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Wie konnte das nur passieren?

Posted in journalistische abenteuer, schon merkwürdig by fritz on 7. Februar 2010

Wie mein Foto auf das Cover einer Zeitschrift in Japan gelangte.


Cover vom Japanzine magazine, Januar 2010

Eines meiner Lieblingsprichwörter ist „Wo gehobelt wird, da fallen Späne“. Für mich bedeutet das, dass auf jede Aktion, eine Reaktion folgt, ob gewollt oder nicht. Denkt man das dann weiter, ist jede Aktion auch wiederum eine Reaktion auf eine vorherige Aktion, und so weiter und so fort.
Ich habe mal überlegt, welche Ereignisse dazu führten, dass mein Foto auf das Cover eines Magazins gelangt ist. Es ging weit zurück, bis zum November 2008:

November 2008
Ich gehe in ein Buchladen um ein Buch über junge Fotografie zu suchen. Ich finde keins also beschließe ich selbt eins zu machen. Die Arbeit an junggesehen, einem Bildband zur jungen deutschen Fotografie, beginnt und bis zum Druck der Bücher sollte es noch bis zum Sommer 2009 dauern.

Sommer 2009
Nach jahrelangen Träumen und kurz nach der Fertigstellung von junggesehen bzw. kurz nachdem die .pdf zu Druckerei geschickt wurde, fliege ich im Juli nach Japan.

3. Tag nach der Landung
Ich gehe zum Stammtisch von doitsunet, der deutschen Community in Tokyo. Ich bin noch nicht ganz angekommen und frage nach, was man den machen kann, um sich besser im neuen Land einzuleben. Man gibt mir den Ratschlag, den Hobbies nachzugehen, die man schon in der Heimat verfolgt hat.
Eins meiner Hobbies ist es, junge Kunst und Fotografie zu fördern, warum nicht eine Ausstellung zu junggesehen, zur jungen deutschen Fotografie, in Tokyo machen?

August
Ich habe einen Fotoauftrag, der mich mit Leuten im Goetheinstitut bekannt macht. Danach dann frage ich nach, ob sie mir bei der Ausstellung helfen können.

Nach langen Hin und Her und vielen Anfragen, ob ich ihnen mein Projekt vorstellen kann, lädt das Goethe-Institut zum Treffen ein. Sie finden das zwar alles ganz schau, wollen aber auch nicht viel machen, „weil es ist ja so und überhaupt schwierig das alles und sie wissen schon, ne“?

Beim Verlassen des Instituts werfe ich noch einen Blick auf die Kleinanzeigen an der Wand. Es wird eine Aushilfe gesucht und ich fühle mich angesprochen.

Ich gehe zu dem Cafe und die Ereignisse von „professionell pleite“ finden statt. Wie auch dort erwähnt meinte man zu mir, dass ich doch als Fotograf qualifizierter sei, als als Kellner, und man gab mir noch diverse englischsprachige Magazine mit, die in Tokyo und in Japan erscheinen. Darunter den Weekender und das absolut elendige Being a broad magazine. Im Letzteren war eine Anzeige einer Fotografin, die ich anschrieb und nachfragte, ob sie denn nicht ne Assistenz sucht.

September
Sie suchte tatsächlich und nahm mich auf. Als ich ihr meine Fotos zeigte, gähnte sie. Als sie mir ihre zeigte, tat ich das ebenfalls, allerdings eher innerlich, man ist ja höflich.
Sie war Australierin, seit neun Jahren in Tokyo und hat sich auf Gaijin-Fotografie spezialisiert. Das heisst, bei Gaijin Events wie großen Feiern von Managern, US-Armee Stützpunkten, oder sonstige Aufträge von Menschen die seit Jahren in Tokyo leben, aber kein Japanisch können und/oder keinen japanischen Fotografen engagieren wollen, ist sie dabei.

Ich lerne viel von ihr. Allen voran, dass man keine gute Bilder machen muss, um als Fotograf Geld zu verdienen.

Sie denkt sehr wirtschaftlich, ein Denken was mir manchmal fehlt. So zum Beispiel wird sie engagiert, bei einer US-Militär-Gala zu Fotografieren. Wichtigste Aufgabe dabei ist es, möglichst viele Leute abzulichten, denn die Leute ordern dann online bei ihr die Fotos. D.h. sie wird für das Fotografieren selbst bezahlt, und dann nochmal für die einzelnen Abzüge. Das läuft sehr gut für sie, die Qualität ihrer Bilder finde ich allerdings bescheiden, bzw. es ist nicht das, was ich mit der Fotografie erreichen möchte.
Allerdings konnte ich wirklich von ihr lernen, was es bedeutet, mit der Fotografie Geld zu verdienen. Sie war sehr streng, aber irgendwo auch erfolgreich. Ein paar Zitaten von ihr:

„You’re selling your pictures not to photographers, but to people.“
Heisst, ich soll mir weniger Mühe mit Komposition und Bildgestaltung geben, die meisten Kunden achten da eh nicht drauf.

„You’re not in Berlin anymore“
Als ich meinte, wieviel Geld ich in Berlin verlangte, und wie wenig das doch ist nach Tokyo-Maßstäben.

„Don’t ask so many questions, Fritz“
Weil ich mich immer sehr gern mit den wichtigen Leuten unterhielt. Aber als Journalist ist man nunmal neugierig.

„Do what I say“
War ihr Motto.

Sie arbeitete wirklich viel, 6 Tage die Woche, 18 Stunden pro Tag. Am 7. Tag betrank sie sich, bis sie das Bewusstsein verliert – Ihre Worte, nicht meine. In der Zeit, in der ich für sie arbeitete, lächelte sie nur einmal, und zwar der Tag an dem ich in Anzug und rasiert erschienen bin. Ihre Reaktion:

„Wow Fritz, you look like a real person now! I have to look at you more often now.“

Warum erzähle ich von ihr? Es hat viel mit dem Foto zu tun, mit dem ich aufs Cover kam.

Making of: le Bild
Meinen ersten Auftrag für sie hatte ich drei Tage nach dem Vorstellungsgespräch. Es ging auf einen Stützpunkt der US-Armee. Treffpunkt war 6.45Uhr in Meguro. An dem Tag wachte ich genau 6.42 Uhr auf, in Shinjuku, 40min von Meguro entfernt.

Bezahlung war 1000yen die Stunde. Sollte ich einmal ausfallen, und nicht rechtzeitig Bescheid sagen, stellt sie mir die ausgefallene Arbeitszeit in Rechnung. Würde ich also nicht innerhalb von 3min in Meguro sein, würde ich ihr eine ordentliche Summe Geld schulden, die ich überhaupt nicht habe.
Ich kramte ihre Nummer raus und rief panisch an. Was ich eigentlich sagen wollte war: „OHMEINGOTTSORRY!! ICH KOMME SOFORT!!“. Doch was ich stattdessen sagte, war „Ich habe den falschen Zug genommen, ich komme etwas später“.
Schnell etwas Wasser ins Gesicht gespritzt, zum Zug gerannt und losgefahren. Halb acht kam ich an, ungeduscht und vom Rennen verschwitzt. Sie war zwar sauer, aber mehr konzentriert auf den Auftrag und sie meinte, es sei ihr auch schonmal passiert. Doch noch einmal sollte ich das nicht machen.

Es ging zum US-Armee Stützpunkt. Die Kinder der dort positionierten Soldaten hatten an dem Tag ein Fußballturnier, und die Fotografin sollte die 150 Kinder ablichten. Stets in derselben Pose. Ich sollte nur Sachen tragen und/oder festhalten, mit Fotografieren war nicht viel. Ich tat es trotzdem.

Es regnete in Strömen, und viele Kiddies hatten auch absolut keine Lust auf Fußball.

Die Leute dort waren allesamt, nunja, sehr amerikanisch, was Gesäß und Gemüt anbetrifft. Was ich an Amis mag ist, dass sie sehr schnell sehr freundlich werden, wenngleich ich mir auch bessere und tiefere Gespräche zur aktuellen Politik erhofft hatte. Doch es blieb amerikanisch-oberflächlich.


Er hat irgendwas gewollt und nicht bekommen, und war daher etwas verärgert über Mutti

Nach dem Ende des Auftrags war die Fotografin zufrieden mit mir und meinte noch „You smell.“. Kein Wunder, ungeduscht wie ich war.
Das nächste Fußballturnier war am nächsten Wochenende, ich sollte alles daran setzen, nicht zu spät zu kommen.

Am nächsten Wochenende hatte mein Mitbewohner wieder Gäste, die bis 4 Uhr Morgens die Türen scheppern ließen. Um 5 Uhr Morgens stand ich nach einer Stunde Schlaf auf, da ich diesmal überpünktlich sein wollte.

Eine halbe Stunde vor der Zeit war ich in Meguro und trank die zweitbeste, kühle, koffeingetränkte Cola meines Lebens. Ich hatte Zeit und die Kamera dabei, also lief ich umher und sah mir das morgendliche Treiben um 6.30Uhr an.

Anruf der Fotografin, sie käme wohl zu spät und ich solle beim Starbucks warten. Ich ging zum Starbucks und dort stand ein Wachmann, der den Boden nassspritzte.

Das ist die bearbeitete Version. Das hier ist das Original:

Man sieht das Auto links. Genau dieses Auto gehörte der Fotografin, die 3 Sekunden später neben mir anhielt, und mich ins Auto lud. Bevor sie dann los fuhr, holte sie sich einen Kaffee. In der Zeit schaute ich mir das Foto an, was ich eben gemacht habe, und musste lachen.

Dezember
Hier machen wir einen große Sprung. Ich hatte nach dem Auftrag nur noch einen weiteren für die Fotografin, seitdem keinen mehr. Ich denke das ist gegessen und ich bereue es auch nicht wirklich. Es kam noch eine Mail von ihr am 23.12., in der sie meinte, dass sie grad aus dem Urlaub kommt und mich für morgen, Weihnachten, braucht. Tut mir Leid, sage ich, das ist zu kurzfristig.

Ende Dezember hatte mein Mitbewohner wieder Besuch. Zwar diesmal nur zwei Leute, dafür so penetrant, laut und nervig wie zehn. Vor Tokyo waren sie in Kyoto und brachten von dort das Japanzine Magazin mit, welches ja nur in der Kansai Region erscheint. Auf dem Klo las ich das dann und stolperte über den Aufruf zum Foto-Wettbewerb „the Gaijin Eye„. Ich reichte ein paar Bilder ein und erstmal passierte nichts.

Januar
Ich bekomme eine Mail vom Japanzine Magazin. Mein Foto würde unter anderen in der Auswahl zum Cover stehen. Ich freute mich natürlich. Doch danach kam dann nichts mehr.

Einer der Blogs die ich regelmäßig verfolge hatte dann mal einen Artikel über Japanzine. Als ich den las, fiel ich fast aus dem Futon

Da war das aktuelle Cover vom Japanzine Magazin, mit meinem Foto! Ich wusste von nix. Meine Reaktion kann man in den Kommentaren lesen:

AAAHHHHH!! das is ja mein Foto auf dem Cover!! (https://tokyofotosushi.wordpress.com/2009/09/22/druck/) ich hatte mein Foto zwar eingereicht, aber davon wusste ich nix. haste das Blatt noch??

Ich schrieb dann gleich dem Magazin. Sie wollten mir dann ein paar Exemplare zuschicken und gestern kamen sie nun auch bei mir an.


Weiss auf Schwarz, der Beweis

Die Abstimmung zum Cover selbst fand öffentlich auf Facebook statt:

Die Kommentare favorisierten eher die anderen zwei Fotos, hier eine Auswahl der Stimmen zu meinem Beitrag:

The policeman with the hose. This pic is the shnazzle!!!

On a more serious note I guess it represents the slightly comical, cynical at times perspective we all have for Japan, while still finding something good in it, or at least something new.

mmm…the policeman holding the hose…seems to have a meaning oi it!tryin to make japan cleaner and more better..well,anti ang nga bilog nyan..

The taxi shot is the best and most beautiful photo, but in the context of the cover story, I agree with what someone said before … we gaijin are (or are perceived as) subversives in this homogeneous society. The Pissing Policeman gets my vote and I wish I’d snapped it.

The one with the guard. I assume it’s a hose? But the angle the photo was taken makes you look twice. Great shot!

i would say for the title most fitting is the policeman but the photolanguage of this picture is somehow to artistic (not design). i would definetly give it a little bit more the look of number 3. BUT really asking myself i would say none of the pics is really fitting. sorry…just an idea but why not picture from stuff which is somehow more … Mehr anzeigenwondering like japanese toilet (i know maybe too simple but just this direction). everyday things which are still wondering or confusing but i guess u dont have anymore time…

Die Begründung, warum es genommen wurde, war also: Der Japaner macht etwas typisch Japanisches (etwas sauber und rein halten) und der Gaijin (ich) missversteht das aus seiner Perspektive. Darum ist dieses Foto auch zum Wettbewerb „the Gaijin Eye“ auf dem Cover, wenngleich viele andere Einträge schöner und handwerklich besser waren. Die Aussage passte einfach.

Viele Ereignisse führten dazu, dass mein Foto auf dem Cover eines Magazins ist. Und ich fand es spannend, mal zu überlegen, welche Umstände dazu führten. Viel mehr bin ich noch darauf gespannt, zu welchen Ereignissen und welchen Fotos, dieser Abdruck führen wird.

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14 Antworten

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  1. regido said, on 7. Februar 2010 at 17:39

    tolle geschichte…ich hoffe fortsetzung folgt🙂

  2. Bianca Paulsen - soul-effigy said, on 7. Februar 2010 at 20:50

    juhu fritz;)
    was für eine coole geschichte!
    und ein supercooles pic:)
    bin gespannt auf neues
    hoffe ma das es dir gut geht

    viele liebe grüsse aus dem norden deutschlands:)

    bianca

  3. Michael said, on 8. Februar 2010 at 03:43

    Ja so kann es gehen!🙂
    Coole Sache, leider geht mir ja das künstlerische total ab.
    Naja ist eventuell besser so😀

  4. blueschi said, on 8. Februar 2010 at 05:40

    Super Sache!
    @Micha wie war das noch gleich einmal… „Michael kann schöne Dreiecke malen!“. *LOL*

  5. Michael said, on 8. Februar 2010 at 05:53

    Nein O-Ton Kunstlehrerin (3. Klasse) „Michael könnte Blumen malen, wenn es mit einem Lineal ginge!“
    Technische Zeichnungen, null problem!
    Blume… ähhhh gibt es da ne DIN für?
    Bei Fotos rede ich mich ja immer mit der fehlenden Profiausrüstung raus😉

  6. Angelika Diem said, on 8. Februar 2010 at 06:11

    Schön beschrieben, der Weg zum Foto und natürlich hat das Foto wirklich wie die Faust aufs Auge gepasst.
    Freut mich, dass du auf dem Cover gelandet bist.
    Mehr Belohnung gab es nicht?
    Die Kinderfotos sind auch sehr niedlich.

  7. missmatthes said, on 8. Februar 2010 at 16:07

    Witzige Geschichte. Zum Glück liest Du Blogs. Sonst wäre das evtl. an Dir komplett vorbei gegangen.

  8. marika herzog said, on 9. Februar 2010 at 21:41

    Erstmal Glückwunsch xD
    Hoffen wir das mehr deiner BIlder auf de Titelseite kommen ^^

  9. […] (mehr) […]

  10. Gray said, on 15. Februar 2010 at 10:21

    Na von mir auch noch einen Glückwunsch. Nicht nur Deine Bilder sind klasse, auch die Geschichte ist echt interessant geschrieben… Ich hoffe die Fortsetzung läuft noch recht lange.

  11. Herm said, on 17. Februar 2010 at 13:55

    Die Bilder von den Kindern find ich auch voll schön. du bearbeitest die aber noch nach, nicht?

  12. megafutzi said, on 17. Februar 2010 at 15:30

    nich wirklich, wie meinstn das?

  13. […] 1. Wie konnte das nur passieren? […]

  14. Tagebuch | fotografritz / blog said, on 7. Februar 2014 at 13:18

    […] So hatte ich dann in der Ausstellung Fukushima neben Bands aus Tokyo, Nagasaki an der Wand und meine größte Geschichte direkt neben dem Cover eines Magazins. […]


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