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Nagasaki – Buddha und die zerstörte Stadt

Posted in Reis und Reisen by fritz on 1. November 2010

Der dritte Tag in Nagasaki. Wir warteten nur auf einen Anruf von der Stadt, der uns erreichen sollte, wenn vor der Küste sich die Wellen wieder beruhigt hätten. Bei Anruf sollte es sofort auf die Ruinen-Insel gehen. Bis dahin wollten wir uns die Stadt anschauen. Die Stadt, die am 9. August 1945 als zweite Stadt von der Atombombe zerstört wurde.

Nach dem WM-Spiel und dem deutschen Sieg in der letzten Nacht, mussten wir am Morgen wieder das Hotel wechseln. Das war weniger, weil ich in der Nacht zuvor zu laut gejubelt hatte (schließlich war der Betreiber auch Fußballfan), sondern weil dieses Haus für den Tag bereits ausgebucht war. Unser neues Haus hatten wir schon am Tag zuvor gebucht. Praktischerweise lag es nur 500m von unserem jetzigen Hotel weg. Wir machten uns also am Morgen auf dem Weg und OH MEIN GOTT WAS IST DAS??

Wir biegen um die Ecke und zwischen den Häusern steht auf einmal ein riesiger Buddha.

War der die letzten Tage schon hier? Wo kam der her? Was zur Hölle macht ein riesiger Buddha zwischen den Häusern und direkt bei unserem Hotel?

Bevor wir das klären konnten, brachten wir erstmal unser Zeug in unser neues Hotel. Unsere Zimmer waren zwar noch nicht fertig, aber wir konnten unser Gepäck in der alt eingerichteten Lobby lassen. Das Hotel hatte wohl seine besten Tage schon längst hinter sich gelassen, die alte Einrichtung und ein ziemlich dekadenter und völlig verstaubter Kronleuchter zeugten von dieser Zeit. Scheinbar waren wir die einzigen Gäste an dem Tag. Im Verlauf unseres Aufenthalts sahen wir keinen weiteren Gast und auch die geräumige Tiefgarage war leer.

Auf Drängen meiner Begleiterin zahlte ich gleich das Zimmer, so wie ich auch kurz zuvor das Zimmer aus dem Hotel, aus dem wir kamen, bezahlte. Ein Blick in meine Geldbörse schockierte mich dann schnell. Denn nicht nur fehlte mir das Geld, wie eigentlich geplant, nach Nagasaki noch nach Kyoto zu düsen und dann weiter nach Tokyo. Es fehlte mir zu dem Zeitpunkt das Geld überhaupt nachhause zu kommen.

Erstaunlich, hatte ich doch vor der Reise um die 1000€ übrig, mit dem letzten Gehalt aus dem Restaurant und ein paar verkauften Aufträgen. Dazu wohnte ich derzeit in Tokyo mietfrei. Wo war das Geld hin??

Eine kurze Rechnung mit meiner Begleiterin ergab ein klareres Bild. Da ich immer vermeintlich Geld hatte, zögerte ich auch nie, für uns beide zu bezahlen. Zweimal 10.000Yen für zwei Hotels fallen dann schnell auf.
Meine Begleiterin versicherte mir, im Laufe des Tages noch ihren Teil zurückzuzahlen und wir machten uns auf dem Weg in die Stadt.

Doch vorher… wollte ich diesen riesigen Buddha aus der Nachbarschaft näher betrachten.

Wie die Tage zuvor hing Nagasaki auch heute unter einer Dunstglocke, mit schwülen Wetter und dicken Nebel. Der riesige Buddha wurde von mir nur „creepy Buddha“ genannnt, weil er sich mysteriös bedrohlich im Nebel über der Stadt erhebte.
Den Hang hinauf führte ein Weg, vermeintlich zum Buddha, in dessen Schatten nur Katzen seinen Weg bewachten.

Uns skeptisch beäugend machten sie den Weg frei.

Den Weg hinauf gab es ein Schild, auf dem eigentlich stand, dass Betreten nicht wirklich gestattet ist, und wenn, dann ein paar Yen kostet. Doch weder sahen wir jemanden, der es uns hätte verbieten können, noch den wir hätten bezahlen können.
Wir sahen nur ein deutsches Pärchen, dass sich über den Buddha genauso wunderte, wie wir. Ich hatte allerdings nicht wirklich Lust mit ihnen zu reden.

Der Buddha, ca. 7m hoch und umringt von kleinen Kindern (die den Riesen noch gruseliger wirken ließen), stand auf einem Tempelgebäude, das geformt war wie eine riesige Schildkröte, komplett mit riesigen Schädel.

Die ganze Anlage gehörte zu einer buddhistischen Sekte, die aus China stammte. Meine Begleiterin war Architektin und sie erkannte einen eindeutigen chinesischen Einfluss in der Tempelstruktur – die sie mir auch erklärte aber ich nicht 100%ig verstand.


Eine Mauerdekoration, die Figur ist wohl eine Art Traumfresser

Im wenigen Grün der Tempelanlage konnte man dauerhaften Regen über der Stadt deutlich erkennen.

Nachdem ich den Buddha nun von nahem gesehen habe, um mich von seiner creepyness überzeugt hatte, wollte ich nur noch weg und rein in die Stadt.
Für Nagasaki hatte ich nur einen Auftrag: Ich sollte die Statue ablichten, die die DDR dem Peace Park der Stadt gestiftet hatte, und von dem kaum Fotos existieren. Aber es war mir auch persönlich wichtig, nachdem ich nun Hiroshima erlebt hatte, die erste Stadt, die von der Atombombe vernichtet wurde, nun auch Zeugnisse von der Zerstörung in Nagasaki zu sehen.

Über Hiroshima las und wusste ich viel, schon seit früher Jugend. Über Nagasaki wusste ich nicht so viel. Die Stadt hat leider das Stigma eben nur Nummer zwei zu sein. Denkt man an die Bombe, denkt man an Hiroshima. Internationale Bestrebungen und Aufmerksamkeit richtet sich auch fast nur auf Hiroshima. Wenn Nagasaki erwähnt wird, dann nur meist mit dem Vorsatz „Hiroshima und….“. Einen Blogeintrag über die Zerstörung von Nagasaki erzähle ich auch nicht ohne Hiroshima zu erwähnen…

Es hat mich auch überrascht, wie die Stadt selbst mit dem Thema umgeht. Während in Hiroshima der 6. August 1945 und seine Folgen DAS Thema ist, ist in Nagasaki die Atombombe „nur“ ein Punkt von vielen. Zuerst sah ich das sehr kritisch, betrachtet man Nagasaki aber näher, versteht man es.

Nagasakis Geschichte ist weitaus länger und komplexer als die von Hiroshima. Hiroshima war immer Industriestadt. Zwar mit einem Samurai-Schloss aus Holz, aber größtenteils gesichtslos. Mit einem (atomaren) Schlag wurde die Stadt auf die internationale Bühne katapultiert und musste mit dieser Rolle klar kommen.
Nagasaki war schon immer auf einer internationalen Bühne. Zwar eine kleine Bühne, aber bedeutsamer für den gesamten Verlauf der japanischen Geschichte, als Hiroshima.

Nagasaki war Japans Tor zum Westen in der Edo-Zeit. Das einzige Tor zum Westen in der Zeit. So kam die Elektrizität nach Japan, viele medizinische Errungenschaften und andere Sachen, auf die ich später nochmal eingehen möchte.
Ebenso überlebte hier ein kleine christliche Minderheit und der Einfluss und Austausch mit China war in der Küstenstadt Nagasaki über Jahrhunderte bedeutsam. So viel Geschichte, schon vor 1945, da ist es kein Wunder, dass der Stellenwert der Bombe und ihrer Folgen, im Reiseführer der Stadt verhältnismäßig kleiner ist.


Unweit vom Zentrum der Explosion

Nagasaki wurde aufgrund seiner langgestreckten Stadtstruktur, zwischen Hügeln gelegen, auch weniger von der Bombe getroffen, als Hiroshima zum Vergleich. Doch versteht mich nicht falsch, nach der Explosion stand da genau so nichts mehr.

Im Gegensatz zu Hiroshima gab es auch wenig Betonkonstruktionen, die die Explosion überdauerten, und die man dann im Museum deformiert betrachten könnte. Trotzdem war die Explosion natürlich verheerend. Zahlen in Nagasaki gehen von ca. 70.000 Toten sofort aus, und nochmal ungefähr 70.000, die an Verletzungen und Verbrennungen aufgrund der Bombe in den folgenden Tagen, Wochen und Monaten elendig verreckt sind. Gesamt also ca. 140.000 Tote wegen einer Bombe. Für diese Kosten/Nutzen Rechnung hat bestimmt jemand nen Orden bekommen.

Die langgestreckte Stadt macht auch nun den Gedenkbereich etwas anders. Ziemlich weit vom Zentrum der Stadt, sofern sie denn eins hat, liegt der Peace Park, der selbst jedoch nicht auf dem Gelände vom Hypozentrum, also dem Zentrum der Explosion, liegt. Das zentrale Element in diesem Peace Park ist diese Statue.

Ich stand davor und dachte:

„…was?“

Ein riesiger, muskelbepackter Adonis, mit langer Mähne und blanker Brust soll 140.000 Toten gedenken? Wiedermal war ich etwas verstört. Nagasaki ist eben anders und geht ebenso anders mit der Geschichte um.

Die Statue soll das Leben feiern. Das Leben, dass den Überlebenden und Nachkommen geblieben ist. Daher sieht der Kerl auch so „vital“ aus. Die eine Hand geht nach oben, in Richtung der Bombe. Die andere Hand soll Frieden symbolisieren, moderat balanciert sie die verschiedenen Kräfte aus.

Das alles vor einem diesigen Himmel und grauer Nebelwand. Die Fotos an dem Tag versprachen nicht so doll zu werden, aber das Wetter sollte sich so bald nicht ändern.

Der Peace Park in Hiroshima ist voll mit Monumenten und Denkmälern, gestiftet aus aller Welt. Der Peace Park in Nagasaki ist… überschaubar.

Erstaunlich viele Flächen waren leer, in Erwartung internationaler Aufmerksamkeit. Doch die bleibt aus.
Im Plan vom Park haben die Denkmäler Nummern. Die Nummer 1 ist dabei der einzige deutsche Beitrag, das „Denkmal der Völkerfreundschaft“ aus der DDR.

Der bis heute einzige deutsche Beitrag zum Peace Park in Nagasaki steht zusammen mit einem Beitrag aus Russland und Tschechien in einer sozialistischen Ecke, die alle in einem Zeitraum von drei Jahren von 1978-81 dort aufgestellt wurden.
Rechts vom deutschen Beitrag ist viel leerer Raum.

Gegenüber der deutschen Statue stand ein Denkmal, welches der in der Explosion gestorbenen Studenten gedenken sollte. Viele von ihnen sind an Verbrennungen gestorben, oder sie sind ohne reines Wasser verdurstet. Daher auch die Eimer mit und Flaschen beim Denkmal.

Eine Zeichnung eines Überlebenden, die an dem Denkmal hing und nicht nur Studenten zeigt. Menschen versuchten sich mit ihren verbrannten Körpern zu einem Zug zu schleppen, der sie aus der Stadt bringen sollte. Ein Großteil ist wenige Meter vor dem Zug ihren Verbrennungen erlegen.

An den Tod durch Verdursten bzw. durch das Trinken verunreinigten Wasser, soll dieser Springbrunnen erinnern. Auf dem Stein steht ein Zitat einer Überlebenden. Sie beschreibt ihren quälenden Durst, den sie dann mit schwarzen Wasser stillte, das sie in einem Fluss oder Teich gefunden hatte. Das Wasser war vermutlich durch Asche und radioaktiven Staub verseucht. Ob die Frau lange überlegte, sagte die Tafel nicht.
Der Brunnen soll niemals ausgehen, damit die Verletzten immer Wasser haben – oder so ähnlich ist der Anspruch vom Gedenkbrunnen.

Das Zentrum der Explosion. Der leere Raum hat eine direkte Wirkung

Der Peace Park liegt, größtenteils, auf dem Gelände eines ehemaligen Gefägnisses, von dem nach der Explosion nur noch die steinernen Außenmauern blieben. Beim Hypozentrum stand eine christliche Kirche (von denen gibts in Nagasaki viele), von der nur noch ein Pfeiler blieb, der bis heute steht.
Das Zentrum der Explosion markiert heute ein schwarzer Monolith.

Auf dem respektlos ein Rabe saß.

Einige Kulturen halten ja den schwarzen Raben für einen Boten des Todes. Der dunkle Vogel vorm tiefgrauen Hintergrund an diesem Ort – da kann man jetzt etwas spirituelles reininterpretieren, wenn man mag.

Wenn ihr mich fragt, wie dieser Raum auf mich wirkte, so sage ich: Null. Es ist ein leerer Raum, der aber kaum das Grauen, die Zerstörung und das Leid der Zeit wiedergeben kann. Geschichten von Überlebenden und Bilder aus der Zeit bewegen mich mehr, als ein leerer Platz.


Detail eines Denkmals vor dem Atombomben-Museum

Es sind Geschichten von Menschen, die ein Bild dieser Explosion zeichen. Geschichten, wie diese: Beim Hypozentrum läuft ein Fluß entlang. Von der Position des Fotos oben, rechts. Eine Treppe führt dort ans Ufer, zu einer Gedenktafel und einem Hohlraum im Fundament des Parks, der mit einer Glasscheibe abgedeckt ist. Die Gedenktafel erzählte von Menschen, die sich an genau dieses Ufer schleppten um zu trinken. Dieses Ufer, welches keine 10m vom Zentrum der Explosion entfernt war. Einige verendeten hier, oder ihre Leichen wurden vom Fluß mitgenommen, der so durch die offenen Wunden der Opfer vom Blut rot gefärbt wurde, und schwarz vom verseuchten Staub.
Der Hohlraum und das Fundament dahinter ist bis heute hoch radioaktiv (allerdings unter Bleiglas und selbst ohne nicht gesundheitsgefährdend) und es liegen Gebeine von Toten darin, die im Fluß gefunden wurden, die Knochen immer noch verseucht.


Leider ohne irgendeine erklärende Tafel, aber wohl ein Denkmal für gestorbene Mütter und ihre Kinder

Die gefaltenen Kraniche, Symbol für die Opfer der Atombombe und ihre Leiden, finden sich auch in Nagasaki – vom Regen aufgeweicht und nicht beachtet.

Wir sind dann zum Atombomben-Museum von Nagasaki. Nicht nur die vielen Libellen, die wild davor umher schwirrten, waren ein großer Unterschied zu Hiroshima. Es fehlten auch die internationalen Besuchermassen, die Schlangen – und auch diese bedrückende Schwere, die in Hiroshima die ganze Stadt und vorallem das Museum umgibt. Es fehlten auch die vielen amerikanischen Touristen, die mit Kaugummi im Mund, Sandalen und Sonnenbrillen vor den Bildern der Zerstörung stehen. Ich bemüh ja ungern Klischees, aber das war tatsächlich das Bild, das ich in Hiroshima sah.

Die Besucher in Museum in Nagasaki waren überschaubar, die Ausländer konnte man einer Hand abzählen.

Eine große Kirche in Nagasaki, zu der ich später noch komme, hat es bei der Explosion ziemlich erwischt. Die Reste wurden dann komplett abgerissen, im Museum befindet sich ein Nachbau vom Zustand nach der Explosion.


Topographie-Modell von Nagasaki, die mittels Projektion die zerstörten Areale zeigte und erklärte, warum Nagasaki im Talkessel anders von der Explosion erwischt wurde, als Hiroshima


1:1 Nachbau der Bombe, „Fat Man“

Für meinen Geschmack etwas zu anschaulich wurde die Technik hinter der Bombe erklärt. Hinter der Bombe von Nagasaki stand eine andere Technik als in Hiroshima. Nicht minder tödlich, natürlich.

Dann gab es das, was es in Hiroshima auch gab. Verbrannte Kleidung, deformierte Gegenstände und Fotos. Was in Nagasaki allerdings anders war, und mir und meiner Begleiterin, die ja auch mit mir im Museum von Hiroshima war, nachhaltig Bauchschmerzen bescherte, war ein Gang am Ende vom Ausstellunsgarreal. Dieser war gefüllt mit Geschichten, Aussagen und Informationen von Personen, die den Schrecken überlebten – zumindest eine gewisse Zeit lang. Vom zehnjährigen Mädchen, das ihren eigenen Vater beerdigen musste und wenige Jahre später den Rest ihrer Familie verlor, über Mütter, deren Kinder in ihren Armen starben, oder einem Doktor, der selbst an Leukämie erkrankte und noch am Sterbebett Verwundete versorgte – geschrieben, gesprochen, gezeichnet und gefilmt hatte das alles einen intensiven Eindruck, in dem pechschwarz gemalten Raum.

Als ich draussen war, musste ich mich kurz setzen. Es saß dort bereits meine Begleiterin, die schneller aus dem intensiven Raum raus war. Wir haben dort noch nicht über das eben Gesehene gesprochen und wollten es zu dem Zeitpunkt auch nicht.

Neben dem Ort wo wir saßen, war ein Globus mit plastischen Erhebungen. Diese Rauchsäulen symbolisieren alle atomaren Explosionen auf dem Planeten. So plastisch vor sich, realisiert man überhaupt erst, dass aufgrund von all den Atomtests, Japan nicht das einzige Land ist, das dieser Explosion ausgesetzt wurde.

Wieder draußen unter der warmen Luft verdauten wir das Ganze erstmal. Meine Begleiterin meinte, dass sie dieses Museum viel trauriger gemacht hat, als das in Hiroshima. Ich teilte ihre Meinung, auch da ich vorher nicht viel über Nagasaki und die Bombe wusste. Auch die Fotos von Opfern und ihren Brandwunden ließen mich nicht unberührt.

Wir wollten weiter auf dem Pfad der Zerstörung.
Es klingt dramatisch, doch tatsächlich gingen wir diesen Weg, die Schneise entlang, die die Bombe geschlagen hatte. Vom Hypozentrum aus Richtung Stadtinneres.
Ich wollte unbedingt die Urakami-Kathedrale sehen, die es als eine der ersten großen Kathedralen in Japan, nach der Bombe komplett zerfetzt hatte. Auch weil ein guter Freund von mir gläubiger Christ ist und ich ihm etwas von diesem, doch eher unbekannten Kapitel japanischer Geschichte, mitbringen wollte. Und sei es nur ein Foto.

Um das Ganze mal ins rechte Licht zu rücken: Das Christentum, das auch über Nagasaki nach Japan kam, wurde über 200 Jahre lang auf Strafe verboten und Gläubige wurden verfolgt und getötet. Während heute in Japan niemand mehr aufgrund seiner Religion diskriminiert wird (und das muss man dem Land echt mal hoch anrechnen), gab es damals eine regelrechte Verfolgung von Gläubigen und Symbolen. Die Zahl der Getöteten schwankt je nach Quelle, ich habe mal was von 57 über einem Zeitraum von 200 Jahren gelesen, andere sprechen von mehreren hundert. Vorallem christliche Quellen geben immer hohe Zahlen an. Irgendwo las ich auch mal etwas um die 1000. Natürlich war und ist das Christentum in Japan eine Minderheit, allzu hohe Zahlen sind da nicht zu erwarten. Allerdings könnte man ja unfairerweise mal gegenrechnen, wieviel Andersgläubige im selben Zeitraum in Europa oder nur in Deutschland aufgrund ihres Glaubens getötet wurden….

In der Geschichte der Urakami Kathedrale liegt nun eine Tragik oder zumindest ein gewisser historischer Zynismus. Nachdem das Verbot vom Christentum aufgehoben wurde, erlaubte der Kaiser den Bau einer Kathedrale in Nagasaki. Im Jahre 1895 wurde begonnen und 1925 war sie nach 30 Jahren Bauzeit fertig. Sie stand nur 20 Jahre und dann wurde sie von der Atombombe zerstört – geworfen von christlichen Amerikanern.

Mehr als 200 Jahre Verbot, 30 Jahre Bauzeit und es braucht nur wenige Sekunden um all das wieder zunichte zu machen.
Ende der 50er wurde die Kathedrale wieder komplett neugebaut. Ein Nachbau der Zerstörung steht, wie oben erwähnt, im Museum.


Alte Figuren vor der Kirche, vom Zahn der Zeit abgenagt

Ein besonders morbides Merkmal der Urakami Kathedrale, ist der Kopf einer Maria Statue, die von der Bombe erwischt wurde.


Quelle: asianews.it

Davon verkaufen sie in der Kathedrale auch Postkarten, das Motiv ist dabei schön mysteriös mit dem Licht in Szene gesetzt. Der Original-Kopf ist allerdings nur so 15-20cm groß. Ich hatte mir auch eine Postkarte gekauft, neben einem Buch über die Kathedrale und die Geschichte des Christentums in Japan, für meinen Freund daheim. Das Buch ist inzwischen verschenkt und die Postkarte habe ich irgendwie verlegt.

Ach und der Papst war auch schonmal da:

Oder er hat zumindest mal ein Fax geschickt. So ganz genau verstand ich das auch nicht, es fehlte auch eine englische Tafel.

Nun gab es nur noch ein Objekt, dass von der Bombenexplosion zeugte, und das ich mir anschauen wollte. Wieder zum Weg der Verwüstung und an ihm entlang.
Da kamen wir an zwei Zeigern vorbei:

Die Uhr bzw. 11.02 Uhr als Zeitpunkt der Explosion, ist in Nagasaki von genauso symbolhafter Bedeutung wie in Hiroshima. Diese Zeiger standen vor einem Krankenhaus, dessen medizinische Fakultät über jahrzehnte hinweg in Japan führend war. Nicht zuletzt auch durch den historischen Umstand, dass viel medizinisches Wissen aus dem Westen, über Nagasaki nach Japan kam. Das Krankenhaus verbrannte bei der Explosion komplett. Zu einem Zeitpunkt, als die Stadt es eigentlich am meisten gebraucht hätte.

Unweit vom Krankenhaus befindet sich der letzte Zeuge der Explosion im Stadtbild von Nagasaki: Das einbeinige Schrein-Tor

Vor japanischen Schreinen steht immer so ein Tor, ein geschwungener Bogen über zwei Säulen, genannt Torii. Bei der Explosion hat es nun die zweite Säule von diesem Tor komplett weggefetzt. Die andere Säule, in ungewöhnlicher Bauweise aus Beton, hat es durch die Druckwelle in die Richtung des Explosionszentrum gedreht.

Die Reste von der zweiten Säule hat man unweit vom noch stehenden halben Tor aufgebahrt, in Einzelteile zerbrochen. Heut gibt es dort keinen Schrein mehr, der auch bei der Explosion schnell verbrannte, es ist nur noch eine Wohngegend.

Das war Nagasaki. Das war, was Nagasaki nach der Explosion war.
Ich saß neben dem zersplitterten Betonpfeiler auf einer Bank und dachte über das Gesehene nach. Natürlich ist das alles grausam. Natürlich kann man die Stadt nicht nur auf das reduzieren, was war. Das hier ein Typ mit seinem Hund einfach an etwas vorbei läuft, was den Tod von 140.000 Menschen bezeugt, ist eben der Alltag einer Stadt, die mehr als 60 Jahre nach der Bombe lebendig ist, und mehr zu bieten hat, als nur die Trauer über ihr Schicksal.

Man sagt zwar immer „Hiroshima und Nagasaki“ und vergleicht beide Städte, doch beide Städte sind nicht zu vergleichen. Genausowenig wie 140.000 Tote in der einen Stadt mit 166.000 Toten in der anderen Stadt zu vergleichen sind. Zahlen lassen sich sicher vergleichen – doch ausgelöschte Leben, Schicksale und Geschichten nicht.

Nagasaki geht, wie oft erwähnt, eben anders mit der Bombe um, auf seine eigene Art. Das fand ich zu Anfang sehr befremdlich, und dann doch verständlich.

In meinem Restaurant in Tokyo hatten wir mal ein Briten zu Gast. Er war schon etwas angeheitert, sprach keine Wort Japanisch und wollte mit jemanden reden. Er fragte nach dem Ausländer und meine Kollegen schickten mich dann hin. Auch wenn ich nicht mit allem was er sagte einverstanden war, so war es doch ein interessantes Gespräch. Ich erzählte ihm vom meiner Reise nach Hiroshima, den Gesprächen die ich dort führte, und von meiner Erkenntnis, dass Hiroshima eine sehr lebendige Stadt ist, deren Bewohner nicht jeden Tag an das Schicksal der Stadt denken. Auf englisch formuliert sich das schön mit „they moved on“ – sie haben sich weiterbewegt.
Der Brite stellte mir nun die Frage, warum die Leute außerhalb Japans, die Hiroshima immer nur auf die Bombe reduzieren und nur das sehen können, sich nicht weiterbewegt haben. Warum sie immer noch ein Hiroshima von 1945 in ihren Köpfen ist.

Tja… sagte ich. Und wusste es auch nicht wirklich. Wahrscheinlich, weil viele in ihrem Leben nicht das Hiroshima von heute sehen und erleben werden, und die Medien sich hüten werden, eine unaufgeregte Geschichte von einem „normalen“ Hiroshima zu erzählen, ohne auch nur in einem Nebensatz „…trotz der Bombe“ hinzuzufügen – als wäre sie gestern erst hoch gegangen.

So war auch meine Vorstellung fest in dem Nagasaki von 45 und hatte sich vor meinem Besuch nicht weiterbewegt. Dementsprechend war ich entrüstet. Was kann denen denn einfallen, einfach die Bomben zu ignorieren? Das tun sie nicht.
They moved on.

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Die Nagasaki-Nacherzählung:

Teil I – Nach Nagasaki, der Insel wegen
Teil II – Nagasaki, Stadt im Regen
Teil III – Buddha und die zerstörte Stadt
Teil IV – Gräber, die die Stadt hinauf wachsen
Teil V – Die touristenfreundliche Ruine im Pazifik
Teil VI – Eine Insel für die Holländer und ihre Dirnen


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Nagasaki – Stadt im Regen

Posted in abenteuerliches, Reis und Reisen by fritz on 29. September 2010

Der zweite Tag in Nagasaki beginnt im Nebel und im Regen. Wie das ganze Land im Juni/Juli ist auch Nagasaki eingepackt in Nässe und Feuchtigkeit – und ich war es ebenso. Eine Freundin wollte am Nachmittag diesen Tages in Nagasaki eintreffen, so hatte ich den halben Tag um die Stadt zu entdecken. Es begann mit einem Friedhof im Nebel…

Nagasaki hat für eine Stadt eine etwas ungewöhnliche Form. Langgestreckt an einer Bucht, in einem Tal zwischen mehreren Hügeln und Bergen gelegen. Diese langgestreckte Form hat bei der Explosion der Atombombe zwar nicht wirklich Schlimmeres verhindert, aber es hat etwas anders und hemmender gewirkt, als in Hiroshima.

Stadtzentrum, auch wenn es keins gibt, liegt eher auf dem östlichen Teil der Bucht. Mein Ziel an diesem Morgen war die Westseite der Bucht, die von Touristen vorallem bei diesem Wetter ignoriert wurde. Auf der Westseite gibt es laut Reiseführer nur eine Seilbahn den Berg hinauf, und einen alten Friedhof für Ausländer, der bezeichnenderweise weit weg von der Stadt früher war.
Ich holte mir mein Frühstück in einem Konbini (Ananas-Saft, irgendwas weiches, teigartiges Süßes und ein weicher Teig mit einer cremigen Käse-Schinken Füllung drin), und schaute beim Essen auf das Meer – oder zumindest das, was man davon erkennen konnte.

Ein einsamer Fischer hielt seinen Angel in die Suppe, wohl in der Hoffnung die Fische würden ihn im Nebel nicht entdecken. In den 20 min, die ich dort weilte, vermochte er allerdings nichts zu fangen.

Ich parkte meinen großen Rucksack am Bahnhof und ging weiter an der Bucht entlang.


Die andere Seite, keine 500m entfernt aber trotzdem im Nebel verschluckt. Links im Nebel und nicht im Bild sind die Mitsubishi-Schwerindustriewerke, die da schon 1945 standen und, wenn ich mich nicht komplett irre, das ursprüngliche Ziel für die Atombombe vom 9. August sein sollten

Ich suchte eine Brücke und mir blieb nichts anderes übrig, als weiter ins Graue zu gehen, da ich einfach keine Brücke sehen konnte. Ich sah nur ein paar hundert Meter weit, danach war nur noch nichts. Auf dem Stadtplan meinte ich eine Brücke gesehen zu haben, also schritt ich voran.

Nach einer halben Stunde fand ich eine und ging rüber. Das hier wirklich touristenbefreite Zone war, merkte ich an den Mangel an den sonst reichlich vorhandenen zweisprachigen Straßenschildern und den verwunderten Blicken, die mir begegneten. Ich wusste nur die grobe Richtung vom Friedhof, also ging ich einfach drauf los, in der Hoffnung den irgendwann dann schon zu sehen. Bei diesem Gedankengang muss mir wohl entfallen sein, dass der Nebel alles geschluckt hatte.

An einer kleinen Kreuzung stand ich nun und versuchte die Himmelsrichtung zu raten. Eine ältere Dame, die mich ganz besorgt von ihrem Blumenladen anschaute, der in dem Grau des Nebels die einzigen Farbelemente lieferte, kam dann auf mich zu, und fragte mich, wohin ich möchte. Ich griff nach meinem Wörterbuch um „Friedhof“ nachzuschlagen, nur um zu merken, dass dieses noch in Tokyo lag und ich vergessen hatte es einzupacken. Mir sind dann nur die Worte für „Tod“ eingefallen, was die Dame etwas beängstigte.

Sie dachte dann, das ich als Ausländer wohl bestimmt zur Seilbahn möchte, doch ich verneinte. Hilflos wie ich, wendete sie sich dann an ihre Tochter, oder Schwiegertochter, so ganz genau konnte ich das nicht erkennen, die mich dann auf Englisch fragte, wohin ich möchte. Sie verstand recht schnell, übersetzte für die alte Dame die mir dann fünfmal und in ganz langsamen Japanisch erklärte, dass ich einfach nur 50m geradeaus gehen musste. Komplett mit Handzeichen und persönlicher Begleitung auf den ersten fünf Metern, damit ich es auch ja nicht verfehle. Sie, die junge Dame und ihr Sohn oder Schwiegersohn, der dann auch aus dem Laden kam, lächelten mich dann noch an und wünschten mir alles Gute. Ich bedankte mich sehr und sah noch, wie sie mir hinterher schauten, als ich im Nebel Richtung Friedhof verschwand.

Am Eingang war ein kleiner Teich, über den eine Brücke zum Friedhof führte. Im Teich blühte der Lotus, in dessen Blätter sich der Regen zu großen Tropfen sammelte.

Zwischen den Pflanzen schwammen ein paar Schildkröten durch den dreckigen Teich.

Wohl in der Erwartung ich hätte Futter dabei, schwammen sie auf mich zu und reckte ihre Hälse aus dem Panzer in meine Richtung.

Auf dem Weg zum Friedhof lief ich an zwei schwatzenden Älteren vorbei, von denen der eine in meine Richtung kam, als ich die Schildkröten betrachtete. Er stand da kurz mit mir im Regen und schaute zu den Tieren und dann zu mir. Ein vertrauensvolles Lächeln bildete sich in seinem Gesicht, und ich glaubte, er wollte mit mir Reden, doch ihn hatte dann wohl doch der Mut verlassen. Er murmelte ein (frei übersetzt) „So ist das, nicht wahr…“, lächelte mich noch einmal an, und ging an mir vorbei.

Hinter dem schmiedeeisernem Tor erwartete mich ein alter und völlig überwucherter Friedhof.
Nagasaki hat eine lange Geschichte vom Handel mit dem Westen, vorallem mit Portugal, England und Holland, und anderen ausländischen Besuchern. Bis dann in der Edo-Zeit die Tore dicht gemacht wurde und nur noch eine kleine Minderheit von Holländer auf einer kleinen eigenen Insel vor den Toren Nagasakis ihr Dasein fristeten und nur einmal im Jahr raus durften.

Über mehrere Jahrhunderte kamen ausländische Besucher nach Nagasaki. Sie blieben und starben unweigerlich hier. Die Japaner oder die eigenen Landsleute erwiesen den größtenteils christlichen Besuchern die letzte Ehre und bestatteten sie mit einem standesgemäßen Begräbnis.

Die Grabsteine sind vom Zahn der Zeit inzwischen komplett abgekaut worden, und nicht einmal der Stein erinnert sich an die Toten, die einst in dieser Stadt gelebt haben.

Das ich mir nun grad einen Friedhof ausgesucht habe, für meinen ersten Ausflug in Nagasaki, ist vielleicht ungewöhnlich, aber durchaus passend. Friedhöfe wirken immer eine gewisse Faszination auf mich aus, sie erzählen die Geschichte der Stadt, ihrer Toten und ihrer lebenden Bewohner, die herkommen und die Toten ehren.
Ich hab mal überlegt, der wievielte Friedhof das jetzt ist, den ich mit einer intensiven Fototour verbunden habe: Seit 2009 war das nun insgesamt siebte, von denen ich allerdings bisher nur einen verbloggt habe. Und sicherlich war der in Nagasaki der Erste im Nebel.

Der Friedhof war, wie so oft in Japan, an einem Hügel gelegen. Am Fuße lag der Teich und die alten Gräber für Ausländer. In zunächst regelmäßigen, dann sehr ungleichmäßigen Terrassen ging es weiter den Hügel hinauf, verbunden zunächst durch eine Steintreppe mit geschmackvollen Laternen.

Relativ geordnet und teilweise durch Tore und Schlösser versperrt, hatte jedes Land und teilweise jede verschiedene Epoche ihr eigenes Areal, von denen nur noch die russische Abteilung eine Plakette hatte.

Der russische Einfluss in Nagasaki ist ein (mir) sehr unbekanntes Kapitel japanischer Geschichte, ich vermute allerdings dass der erst nach der Edo-Zeit eingetreten ist. Bleibt mir nur noch zu sagen, dass die Russen von allen Gräbern, das Neueste und dickste Schloss an ihrem Tor hatten. Nicht das noch einer nen tonnenschweren Grabstein mitnimmt…

Etwas nach den Russen begannen schon die japanischen Gräber, teilweise reichlich verziert und üppig, vermutlich von wohlhabenden Bewohnern Nagasakis, eventuell sogar solche, die durch den Handel mit dem Westen wohlhabend wurden, auch wenn diese Verbindung im Tod wohl etwas weit hergeholt ist.

Friedhof Panorama

Oben war dann erstmal Schluss, denn eine Straße lief durch die Gräber.

Links ging es dann allerdings schon weiter mit dem Friedhof. Ich machte mich auf dem Weg, den Hügel hinauf und an ihm entlang. Wohin der Blick reichte, und das war an diesem Morgen nicht sonderlich weit, gab es nur Gräber. Diesmal alle japanischen Ursprungs, bis auf ein paar chinesische und koreanische Ausnahmen. Das größte und absolut protzigste Grab hatte ein chinesischer Konsul, dass ich so widerlich dekadent fand, dass ich garnicht erst ein Foto davon machte.

Stattdessen lieber von diesen skurilen Gestalten:

Für die Dinger hätte ich gerne eine Erklärung.
So wie ich mir das zusammen reime, waren das religiöse Figuren, deren Köpfe abgetrennt, und durch einen Klumpen Ton ersetzt wurden, in die dann minimale Gesichtszüge geritzt wurden. Diese kleinen Figuren mit ihren abnormen Köpfen fanden sich überall in diesem Bereich des Friedhofs.

Denkt man an Nagasakis Geschichte, kommt mir die christliche Vergangenheit in den Sinn. Für mehr als 200 Jahre war das Christentum in Japan auf Strafe verboten, nur in Nagasaki, welches seit jeher einem Einfluss aus dem Ausland ausgesetzt war, konnte sich eine kleine Minderheit erhalten.
In der Zeit des Verbots wurden christliche Symbole zerbrochen oder komplett zerstört. Darstellungen von Jesus wurden verboten, sodass japanische Christen sich halfen in dem sie buddhistische oder shintoistische Figuren oder Symbole als Statthalter nahmen und für ihre sakralen Zwecke umdeuteten.
Diese kleinen Figuren auf dem Friedhof könnten christliche Heilige sein, deren Köpfe abgetrennt wurden und nun, unkenntlich, wieder ein Gesicht verpasst wurde. Doch diese Figuren könnten unmöglich so alt sein! In der Meiji-zeit, Ende des 19. Jhd. wurde das Christentum wieder „legalisiert“, Jesus und seine Kollegen waren wieder voll okay. Diese Figuren müssten somit älter als 150 Jahre sein.


Friedlich mit dem Buddha zusammen

Vielleicht ist das aber auch nur eine gewisse Tradition, um an diese Zeit zu erinnern, mit neuen Figuren. Doch erstaunlich welche Kapitel der Geschichte sich zwischen den Gräbern verstecken. Um die Geschichte einer Gesellschaft zu begreifen, hilft es auch sich das Vermächtnis ihrer Toten anzuschauen.

Das einzig Lebendige zwischen all dem Stein waren nur die Pflanze, denen der Regen absolut nichts ausmachte.

Neben Pflanzen waren auch zahlreiche Katzen auf dem Friedhof, die mich neugierig und skeptisch zwischen den Gräbern beobachteten.


Seht ihr sie? Sie sah mich definitiv. Spionage-Katzen…

Eine Katze konnte ich locken. Das eingangs erwähnte weiche Käse-Schinken Gemisch, dass ich angewiedert in die Tiefen meiner Umhängetasche verbannte, war der Katze ganz recht.

Für die „Bezahlung“ posierte sie auch gerne für meine Kamera.

Als sie merkte, dass ich meine Kamera wegsteckte und nicht noch mehr weiches Teig-Imitat japanischer Art rausholte, war das Shooting für sie vorbei und sie verschwand wieder, irgendwo zwischen Nebel und Grabstein.

Ich streifte weiter durch das Gelände. Zwischen toten Blumen für tote Menschen…

…vorbei an Efeu, der sich an den Stein wie an das Leben klammert…

…entdeckte ich noch einen weiteren Bewohner dieses Friedhofs, der zwischen zwei Gräbern auf Beute hoffte, die sich in diesem Regen nicht ganz einstellen wollte.

Leider wollte sie partout nicht still halten, ihr Netz tanzte mit dem Wind und die Tropfen leuchteten im Morgennebel.

Bei den Lichtverhältnissen war es leider echt schwer, sie scharf zu kriegen. Obwohl ich eine halbe Stunde(!) probierte, und eigentlich schon nach 15min die Lust verloren hatte, wollte ich sie noch mitnehmen.

Für das Shooting wollte ich ihr, wie der Katze, auch etwas geben. Doch mein Käse-Schinken Brei aus meiner Tasche wär nix für sie gewesen (obwohl anscheinend schon vorverdaut), und ein Käfer, den ich fangen wollte, war leider zu schnell für mich. Na vielleicht frisst sie ja die Katze. Oder andersrum.

An diesem Punkt der Geschichte, eigentlich schon drei Stunden vorher, war ich komplett durchnässt. Zum Fotografieren brauchte ich beide Hände und legte den Schirm oft beiseite. Die hohe Luftfeuchtigkeit und die Bergbesteigung bei 28+°C tat ihr übriges. Zudem war ich müde, weil ich in der Nacht keinen guten Schlaf bekommen hatte. Ich wollte nur noch meine Freundin abholen, in ein Gasthaus gehen und pennen.

Der Nebel hatte inzwischen etwas nachgelassen und ich steuerte auf die nächste große Brücke zu, die über die Bucht führte. Ich konnte keinen Zugang zur Brücke ausser der Autostraße erkennen. Also lief ich einfach unter der Brücke entlang, die ca. 50m über mir verlief. Unten am Wasser, und immernoch ohne Fußgängerzugang, standen ein paar Angler, die etwas frustriert ihre Angeln im dunklen Wasser unter der Brücke hielten. Ich ging auf sie zu und fragte, wo denn die Brücke sei. Etwas irritiert zeigten sie nur nach oben.
Jaja, sag ich, ich mein die Fußgängerbrücke. Einer aus der Gruppe entgegnete dann auf meine japanische Frage in Englisch. „Bridge?“ sagt er, ich antwortete wieder auf japanisch „Ja die Brücke“.

Auf Englisch erklärte er mir dann, zwar etwas grummelig aber höflich, dass da drüben der Zugang zur großen Brücke über uns war. Ich bedankte mich auf japanisch und er wünschte mir mit ebenfalls grummeligen Ton noch einen schönen Tag auf Englisch. Als ich dann etwas von der Gruppe weg war, drehte ich mich nochmal um und merkte, dass der, der Englisch mit mir sprach, mir hinterherschaute um sicherzugehen, dass ich auch die richtige Richtung (gerade aus) nicht verfehle, und rief mir noch mal auf Englisch hinterher, dass es gleich da vorne ist. Sehr freundlicher Herr, auch wenn er auf den ersten Blick recht stoffelig wirkte. Vielleicht macht das der Mangel an Sonnenlicht im Nebel und unter der Brücke mit einem…

Eine unscheinbare gelbe Wendeltreppe führte dann zur großen Brücke hinauf und über die Bucht, wieder direkt zum Bahnhof. Ich war der einzige Fußgänger auf der Brücke.
Wieder am Bahnhof angekommen, und noch etwas Zeit zur Verfügung ging ich wieder zu dem kostenlosen Internet in der Bibliothek. Schließlich hatte ich ja jetzt einen Ausweis.
Ich schickte meiner Freundin noch schnell eine Nachricht und suchte ein paar Gasthäuser raus. Die Entscheidung wollte ich ihr überlassen und sie plädierte für traditionell japanisch. Ich checkte noch schnell die Nachrichten aus Deutschland, denn schließlich sollte heut abend noch das WM Spiel Deutschland gegen Argentinien stattfinden.

Ich machte mich auf dem Weg zum Gasthaus, dass nur 15min vom Bahnhof lag und checkte ein. Ein übereifriger Betreiber freute sich über den ausländischen Besuch und fragte natürlich gleich woher ich komme. Deutschland, sagte ich. Er grinste und meint „Ah, die spielen doch heute? Viel Erfolg!“. Ich konnt mich nur noch schnell bedanken und ein Zimmer für zwei buchen, da rief schon meine Freundin an. Sie ist endlich in Nagasaki gelandet. Ich erklärte dem Betreiber, dass ich sie noch schnell abhole und gleich wieder da bin.

Wobei das nicht ganz stimmt, denn anstatt auf japanisch zu sagen „Meine Freundin ist am Bahnhof“ sagte ich „Meine Freundin ist ein Bahnhof“. Der Faux Pas fiel mir dann auf dem Weg zum Bahnhof bzw zu meiner Freundin noch auf, aber ich glaub, der wusste schon was ich meinte.


Statue am Bahnhof

Mein Gepäck konnte ich dann auch gleich am Bahnhof abholen und wir gingen zum Gasthaus. Unterwegs sprachen wir über Gunkanjima und das WM-Spiel heute abend. Ich meinte „Nachdem Deutschland dann heute gewonnen hat, können wir uns auf die Insel konzentrieren.“ Meine japanische Freundin war irritiert. „Du kannst doch garnicht wissen, dass Deutschland heute gewinnt?“. Doch, doch das konnte ich.

Das Gasthaus roch frisch nach Tatami und war angenehm hell. Ich nahm die dringend benötigte Dusche und schlüpfte in frische Klamotten. Trocken und warm legte ich mir meinen Futon zurecht, dabei wie üblich drei Futons übereinander. Wir redeten noch kurz über Gunkanjima. Unser Kontakt in Nagasaki hatte sich noch einmal gemeldet. Er wollte wissen, für welches Medium ich schreiben will und wie hoch die Auflage ist. Ich gab meiner Freundin alle Infos, legte mich hin und wollte nur kurz meine Augen ausruhen. Sie telefonierte.

ich bin zwischendrin eingeschlafen, ich wachte nur kurz auf, als meine Freundin am Fenster stand und mit dem Verteter der Stadt telefonierte. Ich fand das Licht am Fenster wunderbar, griff im Liegen meine Kamera, drückte ab und schlief wieder ein.


Sie beschwerte sich dann nachher, dass sie auf dem Bild doch arg breit aussieht, aber das macht allein die Perspektive

Irgendwann, als es schon dunkel war, wachte ich auf. Meine Freundin war fixiert auf ihr Handy, das sie in Gedanken versunken betrachtete. Meine erste Frage war natürlich „Wie spät ist es?? Spielt Deutschland schon??“, doch bis zum Spiel waren es noch zwei Stunden, in denen man noch ein gutes Essen einlegen sollte.

Sie gab mir dann die Kurzfassung zu ihren Gesprächen. Wie schon im Wetterbericht angekündigt sind die Wellen vor der Küste leider derzeit sehr stark und es ist gefährlich, zur Insel zu fahren. Sollte es morgen noch machbar sein, bekommen wir im Laufe des Tages einen Anruf. Unser Kontakt bei der Stadt hat einen Fischer organisiert, der uns für ein paar Yen auf die Insel rübersetzt.

Die Insel kann man auch als Tourist betreten, indem man mit hundert anderen auf ein Boot verfrachtet wird, die dann mit dir zusammen 30-45min auf der Insel sind und durchs Bild laufen. Das wollte ich vermeiden, also suchten wir uns Zeiten raus, die nicht mit den Touristen kollidierten. Allerdings war das für dieses Wochenende auch hinfällig, da bei dem Wetter keine Touristen rübersetzten. Für uns sollte eine Ausnahme gemacht werden, wenn das Wetter ist.

Mein ursprünglicher Wunsch war es eine Nacht auf der Insel zwischen den Ruinen zu verbringen. Denn Fotos von der Insel gibt es inzwischen reichlich, doch bei nacht war noch keiner da. Meiner Freundin gefiel der Gedanke absolut nicht, doch ich war gespannt. Nur musste die Stadt Nagasaki entscheiden, ob ich das darf oder nicht. Und da zählten harte Zahlen der Auflage des Mediums und Größe des Abdrucks darin.

Um den Fischer zu treffen, der uns zur Ruineninsel bringen sollte mussten wir in einen kleinen Ort fahren, anderthalb Stunden vor Nagasaki. Wenn der Anruf morgen kommt, würden wir uns auf den Weg machen. Ich machte mir noch Gedanken ums Licht, wenn das Wetter so sein sollte wie heute, doch zunächst zählte erstmal überhaupt auf die Insel zu kommen, wegen der ich hergekommen war. Ddie Zeit drängte etwas, da meine Begleitung bereits in zwei Tagen Nagasaki verlässt, und sie unter anderem auch wegen der Insel hergekommen ist. Und ich selbst würde in 6 Tagen Richtung Deutschland fliegen. Meine Reise nach Japan und nach Nagasaki sollte nicht ohne eine Reise zur Ruineninsel bleiben.

Nun wollten wir endlich was essen. Nagasaki hat, wie absolut jeder Ort in Japan, eine lokale Delikatesse bzw. Spezialität. In Nagasaki gab es unter anderem Nudeln mit Meeresfrüchten, serviert in einer Créme-Soße, die dann meine japanische Begleitung auch orderte. Ich begnügte mich mit Ramen. Dann kam schon das Spiel.

Auf einem HD-Fernseher sah ich dann eines der besten deutsche Spiele bei dieser WM. Beim ersten Tor schrie ich schon das ganze Haus zusammen, bei den dann noch folgenden drei Toren ohne Gegentor nahm ich mir immer ein Kissen und brüllte da hinein. Selbst meine Begleitung, die sonst wenig Lust auf Fußball hat, war von dem Spiel begeistert. Am nächsten Morgen wollte ich mich eigentlich beim Betreiber für meinen lauten Jubel in der Nacht entschuldigen. Doch als der mich dann mit „Gratulation!“ begrüßte, wusste ich, das war nicht mehr nötig.

Nach dem Spiel war ich bester Laune. Deutschland hatte gewonnen und ich würde nach Gunkanjima gehen.

Endlich Sonnenschein im Nebel von Nagasaki

———————————————–
Die Nagasaki-Nacherzählung:

Teil I – Nach Nagasaki, der Insel wegen
Teil II – Nagasaki, Stadt im Regen
Teil III – Buddha und die zerstörte Stadt
Teil IV – Gräber, die die Stadt hinauf wachsen
Teil V – Die touristenfreundliche Ruine im Pazifik
Teil VI – Eine Insel für die Holländer und ihre Dirnen


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Elf Uhr und zwei Minuten an einem Morgen in Nagasaki

Posted in Gedanken by fritz on 9. August 2010


1:1 Nachbildung der Bombe „Fat Man“ im Museum von Nagasaki, die bereits leistungsstärker als die Hiroshima-Bombe war

Nagasaki ist die ewige Nummer zwei, heisst es doch immer „Hiroshima… und Nagasaki„. Eine Woche vor meinem Abflug aus Japan war ich in Nagasaki. Die Stadt ist sehr viel anders als Hiroshima. In Hiroshima ist die Atombombe das Ding, was alles dominiert und womit man Hiroshima überall in der Welt verbindet. Nagasaki hatte schon vor 11.02 Uhr Ortszeit am 9. August 1945 eine wichtige Bedeutung in der Geschichte Japans, als Tor zum Westen. Zuerst war ich verwundert, dass im Info-Büro der Stadt die Atombombe nur ein Punkt neben vielen auf dem Programm ist, während in Hiroshima eigentlich alles damit zu tun hat. Doch für Nagasaki macht es Sinn.

Zu Nagasaki, und was ich dort überhaupt gemacht habe, äußere ich mich ein andermal, hier nur mal ein paar Impression, gegen das Vergessen der zweiten vernichteten Stadt.

Das Hypocenter, das Zentrum der Explosion. Heute steht ein schwarze Monolith an der Stelle, und viel, viel leerer Raum


Nagasaki hat wie Hiroshima auch einen Peace Park, mit einer riesigen, muskelbepackten Statue


Während Hiroshima’s Peace Park voll ist mit Monumenten und Denkmälern aus aller Welt, ist der Peace Park in Nagasaki sehr überschaubar und geradezu leer. Der einzige deutsche Beitrag kommt aus der DDR und hat die Nummer 1 auf jeder Karte des Peace Parks


Die Statue steht da in der „sozialistischen Ecke“, zusammen mit Denkmälern aus der Sowjetunion und Tschechien


Eine Zeichnung eines Überlebenden, die an die gestorbenen Studenten erinnern soll, die sich mit ihren verbrannten Körper zu einem Zug schleppten, der sie aus der Stadt bringen sollte. Ein Großteil ist wenige Meter vor dem Zug ihren Verbrennungen erlegen.

(Ein) Friedhof in Nagasaki. Nagasaki ist umgeben von Hügeln und liegt in einem Tal. Dieser Hügel hier war vom Fuße bis zur Spitze voll mit tausenden von Gräbern. Nicht alle Grabsteine gedenken den 70.000 Menschen, die am 9. August ums Leben kamen, aber die vielen Grabsteine geben zu denken.


Nagasaki heute, eine lebendige und entspannte Stadt

Das Magazin LIFE hat noch einmal in seinem Archiv rumgekramt und bisher unveröffentliche Bilder aus Hiroshima und Nagasaki präsentiert, inkl. Briefe von den Fotografen, die einem Monat nach der Explosion die zerstörten Städte erlebten.

-> Weblink: LIFE magazine – Hiroshima & Nagasaki

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