Bus nach Hiroshima. Rückblickend war das etwas umständlich, ich hätte direkt den Zug nach Hiroshima nehmen können. Auch wenn es zeitlich ungefähr auf das gleiche hinaus gelaufen wäre.

Am Sonntag Abend war ich dann wieder in dem Zimmer vom Studentenwohnheim. Eine lange Fahrt und gerade mal anderthalb Tage Fotografieren und Drehen hatte ich für die Geschichte. Ich war tatsächlich etwas enttäuscht, aber die Puppen sollten mich noch eine lange Zeit begleiten.

Demnächst geht es dann weiter mit Einträgen zum Schnitt und zum nachhaltigen Erfolg des Films.

Live and Sea: Protest

Posted in journalistische abenteuer by fritz on 3. April 2014

Tag des Widerstands.

(Hintergrund in Teil 1)

Noch acht Stunden

Nach 9 Uhr wachte ich auf. Eigentlich wollte ich schon früher wach sein, denn um 9 Uhr begann bereits die Lagebesprechung. Heute sollte die Fischerei-Gewerkschaft der Präfektur Yamaguchi auf die Insel kommen. Nur zum Reden, alle Entscheidungen sind schon gefallen. Die Inselbewohner wollen aber nicht, dass sie die Insel betreten. Also soll der Steg blockiert werden. Das ist der Plan für den heutigen Tag.
Es gibt drei Fähren am Tag nach Iwaishima. Um 7 Uhr, um 10 und um 17 Uhr. Es galt als unwahrscheinlich, dass es die erste Fähre sein würde. Also nun eben um 10 Uhr.

Ich schluckte schnell den Kuchen runter, den ich tags zuvor gekauft hatte. Ich hatte viel Proviant dabei. Denn ich wusste, auf der Insel kann man nicht so schnell und gut einkaufen, wie auf dem Festland.
Kamera verstaut und in schnellen Schritten zum Steg.

Schon bevor ich das Meer sehen konnte, erwartete ich eigentlich die Schreie von zahlreichen Senioren. Doch es war still auf der Insel. Nur Möwen waren zu hören.
Im Gemeindehaus war die halbe Insel versammelt und trat nervös auf und ab. Mit der ersten Fähre kamen noch weitere Aktivisten vom Festland oder von den Inseln aus der Umgebung. Viele schauten nervös aufs Meer und suchten die Fähre.

Im Nebenzimmer saß Tohjo am Rechner. Er bekam gerade einen Anruf. Sein Kontakt auf dem Festland hat ihm gesagt, dass die Gewerkschaftler nicht in der Fähre um 10 Uhr sind. Also dann die um 17 Uhr. Bis dahin: warten.


Shimizu, Anführer der Proteste

Noch sechs Stunden

Der Gemeindesaal leerte sich. Es blieben nur die von außerhalb, die kein Haus auf der Insel hatten, in dem sie warten konnten. Ganz irritiert schaute sie den blonden Ausländer an. Neugierig stellten sie mir Fragen. Da war die 5 Jahre alte Yuiko mit ihrer Mutter. Sie stammen aus Ibaraki, eine Präfektur südlich von Fukushima. Als das Kraftwerk explodierte, flohen sie nach Yamaguchi. Das war vor drei Jahren. Die Vertreibung aus ihrer Heimat hat bis heute ein Echo. Deswegen sind sie nun hier. Die kleine Yuiko hat mit Wachsmalstiften kleine Poster gebastelt: „(ich bin) Gegen Atomkraftwerk“. Darunter ein kleiner, toter Fisch.

„Ist das ein Englisch-Mensch?“ fragte sie ihre Mutter, als ich mir ihr Schild ansah. Im Kindergarten hatte sie schon ein paar Englische Worte gelernt. „Baby“, „Head“, „Shoulder“, „Knees“ und… „das wars!“ sagte sie vergnügt.

Die Damen von der Insel brachten das Essen, während die Männer schon die Tische bereit stellten. Mittagszeit, um 11 Uhr. Ich war noch voll mit Kuchen, aber Frau Hashimoto bestand darauf, dass ich noch Suppe und Onigiri esse. Dazu gabs Seegras aus dem Meer.

Es sollten noch knapp sechs Stunden sein, bis die Fischer kommen. Die Stimmung war entspannt.


Oben im Hintergrund ist ein Kupferstich vom vierjährlichen Festival der Insel. Seitdem die Proteste andauern wurde es nicht mehr gefeiert. Scheinbar wurde es seit Fukushima einmal gefeiert. Es gibt aber noch ein anderes Inselfest, welches seit Beginn der Proteste nicht mehr veranstaltet wird.

In einer anderen Ecke des Raums wurden die Protestflaggen rausgeholt. Baumwolle, Seide, bunt oder nur mit Edding auf ein Bettlaken geschrieben: In den Jahrzehnten wurde aus ganz Japan Botschaften zur Insel geschickt. Wie schon unzählige Male zuvor brachten die alten Herren die Flaggen an Bambus-Stangen an. Ohne große Emotion wurde dieser Arbeitsschritt erledigt. Ein formaler Akt vom Kampf.

Noch vier Stunden

Die fertigen Fahnen stapelten sich im Treppenhaus und vor dem Gebäude. Die Stimmung war immer noch gut. Frau Hashimoto hielt mit ihrer Laune und Fürsorge alles zusammen.

Zusammen mit den anderen Damen stand sie zuvor in der Küche, um das Essen für alle Helfer zu machen. So wie sie am Abend schon zuvor für uns kochte und nicht eher Ruhe gab, eh ich komplett voll war.

Von hier an war viel Warten angesagt. Einige schliefen auf den Reismatten vom Gemeindesaal. Ich zog etwas über die Insel, kam aber ab und an vorbei um mir die neueste Entwicklung anzuschauen. Einmal stand Frau Hashimoto schon mit der Tasse Kaffee in der Hand in der Tür vom Gemeindehaus und wartete auf mich. Neben mir auch Tohjo, der schon etwas länger wach war als ich. Ich wollte ihm die Tasse geben, doch Frau Hashimoto nahm sie weg. „Nene, die Tasse ist für den merkwürdigen Ausländer!“ sagte sie und lachte laut. Sie erzählte dann wieder die Geschichte vom letzten Abend, wo der „merkwürdige Ausländer“ ihr Haus mit einer Mensa verwechselte. Und die Gruppe lachte. Einschließlich mir. Die Gute Laune vertrieb die Nervosität.

Ich nahm die Tasse und lief zum Steg. Keiner war hier. Es war ruhig. Ich trank den schwarzen Kaffee in der Mittagssonne und lauschte dem Meeresrauschen.

Noch zwei Stunden

Mit allen meinen Sachen stand ich am Steg. Denn ich hatte am nächsten Tag einen Termin und musste diese letzte Fähre nehmen. Viel Zeit für den Protest blieb mir an dem Tag nicht. Ich sprach mit Shimizu am Abend zuvor darüber. Er meinte: „Auch wenn du nur zehn Minuten lang fotografieren kannst – das kann schon einen Unterschied machen.“

Ich war nun nicht mehr der einzige am Steg. Frau Hashimoto brachte einige der Protestflaggen an, zusammen mit den anderen Damen. Die Stimmung war nun so bewölkt wie das Wetter. Alle waren angespannt.

Noch eine Stunde

Um 16 Uhr kam dann das Fernsehen. Im eigenem Boot. Tatsächlich waren es überraschend viele Medien. NHK, Yamaguchi TV und noch ein paar andere Sender, die ich nicht kannte. Dazu gab es einige Fotografen und Blogger, die mit einem iPhone auf dem Stativ filmten. Darunter auch ein junger Fotojournalist, der zwei Sticker auf seiner schwarzen Weste hatte: „Atomkraft? Nein Danke“ und „Fight Racism“. Er erinnerte mich an einen Kommilitonen, der von vielen als „extrem“ beschrieben wird und der mit seinen Bildern die Welt retten will.

Als ich ihn so sah, musste ich kurz überlegen. Ich fotografiere keine Demos. Ich will mit meinen Bildern nicht die Welt retten. Allein den Anspruch zu haben finde ich schon merkwürdig. Aber diesen Typ Fotografen gibt es eben. Ich studieren mit ihnen. Und nun bin ich für diesen Tag wohl einer von ihnen.


Links Hashimoto, nervös und ohne Lächeln. Rechts Fotografin, die seit zehn Jahren die Proteste auf der Insel begleitet.

Wir alle starrten nur aufs Meer. Es gab nicht anderes zu tun, als uns von unserer Nervosität abzulenken.
Ich versuchte mit Frau Hashimoto zu reden. Ich hoffte, sie konnte etwas sagen, um allgemein die Stimmung zu heben. Doch sie blieb still. Die Fotografin rechts von ihr war entspannter, aber auch etwas wehmütig. „Seit zehn Jahren fotografiere ich die Proteste auf der Insel.“ sagte sie. „Jedes Jahr sind es weniger, die noch demonstrieren.“ Sie sind entweder verstorben, oder zu krank zum Kämpfen.
Mir fiel die Überlebende der Atombombe ein, die ich vor vier Jahren hier für mein Buch interviewte. Ich fragte Frau Hashimoto wie es ihr denn geht. Sie blieb ernst und ruhig. Im letzten Jahr ist die Überlebende der Bombe verstorben, sagte sie. Krebs.
Und wieder einer weniger.

Die Fronten zeichneten sich bereits ab. Am Eingang zum Steg standen die Fischer, die das Geld haben wollten. Sie alle trugen schwarz und guckten grimmig. Hinter ihnen standen die Senioren mit ihren Fahnen und Schildern. Und dahinter dann die Medien, die im Chaos fast so zahlreich schienen wie die Aktivisten.

Abseits vom Chaos stand die kleine Yuiko. Mit dem Schild in der Hand brüllte sie voller Energie über die ganze Insel und Richtung Meer. „Genpatsu Hantai!“

Ich konnte nun nicht mehr weg. Weil ich unbedingt die Fähre nehmen musste, stand ich ganz vorne. Anders wäre ich durch die Masse nicht mehr gekommen.

Noch 30 Minuten

Kurz vor der Ankunft der Fähre kam die Polizei. Es waren fünf Beamte in gepolsterten Jacken und der leitende Polizist im schwarzen Mantel. Für sie war das alles nix neues. Es ist nicht ihr erster Protest auf Iwaishima. Ihre Aufgabe war es, für Ordnung zu sorgen, zwischen den Senioren, Fischern und Gewerkschaftlern. Damit es nicht gewaltsam wird.

Tohjo lief die ganze Zeit durch die Massen, Videokamera in der Hand. Irgendwas muss der Polizist ihm gesagt haben, dass er vielleicht irgendwo nicht filmen darf oder so. Tohjo regte sich auf jeden Fall etwas auf und verlangte die Nummer vom Beamten zu sehen. Der lächelte nur und zeigte ihm seine Marke. Shimizu kam auch noch hinzu und versuchte Tohjo zu beruhigen. Die Nerven lagen bei allen blank, eine kleine Aktion reicht aus zur Explosion. Alle waren nervös. So viel verschiedene Stimmungen, Gedanken und Ziele prallten an diesem Tag knallhart aufeinander. Ich konnte es in der Luft schmecken und selbst mir wurde flau im Magen.

Durch die Masse drängte sich eine alte, breite Dame. Ihr Gesicht kannte ich, ich habe es auf Tohjos Fotos gesehen. Sie war eine von zwei Personen, die vom Stromkonzern verklagt wurden. Genau wie heute hier auf dem Steg, legte sie sich längs auf der Baustelle vom Atomkraftwerk vor die Fahrzeuge. Die konnten nix machen. Für jeden ausgefallen Arbeitstag stellte die Stromfirma der Dame nun einen Betrag in Rechnung. Die Kosten gehen in die Milliarden. Aber sie bleibt entspannt. „Die Summe ist so hoch, dass kann kein Mensch in seinem Leben bezahlen! Und in den wenigen Jahren, die mir bleiben, erst recht nicht!“.
Die Summe diente auch mehr als Abschreckung, für die anderen Senioren. Forderungen gab es bis jetzt keine. Was soll die alte Dame auch zahlen.

Der Polizist versuchte ihr noch zu erklären, dass sie auch den normalen Fahrgästen im Weg sitzt, aber irgendwann gab er wegen ihrer Sturheit auch auf. „Ich bin eine alte Dame, ich bin nicht mehr so gut zu Fuß. Ich muss sitzen!“

Die Fischer rauchten noch ihre letzte Zigarette. Der Stummel wurde ins Meer geworfen. Fischer, die ein AKW in ihrem Wasser befürworten, haben es wohl nicht so mit der Umwelt.

Bei Demos oder allgemein Auseinandersetzungen in Japan habe ich das schon oft beobachtet: das „im Weg stehen“. Die Fischer stellten sich vor die Demonstranten und taten so, als würde es sie nicht jucken, dass von hinten ein paar Dutzend Senioren drängen. Aber so wird man nicht gewaltsam oder brüllt zurück. Man steht nur im Weg und versucht die anderen zu behindern.

Gegenüber vom Steg versammelten sich die anderen Fischer und Inselbewohner, die entweder für das AKW waren oder sich enthielten. Yamato senior war an dem Tag nirgends zu sehen. Sein Sohn stand etwas abseits und sah sich alles an.

Es fällt mir bis heute schwer, die Position vom Sohn einzuschätzen. Er spricht sich nie offen gegen seinen Vater aus. Denkt aber immer an die Insel und hat gute Einwände. Sicher für ihn auch nicht einfach, eine Position zu beziehen. Er ist einer von den wenigen jungen Leuten auf der Insel. Die Zukunft lastet auf ihm.

Chaos

Dann kam das Boot. „Erst die Fahrgäste von Bord lassen! Dann das Gepäck!“ ermahnte der leitende Beamte mit dem Megaphon. Die Fähre versorgt die Insel auch mit Post und Lebensmitteln. Erst wenn diese und die Fahrgäste von Bord sind, dann dürfen die Gewerkschaftler raus. Alles für nen sauberen Ablauf.

Tohjo hüpfte an mir vorbei ins Boot. Ich hatte vorher mit ihm abgemacht, dass wir zusammen die Fähre betreten, um drinnen Bilder zu machen. „Gehts jetzt los?“ fragte ich ihn. Er nickte nur still. Keine Zeit für Kommandos.
Ich zeigte dem Mann mit dem Megaphon mein Ticket. Er schaute kurz auf das Ticket, dann auf meine Kamera, wieder zurück aufs Ticket. Er setzte das Megaphon an. „Achtung, es kommt ein Fahrgast durch, bitte den weg frei machen!“. An der dicken Dame auf der Treppe vorbei – die nur nach vorne starrte, auf den Ausgang der Fähre – huschte ich ins Boot. Shimizu und Tohjo waren schon drinnen. Auch diverse Kamera-Teams.

Shimizu sprach ganz ruhig mit den Vertretern der Gewerkschaft. „Okay Leute, so schauts aus. Wir wissen, ihr wollt nur reden, aber die Leute von Insel wollen nicht, dass ihr kommt. Bitte versteht das und bleibt in der Fähre.“ Die Gewerkschaftler blieben ruhig, antworteten nicht. Von hinten schubsten die Fischer der Insel, die das Geld haben wollten. Shimizu landete auf dem Boden. Überall nur Köpfe, Rücken, Windjacken.
Mit Shimizu am Boden machten sich die Gewerkschaftler zum Ausgang. Nun kamen auch die anderen Aktivisten, die mit an Bord waren, zur Gruppe hinzu. Die Familie aus Ibaraki mit der kleinen Yuiko voran.

Sie schrie „Genpatsu Hantai“, „Genpatsu Hantai“. Ihre Mutter schrie mit. Die Insel schrie mit. Alle drückten, schubsten, schrien durch das Boot.
Der Kapitän, der keinen Bock auf diese ganze Szene hatte, stürmte herunter. Er stammte nicht von der Insel und hat hier jedes Mal das gleiche Problem. Leute kommen und wollen reden, und die Senioren drücken zurück. Er hat einen Zeitplan einzuhalten und muss ablegen. Kann er aber nicht, wenn der halbe Hafen mit Menschen blockiert wird. Die Mutter aus Ibaraki versuchte ihn aufzuhalten „Wir wollen kein Atomkraftwerk!“ schrie sie. „Kein Fukushima in der Seto-See!“ Der Kapitän brüllte zurück. „Halts Maul!“ Er stellte sich in den Ausgang, damit kein Fahrgast mehr zurück kann.

Abseits von allen stand die kleine Yuiko, die mit der ganzen Situation etwas überfordert war.

Und schlussendlich schafften es die Gewerkschaftlern mit ihren Aktenkoffern von Bord. Die Schlacht schien verloren.

Das in den folgenden Minuten keiner ins Wasser gefallen ist, überrascht mich bis heute. Der Kapitän hat den Ausgang inzwischen frei gemacht und ich hielt die Kamera raus.

Wer für was drückt, schubst, kämpft – wer nur Journalist ist oder für die Fähre arbeitet. Man konnte es nicht mehr erkennen. Es gab nur einen Klumpen voll mit schreienden Menschen, der sich keinen Zentimeter weit bewegte.

Die Mutter aus Ibaraki nahm das Plakat ihrer Tochter und rollte es zu einem Megaphon zusammen. Sie schrie nun „Die Fähre legt bald ab! Wir bitten alle Fahrgäste an Bord zu kommen!“ Leicht zynisch sollte es die Leute von der Gewerkschaft wieder zurück ins Boot holen.

Ihre Tochter saß vorne im Boot und wusste nicht so recht, was passiert. Ich wusste es auch nicht.


Im Hintergrund, Fahrgäste schauen aus dem Fenster auf den Steg, wo das Chaos stattfand

Nach einer gefühlten Ewigkeit – es waren maximal 15 Minuten – haben die Gewerschaftler eingesehen, dass es hier und heute keinen Sinn macht. Sie gaben nach und kehrten um. Applaus auf dem Steg. Die Mutter aus Ibaraki bedankte sich. Das halbe Boot weinte über den Sieg in der Schlacht.

Die Gewerkschaftler setzten sich, und sahen doch entspannt aus. Sie hatten es bestimmt erwartet, dass es so ausgeht. Keiner war überrascht.

Mit Tränen in den Augen winkte die Mutter aus Ibaraki den Senioren von der Insel zu. Ihre Tochter winkte mit.

Die anderen Fahrgäste winkten auch.
Die Gewerkschaftler winkten nicht.

Die Fähre hatte zwei Teile, in der Mitte saß der Kapitän, der ordentlich gefrustet war. Hinten waren die Gewerkschaftler, Journalisten und ein, zwei Unbeteilligte.

Vorne saßen die Aktivisten. Um ihren Kopf war ein Band gebunden, mit dem Schlachtruf. Wer nicht mehr weinte, rieb sich die Tränen aus dem Gesicht. Es war nun still. Keiner schrie mehr. Und vor der Fähre lag die Seto-See, mit seinen unzähligen Inseln, von denen keine heute so laut war, wie Iwaishima.

Epilog

Es war intensiv.
So viele Stimmen, so viele Emotionen in der Luft. Jeder glaubte an seine Sache und kämpfte mit voller Energie dafür. Selbst die Senioren der Insel brüllten mit voller Energie gegen die Gewerkschaft an.
Es war für mich wirklich schwierig, nicht neutral zu sein.

Objektiv betrachtet war die ganze Aktion genau so, wie es der Anwalt sagte: kindisch.
Die Gewerkschaftler davon abzuhalten, die Insel zu betreten, verhindert nicht das Atomkraftwerk. Momentan ist überhaupt nichts geplant. Und die Entscheidung über das Geld, worum es ja nun eigentlich ging, ist schon längst gefallen.

Trotzdem kämpften die Bewohner der Insel so, als ginge es genau um das. Um ihre Insel. Ihre See. Als ob der Kampf jetzt über die Zukunft entscheidet.

Aber es ist noch viel mehr als das. Die Insel hat absolut keine Macht. Die Regierung ist für den Bau, der einzige Stromkonzern in der Region erst recht. Die Insel ist alt und stirbt langsam. Die einzige „Macht“ der Insel muss von außen kommen. Die Insel muss an den Rest von Japan, den Rest der Welt appelieren. Sonst stehen sie ziemlich alleine da.

Und genau so sollte man nun diese Aktion verstehen. Als Statement. Es ist ein Zeichen. Wir kämpfen noch! Wir sind noch nicht tot! Wir leisten immer noch Widerstand!

Dafür haben sie gekämpft. Nicht um ein paar Gewerkschaftler oder ein paar Fischer. Es zählt die große Idee dahinter. „Wir geben nicht auf!“

Anhang

Am 13. März gab es ein heftiges Erdbeben in Hiroshima, Stärke 5. Das Epizentrum lag in der Seto-See, nahe dem geplanten AKW.

Am 26. Februar 2014 kündigte Premierminister Abe an, wieder auf Atomkraft zu setzen.

Das Video von Tohjo von dem Tag. Ich hüpf da auch zwei mal durchs Bild.

Live and Sea

Posted in journalistische abenteuer by fritz on 1. April 2014

In der Nacht, eine Email. Eine Professorin meiner Uni bittet mich nach Iwaishima.
„Fritz, deine Anwesenheit und deine Kamera kann etwas bewirken!“

Zusammen mit ihr machte ich mich auf den Weg zur Insel vor Hiroshima.

Die Professorin kannte ich vom Namen, aber getroffen hatte ich sie bisher noch nicht. Ich bat sie mich bei meinen Projekten in Hiroshima zu unterstützen, doch sie winkte immer ab. Sie war zu beschäftigt. Zudem hatte sie gerade die ganze Arbeit für meinen Vorgänger erledigt, den letzten Fotojournalismus-Studenten aus Hannover. Doch jetzt war es eilig. Gegen 3 Uhr früh kam ihre Email.

Iwaishima – Insel unweit von Hiroshima in der Yamaguchi-Präfektur, gelegen in der wunderschönen Seto-Inlandssee. Nur noch 360 Menschen leben hier, 80% von ihnen mehr als 60 Jahre alt. Jedes dritte Haus steht leer, weil es keine lebenden Verwandten mehr gibt, oder Leute, die auf der Insel wohnen wollen. Die Insel stirbt.

Aber: Die Insel kämpft. Seit den 80er Jahren wollte der Stromkonzern Chugoku Denryoku, einziger Stromanbieter in Westjapan, ein Atomkraftwerk vor der Insel bauen. Auf der Rückseite der Halbinsel Kaminoseki sollten die Kühltürme versteckt werden, direkt an der Küste vom Meer. Die einzigen, die das Kraftwerk gesehen hätte, wären die Bewohner von Iwaishima gewesen. Sie waren auch die einzigen, die das Kraftwerk ablehnten.

Den Senioren von Iwaishima ist es zu verdanken, dass bis heute nicht einmal das Fundament vom Kraftwerk steht. Schon lange vor Fukushima protestierten sie gegen den Bau. Und nach Fukushima sah es so aus, als würde nichts mehr passieren. Die Baupläne wurden auf unbestimmte Zeit verschoben.
Die Alten hatten gewonnen.

Am Montag Morgen um 7 Uhr stand ich vor der Uni. Die Professorin wollte mich in ihrem Auto abholen und zur Fähre bringen. Gemeinsam wollten wir zur Insel aufbrechen und mit dem Inselrat sprechen. Auf dem Weg sammelten wir noch einen deutschen Experten für Strahlenschutz ein, der gerade für ein Seminar in Hiroshima war. Er war Ost-Berliner und saß früher im Senat. Die Professorin erklärte uns die aktuelle Lage während ich mit dem ehemaligen Abgeordneten aus Berlin im gelben Toyota saß.

Es geht um Geld. So genanntes Garantie-Geld wurde von der Stromfirma allen Fischer der Region angeboten, für den Fall, dass was passiert. Es ist aber mehr oder weniger Schweigegeld, um das Kraftwerk zu akzeptieren. Denn sollte wirklich was passieren, ist die gesamte See verseucht und alle Fischer arbeitslos.
Alle Fischer in der Region nahmen das Geld an. Alle – bis auf Iwaishima.

Doch jetzt, nach Fukushima, gehen die Fischer auf der Insel nicht mehr davon aus, dass das Kraftwerk jemals gebaut werden wird. Warum also nicht jetzt das Geld nehmen?
Es gab eine öffentliche Abstimmung auf der Insel im letzten Jahr, bei der sich die Mehrheit der Fischer gegen das Geld ausgesprochen haben. In den nächsten Tagen riefen sie dann aber nach und nach heimlich bei der Stromfirma an. Sie haben ihre Meinung geändert oder waren von der Abstimmung verwirrt. Sie sind aber voll dafür, das Geld zu nehmen. Ergebnis: Die Mehrheit entschied sich für das Geld, die Stromfirma kann nun auszahlen.

Auf der Insel gibt es nun zwei Lager und die Graben sind tief. Auch wenn die Verteilung nicht gleichmäßig ist: Nur knap 35-50 Menschen wollen das Geld. Alle anderen lehnen es ab.

Das ganze wird nun aber noch komplizierter:
Seit mehr als zehn Jahren sitzt das Geld für die Fischer auf Konten der Regierung. Als nämlich in den 90er Jahren die Stromfirma die Fischer von Iwaishima auszahlen wollten, überwies die Insel das Geld gleich wieder zurück. Es landete dann auf kommunalen Konten, die das Geld nicht anrühren dürfen.
In den Jahrzehnten haben sich aber Zinsen und Steuern auf die Summe angesammelt, von denen keiner so recht weiß, wer sie nun bezahlen muss. Die lokale Regierung, die für den Bau vom Kraftwerk ist, will natürlich das Geld ausbezahlt sehen, und sich nicht mehr mit dem Problem vom „fremden Geld“ befassen müssen. Zudem gibt es anscheinend auch eine Frist, nach der das Geld verfällt. Keiner sieht mehr so recht durch. Auch die Leitung der Insel ist gespalten.

Für Jahre hat Herr Yamato die Proteste geleitet. Damit hatte er de facto die Leistung über die Insel. Ich traf ihn zwei Mal. Auf mich machte er immer den Eindruck eines schmierigen Politikers. Früher arbeitete er sogar für die selbe Stromfirma, gegen die nun protestiert wird. Aber das muss nix heißen. Viele auf der Insel arbeiteten früher für den Konzern. Ist halt ein großer Arbeitgeber in der Region. Aber Yamato ist nicht sehr beliebt, er ist ein etwas unbequemer Arsch Mensch.
Doch gerade deswegen haben ihn die Inselleute immer wieder gewählt. Die Idee war: Wenn er bei uns schon unbequem ist, ist er auch zur Stromfirma unbequem, und kann unsere Interessen vertreten.

Die Rechnung ging auf. Und als der Kampf gewonnen schien, trat Yamato zurück. Herr Shimizu übernahm seine Rolle. Er ist sehr beliebt auf der Insel, ein sehr ruhiger Mensch, immer wohl überlegt.
Im letzten Jahr, wo es nun darum ging, über das Geld zu entscheiden, trat Yamato wieder überraschend zur Wahl an. Shimizu und Yamato – beide haben am Ende gewonnen. Und die Insel bleibt gespalten. Auch wenn Yamato sich seit dem letzten Jahr nie zum Geld geäußert hat. Ob er dafür ist oder nicht ist unklar.

Früher war die Insel vereint und kämpfte gegen den gemeinsamen Feind, gegen den Stromkonzern.
Der Kampf ist gewonnen, der Feind ist weg.

Nun bekämpfen die Menschen auf der Insel sich selbst.


Ein Bootsbauer auf der Insel bastelt in seiner Freizeit kleine Flugzeuge aus Holz, die auf der Insel verstreut sind

Sollen sie doch das Geld nehmen, meinte pragmatisch der Strahlenexperte auf dem Beifahrersitz. Konkret geht es um eine Milliarde Yen für die Insel. Der Kampf ist aussichtslos, die Insel stirbt. Wie lange können die Senioren noch kämpfen? Zehn, Zwanzig Jahre? Am Ende wird es sie nicht mehr geben, und der Konzern sitzt es aus. Sie sollen lieber das Geld nehmen, schlug der ehemalige Abgeordnete vor, statt sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Go out with a bang! Und einer großen Party. Denn so zahlen sie mehr oder weniger eine Milliarde Yen für ein Schild, auf dem steht „wir sind gegen das AKW“ – während alle anderen in der Region das schon abgesegnet haben.

Die Professorin blieb japanisch höflich: „Ich weiss nicht….“. Der Berliner konnte sich kein deutsches Dorf vorstellen, dass so lange den Widerstand betreiben möchte. Allerdings, entgegnete ich vom Rücksitz, haben deutsche Dörfer Verbindungen auf dem Land und können zur Not weg. Auf der Insel ist man eben auf der Insel. Zudem gilt in Japan irgendwie immer noch das Samurai-Credo. Ehre im Tod. Und die Ehre der Ahnen.
Als was wird man die Insel erinnern? Als die Insel, die 30, 40 Jahre lang gekämpft hat? Oder die Insel, die nach Jahrzehnten am Ende doch aufgegeben hat – und das Geld nahm?

Welche Legende wird bleiben.

Der Abgeordnete schwieg. Die Professorin schaute auf die Karte, denn sie hatte sich verfahren. Wir verpassten dadurch eine der drei Fähren, die am Tag zur Insel fahren. So wie ich damals, 2010, als ich das erste Mal nach Iwaishima fuhr. Damals fragten wir im Hafen einfach herum, bis wir ein Boot fanden, das uns fuhr.
Inspiriert von meinem Erlebnis hielt die Professorin an und fragte. Ich schaute mich um. Es war exakt der gleiche Ort, wo ich vor vier Jahren nach einem Boot fragte. Vier Jahre und drei Bücher später stand ich nun wieder hier. Wieder auf dem Weg zu Insel.

Beim ersten Boot hatte sie gleich Glück. Der Kapitän stammte sogar von der Insel. Obendrein wartete er auf den ehemaligen – und nun wieder – Anführer Yamato. Er war sein Chauffeur.

Im Innern vom Boot lagen Reismatten und Rettungswesten. Yamato senior würdigte mich keines Blickes. Seinen Sohn, den ich vor vier und drei Jahren interviewte, erinnerte sich nach einer kurzen Überlegungszeit an mich. Du warst der mit dem Buch!

Während Yamato junior uns die aktuelle Lage und den Plan für den heutigen Tag erklärte, stand sein Vater mit ausgestrecktem Bein neben dem Kapitän.

Der Anwalt der Insel ist heute gekommen. Zusammen mit dem Inselrat wollen sie eine Lösung finden, die Sache mit dem Geld legal anzufechten. Es gibt da wohl viele Ungereimtheiten, erklärte Yamato junior. Anschließend kommen die Bewohner der Insel für ein Meeting zusammen. Für den nächsten Tag haben sich nämlich Vertreter der Fischerei-Gewerkschaft von der Präfektur angekündigt. Mal wieder. Sie wollen mit den Inselbewohnern reden. Doch die wollen nicht, dass sie überhaupt die Insel betreten. Mit vollen Körpereinsatz wollen sie sie zurück ins Boot drängen. So wie sie es schon oft gemacht haben. Mit Vertretern vom Stromkonzern, mit Anwälten, Politikern.

„Das ist kindisch!“, sagte der Anwalt im Hauptquartier der Protestbewegung auf der Insel. Im schwarzen Anzug lief er auf dunklen Socken auf den Reismatten auf und ab. Um ihm herum saß der Inselrat, Shimizu und wir. Zwischen den Senioren, Fischern und Farmern wirkte er direkt etwas blass.
Jeder hatte vor sich Papiere liegen. Darunter die Vorgangsweise zur Abstimmung über das Geld, und was dabei nicht funktionierte. Ein alter Mann, dünn mit eingefallen Wangen und brauner Haut, durch die sich die Falten wie feine Federstriche durch Reispapier zogen, gab dem Anwalt recht. Es ist kindisch. Die Entscheidung über das Geld ist schon gefallen. Die Leute von der Gewerkschaft wollen nur reden. Sie jetzt zurück zum Boot zu drängen, ändert nichts an der Entscheidung. Wir sollten lieber überlegen, wie wir das ganze auf rechtlichen Wegen ändern können.

Der Anwalt nickte. Allerdings versteht er die Gefühle der Inselbewohner. Sie wollen zeigen, dass sie noch nicht aufgegeben haben. Der Kampf und die Entschlossenheit der Senioren war es schließlich, was ihn überzeugte, die rechtliche Beratung zu übernehmen.
Er ist Mitglied der kommunistischen Partei Japans und großer Fan von Deutschland. Er empfahl der Runde ein japanisches Buch über die PDS und dessen Entwicklung zur Linkspartei. Als ich ihn fragte, was er denn von Gysi hält, war ihm der Name geläufig. Gute Frau, sagte er.
Na, das üben wir noch mal.

Es gab Bento und wir stellten uns reihum vor. Da war eine Autorin aus Tokyo, die zwei Jahre auf der Insel lebte und ein Buch über das alte Leben hier schrieb. In der Ecke, die Kamera in der Hand, saß Tohjo, auch wenn er mich nicht mehr erkannte. Als einer von mehr als 20 jungen Kayak-Aktivisten kam er vor fünf Jahren auf die Insel. Ich interviewte ihn damals für mein Buch. Ich stellte mich nun als der deutsche Fotograf vor. Er nahm sofort die Pose ein, die ich ihn damals für das Buch habe machen lasse. Eine fürchterliche Pose, soviel weiß ich nun, vier Jahre später. Aber er erinnerte sich.
Er wohnt nun nicht mehr hier. Aber seit Fukushima dreht er an einem Film – über die Insel und über Fukushima. Für neues Material ist er jetzt hier.

Shimizu blieb die ganze Zeit still und stellte sich ganz ruhig am Schluss vor. Um seine Rolle als Anführer machte er kein großes Aufheben. In seiner Windjacke und Baseball-Mütze war er von den anderen Senioren nicht mehr zu unterscheiden.

Um 14 Uhr war dann Inseltreffen. Alle sollten kommen. Treffpunkt war im Gemeindehaus, was irgendwie auch als Notfall-Krankenhaus und Bürgeramt funktioniert. Es fiel mir schwer, das Gebäude einzuschätzen. Es war auf jeden Fall nicht jünger als die Bewohner der Insel.

Der Inselrat bereitete das Treffen vor, bei dem der Anwalt über die aktuelle Lage informierte. Tohjo und Hashimoto blickten aus dem Fenster vom Versammlungssaal, in die unsichere Zukunft der Insel.

Nach und nach trafen dann die betagten Herschaften ein. Die alten Damen freuten sich, Tohjo wieder zu sehen. Mit fast 30 gehört er doch zu den wenigen jungen Leuten auf der Insel. Er wohnt inzwischen mit seiner Frau auf dem Festland. Aber man erinnerte sich noch gern an ihn.
Er bat mich auch, keine Fotos von den Senioren zu machen. Zumindest nicht solche, wo man das Gesicht erkennt. Er sagte, dies sind die „echten Inselmenschen“ und ich verstand nicht, was er meinte.

Bis ins Treppenhaus drängten sich die Inselmenschen. Alle wollten wissen, wie es weiter geht und was der Plan für morgen ist. Alle lauschten dem Anwalt.
Ich hatte Schwierigkeiten, ihn zu verstehen. Es war sehr viel super-höfliches Japanisch in seinem Monolog. Er lobte die Jahrzehnte des Protests, die harte Arbeit der Senioren. Aber, so bat er sie doch, es nicht zu übertreiben und auf die Gesundheit zu achten. Sie haben genug erreicht, nun ist es an ihm, auf rechtlichen Wegen zu kämpfen.

Yamato senior meldete sich am Schluss vom Monolog. Anschließend gab es Fragen. Yamato junior, sein Sohn, regte an, dass das eigentliche Problem doch die Schulden der Fischer sind. Wenn die Insel es schafft, diese zu beseitigen, dann könnte man aufs Geld verzichten.
Die See ist zwar reich an Fisch, doch der Wettbewerb ist hart. Die Fischer verdienen nicht genug. Größter Kostenfaktor ist der Boss der Fischerei-Gewerkschaft der Insel. Denn der Boss stammt nicht von der Insel und seine Anreise wird teuer bezahlt. Er wurde von der Hauptgewerkschaft geschickt – die ja dem Kernkraftwerk zugestimmt hat.

Als sich alle auf den Weg machten, nahm Shimizu das Mikrofon in die Hand. Er mahnte noch mal zur Vorsicht für den nächsten Tag. Nicht schubsen, nicht gewalttätig werden. Das könnte gegen die Insel verwendet werden. Aber schreien ist okay.
Doch es hörte ihm kaum noch einer zu. Die Hälfte war schon die Treppe runter.

Seit meinem ersten Besuch auf der Insel 2010 hatte sich viel getan. Erst recht nach Fukushima. Es gibt nun Cafés auf der Insel. Eines davon besuchten wir, der Strahlenschutzexpert aus Ostberlin und meine Professorin, zusammen mit dem Inselrat, Anwalt und Shimizu. Man lud uns ein.

Anschließend nahmen der Berliner und die Professorin die letzte Fähre am Tag. Ich wollte noch bleiben. Hashimoto organisierte meine Unterkunft. Es war nicht sein Haus, aber er kümmerte sich darum. Nachdem der Besitzer starb, stand das Haus leer. Nun dient es Aktivisten und „Freunden der Insel“ als kostenfreie Übernachtungsmöglichkeit.
Es war das gleiche Haus, wo ich schon vor drei Jahren schlief, bei meinem zweiten Besuch.

Die Autorin aus Tokyo schlug vor, dass wir am Abend zusammen essen. Aber bis dahin war noch etwas Zeit. Ich wollte erst noch die Insel erkunden, die ich drei Jahre lang nicht mehr sah.



Die verwinkelten Gassen kannte ich noch gut. An einer besonders engen Ecke stieß ich fast mit einer Dame zusammen. Sie erschreckte sich kurz. Ich bin nur Ausländer, sagte ich, kein Grund sich zu erschrecken. Sie lächelte. Bei Ausländern erschrecke ich mich nicht mehr.
Ich lief ein Stück mit ihr.

Sie war eine der Neuen, eines der Cafés auf der Insel gehörte ihr. Als ich ihr sagte, dass ich aus Deutschland komme, sprach sie etwas Deutsch mit mir. Sie hatte acht Monate in Düsseldorf studiert. Sie sprach mit nur einem geringen Akzent, aber viele Worte fehlten ihr. Mir fiel es dann wieder ein, dass ich sie schon einmal sah. Im ZDF.
Als ich 2010 auf der Insel war, war ich der erste deutsche Journalist, der über den Kampf berichtete. Nach Fukushima stürmten die Journalisten dann nach Iwaishima.

Das ZDF war in ihrem Café und stellte sie damals als eine der Neuen auf der Insel vor. Ich bat sie nun also, mir doch mal ihr Café zu zeigen. Heut hat sie zwar geschlossen, aber kurz zeigen war okay. Wir müssen vorher aber noch bei ihrer Meisterin vorbei. Die dampfte grad Algen.

Das habe ich schon ein paar Mal auf der Insel beobachtet. Das Seegras wird getrocknet und/oder geräuchert – und dann u.a. als Delikatesse nach Tokyo geliefert. Es ist tatsächlich sehr lecker und gesund. Schmeckt ein bisschen wie Rotkraut.

In ihrem Café gibt es nur lokales Essen. Der Kaffee ist zwar importiert, aber der Tee, Reis und die Früchte kommen von der Insel. Sie lebt hier alleine, mit einem Hund und einem Huhn. Ihre Familie, sagt sie.


Kokochan, das Huhn, frisst getrocknetes Seegras, während im Hintergrund Wasser aus der Erde gepumpt wird

Auf ihrem Dach hatte sie auch Solaranlagen. Yamato senior hatte als letzte Amtshandlung einen Plan angetrieben, der die Insel komplett unabhängig machen sollte vom Stromkonzern. Doch die Dächer reichten nicht aus, genug Strom für alle zu generieren. Es spaltete die Insel, nicht alle waren dafür. Yamato ging und hinterließ eine halbe Insel mit Solarzellen, die aber komplett noch vom Konzern abhängig war.

Ich gab der Dame vom Café meine Visitenkarte, wie es üblich ist in Japan, wenn man sich vorstellt. Sie schaute etwas grimmig und gab sie mir zurück. Sie will Energie sparen und kein Papier vergeuden. Also sollte ich die Karte doch mal lieber behalten.

Ich zog weiter über die Insel.

Kurz vor dem Haus von Hashimoto kam mir die Autorin aus Tokyo aus einer der dunklen Gassen entgegen. Sie sprach recht schnell, also verstand ich sie kaum. Ich hörte nur „Freund“, „da drüben“, „jetzt“ und „shokudô“ – was wörtlich „Essenshalle“ heisst, aber meist mit „Mensa“ übersetzt wird. Wie also vorher abgesprochen sollten wir in einem Restaurant essen gehen. Mit einem Freund, nahm ich an.

Zielsicher bewegte sie sich durch die mittlerweile finsteren Gassen der Insel. Vor einem weißen Haus machte sie halt und sagte: Hier ist es. Draußen war kein Schild, Menü oder Name. Aber wird schon passen, dachte ich mir. In dem Dorf kennt sicher jeder das Restaurant und drinnen gibt es ein Menü.

Geselliger Abend
Der Tisch war gedeckt für zehn Leute. Für uns vier – Tohjo, die Autorin, die Köchin und mich – war es viel zu viel. Es gab gebratenes Wildschwein, fritierte Auster, zwei Schüsseln voll mit Kartoffelsalat, dazu Sushi und Reis. Alles von der Insel. Alles köstlich.

Ich schluckte gerade das Schweinefilet runter, als ich die Köchin zu ihrem Restaurant fragte. „Sagen Sie, wie lange haben Sie schon die shokudô?“
Keiner sagte etwas, alle guckten sich nur irritiert an. Im Hintergrund lief der Fernseher.
Shukudo? Das ist meine Wohnung!

Es stellte sich heraus, dass es die Frau von Hashimoto war. Was die Autorin mir vorher versuchte zu erklären, war, dass wir anstatt in die shukodu, zu einer Freundin gehen und essen. Der ganze Tisch lachte.

Frau Hashimoto wurde auf der Insel geboren, lebte aber mehr als 30 Jahre lang in Osaka und arbeitete als Friseurin. Sie hatte sich den Kansai-Charme behalten. Etwas schnodderig und frech machte sie konstant Witze. Vor allem über den „merkwürdigen Ausländer“ wie ich mich selbst beschrieb, als sie mir ein Bier anbot und ich ablehnte („Was? Aber du bist doch Deutscher! Deutsche lieben Bier!“). Und das schönste war: Jeder Witz hat gezündet. Ich habe lange nicht mehr so viel gelacht wie an diesem Abend. Frau Hashimoto war einfach nur herlich.
Sie könnte direkt aus Berlin stammen. In all ihrer Schnoddrigkeit hatte sie ein gutes Herz. Wie eine Großmutter ermutigt sie mich ständig, mehr zu Essen. Sie holte dann noch den Sake raus und mein Glass war nie leer, weil sie ständig nachschenkte.

Später kamen noch ihr Mann, Shimizu und der halbe Inselrat hinzu. Mit den Männern leerte ich den Sake. Die Autorin hatte sich in die Ecke zurückgezogen und tippte in ihren Laptop.
Nach vier leeren Gläsern war mein Japanisch so gut wie noch nie. Ich verstand 80% von dem, was mir die alten Herren erzählten. Mein Gehirn hat sich auch einfach umgeschaltet. Denn sonst habe ich nämlich immer jemanden dabei, der irgendwie noch Englisch kann. Doch die Professorin, die zuvor für mich übersetzte, war weg. Ich war komplett alleine auf der Insel mit meinem Japanisch. Und es funktionierte.

Im Vorfeld war ich besorgt über meine Neutralität. Die zwei Lager, Yamato und Shimizu – wenn ich mich zu einem bekenne, lehnt der andere mich eventuell. Ich bin Journalist, ich will neutral bleiben. Ich will mich auch nicht von einem Lager ausnutzen lassen, wie wenn z.Bsp. der eine meine Bilder gegen den anderen einsetzt.
Allerdings habe ich vorher immer an Yamato gehangen. Er war Leiter, also als Interviewpartner für mich wichtig. Nun saß ich mit Shimizu am Tisch und war viel mehr integriert in das Leben der Insel, als ich es je mit Yamato war. Shimizu ist beliebter und ich merkte es.

Weisheit der Alten
Ich unterhielt mich mit den Senioren über den Protest und Politik, meine Projekte und den Krieg. Abe, aktueller Premierminister von Japan und Enkel eines hochklassigen Kriegsverbrechers, ist ein absoluter Dilettant in Sachen Aussenpolitik. Regelmäßig verärgert er China und Korea mit ignoranten Äußerungen zum Krieg. Seit er an der Macht ist, gab es in Japan einen ordentlichen Ruck nach Rechts. Die alten Herren am Tisch, teilweise kurz nach dem Krieg geboren, finden Abe furchtbar. Er sorgt nicht gerade für ein aufgeklärtes Volk. Fukushima spielt er runter. Und die Insel ist alleine in ihrem Kampf – Regierung und Bevölkerung sind gegen sie.

Wie man junge Japaner besser aufklären kann fragte ich am Tisch. Es wurde kurz still. Eben lachten wir alle noch kräftig. Frau Hashimoto war in der Küche mit dem Abwasch beschäftigt. Einer der Herren sprach.
„Ich habe von meinen Eltern vom Krieg gelernt. Diese Erinnerungen habe ich an meine Kinder und Enkel weitergegeben.“
Aber, so werfe ich ein, wird denn mit jeder Generation die Erinnerung an den Krieg nicht schwächer und weiter entfernt?
„Ja, aber“, sagte er „es wird immer Krieg geben, von dem wir lernen können.“

Bevor es dann am nächsten Tag mit dem Protest los ging, hatte ich noch ein persönliches Ziel: Den Sternenhimmel fotografieren.
Eine Insel im Meer, abseits von der Lichtverschmutzung der Stadt, bot sicher eine grandiose Aussicht. Vor vier Jahren verließ ich die Insel an einem Nachmittag. Vor drei Jahren gab es Dauerregen und einen bewölkten Himmel. Doch jetzt. Jetzt sollte es klappen.

Als ich aus dem Haus von Hashimoto wankte, sah ich bereits die Sterne über den Gassen. Frau Hashimoto rief mir noch hinterher. „Gebt dem Jungen doch ne Taschenlampe mit!“ Aber die hat ich schon.

Die Schule ist nun übrigens keine Ruine mehr. Es gibt drei Kinder und zwei Lehrer. Und einen Blog.

Mein Stativ hatte ich nicht dabei. Nur die Taschenlampe, die mir auch die zahlreichen schiefen Treppenstufe zeigte. Ich balancierte das Objektiv auf ihr – bis die Lampe brach.

Guter Zeitpunkt, nachhause zu gehen. Morgen wird ein langer Tag. Für mich, die Insel und die Senioren.

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